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Geschichten aus der Elbaue

„Das muss raus!“

Ein Kommentar

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Der Hallenser Psychologe Hans-Joachim Maaz riet auch aus ärztlicher Sicht dringend zum Dialog in Dresden. Sonst werde man krank. Foto: beaverpress

Dass sich inzwischen Psychiater mit den gesellschaftlichen Spannungen speziell in Sachsen beschäftigen, ist vielleicht nicht die schlechteste Idee. Und so hatten die Organisatoren der Dresdner Bürgerversammlungen in der Kreuzkirche den renommierten Hallenser Psychiater und Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz für diesen Donnerstag eingeladen. Maaz wurde vor allem mit seinem vielbeachteten Buch „Der Gefühlsstau“ über die Gemütslage der Ostdeutschen um die Wendezeit herum überregional bekannt. In letzter Zeit aber auch als Kritiker der merkelschen Einwanderungspolitik. Der Staatschefin diagnostizierte er als Interpretation ihres Tuns in Berlin eine narzisstische Störung.
Sein Fazit der Veranstaltung in der Kreuzkirche: „Wir müssen reden, das muss raus, sonst werden wir krank“. Dieses verbale Eindreschen der beiden Lager im Diskurs um die Einwanderung sei wie der Kampf verfeindeter Geschwister miteinander. Das resultiere oft aus einer Ungleichbehandlung durch die Eltern. Dabei gelte es, das eigentliche Problem zu lösen: Was muss in der Gesellschaft geändert werden? Besonders in Richtung der No-Pegida und sonstigen Gegendemonstranten sagte Maaz, man solle sich in diesem Lager fragen, was mit einem los sei. „Wenn ich einen Feind brauche, den ich bekämpfen kann, dann sagt das mehr über einen selbst aus, als die, die ich bekämpfen will.“ Gerade die Protagonisten an den äußersten Rändern der beiden Lager rechts und links, sollten sich fragen, weshalb sie es nötig hätten, so ein extremes Leben zu führen. Nötig seien in dieser Situation aber klare Ansagen der Politik, was richtig ist, so Maaz. Doch damit war man schon wieder mitten im Problem. Einziger Politiker von Rang an diesem Abend war allein wieder Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert, der wohl nur notgedrungen zu diesen Veranstaltungen erscheint. Zur ersten Veranstaltung hatte man ihn fast genötigt, wie zu hören war. Hilbert mag sicher ein ganz guter Bauamtsleiter sein. Mit seinem rundlichen Habitus und der Marotte weiche Konsonanten hart auszusprechen, könnte der gemütliche Dicke sicher gut verwalten. Aber in dieser Situation, wo Kontur, Entschiedenheit und Zupacken gefragt sind, wirkt er als erster Mann der „Frontstadt Dresden“ nur farb- und hilflos. Abseits seiner üblichen Wortstanzen kommt nichts Originelles von ihm. Das hat er immerhin mit dem Rest des Führungspersonals im Freistaat gemeinsam. Auch die Staatsregierung wirkt derzeit wie ein Kabinett im Autoscooter. Von allen Seiten puffen die Ereignisse an das kleine Sachsenmobil und man weiß nicht wie einem geschieht. Die letzten Püffe hießen Clausnitz und Bautzen. Und das hektische Gegenlenken macht es nicht besser. Erst sprach Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) seinen Landeskindern vor dem Bus in Clausnitz das Menschsein ab und nannte sie Verbrecher. Worte, die ihm im Zusammenhang mit einem nordafrikanischen Vergewaltiger, der gerade in Dresden vor Gericht stand, sicher nicht über die Lippen gekommen wären. Die jüngste Entgleisung kam von seinem Vize auf dem Beifahrersitz, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Martin Dulig (SPD). Der glaubte wohl, sich über das Amtsblatt des „hellen Deutschlands“, „Die Zeit“, auf Kosten der sächsischen Polizei profilieren zu müssen. In einem Interview unterstellte er der blauen Truppe eine über das Dienstliche hinausgehende Nähe zu Pegida und AfD. Sicher, es ist kein großes Geheimnis in Dresden, dass bei Pegida viele Polizisten in Zivil mitlaufen und es auch entspannte Gespräche mit den uniformierten Begleittrupps gibt. Inzwischen wird auch öffentlich zugegeben, dass von den Pegidaveranstaltungen bis auf ein paar künstlich hochgespielte Vorfälle keine Gewalt ausgeht. Aber deshalb der von Amts wegen politisch neutralen Polizei zu unterstellen, sie sei eigentlich das Problem für die Spannungen im Freistaat, ist schon etwas gewagt.
Und so erntete Dulig am Donnerstag per Fernduell gleich noch eine Breitseite von Dresdens Polizeipräsidenten Dieter Kroll, der als zweiter Gastredner nach Maaz auftrat. Vor ihnen stünde ein „altes Kamel“, das in 44 Jahren bei der Polizei schon einiges erlebt habe, sagte Kroll einleitend zum Publikum, um die Ungeheuerlichkeit in seinem nächsten Satz gebührend zu unterstreichen. „Der stellvertretende Ministerpräsident hat sich von der Polizei verabschiedet“, so Kroll. Er wies die Unterstellungen zurück und teilte aus. Entgegen den vollmundigen Versprechen vom letzten Herbst, sei der Personalrückgang bei der Polizei eben noch nicht gestoppt. Noch immer gingen mehr Kollegen in den Ruhestand, als dass neue nachkämen. Und die Schuld an diesen Verhältnisse trage unter anderem die SPD. Fast beschwörend betonte Kroll an diesem Abend, dass man die Lage noch im Griff habe. Noch. Und es war besonders bezeichnend, was Kroll anfügte als er auf die strikte politische Neutralität seiner Leute zu sprechen kam. Er würde die „Hand zum Schwur“ heben, wenn er wüsste, was die Medien wieder mit diesem Foto machten. Die Medien. Immer wieder die Medien. Auch in der dritten Runde dieser Gespräche kamen viele Bürger wieder auf die Berichterstattung und ihre Folgen zu sprechen. Die wird eindeutig als Teil des gesamten Problems gesehen. Mit denen „müsse mal geredet werden“, forderte ein Bürger. Ein anderer sagte, sein Gerechtigkeitsempfinden sei zutiefst gestört. Damit bezog er sich auf einen Bericht von Spiegel TV, in dem es um linksradikale Anschläge in Leipzig ging. „Stehen ein paar Leute vor einem Bus mit Flüchtlingen wird im Bundestag eine extra Sitzung gemacht. Aber bei 59 verletzten Polizisten passiert gar nichts“, sagte er. Moderiert wurde die Veranstaltung wieder von Frank Richter. Doch der stets besonnene Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung ließ erkennen, dass auch er nur Nerven hat, als ein junger Mann ans Mikro trat und mit Phrasen wie „rassistisch“ und „neofaschistisch“ in Richtung des Pegida-Lagers nur so um sich warf.
„Wir sind hier, weil wir den Dialog zwischen den Lagern wollen“, sagte Richter als dieser geendet hatte, nicht ohne seine Redezeit zu überziehen. „Wer sich nicht vorstellen kann, dass die andere Seite zur Gesellschaft gehört, der braucht hier nicht herkommen“, so Richter ungewohnt deutlich. Für Deklarationen und Demonstrationen seien die Straßen Dresdens groß genug, dafür brauche man nicht in die Kirche zu kommen. Im Rahmen der etwas längeren Eingangsbeiträge sprach auch ein schwarzer Afrikaner, der seinen Werdegang vom DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambique bis zu seiner heutigen Tätigkeit als Pfleger in einem Dresdner Krankenhaus schilderte. Darüber hinaus arbeite er jetzt im Ausländerbeirat der Stadt. Er sehe sich verstärkten Anfeindungen und Bemerkungen ausgesetzt. Bei der Schilderung wie Pegida das Leben von erkennbaren Ausländern beeinträchtige, verstrickte er sich aber in Widersprüche. Etwa als er sagte, Eltern würden ihre Kinder am Montag aus Sicherheitsgründen mit dem Taxi in die Schule schicken. Ungläubiges Kopfschütteln auf den Bänken. Die Dresdner wissen, dass Pegida ein „Feierabendphänomen“ ist. Die Veranstaltungen beginnen 18.30 Uhr. Bis 17.30 Uhr ist kaum etwas von dem Massenauflauf zu sehen, da die meisten berufstätig sind. Mehrere Studien belegen das. Wer schickt seine Kinder montags 18.30 Uhr „in die Schule“?, lautete die unausgesprochene Frage bei vielen. „Komm, hör auf. Propaganda.“, tönte es aus dem Gemurmel von Bänken, die offensichtlich mit Pegidagängern besetzt waren. Ein Redner konterte diesen Beitrag mit der Schilderung einer Szene, wonach er ein junges Pärchen aus Indonesien im Zwingergarten gefragt habe, ob sie denn als erkennbare Ausländer gar keine Angst hätten, in 150 Meter Abstand zur angeblich ausländerfeindlichen Pegidaveranstaltung zu sitzen. Die beiden hätten nur gelacht. Derart bekannte Symptome wie sie seit knapp anderthalb Jahren diskutiert werden, kamen noch in anderen Facetten zur Sprache. Doch dabei dreht sich die Diskussion im Kreis. Einer der letzten Redner wollte genau davon wegkommen. Sein Vorschlag: Ein Schlichtungsverfahren wie in der kontroversen Bahnhofsdebatte in Stuttgart. Als Vermittler schlug er die ehemalige Vorsitzende der evangelischen Kirche, Margot Käßmann oder Wolfgang Thierse vor. Ob die beiden aufgrund ihrer weidlich publizierten politischen Präferenzen für diese Rolle geeignet wären, wollte Frank Richter nicht diskutieren, sondern leitete vielsagend schnell die Endrunde ein. Mit dem Ausblick, dass es eine Fortsetzung geben werde.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “„Das muss raus!“

  1. Super geschrieben – alles auf den Punkt getroffen. Toll!

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