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Geschichten aus der Elbaue

Richtig integriert

Ein Kommentar

Amtsträger, die plötzlich keine mehr sind, können oft ganz erfrischend aufspielen. Dann ist es richtig spannend, wenn sie so aus dem Nähkästchen plaudern.
Einer, der das jetzt tat, ist Meißens Ex-Vize-Landrat Ulrich Zimmermann (CDU). Auf einer Tagung zum Thema Asyl in den Kommunen forderte er mit Nachdruck ein „Abrissmoratorium“ für intakten Wohnraum. Anders als in vielen Westkommunen, wo es schon seit Jahrzehnten praktisch keinen Leerstand gibt, verfügen viele ostdeutsche Städte noch über Plattenbauten aus DDR-Zeiten, die nur noch spärlich bewohnt sind. Teilweise wurden sie auch noch nach der Wende teuer saniert, weil man von einem Wirtschaftsaufschwung ausging oder findige Berater und Architekten das den Bürgermeistern einredeten. Aber viele Kommunen sind so klamm, dass sie nicht mal den Abriss bezahlen können. Aus diesem Grund legte der Bund 2008 ein Programm mit dem euphemistischen Namen „Stadtumbau Ost“ auf. „Abriss Ost“ konnte man es schlecht nennen. Und so klang es nach Aufbau und Wachstum, meinte aber nichts als profanen Abriss. Es war das geldgewordene Eingeständis, dass es mit den Bevölkerungszahlen im Osten mangels leistungsfähiger Industrie nie mehr etwas werde, was an die Kopfzahl der DDR heranreicht. Von Wachstum war schon lange keine Rede mehr. Man wollte damit den Wohnungsmarkt in Ostdeutschland „entzerren“, wie es hieß. Die vielen leeren Wohnungen drückten die Preise und kosteten noch Unterhaltung. Doch seit knapp zwei Jahren hat sich die Lage komplett verändert. Jetzt werden händeringend Quartiere für Migranten gesucht. Unabhängig davon wie man zur Flüchtlingsfrage und der ungesteuerten Massenzuwanderung steht, wäre es in diesem Zusammenhang nur logisch und folgerichtig, wenn keine weiteren Wohnungen abgerissen würden. Zumal auch immer noch von dezentraler Unterbringung die Rede ist, statt die Menschen in Bauzaunabteile in stillgelegten Supermärkten oder Turnhallen zu stecken. Insofern ist die Forderung von Meißens ehemaligem Vizelandrat sehr gut nachvollziehbar.
Und an dieser Stelle kommt die kleine Stadt Coswig ins Spiel. Nein, diesmal nicht, weil sie die Heimat von Lutz Bachmann und Kathrin Oertel ist, und noch dazu mitten im Wahlkreis unseres schwer geprüften Bundes-Innenministers liegt, sondern wegen der Integrationsleistungen, die hier erbracht werden. Dafür bekam man jetzt im Landtag einen Preis. Mit allem Pi, Pa und Po. Aus einem kirchlichen Unterstützerkreis, dessen Wurzeln bis in die Widerstandszene der DDR-Zeit zurückreichen, hat sich hier eine Initiative gebildet, die Migranten Deutsch beibringt, bei Behördengängen hilft und auch sonst zum Gelingen des Miteinanders beiträgt. Das Ganze ist nicht zu kritisieren und aller Ehren wert.

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Im Innenhof dieser schmucken Wohnanlage steht die ehemalige Schule, die nicht als Asylunterkunft genutzt werden kann. Foto: beaverpress

Schaut man sich das Umfeld an, stellt man fest, dass die Stadt aber schon länger hart an dem Integrationsthema arbeitet. Wie heißt es immer so schön: Die Neubürger sollten möglichst unter der deutschen Bevölkerung leben, damit die Integration gelingt. Deshalb hat man auch im Frühjahr schnell einen kompletten und intakten Wohnblock mit 72 Wohnungen abgerissen. Wie das? Man wolle keine Unruhepole im Neubaugebiet schaffen, so die offizielle Lesart der Stadt, die seit einigen Jahren auch den Titel „Ort der Vielfalt“ trägt. Ach so. Verständlich. Beim Deutschlernen kann´s schon mal etwas lauter werden. Man kennt das ja. Der Wohnblock ist Geschichte, an seiner Stelle wächst bald Gras. So soll es auch an einer anderen Stelle mitten in einem Neubaugebiet werden, wo jetzt noch  eine völlig intakte Schule steht, die aber nicht mehr benötigt wird. Aber auch sie ist als Flüchtlingsunterkunft leider völlig ungeeignet. Denn die Fernwärme, die vom  zu 100 Prozent städtischen Versorger kommt, ist schon abgeklemmt, so die Auskunft aus dem Rathaus. Tja, da kann man nichts machen.

Dafür hat die Stadt eine seit der Wende leerstehende Industrieimmobilie in den Blick genommen, an der das Bemerkenswerteste ist, dass es sie noch gibt. Denn für den Aufbau Ost oder ähnliche gewerbliche Aktivitäten wurde sie die vergangenen 25 Jahre nicht gebraucht. Und natürlich gehört sie jemandem, der sie jetzt „anbietet“. Ein hervorragender Standort. Nicht etwa in „the middle of nowhere“ wie Spötter sagen. Makler würden sagen: „Umgeben von Feldern, einer Kleingartensparte und einem Gewerbegebiet mit Potential liegt das Objekt in zentralster Lage mitten im Stadtgebiet“. Wenn man vor die Karte tritt und die Ortsteile mit einbezieht. So ein paar Kleinigkeiten wie Wasser und Strom müssen angeschlossen und die Hallen als Wohnungen umgebaut werden, aber dann läuft der Laden. Über Details wie Brandschutz, Feuertreppen und E-Anlage, die aus der tiefsten DDR-Zeit stammen dürfte, diskutieren sowieso nur Nörgler. Rund ein bis zwei Millionen Euro brauche der Kreis im Durchschnitt, um Wohnraum für etwa 100 Flüchtlinge zu schaffen, hatte der ehemalige Dezernent kürzlich noch geklagt. Aber die Frage nach den Kosten ist kleinlich. Der Bund hat gut gewirtschaftet. Geld ist da. Im Neubaugebiet, anstelle des jetzt noch fast intakten Schulhauses, entsteht dafür bald eine schöne Grünfläche. Ebenfalls mit Steuergeld. Aber das Ganze hat sicher „einen tiefen Sinn“ wie der brave Soldat Schwejk immer zu sagen pflegte, wenn er mit Vorgängen konfrontiert war, deren Sinn sich ihm nicht sofort erschloss. Denn eine schön planierte Rasenfläche kann man bestimmt noch gut gebrauchen. Als Spielplatz für Kinder, als behaglich gestaltete Sitzecke für Senioren, als Containerstandplatz für …. Na, lassen wir das.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Richtig integriert

  1. Nun, das Abrissmoratorium fordert der FDP-Kreisverband schon eine ganze Weile, siehe unter Punkt 2:

    http://fdp-meissen.de/?id=2472

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