castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue


2 Kommentare

Hohenroda – mitten in Deutschland, mitten im Problem

 

Foto(40)

Volles Haus im kleinen Vereinsraum an der Bockwindmühle in Hohenroda. Das Ergebnis der Informationsveranstaltung zur Unterbringung von „Flüchtlingen“ ist das dasselbe wie überall. Die Bürger können nur akzeptieren oder mitmachen. Ob sie überhaupt wollen, fragt niemand. Foto: beaverpress

Man kann in diesen Tagen hinkommen, wo man will, es gibt nur ein Thema: Flüchtlinge. Der Unterschied ist nur noch: Sind sie schon da sind oder kommen sie noch? Wie diese Woche in Hohenroda. Hohenwas? Genau. Das Dörfchen ist eigentlich ein Nichtort. Das Navigationsgerät zeigt im Dunkeln rechts und links der einzigen Straße die zu dem verschlafenen Nest zwischen Delitzsch und Eilenburg führt, nur Acker an. Zu sehen ist nur Schwärze, ab und zu ein alter Chausseebaum. Das hier ist tiefste Leipziger Tieflandsbucht, Landkreis Nordsachsen, Mitteldeutschland und mitten in Deutschland. Nicht nur geografisch, auch politisch. Knapp 400 Bewohner zählt das Dörfchen. Es gehört zur Gemeinde Schönwölkau, ist einer von fünf Ortsteilen. Tagsüber, wenn die meisten zur Arbeit auswärts sind, bevölkern ein, zwei Mütter mit Kinderwagen und ein Dutzend Rentner den Ort. Wobei man Glück haben muss, wenn sich Vertreter beider Gruppen begegnen. Und doch ist Hohenroda symptomatisch für die ganze Zuwanderungsdiskussion. Denn es sind samt und sonders Stellvertretergefechte mit der großen Politik, die hier vor dörflicher Kulisse ausgetragen werden.
Wie diese Woche im Vereinshaus des Örtchens an der Bockwindmühle. Der kleine bungalowähnliche Bau konnte die Menschenmassen gar nicht fassen. 83 Stühle habe man extra aufgestellt, sagt eine ältere Gemeindebedienstete halb entrüstet auf die Frage, warum man nicht einen größeren Saal für die Sitzung des Ortschaftsrates genommen hätte. Was den „Dorfsowjet“ organisatorisch an seine Grenzen bringt, ist der Bürgerunmut über den Fakt, dass demnächst 24 so genannte „Unbegleitete männliche Flüchtlinge“ im Dorf untergebracht werden sollen. Wie so oft in einem Hotel, das schon bessere Zeiten erlebt hat oder dessen Betreiber das seit der Wende vergeblich gehofft haben. Die Stimmung ist gereizt. Besonders „nach Köln“ fürchtet man, dass es zu unliebsamen Zwischenfällen um den nahen Kindergarten kommen könnte. Man habe genug gelesen und gehört. Im Sommer würden die Kinder in kleinen Bassins baden. Für alle einsehbar. Und das dann in unmittelbarer Nachbarschaft zu ausschließlich jungen Männern, die so richtig nichts zu tun hätten. Zwei Vertreter der mit der Betreuung beauftragten Jugendhilfe GmbH mit dem vielsagenden Namen Lucky Punch (Glücklicher Schlag) versuchten, die Befürchtungen der Hohenrodaer zu zerstreuen. Es gäbe einen festen Tagesrhythmus mit Aufstehen um sechs, Frühsport und anschließender Fahrt nach Leipzig zum Deutschkurs. Am Nachmittag würden die jungen Männer in Vereine eingebunden. Man könne sich gerne bei anderen Einrichtungen des Trägers erkundigen. Es gäbe keine Übergriffe und auch weibliche Angestellte würden respektvoll behandelt. Dass das alles so harmonisch läuft, wollten viele nicht glauben. Eine Einwohnerin verwies auf eine Liste des Sächsischen Innenministeriums, die seit einiger Zeit die Runde macht. Sie geht zurück auf eine kleine Anfrage des AfD-Abgeordneten Uwe Wurlitzer im sächsischen Landrtag und listet auf über 25 Seiten sämtliche Übergriffe eines Jahres in oder um Asyleinrichtungen auf. Dabei geht es ausschließlich um Delikte der Bewohner untereinander. Es liest sich wie eine Liste des Schreckens. „Einschließlich Mord und Totschlag“, sagt die junge Frau in der ersten Zuschauerreihe. Sie habe einfach Angst um ihre kleine Tochter, die den betreffenden Kindergarten besucht. Die Stimmung kochte hoch, Rede folgte auf Gegenrede.
Soweit alles nichts Besonderes. Das ganze Land hockt seit einem Jahr in derartigen „Informationsveranstaltungen“ nur um sich anzuhören, was längst beschlossen ist. Und doch ist Hohenroda gar kein so schlechtes Beispiel. Denn der Bürgermeister des Fuchs-und-Hase-Gute-Nacht-Dorfes heißt Tiefensee. Ein in Sachsen nicht unbekannter Name. Wolfgang Tiefensee ist in der SPD ein großes Tier. Er war lange Jahre der Oberbürgermeister von Leipzig, der nach Berlin größten Stadt der neuen Bundesländer, in Sachsen sowieso. Danach war er Verkehrsminister unter Gerhard Schröder und ist derzeit verantwortlich für das Wirtschaftsressort unter der umstrittenen Rot-Rot-Grünen Regierungskoalition in Thüringen. Sein Bruder Volker hat es nicht ganz so weit gebracht. Er ist in der CDU, die allerdings in der Gemeinde Schönwölkau zur letzten Kommunalwahl  mit 60 Prozent punktete. Man darf aufgrund dieser familiären Bande also davon ausgehen, dass es in der Familie Tiefensee einen kurzen Draht von ganz unten, der Basis wie man in der letzten Diktatur sagte, nach ganz oben gibt. Und was der Volker seinem Bruder Wolfgang in dieser Woche erzählen könnte, dürfte sich so auch in großen Meinungsumfragen abbilden. Denn obwohl in Sachen Asyl nicht nur das Schengen-Abkommen, der Paragraph 16 a des Grundgesetzes und die Demokratie als Ganzes außer Kraft gesetzt ist, wie es unlängst der SPD-Bürgermeister der Stadt Radeberg (hier) in entwaffnender Offenheit sagte, wagte es doch ein Schelm, in Hohenroda spontan unter den Anwesenden abstimmen zu lassen, ob sie denn überhaupt „Flüchtlinge“ im Dorf haben wollen. Das Votum war überwältigend: gut drei Viertel wollen es nicht. Auswirkung dieses urdemokratischen Aktes? Siehe oben. Im Gegenteil. In diesem kleinen Dorfgemeinschaftshäuschen offenbart sich gewissermaßen in nuce das ganze Dilemma der Diskussion. Da sitzen die Vertreter der Verwaltung, wobei der ältere, rundliche Herr vom Landratsamt ohne weiteres als eine Kopie das seligen Walter Sedlmayers durchgehen könnte und beteuern, dass sie alles verstehen, aber nichts machen können. Der gemütliche Beamte erklärt den Anwesenden staubtrocken, welche Passagen des Sozialgesetzbuches in welcher Fassung zur Anwendung kommen. Die Rede ist von Bedarfssätzen und Kostenpauschalen. „Alles unser Steuergeld“, kommt es aus dem Publikum. „Für unsere Kinder ist komischerweise immer keins da“, ist eine andere Stimme zu hören. Die Verwaltung versteckt sich hinter Details und Verordnungen, den Bürgern geht es um sgroße Ganze. Was nicht fehlt in diesem Zusammenhang, ist auch der Standardsatz: Man erfülle hier nur die Vorgaben der Politik aus Berlin. Hohenroda sei nicht der Ort, das zu ändern. „Zentral durchgestellt“, hieß das zu DDR-Zeiten. Denn: Was die Partei beschließt, das wird sein. In diesem Fall ist die „Partei“ die ehemalige FDJ-Sekretärin Angela Merkel. Ein dem Dialekt nach Westdeutscher, der sich als „Bürger“ vorstellte, fühlte sich berufen, der Dorfbevölkerung diesen Sachzwang zu erklären und bestätigte damit unfreiwillig die Sottise eines bekannten Leipziger Kabarettisten, dass die Wessis doch die besseren DDR-Bürger gewesen wären. Er wurde unterbrochen mit der Bemerkung, man wäre hier nicht in der Grundschule und wisse das alles. Ein anderer, dem Idiom gleichfalls von weiter westlich zugezogen, sagt dann doch tatsächlich, dass man mit der Stimmabgabe zur Wahl seine Macht an die Vertreter abgegeben habe. Womit er neben dem Umstand, dass er sich in dieser selbst gewählten Unmündigkeit offenbar so richtig wohlfühlt, unzweifelhaft recht hat. Nur lässt es dieses träge System eben nicht zu, zeitnah auf sich rasant abspielende Entwicklungen wie die „Flüchtlingskrise“ zu reagieren. Beschäftigt man sich mit dem geplanten Objekt an sich näher, taucht auch hier ein Name auf, der in den sächsischen Nachwendeannalen Spuren hinterlassen hat. Matthias von Hermanni. Der „Lebenszeitbeamte der Stadt Leipzig“ wie er hier verkündet, ist eine schillernde Figur der Leipziger Honoratiorengilde, die im Dunstkreis von Hinrich Lehmann-Grube, dem ersten Nachwendebürgermeister Leipzigs,  in die Messestadt kamen. In den Neunzigern geriet er in die Schlagzeilen. Er war damals Chef der stadteigenen bfb, einer Beschäftigungsgesellschaft des zweiten Arbeitsmarktes, die in ihren Hochzeiten bis zu 6000 Mitarbeiter hatte. Der Spiegel schrieb 1999 (Spiegel 50/99) von Hermanni habe Dienstliches und Privates beim Bau seines Hauses in Hohenroda vermischt. Es ging um eine Summe im sechsstelligen Bereich. Deshalb saß er auch eine zeitlang in Untersuchungshaft.
Das alles ist lange her. Hier steht er auf und spricht in der dritten Person, was die „Eheleute von Hermanni“ so vorhaben oder gemacht haben. Nicht ohne einen Schwenk in die Vergangenheit, gewürzt mit der Aussage, dass die Leipziger Volkszeitung ihm 80 000 Euro Schmerzensgeld wegen falscher Berichterstattung hätte zahlen müssen. Man spürt den Machtmenschen und den Macher bei seiner wohlmodulierten Rede. Dabei greift er rhetorisch geschickt über ihn kursierende Redereien und Unterstellungen auf. Es seien die Einkünfte aus einer Solar- und einer Biogasanlage, mit denen das Hotel, über das geredet werde, sich finanziere. Dabei gibt er preis, dass die „Eheleute von Hermanni“ nach Sonnenenergie und Biogas nun offenbar die dritte zeitgeistgemäße Erwerbsquelle dieser im Grund rot-grün regerierten Republik entdeckt haben: „Flüchtlinge“. Aber die Erlöse kämen ja nicht ihnen direkt, sondern einer Kiwi-GmbH, offenbar die Betreibergesellschaft des Hotels, zu Gute. Allerdings passiere dort nichts ohne das Einverständnis der „Eheleute Hermanni“, so von Hermanni. Er sei auch nicht reich, was einige vielleicht denken würden oder bei seinem adligen Titel voraussetzten. „Als siebtes Kind von acht aus Danzig geflohenen bleibt nicht viel über“, bramarbasiert er. Und mag sogar recht haben. Vielleicht ist gerade diese Lebensgeschichte das Grundmotiv seiner Umtriebigkeit? Was im Grunde auch nichts Schlechtes ist. Denn verbürgt ist laut Spiegel auch, dass seine Mitarbeiter damals eine Spontandemo mit Baggern und Lkw vorm Leipziger Rathaus abhielten, um ihren Boss rauszuhauen. Ganz unbeliebt kann er deshalb nicht gewesen sein. Doch das alles ist nicht das, was die Hohenrodaer jetzt umtreibt. Eine Frau hält es nicht auf dem Stuhl. „Es geht hier nicht um deine Lebensgeschichte, Matthias, sondern wie das hier konkret weitergeht“, sagt sie. Ein andere mosert aus der ersten Stuhlreihe. „Komm, hör auf, mir kommen gleich die Tränen“. Von Hermanni scheint die Anpflaumerei nicht zu kratzen. Kumpelhaft haut er dem Rufer beim Rausgehen seine Pranke auf die Schulter und murmelt ihm etwas zu. Von Hermanni ist sicher eine Person, die polarisiert. Trotzdem wird man den Gedanken nicht los, was wohl wäre, wenn statt des blassen Tiefenseebruders hier der umtriebige Niedersachse, der sich durchgebissen hat, die Zügel in der Hand hielte. Wahrscheinlich wäre Hohenroda neben Biogas- und Solarzentrum schon lange Flüchtlingsmustersiedlung. Mit Vollbeschäftigung fürs ganze Dorf. Dann kämen Abordnungen aus ganz Deutschland, um das Wunder zu bestaunen. Womit sich auch ein Hotel wieder lohnen würde. Aber das ist nur ein Gedankenspiel. Die tatsächliche Geschichte spielt anders. In Hohenroda bäckt man kleine Brötchen. Erste konkrete Maßnahme: Der Kindergarten soll vorsichtshalber ein ordentliches Schloss bekommen. Denn schon jetzt könne dort jeder rein, der wolle, monierte die Leiterin. „Das sage ich ihnen zu“, so die Antwort des Bürgermeisters. Das Schloss im Kindergartentürchen – das sind die Dinge, die er bewirken kann. Sofort. Unverzüglich. Sage noch einer, die kommunale Selbstverwaltung sei nur ein schönes Wortgebilde. Wie man denn erfahre, wie es weitergehe?, wollte einer noch wissen. Aus der LVZ, anwortet der Bürgermeister. Die ist zu teuer, kam es aus dem Publikum. „Einfach mal an den Schaukasten der Gemeinde schauen“, ist die Alternative zur Tageszeitung an. „Dann macht dort erstmal Licht dran“, ruft einer noch, ehe sich alle zerstreuen. Zufrieden sieht keiner aus.


2 Kommentare

Kein Vor, kein Zurück

300px-Sackgasse

Pegida hier, Willkommensjubel da -in Dresden will man aus der Sackgasse der  Diskussion heraus und die Spaltung der Bürgerschaft überwinden.

Dass das hier so etwas wie ein Familienstreit unter Erwachsenen werden würde, bekam ein junger Mann mit einem großen Kameraobjektiv, der sich nur als „Presse“ vorstellte, gleich zu Beginn der Veranstaltung gesagt. Kein Fotos. Das Votum war unmissverständlich: Presse raus. Sichtlich eingeschnappt verließ diese den Saal. Erste Erkenntnis: Als Teil der Lösung wird sie nicht (mehr) gesehen. Ort der Handlung war der Gemeindesaal der Katholischen Pfarrei St. Petrus in Dresden. Eingeladen hatten aber Kirchenleute unterschiedlicher Konfession. Ziel sei es, endlich wieder einen Dialog mit der tief gespaltenen Bürgerschaft Dresdens hinzubekommen, so ein Sprecher. Wenn man es positiv sehen will, dass ausgesprochene Pegida-Aktive mit Menschen aus Bündnissen wie „Leuben für alle“ zumindest schon mal wieder unter einem Dach beisammensitzen, kann man den Abend wenigstens als kleinen Erfolg werten. Aber sonst hat sich wenig am exponierten Dresdner Frontabschnitt mit seinen gut ausgebauten Stellungen und Grabensystemen geändert. Immerhin scheint sich jetzt in Kirchenkreisen, wohl von unten kommend, die Denkart durchzusetzen, dass es mit Lichtaus- und Kerzenan-Aktionen nicht getan ist. Die Widersprüche sitzen tiefer und auch viele Kirchenleute waren „89 dabei“ wie es oft heißt. Umso mehr versucht man, an die Tugenden des friedlichen Protestes von damals anzuknüpfen. Die hießen „Dialog“ und „Keine Gewalt“.
Feststellen muss man dabei immer wieder, dass zugezogene „Wessis“ diese Erfahrung eben nicht gemacht haben, sondern sie, wenn überhaupt, nur im Fernsehen beiläufig gezeigt bekamen. Deutlich wurde das wieder, als eine ältere Frau sofort am Beginn des Diskussionsteils das Wort ergriff, sich als Aktivistin des Bündnisses „Leuben für alle“ vorstellte, und zugleich Prämissen festlegte, dass mit bestimmten Leuten eben gar nicht gesprochen werden könne, weil sie „rassistische Ansichten“ verträten. Nicht nur einmal an diesem Abend mussten sich Vertreter dieser Gruppierung darum den Vorwurf gefallen lassen, weshalb sie sich dann ausgerechnet „Leuben für alle“ nennen würden, wenn sie noch nicht mal mit allen reden wollten? Ein Kirchenmann griff der Dame resolut ins Mikro und sagte, dass es nicht darum ginge wieder mit dem Finger auf andere zu zeigen. Man sei gerade deswegen zusammengekommen, um zu überlegen, was man bei genau dieser Frontstellung tun könne, um die Bürgerschaft wieder zu einen. Der Abend hat gezeigt: Das wird schwer. Man ringt beispielsweise noch um das richtige Format. Frank Richter, der sächsische Landesbeauftragte für politische Bildung, hat mit diesen Gesprächen bereits im letzten Frühjahr unter der heftigen Kritik von Links begonnen. Einzig von SPD-Chef Sigmar Gabriel bekam er prominente Unterstützung. Er setzte auf die Fischbowl-Methode, bei der immer vier Leute an einem Tisch sitzen und reihum reden. Die CDU-geführte Staatsregierung lud zu mehreren Gesprächsrunden ein, deren Teilnehmer vorher ausgelost wurden. Außer Gerede kam dabei nichts heraus. Es entspinnt sich fast zwangsläufig immer eine Choreographie, bei der Befürworter der gegenwärtigen Politik und Gegner Teile ihrer Wahrnehmung darlegen. Nun ist aber seit den Anfängen von Pegida jede Menge Zeit vergangen und so mancher Diskussionspunkt des Vorjahres hat inzwischen durch das tatsächliche Geschehen den Praxistest bestehen müssen. Vieles ist nicht mehr abstrakt, Dystopie oder büchergestützte Vorahnung, sondern bittere Realität. Die Flüchtlingskrise brach ab September flutartig über das Land herein. Es liegen rund eine Million Menschen auf Feldbetten in Turnhallen, Zelten und alten Schulen. Kommunen suchen verzweifelt nach jeder überdachten Behausung. Und inzwischen wissen wir auch: Es sind nicht alle, die zu uns kommen, in stiller Demut dankbar für jeden Teller Suppe, ein Bett und ein Dach überm Kopf. In den Medien ist von einer Zeit „vor Köln“ und der „nach Köln“ die Rede. All die Problematiken sind hinlänglich bekannt und werden von „Merkelpresse“ und „Reschkefernsehen“, so der Kritikerjargon, mehr oder weniger eingestanden und bearbeitet. Und an dieser Stelle wird deutlich. Im linken Lager wird der Widerstand offenbar umso steifer und verbockter, je mehr die Realität der Gegenseite recht gibt. Man will sich das „Narrativ“ (auch so ein schönes, neues Wort dieser Krise)vom edlen Wilden, der da zu uns kommt, um keinen Preis kaputt machen lassen. Deutlich wird das ein kleinen Dingen. So berichtet beispielsweise eine geschätzt 50-jährige Frau, dass sie abends Angst hat, wenn sie mit dem Auto von Arbeit nach Hause kommt. Nicht nach Duisburg-Marxloh oder Dortmund-Nord wie man es mit Schaudern aus dem Westen hört. Nein, nach Dresden-Leuben. Sie schaue immer argwöhnisch, ob vor ihrer Einfahrt nicht „irgendwelche Gestalten“ zu sehen seien, die keine Nachbarn sind. Im Zweifel drehe sie lieber noch eine Runde, ehe sie aussteige und das Tor öffne. Ein junger Mann, dem Habitus mit Hipster-Jacket und Pferdeschwänzchen nach ein Student, schüttelt bei diesen Worten unentwegt den Kopf und schnaubt abwertend. Auch andere Jüngere schauen bei diesen Worten mit gerunzelten Stirnen und raunen sich kopfschüttelnd etwas zu. Eigentlich das klassische Dresdner Bild. Hier die Generation der Eltern und Großeltern, die viel erlebt haben, viel lesen, die mahnen, die warnen, die an Früher erinnern. Da die Jungen, die am liebsten alle zum Schweigen verdammen möchten und stattdessen nur über „Integration“ reden wollen. Schon die vorsichtige Frage, wie die gelingen solle, wenn das Land selber Millionen Arbeitslose habe, die Ankömmlinge in ihrer Mehrzahl weder berufliche Kenntnisse mitbringe, noch die Sprache spreche, wollen sie schon nicht mehr hören. Ein Vertreter dieses Lagers sagte mit triumphierendem Unterton in der Stimme, zu glauben, dass die bisher Angekommenen in Größenordnungen wieder abgeschoben würden, sei eine Illusion. Die Mehrzahl werde bleiben. Man fragt sich, was treibt Menschen so etwas zu sagen und demnach auch so zu empfinden? Woher kommt diese Freude, ja offenbar Lust, das Gewachsene zu zerstören? Eine lohnende Aufgabe für den Politiklehrstuhl der TU Dresden, nachdem man dort die Pegidagänger bis in die letzte Faser durchleuchtet hat. Es sind aber auch Ältere, die sich partout nicht von ihrer selektiven Sicht der Dinge abbringen lassen wollen. Etwa ein älterer Herr in Anzug und mit Krawatte. Dem Äußeren nach mit seinem sorgsam gestutzten Oberlippenbart und den grauen Haaren eine distinguierte Erscheinung wie man sie von Firmengründerporträts oder alten Banknoten kennt. Er sei mit 30 Jahren dienstlich für anderthalb Jahre nach Japan geschickt worden, erzählt er. Dort würden die Kinder mit Finger auf Ausländer zeigen. Das wäre für ihn ein Ansporn gewesen, schnellstmöglich Japanisch zu lernen. Deshalb müsse man den Menschen jetzt Zeit lassen, die Sprache zu lernen. Ob er die Schlagzeilen mitbekommen hat, worin ein Spickzettel thematisiert wurde, der bei einem der Beteiligten des Kölner Sexmobs gefunden wurde? Hat er die Prioritäten zur Kenntnis genommen? Ein anderer, ähnlich würdevoller Vertreter der Migrantenfraktion, war mit drei Ausländern im Konzert und einmal auch in der nahen Kirche, wo gerade jemand auf der Trompete übte. Das hätte seine Begleiter sehr berührt. Das wird mit Sicherheit alles so gewesen sein. Aber es waren ganze drei, mit denen er sich beschäftigte. Allein im vergangenen Jahr kamen nach vorsichtigen Schätzungen ein bis zwei Millionen Fremde in Deutschland an. Es weiß je keiner so genau. Zu 75 Prozent junge Männer. Das sieht jeder, der sehen kann. Auch die Dresdner sehen wie sich ihre Stadt verändert, wenn man nur die Prager Straße entlangläuft. Ebenfalls eine ältere Dame aus der Willkommensfraktion war es dann, die unfreiwillig das Gerede von der Integration entlarvte. Sie kümmere sich um eine Familie „nicht aus Syrien, sondern Tschetschenien“, erzählte sie. Die 23-jährige Frau habe jetzt das vierte Kind bekommen. Mit dem Mann gebe es „Probleme“. Er esse und schlafe, umschrieb sie dessen Tagesablauf. Und sei gewalttätig, weshalb die Frau bereits zweimal umziehen musste. Dann sei er aber doch immer wieder da. Man hatte ihm sogar eine geringfügig bezahlte Arbeit angeboten, so die ältere Dame weiter. Diese hätte er abgelehnt. 100 Euro seien zu wenig, er würde nur für 1000 arbeiten. Die Hälfte des Saales nickte, die andere schwieg. Kein Vor, kein Zurück. Anwesend waren auch zwei Politiker. Arnold Vaatz, der für die CDU im Bundestag sitzt, und Antje Hermenau, die lange Jahre für die Grünen im sächsischen Landtag saß. Viel zu sagen haben beide nicht mehr. Hermenau ist jetzt freie Beraterin und sagt, dass auch Linke eigentlich konservativ seien. Sie galt als die schwärzeste Grüne im Landtag. Arnold Vaatz, Urgestein von 89, hat sich schon frühzeitig zu den Vorgängen in seiner Heimatstadt geäußert und Pegida immer gegen Verdrehungen der Presse in Schutz genommen. Er will die Flüchtlingszahlen reduzieren, durfte dazu auf dem CDU-Parteitag im Dezember etwas sagen, habe aber als „guter Demokrat“ den Mehrheitsbeschluss zu akzeptieren. Und der heißt: weiter so. Interessant war: Vaatz ging auf den vielgeäußerten Vorwurf ein, warum man nicht vorrangig die besonders bedrohten Christen aus Syrien und dem Irak heraushole. Er habe das schon 2008 machen wollen, berichtete er. Doch vom UNHCR sei ihm dann mitgeteilt worden, dass man selber eine Vor-Selektion vornehmen würde. Ihm wollte man nicht vorrangig Christen, sondern Menschen übergeben, die straffällig geworden waren und deren Strafe in Europa milder ausfallen würde. Darunter Zuhälter, Schleuser und andere Straftäter. Man habe es ihm nicht erlaubt, Christen aus den Flüchtlingstrecks zu sieben. Deshalb sei diese Mission erfolglos verlaufen. Prompt meldete sich eine jüngere Frau, die neben dem bekannten Generationenkonflikt in der Zuwanderungsdebatte auch den im Osten überwunden geglaubten Ost-West-Gegensatz zum Vorschein brachte. Man glaubte, dass die Zeit der belehrenden Wessis, die den unerfahrenen Ossis vom Pferd erzählen wie alles zu machen sei, vorbei wäre. Mitnichten. Die Besserwessis wachsen offenbar nach. Die Dame musste, und das fehlt in Statements dieser Personenkreise selten, zunächst einmal ihre Weltläufigkeit unter Beweis stellen, indem sie stolz aufzählte, wo sie schon überall so gelebt habe. Zu der beeindruckenden Liste gehörten auch Berlin und Peking. Tatsächlich. Und jetzt Dresden-Leuben. Was Vaatz erzähle, stimme so nicht, meinte sie. Sie habe selbst im Außenamt gearbeitet und es wäre ganz anders gewesen. Vaatz hielt es darauf natürlich nicht auf seinem Stuhl und er konterte, sie möge bitte zwei Damen, er nannte die Namen, als die damaligen Vertreterinnen der katholischen und der evangelischen Kirchen in dieser Mission zu befragen, ob er lüge. Die Runde brachte das keinen Schritt weiter. Ähnlich ratlos waren die Einlader. Einziger Trost: Es geht weiter. Im Februar will man sich wieder unter der gleichen Rubrik treffen. Bis dahin dürften weitere 50 000 Migranten neu hinzugekommen sein. Wenn der Frost anhält.