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Geschichten aus der Elbaue

Demonstrationsbiedermeier

Ein Kommentar

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Pegida zelebriert den Jahresabschluss mit Liedersingen am Elbufer. Foto: beaverpress

Den Gegnern von Pegida nahezubringen, dass weniger mehr wäre, erscheint ein genauso aussichtsloses Unterfangen zu sein, wie Angela Merkel von ihrem „Wir-schaffen-das-Trip“ zu bekommen. Gut zu beobachten war das wieder beim „Jahresabschluss“ des Bündnisses am Montag in Dresden. Nachdem man den Organisatoren erst den angestammten Theaterplatz streitig gemacht hatte, sorgte ein „Einzelanmelder“ dafür, dass auch der Schlesische Platz vor dem Neustädter Bahnhof den Gegendemonstranten vorbehalten blieb. Wie so oft, wenn sich so etwas hochschaukelt, kommt Trotz ins Spiel und macht die Sache größer als sie es sonst wäre. Beide Lager hatten medial mobilisiert und so harrte besonders die Politik und ihr bedauernswerter Arm, die Polizei, der Dinge, die sich da in Dresden entwickeln würden. „Nach Leipzig“ wie es jetzt immer ohne erklärende Worte heißt, rechnet man mit dem Schlimmsten. Aber Dresden ist eben anders. Manches entbehrte nicht einer gewissen launigen Dialektik. Etwa, wenn Anhänger und Gegner mit denselben Zügen in die Elbestadt fahren. Dabei offenbarte sich wie schon so oft, der ganze Widersinn dieser Auseinandersetzung. Es sind eben keine „Rechten“ oder „Nazis“, die man noch in den Neunzigern an ihrer Kleidung, den Tätowierungen oder dem kahlrasierten Schädel erkennen konnte, die da einsteigen. So standen oder saßen sie jetzt beispielsweise neben schwarz gekleideten Jugendlichen, von denen einige auch im Zug eine Sonnenbrille trugen. Alle zeigten brav ihre Fahrkarten vor, als die Schaffnerin kam. Kein böses Wort fiel. Lenin hatte nicht ganz unrecht mit seiner Einschätzung des deutschen Revolutionsgebarens. Die Separierung der Lager erfolgte dann im Bahnhof Neustadt. Nicht an der Bahnsteigkante, sondern im Quertunnel darunter. Ein etwas älterer Bundespolizist ließ dort den Pulk der Fahrgäste auf sich zukommen und dirigierte offenbar nach einem eigenen Gesichts- und Kleidungsinterpretationsprogramm die Reisenden nach links (Pegida-Ausgang) oder nach rechts (Antifa-Demo). Das ging natürlich nicht ohne Diskussionen. Woher er denn wisse, dass er zu Pegida wolle?, fragte ein Mittvierziger den Beamten. Der lächelte nur hintersinnig, deutete in Richtung des entsprechenden Ausgangs, und sagte: „Geh dort lang, das ist besser.“
„Dort“ war das Königsufer, wohin man Pegida letztlich bugsiert hatte. Im Sommer finden hier die berühmten Filmnächte am Elbufer statt. Gegenüber die weltberühmte Silhouette der Stadt mit ihrem Wahrzeichen, der Frauenkirche. Der berühmte „Canaletto-Blick“. Dass man sich damit aus Sicht der Bekämpfer von Pegida ein gewaltiges Eigentor geschossen hatte, dürfte dem Letzten bei den ersten Fernsehbildern deutlich geworden sein. Eine bessere Kulisse als das hier hätte man den Pegidianern gar nicht bieten können. Dort standen sie in Massen den Hang hinauf und hatten den wuchtigen Baukörper des Kultusministeriums als akustischen Verstärker der Sprechchöre in Richtung Altstadt im Rücken. Viele kennen die Location auch, weil Schlagerbarde Roland Kaiser, ein erklärter Gegner von Pegida, sich hier von seinen Dresdner Fans feiern lässt. Der Bezug zu Roland Kaiser machte dann auch die Schätzung der Teilnehmerzahl leichter. „Wenn Kaiser ausverkauft ist, stehen hier 12000 Leute, aber heute sind mehr hier“, erzählte einer beim Erklimmen des Elbhanges. Zelebriert wurde die Veranstaltung dann wie der Jahresabschluss eines etwas zu groß geratenen Vereins. Die Nachricht, erste Autos würden brennen, sorgte für ein Aufstöhnen der Masse. Ein Ford-Fiesta stand etwas abseits des Geschehens in Flammen. Danach fanden sich Teile der unterschiedlichen Lager am nahen „Augustusmarkt“ wieder zusammen. Und da standen sie wieder einträchtig bei Apfel-Glühwein mit Zimt und Bratwurst zusammen an gemütlichen Fass-Tischen, die bärbeißigen Typen in Dachdeckerhosen, den Jacken von Engelbert & Strauß und die schwarz gekleideten Mädchen mit Piercings in Nase und Oberlippe. Ab und zu musterte man sich mal so nebenbei. War der bei Pegida? War die gerade noch bei der Antifademo am Bahnhof? Wer kann es wissen? Gegen 23 Uhr war längst wieder Ruhe eingekehrt. Die letzten Schwarzjacken und Graubärte enterten die Züge ins Umland. Jetzt ist erstmal Weihnachten. Vielleicht gelingt es den Akteuren abseits der Rednertribünen, den lagerverbindenden Gedanken von Glühwein und Weihnachtsstimmung an einem runden Tisch enden zu lassen. Dass auch das gehen könnte, hat der Montag gezeigt.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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  1. Pingback: Pegida 21.12. | Kreidfeuer

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