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Geschichten aus der Elbaue

Dialog mit Bremse und Stoppuhr

Ein Kommentar

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Beim nächsten Mal wird es wohl noch mehr leere Plätze geben beim Kreuzkirchengespräch, sollte kein besserer Modus für die Beteiligung der Bürger gefunden werden. Foto: beaverpress

Die Veranstaltungsreihe „Wie geht es weiter in Dresden“, bekannt auch als Kreuzkirchendialog, ist inzwischen auch da angekommen, wo bereits zahlreiche ähnliche Formate des Bürgerdialogs in Sachsen gelandet sind. Man spürt das Bemühen, den Unmut der Straße möglichst zu kanalisieren und dann temperiert einzuschläfern. Besonders deutlich wurde das am Donnerstag zur nunmehr vierten Veranstaltung dieser Art. Das Thema lautete „Muslime in unserer Stadt“. Eingeladen waren Referenten, die über den Islam referierten. Und das nicht zu knapp. Weit über die Hälfte der auf zwei Stunden veranschlagten Zusammenkunft war ausgefüllt mit Vorträgen über den Islam im Allgemeinen und Besonderen. Danach folgte die so genannte „Murmelphase“, in der man den Anwesenden wie im Kindergarten Zeit gibt, das angestaute Redebedürfnis abzubauen. Nach Orgeleinspielung verkündete dann ein Mitarbeiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in pastoral-schulmeisterlichen Ton und aufreizend langsam die Regularien für die anschließenden Wortmeldungen aus dem Publikum. Zehn Minuten brauchte er allein für diesen Akt. Als er umständlich endete war es bereits 20.15 Uhr. Bis zum angekündigten Ende 20.45 Uhr blieb also exakt eine halbe Stunde für den „Bürgerdialog“. Die Redezeit der einzelnen Sprecher wurde darüber hinaus von bisher drei Minuten auf 1.30 reduziert. In schönster DDR-Manier erklärte der junge Landeszentralenmitarbeiter den „lieben Damen und Herren“, dass das nur dazu diene, mehr Menschen zu Wort kommen zu lassen und diese Idee nicht von ihm stamme, sondern auf schriftliche Anregungen aus den Reihen der Bürger selbst zurückgehe. Nicht alle wollten sich diese Bevormundung gefallen lassen. Er erhebe schärfsten Protest gegen die Art und Weise der Durchführung dieser Veranstaltung, sagte ein Dresdner. Es könne nicht sein, dass hier erst mehrere lange Vorträge zum Islam gehalten werden, ohne dass Vertreter einer Gegenposition in gleicher Länge und Ausführlichkeit zu Wort kämen. Er machte darauf aufmerksam, dass just zur gleichen Zeit der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad in Dresden spreche. „Der würde ihnen was anderes über den Islam erzählen“, so der Dresdner aufgebracht. Aber das sei bewusst so gewollt, dass der hier nicht eingeladen werde. Er fragte konkret, wie ständig von der Integration der vielen jungen Männer geredet werden könne, wenn diese sich laut dem Koran nicht mal mit Menschen anderen Glaubens anfreunden dürften. Dazu zitierte er eine entsprechende Koranstelle. Ein Diskutant führte knapp aus: „Das Christentum 2016 ist barmherzig. Kann das der Islam 2016 auch für sich in Anspruch nehmen?“

Der Tenor der Islam-Vertreter war in der Tat so wie man ihn aus den sonstigen offiziellen Verlautbarungen kennt. „Zentral durchgestellt“, würde der gelernte DDR-Bürger sagen und schmunzeln. Der Islam sei eine friedliche Religion, werde missbraucht und falsch ausgelegt,  so ein Vertreter.  Die jüngsten Terroranschläge seien dieser Religion „völlig wesensfremd“.  Damit spielte er unfreiwillig Spöttern wie dem Journalisten Hendrik M. Broder in die Hände, die stets davon sprechen, dass der Islam dieser Logik zufolge die am meisten missverstandene Religion sei. Die Muslime in Dresden seien integriert und sähen keinen Grund, warum sie sich ständig rechtfertigen müssten, hieß es weiter. Auch würden Sunniten und Schiiten hier gemeinsam ohne Streit in einer Moschee beten, war auf den Einwand eines Dresdners zu hören, der angemerkt hatte, dass sich die Muslime ja auch untereinander bekämpfen würden. Interessant war das implizite Eingeständnis, dass mit der muslimisch dominierten Massenmigration mehrheitlich junger Männer doch Gefahren für Leib und Gut der einheimischen Bevölkerung einhergingen. Auch die hier seit langem lebenden Muslime fühlten sich bedroht, bei ihren Wegen durch die Stadt, sagte einer der offiziellen Vertreter. Eine Dresdnerin hatte die wolkigen Wohlfühlblasen der eloquenten Religions- und Welterklärer mit den Worten zum Platzen gebracht, sie sei gerade vom Rundkino über die Prager Straße zur Kreuzkirche gelaufen. Dort lägen zerschlagene Bierflaschen und sie sei auf ihrem Weg „angemacht“ worden. Ein Vertreter der integrierten Muslime, ein junger Mann mit akzentfreiem Deutsch, sagte, dass auch er diese Blicke wahrnehme, mit denen ihm Einheimische begegneten. Sie sähen in ihm einen Vertreter dieser jungen, männlichen Straftäter, wie sie beispielsweise den Wiener Platz zu Dutzenden belagerten. Ein haarspalterischer Diskurs über das Kopftuch entbrannte bei den Ausführungen eines der offiziellen Vertreter des Islams, die zwischendurch immer mal auf Bürgerfragen antworteten. Es ging um den Fall einer muslimischen Schülerin, der das Tragen des Kopftuches in der Schule verwehrt worden sei. In atemberaubender Argumentationsumkehr sagte der Islamvertreter, so werde im Prinzip in Deutschland dasselbe gemacht wie im Iran. Dort würden die Frauen gezwungen Kopftuch zu tragen, hier verwehre man ihnen die Ausübung ihrer Religion. Das blieb nicht ohne Widerspruch. Integration beginne nun mal mit dem Abnehmen des Kopftuches, meinte ein Dresdner. Ein junger Mann, vom Habitus mit bunter Jacke und Piratenkopftuch optisch eher im linksalternativen Spektrum angesiedelt, rief aufgebracht: „Hier darfst Du auch nicht mit einer Naziflagge rumlaufen“. Der Beitrag des „Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche“ reihte sich nahtlos ein in die Hitparade der Relativierung. Er bemühte das Beispiel des Dreißigjährigen Krieges für  kriegerische politische Auseinandersetzungen, die religiös motiviert waren. Ein Glück, dass es damals noch keine Schnellfeuergewehre, Atomwaffen und den Flugverkehr gab, möchte man da sagen. Nicht auszudenken, was das Christentum dann angestellt hätte. Passend zum Niveau der Beiträge fiel auf, dass auch der kirchliche Rahmen selbst nicht mehr vor einer Profanisierung schützt. Mitten im Kirchenschiff setzte ein Zuhörer immer mal gut sichtbar seine Thermoskanne an die Lippen und nahm einen Schluck von was auch immer aus der Pulle. Auch ein anderer junger Mann hatte eine 1,5-Liter-Plastik-Wasserflasche griffbereit auf der Kirchenbank.  Auf dieses Benehmen in einem Sakralbau angesprochen, zuckte eine  Mitarbeiterin der Kirche nur ratlos mit den Schultern und lächelte entschuldigend. Was solle man machen? Man wolle in der aufgeheizten Stimmung nicht noch über sowas streiten. Immerhin sei das hier keine liturgische Veranstaltung, weshalb man über dieses Betragen hinwegsehe. Interessant wäre in diesem Zusammenhang die Antwort auf die Frage wie das in einer Moschee gehandhabt würde?

Fazit des Ganzen: Im Osten nichts Neues. Es stellt sich die Frage, wie lange man sich noch in diesen mehr oder weniger gut geführten Spiegelfechtwettbewerben duellieren will. Eine Dresdnerin forderte gleich darum gleich zweimal das Auftreten von Entscheidungsträgern, nicht nur des Dresdner Oberbürgermeisters. „Der Herr Tillich soll sich gefälligst hier her scheren und seinem Volk Rede und Antwort stehen“. Aber danach sieht es nicht aus. Und so dürften sich die Reihen beim nächsten Kreuzkirchengespräch weiter lichten. Es sind noch zwei Veranstaltungen in Planung. Aber eigentlich ist alles gesagt. Inzwischen auch von jedem. Von manchen sogar zweimal.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Dialog mit Bremse und Stoppuhr

  1. Laber, laber, bla,bla bla, immer schön am Thema vorbei. Bewundernswert, wie geduldig Du derartige Veranstaltungen über Dich ergehen lässt. Im vergangenen Jahr waren wir, ohne „offizielle“ Redner, bei Frank Richter schon ein ganzes Stück weiter. Viele Leute beweisen immer wieder, das Intelligenz nicht mit Bildung nicht zu tun hat.

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