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Geschichten aus der Elbaue

Dresdner Stellungskrieg

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Wie weiter in Dresden?, heißt das neue Gesprächsformat, zu dem Kirche und Landeszentrale für politische Bildung am Mittwoch zum ersten Mal in die Dresdner Kreuzkirche eingeladen hatten. Foto: beaverpress

Die Bevölkerung in Deutschland gleicht in diesen Tagen einem Geldschein, den man unter einen UV-Licht-Scanner legt. Der lässt die kleinen Bestandteile des Scheines unterschiedlich aufleuchten. Mit bloßem Auge sieht man die Unterschiede nicht. Das UV-Licht, das bei der deutschen Bevölkerung diesen Effekt hervorruft, ist die Asylfrage. Die einen reagieren so, die anderen so. Und der Effekt war wieder gut zu beobachten am Mittwochabend in der Dresdner Frauenkirche, wo Superintendent Christian Mendt und der Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, kurzfristig zu einem Bürgerforum unter dem Titel „Wie weiter in Dresden“ eingeladen hatten. Sah man so durch die gut gefüllten Reihen, ließen sich nur schwer irgendwelche Zugehörigkeiten ausmachen. Nur bei wenigen jugendlichen Teilnehmern ließ sich an Kleidung, Haartracht oder Sitzhaltung eine Grobeinschätzung vornehmen, ob sie eher der Nie-wieder-Deutschland-Fraktion oder Pegida zuzuordnen waren. Bei den älteren erlebte man dann die inzwischen in Dresden bekannten Überraschungen, dass sich vom Äußeren her stockbiedere Menschen, als leidenschaftliche Pegidianer zu erkennen gaben. Und man merkte auch: Dresden ist seit einem Jahr, seit dem Beginn der montäglichen Protestumzüge, keinen Schritt weiter. Es verlaufe ein tiefer Riss durch Freundeskreise, die Familien, das ganze Land,  hieß es von vielen. „Wir stecken fest“, beklagte Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) völlig zu recht. Aber gerade von ihm sind keine Impulse zu erwarten. Irgendwie wird man bei ihm immer an Egon Olsen erinnert, der seine Mitstreiter Benny und Kjeld als „Männer ohne Format und Phantasie“ beschimpfte. Hilbert wirkt blass und unbeholfen, wenn er etwa in seinem Statement Bedingungen formuliert, unter denen er sich einen Dialog vorstellen kann. Dabei gebraucht er Floskeln und Wortstanzen, die sich längst abgenutzt haben. Ein kraftvolles Ausschreiten ist von ihm nicht zu erwarten. Er betont gern weiche Konsonanten hart. Sagt etwa „werten“, statt „werden“. Das ist aber auch schon alles, was markant an ihm ist. Vielleicht denkt er manchmal in stillen Momenten, wäre er doch bloß kleiner Ressortbürgermeister geblieben. Jetzt hat ihn das Schicksal in die vorderste Reihe einer „Frontstadt“ gestellt. Alle wollen was von ihm. Und keinem Lager kann er es recht machen, während Tag für Tag die Busse mit den Migranten kommen. Der Konflikt verharrt im Grabenkampf, immer mal durchbrochen von der Mahnung, man möge doch an das „schöne Dresden“ und seinen Ruf in der Welt denken. Aber solange die einen, meist sehr jugendlichen Streiter, die noch sehr viel Zeit für Berufsabschlüsse und Lebenserfahrung vor sich haben, den anderen zurufen, sie seien „Neofaschisten“ und diese antworten, sie wiederum sollten sich lieber zu ihren „linksfaschistischen Freunden“ nach Leipzig scheren, kommt die Debatte keinen Schritt voran. Dabei könnte Dresden das Signal sein für einen Dialog wie 89, vielleicht einen neuen Runden Tisch, um unbelastet von Ideologismen wie „Wir schaffen das“ und „Volksverräter“ einen Neuanfang der gesellschaftlichen Debatte zu wagen. Die Dresdner Kreuzkirche war schon einmal ein Ort, wo sich Bürgerunmut Bahn brach und in einer Veränderung mündete. Daran erinnerten etliche Redner an diesem Abend. Dazu würde aber gehören, dass man sich zunächst einmal ehrlich macht. Den Ansatz dazu könnten beispielsweise die ersten beiden Redebeiträge von vorher ausgesuchten Bürgern liefern, die streng nach Alphabet auftraten und drei Minuten vortragen durften. Der Erste gab sich als ein vor einigen Jahren aus dem Westen Zugereister zu erkennen und sagte sinngemäß, er könne das Reden von der Integration nicht mehr hören. Gerade in Städten wie Bremen, Osnabrück oder Hamburg könne man doch besichtigen, dass seit der Einwanderung in den 60-iger Jahren Parallelgesellschaften entstanden seien. Mit Bewohnern, die nie vorgehabt hätten, sich zu integrieren. Die angestammte Bevölkerung im Westen habe längst resigniert. Der zweite Redner gab sich als Schriftsteller aus Radebeul zu erkennen, der auch in seiner zweiten Heimat, Großbritannien, zu Hause sei. Und dort sei es eine Lust, die Zeitungen zu lesen oder Sendungen der BBC zu verfolgen. Wegen der Vielfalt der Meinungen. Nicht nur zwischen den einzelnen Blättern, sondern auch wegen der unterschiedlichen Sichtweisen in einem Blatt. In Deutschland herrsche dagegen ein Einheitsbrei vor, der dem Leser oder dem Zuschauer vorgebe, wie er Dinge oder Entwicklungen zu verstehen und zu fühlen habe. Im Fernsehen würden Erzieher den Zuschauer von oben herab belehren und die Sicht der Regierung verkünden. In England dagegen würden Fakten weitestgehend wertfrei präsentiert, sodass der Konsument sich selbst ein Urteil bilden könne. Einige Teilnehmer sprachen diesen Punkt an und sagten, sie wären gespannt, was später über diese Veranstaltung berichtet würde. Trotzdem. Auch hier nur die altbekannten Frontstellungen.  Gut integrierte Ausländer warben um Verständnis für Fremde, wiesen auf den Zugewinn hin, während andere sagten, man dürfe nicht die gestiegene Kriminalität rund um die Flüchtlingscamps und die Vergewaltigungen ausblenden. Großer Konsens herrschte, dass es mit diesem Format in der Kirche endlich ein Forum gebe, auf dem sich beide Seiten treffen und austauschen könnten. Das wäre ein guter Schritt, den Konflikt von der Straße in konstruktive Formen zu lenken. Denn im Prinzip fragen sich beide Seiten wie lange man noch in Dresden im wahrsten Sinne des Wortes im Kreis laufen will. Vielleicht war es auch ganz gut, dass das linke Bündnis „Dresden für alle“ seine offizielle Teilnahme abgesagt hatte. Man wollte nicht mit Rene Jahn, einem ehemaligen Pegida-Gründungsmitglied, der gleichfalls eingeladen war, zusammen auftreten. Die Toleranz der Toleranten hat Grenzen. Im Internet hatten Spötter daraufhin gefrotzelt, es wäre wohl doch nicht „Dresden für alle“, sondern „Dresden für einige“. Auch vom Pegida-Kern war niemand da. Rene Jahn geht zwar wieder zu den Demos wie er sagte, aber organisatorisch hat er nichts mehr mit dem Bündnis zu tun. Beide Vereine bilden aber auch nur den organisatorischen Rahmen für den Protest und speisen sich aus dem Zulauf ihrer Sympathisanten. Letztlich sind es die Bürger selbst, die sich über die Animositäten und verhärteten Ansichten ihrer jeweiligen Vordenker hinweg verständigen müssen. Was bietet sich da besser an als der neutrale Boden der Kirche? Die jedenfalls scheint nun nach Lichtaus- und Sturmgeläutaktionen aus der Phalanx der „Gegendemonstranten“ ausgebrochen zu sein und besinnt sich wieder auf ihre Vermittlerrolle wie einst in Wendezeiten. Es entbehrt nicht einer gewissen humorvollen Dialektik, dass der Leiter der staatlichen Landeszentrale für politische Bildung ein ehemaliger Pfarrer und der Superintendent des Dresdner Kirchensprengels im Zweitjob Polizeiseelsorger ist. Aus dieser Mischung könnte mehr werden. Für nächsten Montag jedenfalls sind erst noch mal „Spielchen“ zu erwarten. Nachdem man Pegida den Theaterplatz, der auch schon mal als ehemaliger Adolf-Hitler-Platz durch die Presse geistert, wenn die Richtung stimmt, streitig gemacht hat, kündigte Lutz Bachmann Vergeltung in Form von Weihnachtsliedersingen auf dem Schlesischen Platz an. Der liegt im Szeneviertel der Dresdner Neustadt und das Vorhaben wird von der Gegenseite dankbar aufgegriffen. Es bleibt nun abzuwarten, ob dem „bunten Dresden“ der Theaterplatz wirklich so wichtig war, oder ob die Anhänger sich nicht doch eher an ihrem Lieblingsgegner auf heimischer Flur abarbeiten wollen. Die Polizei rechnet mit dem Schlimmsten, auch weil linke Kräfte angekündigt haben, dass man den Leipzigern den zweifelhaften Titel eines „Krawallmeisters 2015“ auf den letzten Metern des Jahres noch streitig machen möchten. Das ist eigentlich genau der Moment, an dem man auf den letzten Redner am Mittwoch hören sollte. Der ehemalige Coswiger Pfarrer und DDR-Widerständler Hanno Schmidt regte an, sich wenigstens erstmal auf einen Waffenstillstand zu verständigen. Immerhin, selbst im Kriegswinter 14/15 hat das geklappt. Ob es auch in Dresden 15/16 klappt, wird die kommende Woche zeigen.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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