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Geschichten aus der Elbaue


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Kein „Heidemord“ in Magdeburg

Ein Hauch von Heidemordstimmung ging Montag

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Sachsen-Anhalt hat eine neue Regierung. Aber nach den Querelen um die Wahlen des Landtagspräsidenten und des Ministerpräsidenten dürfte es spannend werden in der Stadt an der Elbe. Foto: beaverpress

mittag durch die Republik. Die Onlinemedien überschlugen sich förmlich mit „Eilmeldungen“. „Sachsen-Anhalts designierter Ministerpräsident Reiner Haseloff scheitert im ersten Wahlgang“, so oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen. Erinnerungen wurden wach an die unselige Wahl der langjährigen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis, die 2005 von buchstäblich einer Stimme aus den eigenen Reihen am Wiedereinzug in die Kieler Staatskanzlei gehindert wurde. Nach vier Wahlgängen. Mehr ging nicht. Wahrscheinlich würden sie dort heute noch wählen, wenn die Verfassung des Landes es zuließe. Sechs Wochen später wurde ihr Kontrahent von der CDU zum Ministerpräsidenten gewählt. Fassungslos machte damals nicht nur der Fakt des Verrats, bis heute ist nicht geklärt, wer der „Heidemörder“ war, sondern auch das unheimliche Beharren der Amtsinhaberin, so lange wählen zu lassen, bis es eben wieder passt. „Pattex-Heide“ war damals noch ein anderer Begriff, der die Runde machte.Offenbarte doch dieses kindische Immer-wieder-Wählen, den unstillbaren Drang einer Berufspolitikerin, um jeden Preis den liebgewordenen Posten zu behalten. Die Möglichkeit eines ähnlichen Szenarios mag gestern kurzzeitig den Aufmerksamkeitsfokus der Medien auf Magdeburg gelenkt haben. Doch die Freunde eines erwarteten Schauspiels im Kolosseum mit Toten und Verletzen wurden enttäuscht. Im zweiten Wahlgang schaffte es Haseloff, diesmal sogar mit einer Stimme von der Opposition, also der Afd. Eine andere gibt es in dieser Konsenskoalition nicht mehr. Offenbar war die Aktion in den eigenen Reihen geplant. Haselhoff muss das gewusst oder zumindest geahnt haben. Wohl nicht rein zufällig sprach er vor der Wahl viel von Demut vor der Entscheidung der Abgeordneten. Doch denen stand der Sinn erstmal nach  Geißelung. Zumindest ein Bißchen. Das Ganze war wohl mehr als Schuss vor den Bug  geplant, es mit den afrikanischen Verhältnissen in der Koalition nicht zu toll zu treiben. Denn es brodelt unter der Oberfläche des Magdeburger Auenlandes. Das zeigte sich schon bei der Wahl des Landtagsvizepräsidenten, wo der Afd-Kandidat nicht nur glatt durchkam, sondern sogar recht komfortabel mit Stimmen aus dem Regierungslager, während der Zweite im Bunde, der Linke Gallert, fast aus dem Ring flog. Nach Lage der Dinge konnten die Stimmen nur aus der CDU gekommen sein. Dort schiebt man stillen Frust. Dass man die Macht mit den Sozis teilen muss, wird traditionsgemäß im ehemaligen Höppner-Land hingenommen. Dass aber die 5,2 Prozent-Grünen in dem Agrarland Sachsen-Anhalt ausgerechnet das Landwirtschaftsministerium bekommen, treibt viele Unionsanhänger auf die altmärkische Kiefer. „Wir haben nicht schwarz gewählt, um grün zu bekommen“, stand auf einem Banner, das Demonstranten unlängst durch Magdeburgs Straßen trugen. Vorneweg nahmhafte Vertreter der CDU-Fraktion wie die Grünen zum ihrem großen Missfallen feststellen mussten. Aber genau so ist es gekommen. Da hilft auch der beruhigende Satz wenig, dass man dieses für die CDU so wichtige Ministerium in fünf Jahren „zurückerobern “ will. In fünf Jahren können die Grünen viel Unfug anstellen, befürchtet man an der CDU-Basis. Am Ende soviel, dass er sich nicht mehr zurückdrehen lässt. Und überhaupt: Wer weiß, was in fünf Jahren ist? Da stellt vielleicht schon die AfD den Ministerpräsidenten. Aber mit dem könnte die CDU als Juniorpartner wahrscheinlich eher was anfangen, wie die letzten Wahlmanöver zeigen. Haseloff kann nun regieren. Aber so richtig Spaß dürfte es kaum machen. Die Heckenschützen haben ihre Gewehre erstmal weggepackt. Aber sie haben aufmunitioniert und lauern im Unterholz.


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Die B-Männer vor Gericht

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Figur vor dem Dresdner Gerichtsgebäude. Foto: beaverpress

Es ist ein Kreuz mit der politischen Justiz. Fast schon programmgemäß geht dabei in Deutschland  alles nach hinten los, was auf den ersten Blick so gut aussah. Wer hätte denn ahnen können als die Landespolitik in Sachsen im Herbst vorigen Jahres eine Anklage wegen Volksverhetzung gegen Pegida-Gründer Lutz Bachmann von der Leine ließ, dass sich zum Zeitpunkt des Verfahrens eine Konjunktion zweier Fälle einstellt, die so in der deutschen Justizgeschichte sicher einmalig ist. Während in Dresden Lutz Bachmann heute zum ersten Verhandlungstag erschien, liegt bei der Staatsanwaltschaft Mainz der Fall Böhmermann auf dem Tisch. Der eine hat in einer mehr oder weniger geschlossenen Facebookgruppe unspezifisch was Unschönes über Migranten, genannt Flüchtlinge, geschrieben. Der andere hat sich zur besten Sendezeit über den zweiten staatlichen Sender dieses bunten Landes  ganz explizit über die äußere Form der Hoden des türkischen Staatsoberhauptes und dessen vermutete sexuelle Präferenzen ausgelassen. Tiere und Kinder spielten dabei eine Rolle. Bachmann werden insbesondere die Worte „Viehzeug“, „Gelumpe“ und „Dreckspack“ vorgeworfen. Zumindest stilistisch spielt er damit aber in einer Liga mit Grünenchef Özdemir (Mischpoke), SPD-Chef Gabriel „Pack“ und Justizminister Maas „Schande“. Einziger Unterschied. Die Letztgenannten sitzen in Deutschland hinter einem Schreibtisch und nicht davor. Und nur darauf kommt es an, wusste schon Tucholsky. Lassen wir an dieser Stelle für einen kurzen Moment einen anderen Klassiker der deutschen Belletristik zu Wort kommen – Hans Fallada. Der beschrieb in seinen Lebenserinnerungen sehr detailreich und liebevoll die Arbeit seines Vaters, der zunächst als Richter am Berliner Kammergericht arbeitete und später ans höchste deutsche Gericht, das Reichsgericht in Leipzig, berufen wurde. Dorthin pflegte ihn seine leicht taube Schwiegermutter manchmal zu begleiten. Sie setzte sich oft als einzige Zuhörerin in den Verhandlungsaal und strickte, während die juristischen Koriphäen komplizierte Fälle in unnachahmlicher Ruhe und halblautem Austausch von Argumenten abhandelten. „In diesen leidenschaftslosen Händen sah sie das Recht gut aufgehoben“, schrieb Fallada in seinem Roman „Damals bei uns Zuhause“. Diese „leidenschaftslosen Hände“ von Juristen sollen nun im Deutschland des Jahres 2016 kitten, was die Politik schon seit Jahren nicht mehr  zusammenbringt. Man kann sich förmlich vorstellen, wie diese Hände in die Höhe gingen als die gewiss nicht leidenschaftslose Dresdner Staatsanwaltschaft mit der Bachmann-Geschichte  erschien. Laut Medienberichten sollte der Fall ursprünglich von einem Schöffengericht, also einem studierten Richter mit zwei Laienschöffen, verhandelt werden. Diese Zusammensetzung ist ein Relikt der bürgerlichen Revolution von 1848, deren Dresdner Protagonisten Namen wie Richard Wagner oder Gottfried Semper tragen. Das Schöffengericht  war so aufgeregt, dass es den Fall wegen der „besonderen Bedeutung“ ans Landgericht, also das oberste Provinzialgericht des Freistaates Sachsen, weitergab. Bleibt uns bloß mit dem Bettel bloß vom Leibe, müssen sie dort gerufen haben und reichten das Ding gleich runter in den Keller, zum Amtsgericht. Dort gehörte die Posse nach Ansicht der obersten Juristen hin. Sie ahnten wohl schon, dass außer Klamauk nicht viel dabei herauskommen werde.

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Lutz Bachmann und seine Frau Vicky erschienen vor Gericht mit selbstgebastelten Brillen, an denen ein Augenstreifen befestigt war. Quelle: Screenshot ZDF.

Und mit Klamauk ging es erwartungsgemäß am Dienstag gleich los. Knapp über 100 Pegida-Anhänger standen vor dem Gerichtsgebäude und forderten „Freiheit für Lutz“, obwohl der noch gar nicht sitzt. Lutz Bachmann, seine Frau Vicky und einige Anhänger hatten sich Brillen mit schwarzen Augenstreifen gebastelt, wie sie von der Presse immer über die Gesichter von Verbrechern gelegt werden. Selbst ein Justizbediensteter konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken als der Pegidaführer mit Entourage so den Gerichtssaal betrat.
Und dann nahm alles seinen Lauf. Mit seinen Ausdrücken („Viehzeug, Gelumpe,…“)  soll Bachmann auf Facebook das Volk verhetzt haben. Der Paragraph 130 schreibt vor, dass das „öffentlich“ erfolgen muss. Nun schrieb Bachmann diese Zeilen aber zu einer Zeit als er noch gar keine Person der Zeitgeschichte und Multiplikator der Pegida-Bewegung war. Die Öffentlichkeit will man durch die Eintragung in dem sozialen Netzwerk Facebook als gegeben ansehen. Die landläufige Vorstellung, dass da einer auf dem Roten Platz oder vorm Berliner Schloss zu Volksmassen spricht oder, je nach Klassenstandpunkt, hetzt, hat wohl in Zeiten von Smartphone und Tablet ausgedient. Das Ganze ist sehr diskussionswürdig, zumal Bachmann inzwischen sogar bestreitet, diese Worte selbst geschrieben zu haben. Viel Spaß bei der Beweisaufnahme dieses staatspolitisch brisanten Falles, möchte man rufen. Es wird sogar gemunkelt, die Bachmann-Verteidigung wolle Facebook-Obere aus Hamburg vor Gericht antanzen lassen. Für Unterhaltung ist also gesorgt. Dabei kann sich Bachmann zurücklehnen und in Ruhe seinen nächsten Gag vorbereiten. Denn als ob die leidgeprüfte sächsische Staatsregierung nicht schon genug im Rampenlicht steht und dort eine sehr unbeholfene Figur macht, kann das Publikum, wenn es in Dresden langweilig wird, in Echtzeit immer mal rüberschalten nach Mainz und schauen wie man im Türkenklötenfall singt und lacht. Bachmann steht wegen des 130igers vorm Richter, Böhmermann bald wegen des 103ers. Beides Vorschriften, um die uns die restliche Welt angesichts dieser Telenovelas sicher beneidet. Böhmermann hat immerhin Schwein, wenn man das in einem Land, zu dem der Islam gehört, noch so sagen darf. Er hat nicht das Volk verhetzt. Aber er hat sich bei der „Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes“ ausgerechnet den türkischen Präsidenten ausgesucht, was auch nicht ohne ist in diesen Zeiten. Vom Kaliber also in etwa gleichwertig.  Nur, dass Böhmermann vom größten Teil des Medien- und Kunstbetriebes im schlimmsten Fall die Bemmen für den Knast geschmiert bekommt, während man Bachmann hängen sehen will. Es wird in beiden Fällen nicht zum Äußersten kommen. In der sächsischen Staatskanzlei wird man froh sein, wenn die drei Verhandlungstage in Dresden ohne großen Zirkus über die Bühne gehen. Denn immer kann man nicht die GSG 9 zur Ablenkung ausrücken lassen, um einem 18-Jährigen die Polenböller wegzunehmen. Vielleicht ist gerade die Überschneidung der Fälle und ihre zeitgleiche mediale Behandlung endlich der Anlass, politische Probleme mit Politik zu lösen und nicht über den Verschiebebahnhof der Justiz. Aber erst stehen noch zwei Vorstellungen, pardon, Verhandlungstage an.

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Pegida-Anhänger demonstrierten vor dem Gericht. Foto: beaverpress


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Politische Stauwehre

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Postkarte aus dem Jahr 1922.

Schauen wir an dieser Stelle nochmal in die Stadt am Mittellauf der Elbe, Magdeburg. In dieser Woche geisterte die Meldung durch den Hörfunk, dass hier die Wahl des Landtagspräsidenten und seiner Stellvertreter anstand. Traditionsgemäß steht der Vizeposten immer der zweitstärksten Fraktion zu, war zu hören. Das ist seit den Iden des diesjährigen  März aber fatalerweise die AfD. Wen wunderte es, dass unverzüglich die Diskussion aufgemacht wurde, ob so ein kleines und strukturschwaches Bundesland überhaupt zwei Stellvertreter des Landtagspräsidenten brauche. Einer reicht doch auch, stellte man im Jahre 26 nach der Wende fest. Und dafür galt der Kandidat schon ausgemacht, der bisherige Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Wulf Gallert. Den Hörern im MDR-Sendegebiet menschelnd vorgestellte als einer, der seit 22 Jahren im Landesparlament „Politik macht“. In all den Jahren war die Zahl der Präsidenten-Stellvertreter komischerweise kein Thema gewesen. Doch diesmal passierte Gallert nach dem Wahlschlappe vom 13. März fast noch sein ganz persönliches Debakel. Denn wider Erwarten ging der Kandidat der AfD sogar mit 21 Stimmen aus anderen Fraktionen aus dem Rennen und damit sicher auf den Platz des Vizepräsidenten, während Gallert im ersten Wahlgang durchfiel. Unnötig zu erwähnen, dass die Linke vor der Abstimmung eine Unterstützung des AfD-Kandidaten kategorisch ausgeschlossen hatte. Spätestens jetzt wäre doch eine gute Gelegenheit gewesen, „im Sinne des Landes“ zu handeln und auf den zweiten Vizeposten zu verzichten. Naja, soweit wollte man das Sparen dann wohl doch nicht treiben, wo der AfD-Mann nicht zu verhindern war. Erst ein „ernstes Gespräch“ des designierten Ministerpräsidenten mit den Fraktionsvorsitzenden wie es die Presse kolportierte, sorgte dann für die nötigen Mehrheiten und Gallerts Altersruhesitz als Dritter Mann im Landtagspräsidium. Natürlich setzte sofort danach das mediale Geschrei ein, die CDU-Mitglieder hätten heimlich AfD gewählt, was nicht ganz abwegig scheint. Der Vorgang zeigt aber nur eins: Die ohnehin wacklige Konstruktion der Regierungskoalition aus CDU, Rest-SPD und einem homöopathischen Schuss Grünen steht auf schwankendem Grund. Man muss wohl kein großer Demoskop sein, um zu behaupten, dass gerade diese Koalition der Verlierer nicht Ausdruck des Wählerwillens ist, wer das Land in den nächsten fünf Jahren führen soll. Nach Thüringen etabliert sich hier eine zweite Regierung deren unausgesprochenes Hauptanliegen es ist, die AfD zu verhindern. Auch hier ist im Grund die Schwäche der CDU die Ursache für das Erstarken der AfD und Regierung von Minderheiten über die Mehrzahl der Einwohner, die mit ihrem Kreuz eigentlich eine bürgerliche Mehrheit gewählt haben.  Und das wird offenbar auch in Teilen der CDU so gesehen, weshalb man solche anonymen Gelegenheiten für Tritte unterm Tisch nutzt.

Sachsen-Anhalt ist aber in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Hier gibt es noch knorrige „DDR-Typen“ wie den Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper. Der warf im vergangenen Jahr sein SPD-Mitgliedsbuch hin, weil ihm die Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag verbieten wollte, in der Migrationsfrage Tacheles zu reden. Ministerpräsident Rainer Haseloff von der CDU wiederum war der Einzige, der trotz, dass er die Wahl im März gewonnen hatte, im Fernsehen ein Gesicht zog wie sieben Tage Regenwetter, während sich eine Julia Klöckner oder der kleine Kabarettist von der CDU in Baden-Württemberg angesichts ihrer Wahlniederlagen vor Freude kaum noch einzukriegen schienen. Diesen alten DDR-Typen ist dieses aufgesetzte Getue einfach wesensfremd. Sie wissen wie es ausgeht, wenn allzu lange behauptet und vor allem danach gehandelt wird, zwei mal zwei sei fünf. Und sie wissen das nicht aus Büchern, sondern sie waren dabei. Ihren Kollegen im Westen steht diese Erfahrung noch bevor. Dementsprechend auch der Gesichtsausdruck Haseloffs. In Berlin bei der CDU favorisiert man dieses Bündnis, arbeitet stillschweigend und zum Entsetzen der SPD längst auf Schwarz-Grün hin. Im Verbund gegen die AfD ist jedes Mittel recht, auch die nationale Front bisher eher konzeptionell unverträglicher Parteien.  Und die ersten Wochen nach der Wahl zeigten bereits, warum Haseloff so gequält guckte. Die Grünen, die am 13. März mit 5,2 Prozent überm Durst gerade so den Einzug ins Parlament schafften, treten nun genauso auf, wie ein Kind, dass die Mutter in eine Runde anderer Kinder gestellt hat mit der Maßgabe an alle: Wehe ihr spielt nicht mit ihm. Die Diskussion um die Bildungspläne hat das bereits eindrucksvoll gezeigt. Der Streit wurde notdürftig übertüncht. Die AfD kann sich zurücklehnen und das Schauspiel genießen. Mit der stillen Drohung im Rücken, die Koalition aufzukündigen und das Land damit in die Unregierbarkeit driften zu lassen, sind die Grünen in Magdeburg nun in einer ähnlichen Lage im Kleinen, wie der türkische Präsident gegenüber Bundeskanzlerin Merkel im Großen. Das Abstimmungsergebnis in der Sache Gallert dürfte damit auch ein Warnschuss der CDU-Fraktion für die eigenen Reihen gewesen sein, es nicht zu übertreiben mit der Anbiederei. Dass der Schwanz in Gestalt der Grünen hier mit dem Hund wackelt, ist ihnen klar. Die Frage ist, wie lange es sich die Altmärker und Bördeländer, die mehrheitlich CDU wählten,  bieten lassen. Der Süden des Landes, insbesondere der Burgenlandkreis  ist sowieso schon fest in AfD-Hand. Vielleicht liegts ja am Wasser? Von Süden her wälzt sich die Elbe an Magdeburg vorbei durchs Land Richtung Norden. Und am Oberlauf liegt die Pegida-Haupstadt Dresden mit Frauke Petry als Loreley der Bundes-AfD am Dresdner Terrassenufer. Schon in Sachsen sind da so einige Politschiffer am Altstädter Ufer gestrandet. Aus dem Thüringischen Höckeland mündet dazu noch die Saale bei Barby in Sachsen-Anhalt in die Elbe. Petry erreichte im Herbst 2014 9,7 Prozent. Höcke schaffte in Thüringen 10,6 Prozent. Die Magdeburger 24,3 Prozent. Was könnten Verschwörungstheoretiker aus diesen Fakten machen? Sollte sich Hamburg um Stauwehre kümmern? Bisher tat man das im übertragenen Sinn mit den Sorgen der Wähler. Wozu es führt, lässt sich am politischen Flusslauf der Elbe gut studieren.

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Dialog mit Bremse und Stoppuhr

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Beim nächsten Mal wird es wohl noch mehr leere Plätze geben beim Kreuzkirchengespräch, sollte kein besserer Modus für die Beteiligung der Bürger gefunden werden. Foto: beaverpress

Die Veranstaltungsreihe „Wie geht es weiter in Dresden“, bekannt auch als Kreuzkirchendialog, ist inzwischen auch da angekommen, wo bereits zahlreiche ähnliche Formate des Bürgerdialogs in Sachsen gelandet sind. Man spürt das Bemühen, den Unmut der Straße möglichst zu kanalisieren und dann temperiert einzuschläfern. Besonders deutlich wurde das am Donnerstag zur nunmehr vierten Veranstaltung dieser Art. Das Thema lautete „Muslime in unserer Stadt“. Eingeladen waren Referenten, die über den Islam referierten. Und das nicht zu knapp. Weit über die Hälfte der auf zwei Stunden veranschlagten Zusammenkunft war ausgefüllt mit Vorträgen über den Islam im Allgemeinen und Besonderen. Danach folgte die so genannte „Murmelphase“, in der man den Anwesenden wie im Kindergarten Zeit gibt, das angestaute Redebedürfnis abzubauen. Nach Orgeleinspielung verkündete dann ein Mitarbeiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in pastoral-schulmeisterlichen Ton und aufreizend langsam die Regularien für die anschließenden Wortmeldungen aus dem Publikum. Zehn Minuten brauchte er allein für diesen Akt. Als er umständlich endete war es bereits 20.15 Uhr. Bis zum angekündigten Ende 20.45 Uhr blieb also exakt eine halbe Stunde für den „Bürgerdialog“. Die Redezeit der einzelnen Sprecher wurde darüber hinaus von bisher drei Minuten auf 1.30 reduziert. In schönster DDR-Manier erklärte der junge Landeszentralenmitarbeiter den „lieben Damen und Herren“, dass das nur dazu diene, mehr Menschen zu Wort kommen zu lassen und diese Idee nicht von ihm stamme, sondern auf schriftliche Anregungen aus den Reihen der Bürger selbst zurückgehe. Nicht alle wollten sich diese Bevormundung gefallen lassen. Er erhebe schärfsten Protest gegen die Art und Weise der Durchführung dieser Veranstaltung, sagte ein Dresdner. Es könne nicht sein, dass hier erst mehrere lange Vorträge zum Islam gehalten werden, ohne dass Vertreter einer Gegenposition in gleicher Länge und Ausführlichkeit zu Wort kämen. Er machte darauf aufmerksam, dass just zur gleichen Zeit der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad in Dresden spreche. „Der würde ihnen was anderes über den Islam erzählen“, so der Dresdner aufgebracht. Aber das sei bewusst so gewollt, dass der hier nicht eingeladen werde. Er fragte konkret, wie ständig von der Integration der vielen jungen Männer geredet werden könne, wenn diese sich laut dem Koran nicht mal mit Menschen anderen Glaubens anfreunden dürften. Dazu zitierte er eine entsprechende Koranstelle. Ein Diskutant führte knapp aus: „Das Christentum 2016 ist barmherzig. Kann das der Islam 2016 auch für sich in Anspruch nehmen?“

Der Tenor der Islam-Vertreter war in der Tat so wie man ihn aus den sonstigen offiziellen Verlautbarungen kennt. „Zentral durchgestellt“, würde der gelernte DDR-Bürger sagen und schmunzeln. Der Islam sei eine friedliche Religion, werde missbraucht und falsch ausgelegt,  so ein Vertreter.  Die jüngsten Terroranschläge seien dieser Religion „völlig wesensfremd“.  Damit spielte er unfreiwillig Spöttern wie dem Journalisten Hendrik M. Broder in die Hände, die stets davon sprechen, dass der Islam dieser Logik zufolge die am meisten missverstandene Religion sei. Die Muslime in Dresden seien integriert und sähen keinen Grund, warum sie sich ständig rechtfertigen müssten, hieß es weiter. Auch würden Sunniten und Schiiten hier gemeinsam ohne Streit in einer Moschee beten, war auf den Einwand eines Dresdners zu hören, der angemerkt hatte, dass sich die Muslime ja auch untereinander bekämpfen würden. Interessant war das implizite Eingeständnis, dass mit der muslimisch dominierten Massenmigration mehrheitlich junger Männer doch Gefahren für Leib und Gut der einheimischen Bevölkerung einhergingen. Auch die hier seit langem lebenden Muslime fühlten sich bedroht, bei ihren Wegen durch die Stadt, sagte einer der offiziellen Vertreter. Eine Dresdnerin hatte die wolkigen Wohlfühlblasen der eloquenten Religions- und Welterklärer mit den Worten zum Platzen gebracht, sie sei gerade vom Rundkino über die Prager Straße zur Kreuzkirche gelaufen. Dort lägen zerschlagene Bierflaschen und sie sei auf ihrem Weg „angemacht“ worden. Ein Vertreter der integrierten Muslime, ein junger Mann mit akzentfreiem Deutsch, sagte, dass auch er diese Blicke wahrnehme, mit denen ihm Einheimische begegneten. Sie sähen in ihm einen Vertreter dieser jungen, männlichen Straftäter, wie sie beispielsweise den Wiener Platz zu Dutzenden belagerten. Ein haarspalterischer Diskurs über das Kopftuch entbrannte bei den Ausführungen eines der offiziellen Vertreter des Islams, die zwischendurch immer mal auf Bürgerfragen antworteten. Es ging um den Fall einer muslimischen Schülerin, der das Tragen des Kopftuches in der Schule verwehrt worden sei. In atemberaubender Argumentationsumkehr sagte der Islamvertreter, so werde im Prinzip in Deutschland dasselbe gemacht wie im Iran. Dort würden die Frauen gezwungen Kopftuch zu tragen, hier verwehre man ihnen die Ausübung ihrer Religion. Das blieb nicht ohne Widerspruch. Integration beginne nun mal mit dem Abnehmen des Kopftuches, meinte ein Dresdner. Ein junger Mann, vom Habitus mit bunter Jacke und Piratenkopftuch optisch eher im linksalternativen Spektrum angesiedelt, rief aufgebracht: „Hier darfst Du auch nicht mit einer Naziflagge rumlaufen“. Der Beitrag des „Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche“ reihte sich nahtlos ein in die Hitparade der Relativierung. Er bemühte das Beispiel des Dreißigjährigen Krieges für  kriegerische politische Auseinandersetzungen, die religiös motiviert waren. Ein Glück, dass es damals noch keine Schnellfeuergewehre, Atomwaffen und den Flugverkehr gab, möchte man da sagen. Nicht auszudenken, was das Christentum dann angestellt hätte. Passend zum Niveau der Beiträge fiel auf, dass auch der kirchliche Rahmen selbst nicht mehr vor einer Profanisierung schützt. Mitten im Kirchenschiff setzte ein Zuhörer immer mal gut sichtbar seine Thermoskanne an die Lippen und nahm einen Schluck von was auch immer aus der Pulle. Auch ein anderer junger Mann hatte eine 1,5-Liter-Plastik-Wasserflasche griffbereit auf der Kirchenbank.  Auf dieses Benehmen in einem Sakralbau angesprochen, zuckte eine  Mitarbeiterin der Kirche nur ratlos mit den Schultern und lächelte entschuldigend. Was solle man machen? Man wolle in der aufgeheizten Stimmung nicht noch über sowas streiten. Immerhin sei das hier keine liturgische Veranstaltung, weshalb man über dieses Betragen hinwegsehe. Interessant wäre in diesem Zusammenhang die Antwort auf die Frage wie das in einer Moschee gehandhabt würde?

Fazit des Ganzen: Im Osten nichts Neues. Es stellt sich die Frage, wie lange man sich noch in diesen mehr oder weniger gut geführten Spiegelfechtwettbewerben duellieren will. Eine Dresdnerin forderte gleich darum gleich zweimal das Auftreten von Entscheidungsträgern, nicht nur des Dresdner Oberbürgermeisters. „Der Herr Tillich soll sich gefälligst hier her scheren und seinem Volk Rede und Antwort stehen“. Aber danach sieht es nicht aus. Und so dürften sich die Reihen beim nächsten Kreuzkirchengespräch weiter lichten. Es sind noch zwei Veranstaltungen in Planung. Aber eigentlich ist alles gesagt. Inzwischen auch von jedem. Von manchen sogar zweimal.