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Geschichten aus der Elbaue


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Ramba-Zamba ums Gender-Gaga

Man müsste sich mal die Mühe machen und bei Cicero, Tacitus oder einem anderen antiken Schreiber nachforschen, wann es das schon mal gegeben hat: Eine Zeit, in der die Kinder ihre Eltern schmähten, die Enkel ihre Großeltern verhöhnten. Besonders interessant wäre in diesem Zusammenhang wie es ausging. Warum das Ganze? Weil wir dann in etwa wüssten, was uns demnächst blüht. Denn am Dienstag war wieder live zu erleben, was im Prinzip von Anfang an das Grundproblem aller Dresdner Proteste ist. Auslöser war diesmal die Ankündigung, dass die Autorin Birgit Kelle im „Haus an der Kreuzkirche“ sprechen wird. Titel der Veranstaltung in der bereits seit Jahren etablierten Reihe „mal ernsthaft“ war: „Mit Gendergaga gegen das arabische Frauenbild? Wie Ideologien unsere Freiheit bedrohen“.

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Vorsichtshalber hatte man das Hausrecht plakatiert. Foto: beaverpress

Eingeladen hatten die CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Lämmel und Arnold Vaatz. Kelle wurde in der Lokalpresse vorab mit dem Wort „umstritten“ beschrieben. Neben ihrer Autorenschaft für die Bücher „Dann mach doch die Bluse zu“ und „Gendergaga“ ist sie umstritten, weil sie für die gleichfalls umstrittenen Publikationen „Junge Freiheit“ und das Online-Magazin des Kopp-Verlages schreibt. Beide wegen ihrer rechtspopulistischen und tendenziösen Texte, wie gesagt, umstritten. Von „diffamierender Berichterstattung“, sprach Lämmel in diesem Zusammenhang, wo doch die Presse bisher noch nie von der Veranstaltungsreihe Notiz genommen habe. Wenigstens habe man so ein volles Haus, freute er sich. Natürlich war Widerstand zu erwarten bei so viel umstrittenem Inhalt. Die Polizei war mit einem Dutzend Mediatoren und Kabelbindern in den Hosentaschen dabei. Was man eben so braucht im Diskurs anno 2016. Widerstand kam unter anderem von der Vorsitzenden des sächsischen Frauenverbandes, die die Kräfteverhältnisse gleich mal klärte mit den Worten: „Hinter mir stehen 40 000 organisierte Frauen“. Nicht auf dem Zeppelinfeld, aber im Geiste. Was zeigt, dass die Führung von Parteien- und Massenorganisationen im 21. Jahrhundert keine reine Männersache mehr sein muss. Für richtig Bambule sorgten dann aber rund 40 junge Leute, dem Habitus nach Schüler und Studenten und im Dresdner Szeneviertel Neustadt beheimatet. Die Schweigeminute, die Arnold Vaatz im Gedenken für die Opfer des „bestialischen Anschlags“ in Brüssel vor den Beginn der Veranstaltung gesetzt hatte, machten sie noch brav mit. Doch dann gab es kein Halten mehr. Schon nach den ersten Worten Kelles setzte eine Johlen und Klatschen ein, dass kein Wort mehr zu verstehen war. Im Internet kursiert ein Youtube-Video, in dem es Thomas de Maiziere mal ähnlich ging. Der wollte, als er noch Verteidigungsminister war, einen Vortrag an der Uni Leipzig halten und wurde dort durch exzessives Klatschen letztlich vertrieben. Auch hier sah es zunächst danach aus. Vorn rat- bis hilflose Gesichter. Dresdens ehemaliger CDU-Oberbürgermeister Herbert Wagner stand auf und intonierte das Wort „Meinungsfreiheit“, wobei er mit Gesten die um ihn Sitzenden aufforderte, mitzumachen.

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Dresdens Superintendent Christian Behr versuchte mit den jungen Protestlern zu reden. Ohne Erfolg. Foto: beaverpress

Die Jugend griff das begeistert auf und rief um eine Mehrfaches lauter dasselbe Wort. Arnold Vaatz griff sich das Mikro und nahm mehrmals Anlauf mit Sätzen, die er nicht vollendete. Schließlich rief er nach der Polizei. Doch die ließ auf sich warten. In der Zeit versuchten es einige im Guten. Superintendent Christian Behr drängte sich in die Reihen der Jugendlichen und versuchte, mit einer jungen Frau mit Nasenpiercings und Kapuze überm Kopf ins Gespräch zu kommen. „Hände weg, nicht anfassen“, schrie sie ihn an, was ihn sich unsicher und halb entschuldigend umblicken ließ. Dabei hatte er sie nur kurz an der Schulter berührt wie man es mit Kindern macht, deren Aufmerksamkeit man möchte. In den ersten Reihen saßen bekannte Pegida-Gänger, die sich ein Lächeln nicht verkneifen konnten bei diesen ungewohnten Konfrontationen. Denn die tobenden Jugendlichen sind genau die, mit denen die Kirchenführung sonst einträchtig Seit an Seite steht, wenn es wieder mal gilt, „Gesicht zu zeigen“ gegen Bachmann, Festerling und Konsorten. Schließlich musste das Problem wieder die leidgeprüfte und vom SPD-Vizeministerpräsidenten als rechtsradikal etikettierte sächsische Polizei lösen. Ein paar Protestierer ließen sich werbewirksam rausschleifen, die anderen folgten auf eigenen Beinen. Die so leer werdenden Plätze wurde begierig von Graubärten und Weißhaarigen in Beschlag genommen, die draußen vor der Tür gestanden hatten, weil der Saal restlos überfüllt war. Vaatz ging nochmal kurz auf die Tumulte ein, indem er sagte: So sehe es in Menschen aus, denen die Argumente ausgingen. Gerade dieser Vorgang sei Bestätigung seiner These, dass diese Protestler gar nicht argumentieren, sondern nur Niederbrüllen wollten. „Nirgendwo erlebt man mehr Intoleranz als bei denen, die einen immer anschreien, man solle tolerant sein“, so Vaatz und erntete viel Applaus. Birgit Kelle konnte dann mit halbstündiger Verspätung über das Gaga und die 50 Geschlechter, die geschlchtslosen Toiletten in Berlin und die Frühsexualisierung in Kindergärten sprechen. Im Saal war trotz der Räumaktion noch lange nicht Ruhe. Gemäßigte Protestler riefen immer wieder dazwischen oder lachten bei einzelnen Passagen. Kelle bat mehrfach, man möge sie erstmal ausreden lassen, könne dann über alles diskutieren. Trotz des Gegenwindes sparte sie nicht mit Polarisierungen. „Gender ist bullshit“, war so ein Satz, der zusätzlich die Wut bei den Befürwortern der Bewegung anfachte.

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Mit halbstündiger Verzögerung konnte die Autorin Birgit Kelle doch noch sprechen.Foto: beaverpress

Auch Sätze wie, sie habe mit ihrem Mann nach feministischem Verständnis nun auch noch ihren Peiniger geheiratet, waren eher nicht geeignet, versöhnend zu wirken. Ihr Fazit: Man könne noch 200 Jahre „Gender machen“, aber es werde sich nichts daran ändern, dass Frauen Kinder gebären und Männer sie zeugten. Dagegen wollten die Genderaktivisten alle Menschen zu Opfern der Heteronormativität stempeln. Wen jucke es noch, wenn sich ein Sportler als homosexuell oute?, fragte Kelle. Was solle überhaupt dieses Zurschautragen der sexuellen Präferenz? Sie stelle sich auch nicht vor: Birgit Kelle, ich bin heterosexuell. Alles Sätze, die ihre Gegner fast zur Weißglut brachten, wie die späteren Wortmeldungen zeigten. Kelle kam auch auf das eigentliche Thema des Vortrags, die arabischen Frauen-Vorstellungen zu sprechen. Sie geißelte die Doppelmoral der Feministinnen, die sonst jedesmal aufschrien, wenn es um tatsächliche oder vermeintliche sexuelle Übergriffe gehe, im Falle Köln aber dezent wegschauten und das mit der Kultur der Fremden erklärten. Integration sei etwas, das die Leute leisten müssten, die zu uns kommen, sagte sie. Stattdessen mache sich eine schleichende Angst breit. Frauen mieden den öffentlichen Raum oder planten ihre Wege immer stärker unter dem Sicherheitsaspekt. Sie sei gespannt, wie man den Zugereisten das Gendergap und –sternchen erklärt, meinte sie bissig. Gendermännchen an Ampeln seien Luxusprobleme. Die Masse der Frauen interessiere das Null, so Kelle.
In der Fragerunde hatte Kelle sich dann gegen die volle Wucht der Gegner zu behaupten. Sie diffamiere, sie grenze aus, sie betreibe „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ lauteten nur einige Vorwürfe. Eine Vereinsfunktionärin führte aus, dass Gender und die frühzeitige Thematisierung unterschiedlicher Sexualitäten wichtig seien, weil die Selbstmordrate bei Menschen mit Transsexualität bei 41 Prozent liege, während sie bei den „normalen“ Menschen der gleichen Altersgruppe nur bei vier Prozent liege. Kelle konterte, das läge eher daran, dass diese Menschen an ihrer Prädisposition litten und nicht an einer Diskriminierung deswegen. Immerhin führe die WHO Transsexualität in der Liste der psychischen Krankheiten. „Ich referiere hier nur Fakten“, sagte sie gegen den aufkommenden Proteststurm. Eine Fragerin stellte sich mit Doktortitel vor. Offenbar ist sie Lehrerin, weil sie betonte, ihren Schülern immer von ihrer gleichgeschlechtlichen Partnerin zu erzählen. Kelle griff das auf. Warum sie das tue, wenn es doch nicht zum Unterricht gehöre? Nur weil sie das in ihrer persönlichen Lebensführung beschäftige, habe sie ihre Schüler damit nicht zu behelligen. Eine Fragerin hob sich Kelle bis zum Schluss auf. Die sagte von sich, sie sei bisexuell und behindert. Kelle habe sie in allen Punkten abgewertet und diffamiert. Doch damit hatte sie die Rednerin nur richtig herausgefordert. Sie engagiere sich schon seit Jahren für den Schutz ungeborenen Lebens, auch wenn bekannt ist, dass das Kind behindert sein wird. Ihr das Verunglimpfen von Behinderten zu unterstellen sei absurd. Ein Frager, der sich als Mitglied der Spaßpartei zu erkennen gab, dessen Name nichts zur Sache tue, wollte wissen, was denn die Frau Kelle schreiben werde, wenn sie das Gendermainstreaming erfolgreich bekämpft habe? Hier bewies die 41-jährige Kelle Souveränität als sie bei der Beantwortung nach dem „Mann ohne Namen aber mit Bierflasche“ fragte. Das hatte gesessen. Der Saal lachte. Sie habe schon noch genug Themen, antwortete sie. Beispielsweise wäre es an der Zeit über ganz normale Familien zu schreiben. Mit Eltern, die sich täglich Gedanken machten, wie sie ihren Kindern die Pausenbrote schmieren und was aus diesen werden solle. Stichwort auch: Anerkennung von Kindererziehungszeiten bei der Rente, was trotz Urteil des Bundesverfassungsgerichtes bis heute nicht umgesetzt sei.
Im Prinzip war auch bei dieser Diskussion wieder das typische Dresdner Potpurri zu besichtigen. Eine lautstarke Minderheit will keine Diskussion oder die vorbehaltlose Anerkennung ihrer Positionen. Der Grad der Infantilisierung des Migrationsthemas korreliert mit absteigendem Alter. So berichtete ein junger Mann, er habe zuhause „einen Afghanen“, womit er keinen Hund meinte. Der junge Mann habe sogar schon mal ein Bier getrunken und Schwein gegessen. Als er ihn fragte, ob er seine Töchter mal allein in die Disko gehen lassen würde, habe er ein klares „Nein“ als Antwort bekommen. Selbst an so einem Tag wie diesem, mit Dutzenden Toten im Namen einer Religion, die fast alle unsere Gebräuche und Sitten als unkeusch ablehnt, will man sich nicht von seinen kleinen, einfachen und daher wahrscheinlich so liebgewonnenen Ansichten trennen.
Ein kleines Fünkchen Hoffnung bleibt dennoch. Die Gegensätze von Alt und Jung prallten auch in den Sitzreihen aufeinander. Ein alter Herr mit grauem Bart maßregelte einen jungen Mann, der immer wieder reinrief. „Können Sie sich nicht benehmen, Sie Flegel?“ Der Angesprochene konterte: „Sie können doch gehen, wenn`s ihnen nicht passt“. „Wieso, mir passt`s doch“. Darauf wieder der Junge: „Bei ihnen hat sich das bald biologisch erledigt“. Danach Schweigen. Diese scheinbar unüberbrückbaren Gräben wurden am Ende doch planiert, indem der Junge dem Alten beim Aufstehen „einen schönen Abend noch“ wünschte. Der erwiderte den Wunsch. Es könnte alles so einfach sein. So von Mann zu Mann. Oder Frau zu Frau. Oder – na, lassen wir das lieber.


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Es geht um das Land

 

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Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Quelle: Stat. Landesamt Sachsen-Anhalt

MDR info überraschte seine Hörer am Donnerstag nach den drei viel beachteten Landtagswahlen mit einem Begriff, der im Wörterbuch der Politik eigentlich nicht vorkommt: Demut. Genau diese wollen viele SPD-Mitglieder in Sachsen-Anhalt nach dem Wahlergebnis jetzt praktizieren, so der Sender weiter. Nur noch 10, 6 Prozent schafften die Sozialdemokraten zwischen Altmark und Unstrut. Rund 100 000 Wählerstimmen sind seit der letzten Wahl 2011 von der Stange gegangen. Dieses Ergebnis fordere eben nicht dazu auf, sich über Regierungsbeteiligungen zu unterhalten, sondern eher, den Blick demütig zu senken und in sich zu gehen, hieß es. Vielmehr sollte man jetzt nachdenken, ob man nicht in der Opposition besser aufgehoben sei, findet „die Basis“, so der Nachrichtensprecher weiter. Ein Sonderparteitag soll das zeitnah klären. Mit der Forderung nach diesem „Büßerkonzil“ pfuschen aber die einfachen Mitlieder mit ihrer beschränkten Sichtweise ihren Anführern nur ins wohldurchdachte (und insgeheim wohl längst vorbereitete) Konzept. Denn die haben noch am Wahlabend flugs die neue Parole ausgegeben. Und die heißt: Das Land darf nicht in die Unregierbarkeit abdriften. Das klingt nach Verantwortung, Kärnerarbeit und selbstlosem Einsatz trotz widrigster Umstände. SPD-Spitzenkandidatin Katrin Budde bewies schon mal höchste Widerstandskraft als sie verlautbarte, ihr Amt zunächst nur „ruhen zu lassen“. Wie soll das gehen? Entweder man ist Fraktionschefin oder nicht. Schließlich gab sie es doch auf. Im MDR-Fernsehen war eine Szene zu sehen, wie sie in den Fond einer großräumigen Limousine steigt. Wohl auch ein Grund, den Kampf für das Land nicht vorschnell aufzugeben. Das ist nun vorbei und kommt nicht wieder. Aber es geht zum Glück nicht um schöne Autos, Posten, die doppelten Abgeordnetenbezüge als Fraktionschefin, sondern um Politik für „die Menschen“, die solche Autos nicht fahren und sich auch nie leisten können. Es geht um den Wählerauftrag, den man sich selbst schreibt und natürlich um Verantwortung für „das Land“. Da kann der Sarrazin noch so oft das Gegenteil behaupten und vom „Tier“ sprechen, zu dem „Volksvertreter“ werden, wenn ihre Posten in Gefahr sind.
Aber mit ihrem selbstlosen Einsatz und der beispiellosen Klebkraft, die nur noch von ihrer Erfolglosigkeit bei Wahlen übertroffen wird, ist die Spitzenkandidatin der SPD nicht allein. Gerade im Landtag von Sachsen-Anhalt lässt sich exemplarisch beobachten, was Otto von Bismarck mit dem Begriff „Politik als Erwerbsberuf“ meinte und zeitlebens bekämpfte. Nehmen wir nur den Spitzenkandidaten der Linkspartei, Wulf Gallert. Auch hier bringt uns MDR info „den Menschen“ näher. 22 Jahre ist Gallert Mitglied des Landtages. Zehn Jahre als parlamentarischer Geschäftsführer und dann zwölf Jahre als Fraktionsvorsitzender. 22 Jahre in einem Stück in einem Betrieb. Solche Berufskarrieren gibt es heute gar nicht mehr, müssen sich die Bürger stets belehren lassen, wenn sie in Leiharbeits-Jobs weitergereicht werden oder berufsbedingt die Firmen oder den Wohnsitz wechseln müssen. Das habe es nur in der DDR gegeben, und wo das hinführte, habe man 89 gesehen. Die Globalisierung und die ständig „neuen Herausforderungen“ forderten den flexiblen Arbeitnehmer. Nur eben nicht im VEB-Landtag Sachsen-Anhalt. Und Gallert zieht natürlich auch die Konsequenzen aus dem Abschneiden der Linkspartei. Dreimal sei er als Spitzenkandidat angetreten, dreimal hieß es Abfahrt vom Wähler. Jetzt hat er die Botschaft endlich verstanden und tritt tapfer zurück. Aber, Halt. Was erfahren wir im nächsten Satz? Selbstverständlich bleibt der verdiente Genosse dem „hohen Haus“ erhalten. Er kandidiert als Landtagsvizepräsident. Na, da ist doch alles in Ordnung. Es muss sich niemand Sorgen machen, dass das Arbeitslosenheer um einen armen Mittfünfziger wächst. Und am wenigsten Gallert selber. Die Politikerrente dürfte er auf diesem Posten locker erreichen. Und genau diese Vorgänge erklären, warum noch am Wahlabend die Freiwilligen von Rot bis Grün bei Rainer Haseloff im Musterungsbüro Schlange standen, um die gelichteten Frontreihen der CDU mit eigenen Restverbänden zu schließen. Es geht um das Land. Natürlich, what else? Mal schauen, ob das zumindest „die Menschen von der SPD im Land“ auch so sehen.


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Kleine Wahlnachlese

Zu den Ergebnissen der als heimliche Abrechnungswahl über die merkelsche Einwanderungspolitik deklarierten Landtagswahlen ist inzwischen fast alles gesagt, auch so ziemlich von jedem. Was auffällt ist ein Nebenaspekt. Man merkt, welchen Einfluß Spin-Doktoren im Hintergrund inzwischen haben. Erinnern wir uns an die Anschläge in Paris im November 2015, von denen kein Mensch in den Medien mehr redet, obwohl in Frankreich der Ausnahmezustand immer noch gilt. Alles hielt damals die Luft an, wie man das jetzt erklären wollte. Schon am Tag darauf hieß es (wir befanden uns auf dem Scheitel der Einwanderungswelle von manchmal bis zu 10 000 Migranten pro Tag), das sei genau der Terror, vor dem die Menschen eben jetzt flöhen. Eine nachgeschobene Erklärung, die trotz ihrer Absurdität immer wieder über die Medien ins Volk penetriert wurde. Es passte halt so schön.
Bei den aktuellen Wahlen nun haben wir den Effekt, dass die AfD mit teils fulminanten Ergebnissen in alle drei zur Wahl stehende Länderparlamente einzog. Wobei die 15 Prozent in Baden-Württemberg von ihrer Bedeutung in einem saturierten, reichen westdeutschen Stammland in der Bedeutung höher oder mindestens gleich einzuschätzen sind wie das Ergebnis in Sachsen-Anhalt. Doch das Ergebnis war noch lange nicht ausgezählt, da kam ähnlich nach den Anschlägen in Paris das neueste „Narrativ“ auf. Kathrin Göring-Eckardt von den Grünen war wahrscheinlich die Erste, die es in die Welt setzte: 80 Prozent, wahlweise sogar 90 Prozent, hätten die AfD eben nicht gewählt. Da sitzt man erst mal da. Also ist der Politneuling, der aus dem Stand überall zweistellige Ergebnisse schaffte, eigentlich der große Wahlverlierer? Gleichzeitig feiern sich die Grünen bei zwei Zehntelpunkten über der Fünf-Prozent-Hürde als hätten sie die absolute Mehrheit errungen. Man könnte jetzt sagen, 94 Prozent, und der Einfachheit und den Rundungsregeln halber, 100 Prozent haben die Grünen nicht gewählt. Aber solche Gedanken verbieten sich. Von der SPD in Sachsen-Anhalt gar nicht zu reden. Als hier der schon verstorbene Reinhard Höppner noch die drei Buchstaben auf rotem Grund vertrat, führte an den Sozialdemokraten kein Weg vorbei. Doch jetzt scheint auf dem Bodenradar der „Volkspartei“ bereits die rote Fünf auf. Es wäre interessant gewesen, gestern mal Lutz Trümper, den Oberbürgermeister von Magdeburg zu hören. Natürlich nur so ganz privat, nicht vor den Kameras. Der hatte in einem etwas theatralischen Akt im vergangenen Herbst sein SPD-Parteibuch zurückgegeben. Grund war ein Maulkorb, den ihm seine Landesvorsitzende Katrin Budde in Sachen Flüchtlingspolitik verpassen wollte. Trümper, der als Lokalpolitiker mit den Folgen der ungeregelten Einwanderung täglich, handfest und eher nicht nur so allgemein-konkret wie seine Parteivorsitzende befasst ist, hatte moniert, dass es so nicht weitergehen könne. Hätten sie lieber mal den Macher aus „Machdeburch“ ein bißchen mosern lassen und über die Dörfer geschickt. Bei den Menschen kommt der „Lutz“ gut an, was sie ihm mit Wahlergebnissen danken. Beim Elbehochwasser hat er unpopuläre Entscheidungen getroffen, aber straff geführt. Das wird registriert und honoriert.
Aber so ist das, wenn Ideologie über die Realität gestellt wird. Das hatten wir alles schon mal. Und nun hat auch der bisherige Koalitionschef Rainer Haseloff (CDU) ein Problem. Sagte er kurz nach der Wahl noch tapfer in die Kameras, dass er die Wahl ja immerhin gewonnen habe, hatte er offenkundig drei Stunden später seinen Anschiss aus Berlin schon weg. Da polterte er bei Karen Miosga in den Tagesthemen ungewohnt deutlich, dass es jetzt Korrekturen in der Politik des Bundes geben müsste.
Bei der ganzen Wählerei fällt ein kleiner Nebenaspekt unter den Tisch, der noch überhaupt nicht überregional thematisiert wurde. Auch in Sachsen liegt ein versteckter Sprengsatz unterm Landtag, obwohl dort regulär erst wieder in drei Jahren gewählt wird. Aber hier untersucht unter eifriger Inquisition der Linkspartei ein Untersuchungsausschuss des Landtages einen Vorgang rund um die Aufstellung der Landesliste der sächsischen AfD zur Wahl 2014. Damals wurde ein nominierter Bewerber nachträglich von der Liste gestrichen. Nach dem dann erzielten Ergebnis wäre er aber im Landtag gewesen. Ausgerechnet mit diesem letzten möglichen Listenplatz 14. Manchmal genügt eben der Schlag eines Schmetterlingsflügels. Der nachträglich gestrichene Kandidat klagte und seither untersucht man den Vorgang. Das Ganze wird natürlich richtig spannend, weil hier eben die Bundesvorsitzende der AfD, Frauke Petry, die Hauptperson ist. Das Ganze wird garniert mit Schlagzeilen über eine nachträgliche Vereidigung der Parteichefin, Widersprüche, in die sie sich verstrickt habe, und, dass ihr vielleicht sogar Gefängnis drohe, wenn man ihr einen Meineid nachweisen könne. Sowas kann man genießen. Aber man bedenke das Ende. Denn im Zweifel drohten sogar Neuwahlen in Sachsen. Die CDU müsste aber nachgerade von Selbstzerstörungsgelüsten getrieben sein, wenn sie dem jetzt nachgeben würde. Und die SPD, die nach dem Ende der FDP im sächsischen Landtag, als einzig möglicher Juniorpartner trotz marginalem Ergebnis mitregiert, dürfte mit Sicherheit in die Einstelligkeit abrutschen. Es wird also interessant sein, ob hier der alte Grundsatz „Fiat justitia et pereat mundus“ noch gilt. Insofern wird der Freistaat im südöstlichen Zipfel des Merkelreiches trotz der kurzen Ablenkung seine seit anderthalb Jahren unangefochtene Spitzenstellung als Publikumsliebling der Medien nicht einbüßen.


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„Das muss raus!“

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Der Hallenser Psychologe Hans-Joachim Maaz riet auch aus ärztlicher Sicht dringend zum Dialog in Dresden. Sonst werde man krank. Foto: beaverpress

Dass sich inzwischen Psychiater mit den gesellschaftlichen Spannungen speziell in Sachsen beschäftigen, ist vielleicht nicht die schlechteste Idee. Und so hatten die Organisatoren der Dresdner Bürgerversammlungen in der Kreuzkirche den renommierten Hallenser Psychiater und Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz für diesen Donnerstag eingeladen. Maaz wurde vor allem mit seinem vielbeachteten Buch „Der Gefühlsstau“ über die Gemütslage der Ostdeutschen um die Wendezeit herum überregional bekannt. In letzter Zeit aber auch als Kritiker der merkelschen Einwanderungspolitik. Der Staatschefin diagnostizierte er als Interpretation ihres Tuns in Berlin eine narzisstische Störung.
Sein Fazit der Veranstaltung in der Kreuzkirche: „Wir müssen reden, das muss raus, sonst werden wir krank“. Dieses verbale Eindreschen der beiden Lager im Diskurs um die Einwanderung sei wie der Kampf verfeindeter Geschwister miteinander. Das resultiere oft aus einer Ungleichbehandlung durch die Eltern. Dabei gelte es, das eigentliche Problem zu lösen: Was muss in der Gesellschaft geändert werden? Besonders in Richtung der No-Pegida und sonstigen Gegendemonstranten sagte Maaz, man solle sich in diesem Lager fragen, was mit einem los sei. „Wenn ich einen Feind brauche, den ich bekämpfen kann, dann sagt das mehr über einen selbst aus, als die, die ich bekämpfen will.“ Gerade die Protagonisten an den äußersten Rändern der beiden Lager rechts und links, sollten sich fragen, weshalb sie es nötig hätten, so ein extremes Leben zu führen. Nötig seien in dieser Situation aber klare Ansagen der Politik, was richtig ist, so Maaz. Doch damit war man schon wieder mitten im Problem. Einziger Politiker von Rang an diesem Abend war allein wieder Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert, der wohl nur notgedrungen zu diesen Veranstaltungen erscheint. Zur ersten Veranstaltung hatte man ihn fast genötigt, wie zu hören war. Hilbert mag sicher ein ganz guter Bauamtsleiter sein. Mit seinem rundlichen Habitus und der Marotte weiche Konsonanten hart auszusprechen, könnte der gemütliche Dicke sicher gut verwalten. Aber in dieser Situation, wo Kontur, Entschiedenheit und Zupacken gefragt sind, wirkt er als erster Mann der „Frontstadt Dresden“ nur farb- und hilflos. Abseits seiner üblichen Wortstanzen kommt nichts Originelles von ihm. Das hat er immerhin mit dem Rest des Führungspersonals im Freistaat gemeinsam. Auch die Staatsregierung wirkt derzeit wie ein Kabinett im Autoscooter. Von allen Seiten puffen die Ereignisse an das kleine Sachsenmobil und man weiß nicht wie einem geschieht. Die letzten Püffe hießen Clausnitz und Bautzen. Und das hektische Gegenlenken macht es nicht besser. Erst sprach Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) seinen Landeskindern vor dem Bus in Clausnitz das Menschsein ab und nannte sie Verbrecher. Worte, die ihm im Zusammenhang mit einem nordafrikanischen Vergewaltiger, der gerade in Dresden vor Gericht stand, sicher nicht über die Lippen gekommen wären. Die jüngste Entgleisung kam von seinem Vize auf dem Beifahrersitz, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Martin Dulig (SPD). Der glaubte wohl, sich über das Amtsblatt des „hellen Deutschlands“, „Die Zeit“, auf Kosten der sächsischen Polizei profilieren zu müssen. In einem Interview unterstellte er der blauen Truppe eine über das Dienstliche hinausgehende Nähe zu Pegida und AfD. Sicher, es ist kein großes Geheimnis in Dresden, dass bei Pegida viele Polizisten in Zivil mitlaufen und es auch entspannte Gespräche mit den uniformierten Begleittrupps gibt. Inzwischen wird auch öffentlich zugegeben, dass von den Pegidaveranstaltungen bis auf ein paar künstlich hochgespielte Vorfälle keine Gewalt ausgeht. Aber deshalb der von Amts wegen politisch neutralen Polizei zu unterstellen, sie sei eigentlich das Problem für die Spannungen im Freistaat, ist schon etwas gewagt.
Und so erntete Dulig am Donnerstag per Fernduell gleich noch eine Breitseite von Dresdens Polizeipräsidenten Dieter Kroll, der als zweiter Gastredner nach Maaz auftrat. Vor ihnen stünde ein „altes Kamel“, das in 44 Jahren bei der Polizei schon einiges erlebt habe, sagte Kroll einleitend zum Publikum, um die Ungeheuerlichkeit in seinem nächsten Satz gebührend zu unterstreichen. „Der stellvertretende Ministerpräsident hat sich von der Polizei verabschiedet“, so Kroll. Er wies die Unterstellungen zurück und teilte aus. Entgegen den vollmundigen Versprechen vom letzten Herbst, sei der Personalrückgang bei der Polizei eben noch nicht gestoppt. Noch immer gingen mehr Kollegen in den Ruhestand, als dass neue nachkämen. Und die Schuld an diesen Verhältnisse trage unter anderem die SPD. Fast beschwörend betonte Kroll an diesem Abend, dass man die Lage noch im Griff habe. Noch. Und es war besonders bezeichnend, was Kroll anfügte als er auf die strikte politische Neutralität seiner Leute zu sprechen kam. Er würde die „Hand zum Schwur“ heben, wenn er wüsste, was die Medien wieder mit diesem Foto machten. Die Medien. Immer wieder die Medien. Auch in der dritten Runde dieser Gespräche kamen viele Bürger wieder auf die Berichterstattung und ihre Folgen zu sprechen. Die wird eindeutig als Teil des gesamten Problems gesehen. Mit denen „müsse mal geredet werden“, forderte ein Bürger. Ein anderer sagte, sein Gerechtigkeitsempfinden sei zutiefst gestört. Damit bezog er sich auf einen Bericht von Spiegel TV, in dem es um linksradikale Anschläge in Leipzig ging. „Stehen ein paar Leute vor einem Bus mit Flüchtlingen wird im Bundestag eine extra Sitzung gemacht. Aber bei 59 verletzten Polizisten passiert gar nichts“, sagte er. Moderiert wurde die Veranstaltung wieder von Frank Richter. Doch der stets besonnene Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung ließ erkennen, dass auch er nur Nerven hat, als ein junger Mann ans Mikro trat und mit Phrasen wie „rassistisch“ und „neofaschistisch“ in Richtung des Pegida-Lagers nur so um sich warf.
„Wir sind hier, weil wir den Dialog zwischen den Lagern wollen“, sagte Richter als dieser geendet hatte, nicht ohne seine Redezeit zu überziehen. „Wer sich nicht vorstellen kann, dass die andere Seite zur Gesellschaft gehört, der braucht hier nicht herkommen“, so Richter ungewohnt deutlich. Für Deklarationen und Demonstrationen seien die Straßen Dresdens groß genug, dafür brauche man nicht in die Kirche zu kommen. Im Rahmen der etwas längeren Eingangsbeiträge sprach auch ein schwarzer Afrikaner, der seinen Werdegang vom DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambique bis zu seiner heutigen Tätigkeit als Pfleger in einem Dresdner Krankenhaus schilderte. Darüber hinaus arbeite er jetzt im Ausländerbeirat der Stadt. Er sehe sich verstärkten Anfeindungen und Bemerkungen ausgesetzt. Bei der Schilderung wie Pegida das Leben von erkennbaren Ausländern beeinträchtige, verstrickte er sich aber in Widersprüche. Etwa als er sagte, Eltern würden ihre Kinder am Montag aus Sicherheitsgründen mit dem Taxi in die Schule schicken. Ungläubiges Kopfschütteln auf den Bänken. Die Dresdner wissen, dass Pegida ein „Feierabendphänomen“ ist. Die Veranstaltungen beginnen 18.30 Uhr. Bis 17.30 Uhr ist kaum etwas von dem Massenauflauf zu sehen, da die meisten berufstätig sind. Mehrere Studien belegen das. Wer schickt seine Kinder montags 18.30 Uhr „in die Schule“?, lautete die unausgesprochene Frage bei vielen. „Komm, hör auf. Propaganda.“, tönte es aus dem Gemurmel von Bänken, die offensichtlich mit Pegidagängern besetzt waren. Ein Redner konterte diesen Beitrag mit der Schilderung einer Szene, wonach er ein junges Pärchen aus Indonesien im Zwingergarten gefragt habe, ob sie denn als erkennbare Ausländer gar keine Angst hätten, in 150 Meter Abstand zur angeblich ausländerfeindlichen Pegidaveranstaltung zu sitzen. Die beiden hätten nur gelacht. Derart bekannte Symptome wie sie seit knapp anderthalb Jahren diskutiert werden, kamen noch in anderen Facetten zur Sprache. Doch dabei dreht sich die Diskussion im Kreis. Einer der letzten Redner wollte genau davon wegkommen. Sein Vorschlag: Ein Schlichtungsverfahren wie in der kontroversen Bahnhofsdebatte in Stuttgart. Als Vermittler schlug er die ehemalige Vorsitzende der evangelischen Kirche, Margot Käßmann oder Wolfgang Thierse vor. Ob die beiden aufgrund ihrer weidlich publizierten politischen Präferenzen für diese Rolle geeignet wären, wollte Frank Richter nicht diskutieren, sondern leitete vielsagend schnell die Endrunde ein. Mit dem Ausblick, dass es eine Fortsetzung geben werde.