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Geschichten aus der Elbaue

Ramba-Zamba ums Gender-Gaga

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Man müsste sich mal die Mühe machen und bei Cicero, Tacitus oder einem anderen antiken Schreiber nachforschen, wann es das schon mal gegeben hat: Eine Zeit, in der die Kinder ihre Eltern schmähten, die Enkel ihre Großeltern verhöhnten. Besonders interessant wäre in diesem Zusammenhang wie es ausging. Warum das Ganze? Weil wir dann in etwa wüssten, was uns demnächst blüht. Denn am Dienstag war wieder live zu erleben, was im Prinzip von Anfang an das Grundproblem aller Dresdner Proteste ist. Auslöser war diesmal die Ankündigung, dass die Autorin Birgit Kelle im „Haus an der Kreuzkirche“ sprechen wird. Titel der Veranstaltung in der bereits seit Jahren etablierten Reihe „mal ernsthaft“ war: „Mit Gendergaga gegen das arabische Frauenbild? Wie Ideologien unsere Freiheit bedrohen“.

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Vorsichtshalber hatte man das Hausrecht plakatiert. Foto: beaverpress

Eingeladen hatten die CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Lämmel und Arnold Vaatz. Kelle wurde in der Lokalpresse vorab mit dem Wort „umstritten“ beschrieben. Neben ihrer Autorenschaft für die Bücher „Dann mach doch die Bluse zu“ und „Gendergaga“ ist sie umstritten, weil sie für die gleichfalls umstrittenen Publikationen „Junge Freiheit“ und das Online-Magazin des Kopp-Verlages schreibt. Beide wegen ihrer rechtspopulistischen und tendenziösen Texte, wie gesagt, umstritten. Von „diffamierender Berichterstattung“, sprach Lämmel in diesem Zusammenhang, wo doch die Presse bisher noch nie von der Veranstaltungsreihe Notiz genommen habe. Wenigstens habe man so ein volles Haus, freute er sich. Natürlich war Widerstand zu erwarten bei so viel umstrittenem Inhalt. Die Polizei war mit einem Dutzend Mediatoren und Kabelbindern in den Hosentaschen dabei. Was man eben so braucht im Diskurs anno 2016. Widerstand kam unter anderem von der Vorsitzenden des sächsischen Frauenverbandes, die die Kräfteverhältnisse gleich mal klärte mit den Worten: „Hinter mir stehen 40 000 organisierte Frauen“. Nicht auf dem Zeppelinfeld, aber im Geiste. Was zeigt, dass die Führung von Parteien- und Massenorganisationen im 21. Jahrhundert keine reine Männersache mehr sein muss. Für richtig Bambule sorgten dann aber rund 40 junge Leute, dem Habitus nach Schüler und Studenten und im Dresdner Szeneviertel Neustadt beheimatet. Die Schweigeminute, die Arnold Vaatz im Gedenken für die Opfer des „bestialischen Anschlags“ in Brüssel vor den Beginn der Veranstaltung gesetzt hatte, machten sie noch brav mit. Doch dann gab es kein Halten mehr. Schon nach den ersten Worten Kelles setzte eine Johlen und Klatschen ein, dass kein Wort mehr zu verstehen war. Im Internet kursiert ein Youtube-Video, in dem es Thomas de Maiziere mal ähnlich ging. Der wollte, als er noch Verteidigungsminister war, einen Vortrag an der Uni Leipzig halten und wurde dort durch exzessives Klatschen letztlich vertrieben. Auch hier sah es zunächst danach aus. Vorn rat- bis hilflose Gesichter. Dresdens ehemaliger CDU-Oberbürgermeister Herbert Wagner stand auf und intonierte das Wort „Meinungsfreiheit“, wobei er mit Gesten die um ihn Sitzenden aufforderte, mitzumachen.

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Dresdens Superintendent Christian Behr versuchte mit den jungen Protestlern zu reden. Ohne Erfolg. Foto: beaverpress

Die Jugend griff das begeistert auf und rief um eine Mehrfaches lauter dasselbe Wort. Arnold Vaatz griff sich das Mikro und nahm mehrmals Anlauf mit Sätzen, die er nicht vollendete. Schließlich rief er nach der Polizei. Doch die ließ auf sich warten. In der Zeit versuchten es einige im Guten. Superintendent Christian Behr drängte sich in die Reihen der Jugendlichen und versuchte, mit einer jungen Frau mit Nasenpiercings und Kapuze überm Kopf ins Gespräch zu kommen. „Hände weg, nicht anfassen“, schrie sie ihn an, was ihn sich unsicher und halb entschuldigend umblicken ließ. Dabei hatte er sie nur kurz an der Schulter berührt wie man es mit Kindern macht, deren Aufmerksamkeit man möchte. In den ersten Reihen saßen bekannte Pegida-Gänger, die sich ein Lächeln nicht verkneifen konnten bei diesen ungewohnten Konfrontationen. Denn die tobenden Jugendlichen sind genau die, mit denen die Kirchenführung sonst einträchtig Seit an Seite steht, wenn es wieder mal gilt, „Gesicht zu zeigen“ gegen Bachmann, Festerling und Konsorten. Schließlich musste das Problem wieder die leidgeprüfte und vom SPD-Vizeministerpräsidenten als rechtsradikal etikettierte sächsische Polizei lösen. Ein paar Protestierer ließen sich werbewirksam rausschleifen, die anderen folgten auf eigenen Beinen. Die so leer werdenden Plätze wurde begierig von Graubärten und Weißhaarigen in Beschlag genommen, die draußen vor der Tür gestanden hatten, weil der Saal restlos überfüllt war. Vaatz ging nochmal kurz auf die Tumulte ein, indem er sagte: So sehe es in Menschen aus, denen die Argumente ausgingen. Gerade dieser Vorgang sei Bestätigung seiner These, dass diese Protestler gar nicht argumentieren, sondern nur Niederbrüllen wollten. „Nirgendwo erlebt man mehr Intoleranz als bei denen, die einen immer anschreien, man solle tolerant sein“, so Vaatz und erntete viel Applaus. Birgit Kelle konnte dann mit halbstündiger Verspätung über das Gaga und die 50 Geschlechter, die geschlchtslosen Toiletten in Berlin und die Frühsexualisierung in Kindergärten sprechen. Im Saal war trotz der Räumaktion noch lange nicht Ruhe. Gemäßigte Protestler riefen immer wieder dazwischen oder lachten bei einzelnen Passagen. Kelle bat mehrfach, man möge sie erstmal ausreden lassen, könne dann über alles diskutieren. Trotz des Gegenwindes sparte sie nicht mit Polarisierungen. „Gender ist bullshit“, war so ein Satz, der zusätzlich die Wut bei den Befürwortern der Bewegung anfachte.

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Mit halbstündiger Verzögerung konnte die Autorin Birgit Kelle doch noch sprechen.Foto: beaverpress

Auch Sätze wie, sie habe mit ihrem Mann nach feministischem Verständnis nun auch noch ihren Peiniger geheiratet, waren eher nicht geeignet, versöhnend zu wirken. Ihr Fazit: Man könne noch 200 Jahre „Gender machen“, aber es werde sich nichts daran ändern, dass Frauen Kinder gebären und Männer sie zeugten. Dagegen wollten die Genderaktivisten alle Menschen zu Opfern der Heteronormativität stempeln. Wen jucke es noch, wenn sich ein Sportler als homosexuell oute?, fragte Kelle. Was solle überhaupt dieses Zurschautragen der sexuellen Präferenz? Sie stelle sich auch nicht vor: Birgit Kelle, ich bin heterosexuell. Alles Sätze, die ihre Gegner fast zur Weißglut brachten, wie die späteren Wortmeldungen zeigten. Kelle kam auch auf das eigentliche Thema des Vortrags, die arabischen Frauen-Vorstellungen zu sprechen. Sie geißelte die Doppelmoral der Feministinnen, die sonst jedesmal aufschrien, wenn es um tatsächliche oder vermeintliche sexuelle Übergriffe gehe, im Falle Köln aber dezent wegschauten und das mit der Kultur der Fremden erklärten. Integration sei etwas, das die Leute leisten müssten, die zu uns kommen, sagte sie. Stattdessen mache sich eine schleichende Angst breit. Frauen mieden den öffentlichen Raum oder planten ihre Wege immer stärker unter dem Sicherheitsaspekt. Sie sei gespannt, wie man den Zugereisten das Gendergap und –sternchen erklärt, meinte sie bissig. Gendermännchen an Ampeln seien Luxusprobleme. Die Masse der Frauen interessiere das Null, so Kelle.
In der Fragerunde hatte Kelle sich dann gegen die volle Wucht der Gegner zu behaupten. Sie diffamiere, sie grenze aus, sie betreibe „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ lauteten nur einige Vorwürfe. Eine Vereinsfunktionärin führte aus, dass Gender und die frühzeitige Thematisierung unterschiedlicher Sexualitäten wichtig seien, weil die Selbstmordrate bei Menschen mit Transsexualität bei 41 Prozent liege, während sie bei den „normalen“ Menschen der gleichen Altersgruppe nur bei vier Prozent liege. Kelle konterte, das läge eher daran, dass diese Menschen an ihrer Prädisposition litten und nicht an einer Diskriminierung deswegen. Immerhin führe die WHO Transsexualität in der Liste der psychischen Krankheiten. „Ich referiere hier nur Fakten“, sagte sie gegen den aufkommenden Proteststurm. Eine Fragerin stellte sich mit Doktortitel vor. Offenbar ist sie Lehrerin, weil sie betonte, ihren Schülern immer von ihrer gleichgeschlechtlichen Partnerin zu erzählen. Kelle griff das auf. Warum sie das tue, wenn es doch nicht zum Unterricht gehöre? Nur weil sie das in ihrer persönlichen Lebensführung beschäftige, habe sie ihre Schüler damit nicht zu behelligen. Eine Fragerin hob sich Kelle bis zum Schluss auf. Die sagte von sich, sie sei bisexuell und behindert. Kelle habe sie in allen Punkten abgewertet und diffamiert. Doch damit hatte sie die Rednerin nur richtig herausgefordert. Sie engagiere sich schon seit Jahren für den Schutz ungeborenen Lebens, auch wenn bekannt ist, dass das Kind behindert sein wird. Ihr das Verunglimpfen von Behinderten zu unterstellen sei absurd. Ein Frager, der sich als Mitglied der Spaßpartei zu erkennen gab, dessen Name nichts zur Sache tue, wollte wissen, was denn die Frau Kelle schreiben werde, wenn sie das Gendermainstreaming erfolgreich bekämpft habe? Hier bewies die 41-jährige Kelle Souveränität als sie bei der Beantwortung nach dem „Mann ohne Namen aber mit Bierflasche“ fragte. Das hatte gesessen. Der Saal lachte. Sie habe schon noch genug Themen, antwortete sie. Beispielsweise wäre es an der Zeit über ganz normale Familien zu schreiben. Mit Eltern, die sich täglich Gedanken machten, wie sie ihren Kindern die Pausenbrote schmieren und was aus diesen werden solle. Stichwort auch: Anerkennung von Kindererziehungszeiten bei der Rente, was trotz Urteil des Bundesverfassungsgerichtes bis heute nicht umgesetzt sei.
Im Prinzip war auch bei dieser Diskussion wieder das typische Dresdner Potpurri zu besichtigen. Eine lautstarke Minderheit will keine Diskussion oder die vorbehaltlose Anerkennung ihrer Positionen. Der Grad der Infantilisierung des Migrationsthemas korreliert mit absteigendem Alter. So berichtete ein junger Mann, er habe zuhause „einen Afghanen“, womit er keinen Hund meinte. Der junge Mann habe sogar schon mal ein Bier getrunken und Schwein gegessen. Als er ihn fragte, ob er seine Töchter mal allein in die Disko gehen lassen würde, habe er ein klares „Nein“ als Antwort bekommen. Selbst an so einem Tag wie diesem, mit Dutzenden Toten im Namen einer Religion, die fast alle unsere Gebräuche und Sitten als unkeusch ablehnt, will man sich nicht von seinen kleinen, einfachen und daher wahrscheinlich so liebgewonnenen Ansichten trennen.
Ein kleines Fünkchen Hoffnung bleibt dennoch. Die Gegensätze von Alt und Jung prallten auch in den Sitzreihen aufeinander. Ein alter Herr mit grauem Bart maßregelte einen jungen Mann, der immer wieder reinrief. „Können Sie sich nicht benehmen, Sie Flegel?“ Der Angesprochene konterte: „Sie können doch gehen, wenn`s ihnen nicht passt“. „Wieso, mir passt`s doch“. Darauf wieder der Junge: „Bei ihnen hat sich das bald biologisch erledigt“. Danach Schweigen. Diese scheinbar unüberbrückbaren Gräben wurden am Ende doch planiert, indem der Junge dem Alten beim Aufstehen „einen schönen Abend noch“ wünschte. Der erwiderte den Wunsch. Es könnte alles so einfach sein. So von Mann zu Mann. Oder Frau zu Frau. Oder – na, lassen wir das lieber.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

3 Kommentare zu “Ramba-Zamba ums Gender-Gaga

  1. Ich stelle fest: Dresden ist das größte Freiluft Theater der Welt geworden.

    So viel Gaga so viele TV Berichte aus Dresden täglich ,,wegen AfD etc“….und nun diese Veranstaltung ☺

    Brot und Spiele auf Sächsisch! Eine neue Moderne Touristische Attraktion – Wahnsinn!

  2. Man könnte es sich einfach machen, und sagen „Die Mutter der Dummen ist immer schwanger.“, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Das Problem ist, daß diese jungen Demokraten oder Linksaktivisten von unserer Regierungskaste befördert und gegen Bürger missbraucht werden. Aber deutsche Regierungen sind ja dafür bekannt, die Jugend zu manipulieren und für Ihre Zwecke einzusetzen. Ich kann nur empfehlen, die jungen Psychopathen mal arbeiten zu lassen, denn es sind garantiert nur Zeitgenossen die als Berufsbezeichnung „Sohn oder Tochter“ haben. Den Regierenden kann man nur empfehlen, sich schleunigst zu verzischen, denn der Mob wendet sich nach geraumer Zeit stets gegen seine Erzeuger.
    Guter Bericht lieber Biber. Gruß von Achim

  3. Prima Zustandsbeschreibung! Nichts beschönigt, nichts übertrieben. So ist es um unser Zusammenleben bestellt.

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