castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Gauland in Erfurt: Gerhard Schröder hatte recht

Ein Kommentar

IMG_2168

Alexander Gauland von der Brandenburger AfD konterte Angela Merkel in Erfurt: „Wir wollen das gar nicht schaffen.“ Foto: Beaverpress

In der ehemaligen Bezirksstadt Erfurt hat man es gut. Hier liegen alle drei großen Arenen der Massenunterhaltung eng beieinander. So war es nur eine kurze Strecke zu laufen von der Thüringenhalle, vorbei am Stadion bis zum Landtag. Eingeladen hatte die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag mit ihrem Frontmann Björn Höcke an der Spitze. Zum inzwischen vierten Mal. Fast wie in der Anfangszeit von Pegida in Dresden werden es von Mal zu Mal mehr, die diesem Ruf folgen. Hier mit dabei: Viele junge Frauen und vereinzelt auch Eltern mit kleinen Kindern an der Hand oder auf den Schultern. Die Zahlenangaben zu den Teilnehmern schwanken wie immer bei solchen Veranstaltungen. Während die Polizei von 8000 Teilnehmern spricht, wird aus AfD-Kreisen die Zahl 10 000 verbreitet. Optisch war der Platz vor dem Thüringer Landtag prallvoll. Gegenüber hatte man eine Gegendemonstration zugelassen, die mit „Haut ab“-Rufen, gereckten Mittelfingern und ohrenbetäubender Musik aus einem Lautsprecherwagen zeigte, was sie von dem Auflauf hielt. „Ach, sind das wieder die Jungschen“, fragte eine alte Frau im AfD-Zug ihre Nachbarn im weichen westthüringer Idiom, als sie sich der Nahtstelle der beiden Lager näherte. Die Menge skandierte „Lumpenpack“. Man hört Böller krachen. Später gibt die Polizei bekannt, dass auch Steine aus dem Lager der Gegendemonstranten geflogen seien. Der Mitteldeutsche Rundfunk erklärt nach der Demonstration in seinen Nachrichtensendungen zur vollen Stunde, dass sich hier auch „Vertreter von Gewerkschaften, Kirchen und anderen gesellschaftlichen Gruppen“ den Rechtspopulisten entgegengestellt haben. Der gereckte Mittelfinger scheint das Hauptargument im Meinungskampf zu sein. Aber immerhin auch der kleinste gemeinsame Nenner, denn auch im AfD-Zug erwidert man diese Geste zusammen Armbewegungen, doch rüberzukommen und die Sache auszutragen.
Der 7. Oktober könnte kaum passender gewählt sein als Datum für diese Aktion. Auf Facebook kursieren launige Fotomontagen in denen vom 66. Jahrestag der DDR die Rede ist. Passend dazu titelte der Berliner Tagesspiegel unter dem Bild eines Hitler-Darstellers zu dem Film „Er ist wieder da“, dass die Flüchtlingskrise jetzt „Chefsache“ wird. Lutz Bachmann in Dresden wird es gefallen haben. Er hat aus gleichem Anlass mal so posiert. Das Bild ging um die Welt. In den letzten Minuten des gestrigen Tages entschuldigte sich das Berliner Blatt für diesen Fauxpas. Das war nach dem einsamen Interview der Kanzlerin bei Anne Will, das passend zu dem imaginierten Jahrestag des Staates, in dem sie als FDJ-Sekretärin Verantwortung übernommen hatte, unter dem knappen Titel „Weiter so“ stehen könnte. Dabei klatscht nur noch die „Opposition“. Die eigenen Leute gehen reihenweise von der Fahne. Seehofer droht (nun aber wirklich und endgültig) mit Konsequenzen, wenn die Zustände an den Grenzen so weitergingen. Die CDU-Basis hat an diesem Tag einen Brandbrief geschrieben, in dem sie, verpackt in allerlei Ergebenheitsheitsfloskeln, zum Ausdruck bringt, dass genau so eben nicht weitergehen könne. Einer hat schon gehandelt. Der CDU-Landrat des Wartburgkreises verkündete just an diesem Tag, er werde ab sofort keine Flüchtlinge mehr aufnehmen. Die Beschlagnahmung von einer Turnhalle nach der anderen lehne er ab. Da sei oft die einzige kulturelle Einrichtung auf den Dörfern. Bereits vor Wochen habe er dem zuständigen Thüringer Landesminister dazu geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Deshalb wende er sich jetzt an den Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Der beschied den meuternden CDU-Landrat noch am gleichen Abend via MDR-Thüringen, er solle „mehr Verantwortung übernehmen“. Dabei hat Ramelow mehr Rückhalt der CDU-Kanzlerin als deren Landrat im Wartburgkreis, der da steht und nicht mehr anders kann. Reformationsjubiläum ist hier erst 2017. Bundestagswahlen auch.
Alles Steilvorlagen für die AfD und Höcke nimmt den Ball gekonnt auf. Die Menschen möchten ihr Land nicht „in einem Strom fremder Menschen“ aufgehen sehen, sagt er unter dem Applaus der Menge. Höcke ging speziell auf einen Aspekt der gegenwärtigen Masseneinwanderung ein. Der Zustrom von bis zu 80 Prozent männlichen Einwanderern in der Alterskohorte der 20- bis 35-Jährigen führe zu einer völligen Verwerfung der Demografie ausgerechnet in dem Bevölkerungssegment, das überhaupt noch Kinder bekomme, die dieses Land einmal weiterführen sollen. Denke man das weiter sei Deutschland in absehbarer Zeit mehrheitlich von Menschen nichtdeutscher Herkunft besiedelt. Unangefochten der meinungsstärkste Redner war Alexander Gauland, der Fraktionschef der Brandenburger AfD. Ruhig im Ton, aber bissig in der Sache, verweist er gleich zweimal auf Bertolt Brecht, den Angela Merkel offenbar wörtlich nehme und sich dafür entschieden habe, ein anderes Volk zu wählen. Ihrem Satz „ Wir schaffen das“ hielt er entgegen: „Wir wollen das gar nicht schaffen“. Die Menge ruft: Merkel muss weg. Einer sogar: Merkel in den Knast.  Er dankte ausdrücklich dem ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orban, dass er die Grenze zu Serbien geschlossen habe. „Lassen sie sich nicht einreden, dass Mauern keine Lösung wären“, sagte er. Die Grenze zwischen Mexiko und den USA funktioniere sehr gut. Es gehe vor allem darum, wieder die Kontrolle darüber zu gewinnen, wer überhaupt in dieses Land komme. Der Geheimdienst müsse erstmal wieder die Möglichkeit haben, zu prüfen, ob nicht getarnte ISIS-Kämpfer unter den Hereinströmenden seien. Gauland rückte die USA und ihre Rolle bei der Destabilisierung des Nahen Ostens ins Zentrum seiner Rede. „Gerhard Schröder hatte recht, auch wenn er Sozialdemokrat ist“, sagte Gauland in Bezug auf Schröders ablehnende Haltung beim zweiten Irakkrieg. Die Einladung von Angela Merkel an alle Flüchtlinge habe inzwischen zu unhaltbaren Zuständen geführt. Massenunterkünfte seien Brutstätten der Gewalt. Gauland nannte die bekannten Beispiele. Selbst bei großzügigster Auslegung der Asylgesetze und der Genfer Konvention seien bestenfalls 20 Prozent der hier Ankommenden Asylberechtigt. Der Rest müsse abgeschoben werden. Das Asylrecht in seiner jetzigen Form sei nicht mehr zeitgemäß. Es wurde geschaffen nach dem Krieg um Einzelnen politisch verfolgten Menschen Schutz und Aufnahme zu verschaffen. In Zeiten der globalisierten Welt tauge es nicht mehr. Nach Gauland sprach noch Armin-Paul Hampel aus Niedersachsen. Da machten sich die ersten Teilnehmer schon wieder auf den Heimweg. Nächste Woche will die AfD in Magdeburg Flagge zeigen, war zu hören. Unausgesprochen ist Sachsen immer mit dabei. „Was in Dresden begann, wird in Berlin enden“, war auf einem Plakat zu lesen. Dort hat die AfD mangels nachlassender Beteiligung beschlossen, erstmal nicht mehr wöchentlich zu demonstrieren.

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Gauland in Erfurt: Gerhard Schröder hatte recht

  1. Pingback: Der Große Austausch – 10 | Kreidfeuer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s