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Geschichten aus der Elbaue

Hohenroda – mitten in Deutschland, mitten im Problem

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Volles Haus im kleinen Vereinsraum an der Bockwindmühle in Hohenroda. Das Ergebnis der Informationsveranstaltung zur Unterbringung von „Flüchtlingen“ ist das dasselbe wie überall. Die Bürger können nur akzeptieren oder mitmachen. Ob sie überhaupt wollen, fragt niemand. Foto: beaverpress

Man kann in diesen Tagen hinkommen, wo man will, es gibt nur ein Thema: Flüchtlinge. Der Unterschied ist nur noch: Sind sie schon da sind oder kommen sie noch? Wie diese Woche in Hohenroda. Hohenwas? Genau. Das Dörfchen ist eigentlich ein Nichtort. Das Navigationsgerät zeigt im Dunkeln rechts und links der einzigen Straße die zu dem verschlafenen Nest zwischen Delitzsch und Eilenburg führt, nur Acker an. Zu sehen ist nur Schwärze, ab und zu ein alter Chausseebaum. Das hier ist tiefste Leipziger Tieflandsbucht, Landkreis Nordsachsen, Mitteldeutschland und mitten in Deutschland. Nicht nur geografisch, auch politisch. Knapp 400 Bewohner zählt das Dörfchen. Es gehört zur Gemeinde Schönwölkau, ist einer von fünf Ortsteilen. Tagsüber, wenn die meisten zur Arbeit auswärts sind, bevölkern ein, zwei Mütter mit Kinderwagen und ein Dutzend Rentner den Ort. Wobei man Glück haben muss, wenn sich Vertreter beider Gruppen begegnen. Und doch ist Hohenroda symptomatisch für die ganze Zuwanderungsdiskussion. Denn es sind samt und sonders Stellvertretergefechte mit der großen Politik, die hier vor dörflicher Kulisse ausgetragen werden.
Wie diese Woche im Vereinshaus des Örtchens an der Bockwindmühle. Der kleine bungalowähnliche Bau konnte die Menschenmassen gar nicht fassen. 83 Stühle habe man extra aufgestellt, sagt eine ältere Gemeindebedienstete halb entrüstet auf die Frage, warum man nicht einen größeren Saal für die Sitzung des Ortschaftsrates genommen hätte. Was den „Dorfsowjet“ organisatorisch an seine Grenzen bringt, ist der Bürgerunmut über den Fakt, dass demnächst 24 so genannte „Unbegleitete männliche Flüchtlinge“ im Dorf untergebracht werden sollen. Wie so oft in einem Hotel, das schon bessere Zeiten erlebt hat oder dessen Betreiber das seit der Wende vergeblich gehofft haben. Die Stimmung ist gereizt. Besonders „nach Köln“ fürchtet man, dass es zu unliebsamen Zwischenfällen um den nahen Kindergarten kommen könnte. Man habe genug gelesen und gehört. Im Sommer würden die Kinder in kleinen Bassins baden. Für alle einsehbar. Und das dann in unmittelbarer Nachbarschaft zu ausschließlich jungen Männern, die so richtig nichts zu tun hätten. Zwei Vertreter der mit der Betreuung beauftragten Jugendhilfe GmbH mit dem vielsagenden Namen Lucky Punch (Glücklicher Schlag) versuchten, die Befürchtungen der Hohenrodaer zu zerstreuen. Es gäbe einen festen Tagesrhythmus mit Aufstehen um sechs, Frühsport und anschließender Fahrt nach Leipzig zum Deutschkurs. Am Nachmittag würden die jungen Männer in Vereine eingebunden. Man könne sich gerne bei anderen Einrichtungen des Trägers erkundigen. Es gäbe keine Übergriffe und auch weibliche Angestellte würden respektvoll behandelt. Dass das alles so harmonisch läuft, wollten viele nicht glauben. Eine Einwohnerin verwies auf eine Liste des Sächsischen Innenministeriums, die seit einiger Zeit die Runde macht. Sie geht zurück auf eine kleine Anfrage des AfD-Abgeordneten Uwe Wurlitzer im sächsischen Landrtag und listet auf über 25 Seiten sämtliche Übergriffe eines Jahres in oder um Asyleinrichtungen auf. Dabei geht es ausschließlich um Delikte der Bewohner untereinander. Es liest sich wie eine Liste des Schreckens. „Einschließlich Mord und Totschlag“, sagt die junge Frau in der ersten Zuschauerreihe. Sie habe einfach Angst um ihre kleine Tochter, die den betreffenden Kindergarten besucht. Die Stimmung kochte hoch, Rede folgte auf Gegenrede.
Soweit alles nichts Besonderes. Das ganze Land hockt seit einem Jahr in derartigen „Informationsveranstaltungen“ nur um sich anzuhören, was längst beschlossen ist. Und doch ist Hohenroda gar kein so schlechtes Beispiel. Denn der Bürgermeister des Fuchs-und-Hase-Gute-Nacht-Dorfes heißt Tiefensee. Ein in Sachsen nicht unbekannter Name. Wolfgang Tiefensee ist in der SPD ein großes Tier. Er war lange Jahre der Oberbürgermeister von Leipzig, der nach Berlin größten Stadt der neuen Bundesländer, in Sachsen sowieso. Danach war er Verkehrsminister unter Gerhard Schröder und ist derzeit verantwortlich für das Wirtschaftsressort unter der umstrittenen Rot-Rot-Grünen Regierungskoalition in Thüringen. Sein Bruder Volker hat es nicht ganz so weit gebracht. Er ist in der CDU, die allerdings in der Gemeinde Schönwölkau zur letzten Kommunalwahl  mit 60 Prozent punktete. Man darf aufgrund dieser familiären Bande also davon ausgehen, dass es in der Familie Tiefensee einen kurzen Draht von ganz unten, der Basis wie man in der letzten Diktatur sagte, nach ganz oben gibt. Und was der Volker seinem Bruder Wolfgang in dieser Woche erzählen könnte, dürfte sich so auch in großen Meinungsumfragen abbilden. Denn obwohl in Sachen Asyl nicht nur das Schengen-Abkommen, der Paragraph 16 a des Grundgesetzes und die Demokratie als Ganzes außer Kraft gesetzt ist, wie es unlängst der SPD-Bürgermeister der Stadt Radeberg (hier) in entwaffnender Offenheit sagte, wagte es doch ein Schelm, in Hohenroda spontan unter den Anwesenden abstimmen zu lassen, ob sie denn überhaupt „Flüchtlinge“ im Dorf haben wollen. Das Votum war überwältigend: gut drei Viertel wollen es nicht. Auswirkung dieses urdemokratischen Aktes? Siehe oben. Im Gegenteil. In diesem kleinen Dorfgemeinschaftshäuschen offenbart sich gewissermaßen in nuce das ganze Dilemma der Diskussion. Da sitzen die Vertreter der Verwaltung, wobei der ältere, rundliche Herr vom Landratsamt ohne weiteres als eine Kopie das seligen Walter Sedlmayers durchgehen könnte und beteuern, dass sie alles verstehen, aber nichts machen können. Der gemütliche Beamte erklärt den Anwesenden staubtrocken, welche Passagen des Sozialgesetzbuches in welcher Fassung zur Anwendung kommen. Die Rede ist von Bedarfssätzen und Kostenpauschalen. „Alles unser Steuergeld“, kommt es aus dem Publikum. „Für unsere Kinder ist komischerweise immer keins da“, ist eine andere Stimme zu hören. Die Verwaltung versteckt sich hinter Details und Verordnungen, den Bürgern geht es um sgroße Ganze. Was nicht fehlt in diesem Zusammenhang, ist auch der Standardsatz: Man erfülle hier nur die Vorgaben der Politik aus Berlin. Hohenroda sei nicht der Ort, das zu ändern. „Zentral durchgestellt“, hieß das zu DDR-Zeiten. Denn: Was die Partei beschließt, das wird sein. In diesem Fall ist die „Partei“ die ehemalige FDJ-Sekretärin Angela Merkel. Ein dem Dialekt nach Westdeutscher, der sich als „Bürger“ vorstellte, fühlte sich berufen, der Dorfbevölkerung diesen Sachzwang zu erklären und bestätigte damit unfreiwillig die Sottise eines bekannten Leipziger Kabarettisten, dass die Wessis doch die besseren DDR-Bürger gewesen wären. Er wurde unterbrochen mit der Bemerkung, man wäre hier nicht in der Grundschule und wisse das alles. Ein anderer, dem Idiom gleichfalls von weiter westlich zugezogen, sagt dann doch tatsächlich, dass man mit der Stimmabgabe zur Wahl seine Macht an die Vertreter abgegeben habe. Womit er neben dem Umstand, dass er sich in dieser selbst gewählten Unmündigkeit offenbar so richtig wohlfühlt, unzweifelhaft recht hat. Nur lässt es dieses träge System eben nicht zu, zeitnah auf sich rasant abspielende Entwicklungen wie die „Flüchtlingskrise“ zu reagieren. Beschäftigt man sich mit dem geplanten Objekt an sich näher, taucht auch hier ein Name auf, der in den sächsischen Nachwendeannalen Spuren hinterlassen hat. Matthias von Hermanni. Der „Lebenszeitbeamte der Stadt Leipzig“ wie er hier verkündet, ist eine schillernde Figur der Leipziger Honoratiorengilde, die im Dunstkreis von Hinrich Lehmann-Grube, dem ersten Nachwendebürgermeister Leipzigs,  in die Messestadt kamen. In den Neunzigern geriet er in die Schlagzeilen. Er war damals Chef der stadteigenen bfb, einer Beschäftigungsgesellschaft des zweiten Arbeitsmarktes, die in ihren Hochzeiten bis zu 6000 Mitarbeiter hatte. Der Spiegel schrieb 1999 (Spiegel 50/99) von Hermanni habe Dienstliches und Privates beim Bau seines Hauses in Hohenroda vermischt. Es ging um eine Summe im sechsstelligen Bereich. Deshalb saß er auch eine zeitlang in Untersuchungshaft.
Das alles ist lange her. Hier steht er auf und spricht in der dritten Person, was die „Eheleute von Hermanni“ so vorhaben oder gemacht haben. Nicht ohne einen Schwenk in die Vergangenheit, gewürzt mit der Aussage, dass die Leipziger Volkszeitung ihm 80 000 Euro Schmerzensgeld wegen falscher Berichterstattung hätte zahlen müssen. Man spürt den Machtmenschen und den Macher bei seiner wohlmodulierten Rede. Dabei greift er rhetorisch geschickt über ihn kursierende Redereien und Unterstellungen auf. Es seien die Einkünfte aus einer Solar- und einer Biogasanlage, mit denen das Hotel, über das geredet werde, sich finanziere. Dabei gibt er preis, dass die „Eheleute von Hermanni“ nach Sonnenenergie und Biogas nun offenbar die dritte zeitgeistgemäße Erwerbsquelle dieser im Grund rot-grün regerierten Republik entdeckt haben: „Flüchtlinge“. Aber die Erlöse kämen ja nicht ihnen direkt, sondern einer Kiwi-GmbH, offenbar die Betreibergesellschaft des Hotels, zu Gute. Allerdings passiere dort nichts ohne das Einverständnis der „Eheleute Hermanni“, so von Hermanni. Er sei auch nicht reich, was einige vielleicht denken würden oder bei seinem adligen Titel voraussetzten. „Als siebtes Kind von acht aus Danzig geflohenen bleibt nicht viel über“, bramarbasiert er. Und mag sogar recht haben. Vielleicht ist gerade diese Lebensgeschichte das Grundmotiv seiner Umtriebigkeit? Was im Grunde auch nichts Schlechtes ist. Denn verbürgt ist laut Spiegel auch, dass seine Mitarbeiter damals eine Spontandemo mit Baggern und Lkw vorm Leipziger Rathaus abhielten, um ihren Boss rauszuhauen. Ganz unbeliebt kann er deshalb nicht gewesen sein. Doch das alles ist nicht das, was die Hohenrodaer jetzt umtreibt. Eine Frau hält es nicht auf dem Stuhl. „Es geht hier nicht um deine Lebensgeschichte, Matthias, sondern wie das hier konkret weitergeht“, sagt sie. Ein andere mosert aus der ersten Stuhlreihe. „Komm, hör auf, mir kommen gleich die Tränen“. Von Hermanni scheint die Anpflaumerei nicht zu kratzen. Kumpelhaft haut er dem Rufer beim Rausgehen seine Pranke auf die Schulter und murmelt ihm etwas zu. Von Hermanni ist sicher eine Person, die polarisiert. Trotzdem wird man den Gedanken nicht los, was wohl wäre, wenn statt des blassen Tiefenseebruders hier der umtriebige Niedersachse, der sich durchgebissen hat, die Zügel in der Hand hielte. Wahrscheinlich wäre Hohenroda neben Biogas- und Solarzentrum schon lange Flüchtlingsmustersiedlung. Mit Vollbeschäftigung fürs ganze Dorf. Dann kämen Abordnungen aus ganz Deutschland, um das Wunder zu bestaunen. Womit sich auch ein Hotel wieder lohnen würde. Aber das ist nur ein Gedankenspiel. Die tatsächliche Geschichte spielt anders. In Hohenroda bäckt man kleine Brötchen. Erste konkrete Maßnahme: Der Kindergarten soll vorsichtshalber ein ordentliches Schloss bekommen. Denn schon jetzt könne dort jeder rein, der wolle, monierte die Leiterin. „Das sage ich ihnen zu“, so die Antwort des Bürgermeisters. Das Schloss im Kindergartentürchen – das sind die Dinge, die er bewirken kann. Sofort. Unverzüglich. Sage noch einer, die kommunale Selbstverwaltung sei nur ein schönes Wortgebilde. Wie man denn erfahre, wie es weitergehe?, wollte einer noch wissen. Aus der LVZ, anwortet der Bürgermeister. Die ist zu teuer, kam es aus dem Publikum. „Einfach mal an den Schaukasten der Gemeinde schauen“, ist die Alternative zur Tageszeitung an. „Dann macht dort erstmal Licht dran“, ruft einer noch, ehe sich alle zerstreuen. Zufrieden sieht keiner aus.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

2 Kommentare zu “Hohenroda – mitten in Deutschland, mitten im Problem

  1. genial gemachter Beitrag , danke dafür !

  2. Interessantes Stimmungsbild

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