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Geschichten aus der Elbaue

Ex-Vizelandrat fordert Abrissmoratorium

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Obwohl man einen Massenansturm zur Asyldiskussion im Großenhainer Schloss befürchtet hatte, blieben die wenigen Kommunalpolitiker weitgehend unter sich. Foto: Beaverpress

Es müsse endlich Schluss sein damit, intakten Wohnraum abzureißen, während gleichzeitig händeringend Quartiere für Flüchtlinge gesucht werden. Das sagte der ehemalige Vizelandrat des Kreises Meißen, Ulrich Zimmermann (CDU),  anläßlich einer Tagung des Bildungswerkes für Kommunalpolitik Sachsen e.V. in Großenhain. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Asyl als kommunale Pflichtaufgabe“. Im Vorfeld war befürchtet worden, dass der kleine Saal des Großenhainer Kulturschlosses dem Andrang der Interessierten nicht gerecht werden würde und man vielleicht Leute wegschicken müsse, was diese verärgern könnte. Doch die Sorge war unbegründet. Die Polizei, die vier Mann hoch den Eingang sicherte, hatte nichts zu tun und zog bezeiten ab. Offenbar sucht die aufgebrachte Öffentlichkeit die Lösung des Asylproblems nicht mehr unbedingt bei der CDU, was auch der nur zu einem guten Drittel gefüllte Saal belegte. Es waren auch mehrheitlich kommunale Würdenträger unter sich. Mit dem früheren Coswiger Beigeordneten Bernhard Kroemer hatte man immerhin ein ehemaliges CDU-Mitglied angelockt. Umso entspannter konnte der Untertitel der Tagung „Lasst uns offen miteinander reden“ mit Leben erfüllt werden. Entgegen seiner sonstigen, etwas steifen, Art plauderte Ulrich Zimmermann recht unverblümt aus dem Nähkästchen, was er so in Sachen Asyl erlebt hat. Bis zum 15. Oktober war er der oberste Verantwortliche im Kreis Meißen für Quartierbeschaffung und Betrieb von Asylunterkünften. Auf über 20 Einwohnerversammlungen hatte er sich vor zumeist aufgebrachte Dorfgemeinschaften gestellt und ihnen die Nachricht überbracht, dass demnächst Migranten kämen. Jahrelang hätte der Bereich Asyl im Landratsamt ein beschauliches Dasein gefristet. Ganze drei Leute hätten hier ihr Auskommen gehabt. Und auch nicht allzuviel zu tun. Jetzt sei der Bereich auf 50 Stellen erweitert worden. Der Zustrom sei nicht mehr zu bewältigen, sagte Zimmermann unumwunden. Niemand mache sich eine Vorstellung davon, was es heiße, pro Woche Platz für 200 Menschen zu schaffen. Das bringe eine psychische Belastung mit sich, der die Mitarbeiter kaum noch gewachsen seien. Denn mit der Quartierbeschaffung allein sei es nicht getan. Das habe man schmerzlich merken müssen, als man beispielsweise eine Gruppe aus Eritrea in einem Objekt untergebracht habe, und diese dann „die ganze Einrichtung zerkloppt“ hätten. Erst nach langem Hin und Her mit Dolmetscher habe man dann herausgefunden, dass es Stammesfehden aus ihrer Heimat waren, die hier weiter ausgetragen wurden.
Auch sonst berichtete Zimmermann ungewohnt salopp von der „Front“. Es leuchte keinem Menschen ein, dass plötzlich für ein „Schweinegeld“ Wohnungen hergerichtet würden. Eine Unterkunft für rund 100 Personen schlage mit ein bis zwei Millionen Euro Sanierungsaufwand zu Buche. Gleichzeitig werde auf die Polizei eingeprügelt und es sei keine Besserung bei der Personalsituation in Sicht. Er könne auch nicht sehen, dass die Frage der Abschiebungen forciert werde. Man merkte ihm an, wie tief der Frust sitzt, als er auf das Verhältnis Freistaat Kommunen zu sprechen kam. Am Beispiel Meißen wurde das besonders deutlich. Meißen ist der Sitz der sächsischen Verwaltungsfachhochschule. Hier werden die künftigen Verwaltungsmitarbeiter aller Ebenen ausgebildet. Die Kreisverwaltung hatte in ihrer Platznot angefragt, ob man auf die zur Fachhochschule gehörende Mehrzweckhalle zurückgreifen könne. Darauf habe man eine Absage bekommen. Nur wenig später, so Zimmermann, „klotzte“ der Freistaat dann aber 1000 Asylbewerber rein, weil nicht nur die Mehrzweckhalle, sondern gleich noch das Studentenwohnheim mit Migranten belegt wurde. „Die Gesamtlage spitzt sich zu“, sagte Zimmermann. Jede Einrichtung habe inzwischen ihre Gegeninitiative. Derzeit deute nichts auf eine Entspannung hin. Man habe keine geeigneten Unterkünfte mehr, weshalb man auf Turnhallen zurückgreifen müsse. Deshalb sei es dringend geboten, dass geplante Abrisse von intaktem Wohnraum eingestellt würden.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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