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Geschichten aus der Elbaue


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Er ist wieder da

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Akif Pirincci (l.) gemeinsam mit seinem Verleger Götz Kubitschek bei der Lesung aus „Umvolkung“ in Schnellroda. Foto. beaverpress

Da sitzt er nun. Akif Pirincci, der sich den Titel „Skandalautor“ redlich verdient hat. Ausgerechnet im Saal der Gastsstätte mit dem Namen „Zum Schäfchen“ in Schnellroda,  im anhaltinischen Süden. Der hier ansässige Antaios-Verlag hat dem „Wuttürken“ verlegerisches Exil angeboten. Nach dem heißen Herbst und seiner missglückten Pegidarede, die von sehr vielen Qualitätsmedien wohlwollend falsch interpretiert wurde, war er erstmal abgetaucht. Er verfiel der Feme des deutschen Buchhandels und seiner Grossisten. Ein ganz tapferer Buchhändler lud mit billigem Mut gar zum öffentlichen Schreddern seiner Bücher ein. Streichhölzer waren wohl gerade nicht zur Hand. Er selbst bezeichnet den Umgang mit sich als „totalitär“. Ob das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden sich seines Falles schon angenommen hat, ist nicht bekannt. Lohnend wäre es.  Am meisten gekränkt habe ihn, dass sein „Verschiss“ nicht von den Verlagen selbst ausging, sondern, dass Kollegen darauf bestanden und die Verlage vor dem gutmenschlichen Furor einknickten. Natürlich hat er nicht gesagt, dass man Flüchtlinge ins KZ stecken soll. Wer in Dresden zuhörte oder sich die Rede auf youtube ansah, konnte nicht einen Augenblick auf diese krude Interpretation kommen. Er hatte Bezug genommen auf einen hessischen Provinzpolitiker, der auf einer Bürgerversammlung den Anwesenden die Auswanderung empfohlen hatte, wenn sie mit der gegenwärtigen Einwanderungspolitik nicht einverstanden seien. Pirincci hatte überspitzt draufgesetzt, dass KZ´s für Regierungskritiker eben leider geschlossen seien.

Inzwischen hat er über seinen Anwalt so ziemlich jedes Medium auf Unterlassung verklagt, dessen er habhaft werden konnte. Dennoch. Das Stigma wirkt. Irgendwie bleibt er der, der im „Zusammenhang mit Flüchtlingen von KZ`s gesprochen hat“ wie die meisten Medien geschickt titelten. Inzwischen kann man seine Bücher über Zweitanbieter bei Amazon wieder bestellen. Und natürlich bei Antaios. Und Pirincci wäre nicht Pirincci wenn er nicht lustvoll Öl nachgießen würde. „Umvolkung“ heißt sein neuestes Buch. Es ist mit dem kleinen A-5-Format eher ein Büchlein. Früher nannte man so etwas ein Traktat oder eine Flugschrift. Im mitteldeutschen Kulturraum hat so etwas Tradition. Legendär sind beispielsweise die Flugschriften, in denen sich Luther im nahen Wittenberg mit seinem Kontrahenten Eck von der Leipziger Universität duellierte, was schließlich in der gleichnamigen Disputation gipfelte. Das war vor rund 500 Jahren. Zeigt aber: Der Süden Anhalts war schon immer politisch eine „heiße“ Ecke.

Umvolkung ist natürlich ein schlimmes Wort wie des derer so viele gibt in Deutschland, weil sie ihren  Ursprung in den bösen 12 Jahren haben. Vergleichbar etwa mit Autobahn („geht gar nicht“ – Johannes Baptist Kerner) oder Volkswagen. Die Nationalsozialisten gebrauchten es im Zusammenhang mit den Völkerverschiebungen aus dem Baltikum und Bessarabien nach dem Hitler-Stalin-Pakt und der Neuansiedlung von Deutschen im Warthegau und Westpreussen, wo man zuvor die polnischstämmige Bevölkerung vertrieben hatte. Pirincci, der inzwischen so etwas wie einen Ruf als Deutschlands oberster Provokateur zu verteidigen hat, wusste also, warum er diesen und genau diesen Begriff als Titel für sein Buch verwendete. Er beschreibt es mit seinen Worten, wenn „1,5 Millionen, keiner weiß ja genau wie viele es wirklich sind, einfach mitten in ein Land geklatscht werden“.

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Ganz ohne Katzen geht es nicht bei einem Autor, der mit Katzenkrimis berühmt wurde. Schon gar nicht bei einer Lesung auf dem Dorf, wenn sich ein solches Tier in den Saal schleicht. Foto: beaverpress

Und dabei störe vor allem die Herkunft. Nämlich, dass es ausgerechnet die unserer Kultur am fremdesten sind, die jetzt in Massen ins Land gelassen werden. Besonders die Frauen mit Kopftuch störten seine Alltagsästhetik. Neulich habe er sogar ein Baby im Kinderwagen mit Kopftuch gesehen. „Ich weiß  nicht, vielleicht kommen die so zur Welt“, fragt Pirincci und bringt den Saal zum Lachen. Auch sein Satz über die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge, von denen zwar einige schon weiße Haare hätten, aber trotzdem als Kinder behandelt werden, steigert die Heiterkeit. Wie überhaupt deutlich wird: Pirincci ist ein wacher Beobachter des Zeitgeschehens und pointierter Schreiber, aber ein großer Redner oder Vorleser ist er nicht. Aber seine von vielen als zwar treffend, aber irgendwie abstoßend empfundene Fäkalsprache, mit der er in „Deutschland von Sinnen“ die Kritik irritierte und die Verkaufslisten stürmte, ist wahrscheinlich nur der Schutzpanzer einer empfindsamen Seele, die vor Schmerz schreit in diesen Zeiten. Fast schüchtern lässt er sich in Schnellroda zur Zigarette draußen vor dem Gasthof einladen, macht jedes Selfie mit, signiert Bücher. Als sich eine Dorfkatze in den Saal verirrt, wird diese ihm, dem „Katzenautor“,  wie selbstverständlich gereicht und er schmust mit dem Katzentier. Richtig unterhaltsam und prägnant wird er, wenn er frei spricht wie nach seinem Lesepart im Zwiegespräch mit Verlegerfrau Ellen Kositza, während Verlegergatte Götz Kubitschek  aufmerksam für Weißweinnachschub sorgt. Wie es ihm denn persönlich ergangen sei nach dem Boykott seiner Bücher und seiner quasi Ausradierung als deutscher Schriftsteller?, will Kositza wissen. Pirincci schildert halb pantomimeartig eine Szene als er im Supermarkt in der Kassenschlange gestanden habe. Mit fast tonloser Stimme habe hinter ihm jemand geflüstert: „Machen sie weiter, machen sie weiter“. Er habe sich rumgedreht und gefragt, warum derjenige so leise rede. Dabei senkt er die Stimme und bewegt nur noch den Kiefer, um zu verdeutlichen wie der ängstliche Unterstützer auf imaginäre Feinde verwies. Viele Zuhörer in dem fast vollen Saal lachen befreit mit. Natürlich gäbe es auch die andere Seite. Als er in einem Kaffee gesessen habe, hätte eine  ältere Dame ihm im Vorbeigehen „Nazi“ zugeraunt. Ihm, dem Türken. Er schüttelt den Kopf. Auf dem Höhepunkt der Hysterie um seine fehlinterpretierte Pegidarede habe ihm ein junger Mann Cola über den Kopf gegossen. Und das sei ausgerechnet ein blauäugiger Jüngling wie aus einem „Germanenlexikon“ gewesen, so Pirincci. Was ihn bei der Cola-Attacke am meisten irritierte, sei das schnelle und feige Wegrennen des „Attentäters“ gewesen. „Ich bin 57 Jahre alt“, sagte Princci verschmitzt in das schon zum Lachen ansetzende Publikum. „Was hat der gedacht? Dass ich hinter ihm herrenne oder was?“ Zu seiner wilden Zeit hätte man sich hingestellt und gesagt: „Eh, Alter, ich hab´ dir Cola über´n Kopp geschüttet, verklag mich doch, wenn du dich traust“. Der Saal tobt.

Ellen Kositza lenkte das Gespräch wieder auf ernste Aspekte. Ob denn die türkische Community als Verbündete im Widerstand gegen die Überfremdung gesehen werden könnte, fragt sie. Pirincci scheint die Frage nicht ganz verstanden zu haben. Was er so höre, finden es die ansässigen Türken einfach „zum Kotzen, was da jetzt ins Land kommt“. Andererseits seien die meisten Türken natürlich ausgemachte Nationalisten, deren Loyalität zuerst ihrer Heimat gelte, auch wenn sie da nicht leben wollten. Wie schon Thilo Sarrazin, der Anfang Mai in Dresden aus seinem neuen Buch mit dem Schwerpunkt Migrationskrise las, wurde auch Pirincci gefragt, welche Lösung er denn für das Problem der ungesteuerten Zuwanderung sähe. Das, was der Vulgärkritiker rät, hat zumindest mehr ernsthaften Gehalt, als das, was sein distinguierter Kollege in Dresden zum Besten gab. Wobei sich die Endaussage seines Buches noch mit der in Sarrazins Werk (Geist und Geld werden sich davonmachen) deckt. Auch Pirincci sieht einen Exodus gut ausgebildeter und beweglicher Deutscher ins Ausland heraufdämmern. Seine Lösungsansätze, die er im Gespräch äußert, klingen um Längen pragmatischer als Sarrazins Idee mit den Militärtransportflugzeugen, die abgelehnte Migranten wieder im Niger aussetzen.  „Jeder kann kommen“, so Pirinccis Kredo. „Aber es gibt kein Geld bloß für die Anwesenheit. Um Arbeit und Wohnung muss sich jeder selber kümmern.“

Am Rande der Lesung kündigte Princci an, dass bei Antaios demnächst eine Autobiographie erscheinen soll.


 

 

 

 


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Sarrazin schafft sich ab

eisterPolizeiautos vor der Tür und streng schauende Security-Männer sind inzwischen so etwas wie ein Gütesiegel, dass im Inneren eines so bewachten Gebäudes

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Thilo Sarrazin kurz vorm Betreten der Bühne im Dresdner Quality Hotel Plaza. Im Gegensatz zu früheren Auftritten in der Stadt blieben viele Plätze leer. Foto: beaverpress

eine spannende Veranstaltung stattfindet. So wie am Mittwoch in Dresden als im Quality Hotel Plaza der Skandalautor der letzten Jahre schlechthin erwartet wurde – Thilo Sarrazin. Er ist derzeit auf Tour mit seinem neuesten Buch „Wunschdenken“. Untertitel: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert. Im Grunde sind alle seine Bücher die unausgesprochene Fortsetzung seines Millionensellers „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010. Von dem machte im letzten Jahr das Bonmot die Runde, es sei als Warnung gedacht gewesen und nicht als Handlungsanweisung. Doch genau so schien es vielen, die im Herbst des Jahres fassungslos auf die Bildschirme starrten und zeitversetzt erleben mussten wie in ihrer Nachbarschaft Turnhalle auf Turnhalle sich mit fremden Menschen füllte, die in den Medien pauschal als „Flüchtlinge“ bezeichnet wurden. Erwartungsgemäß nimmt das Thema Einwanderung in Sarrazins Buch breiten Raum ein. Doch das Interesse der Leser an Analyse scheint durch die überholende Wirklichkeit geschwunden zu sein. Füllte Sarrazin Anfang 2011 noch locker eine Messehalle in Dresden, blieb diesmal gut ein Drittel der Sitze in dem stilvoll renovierten einstigen Ballsaal des Hotels leer. Und man kann es kurz machen. Was Kompanien von Schreibern und unzähligen politischen Gegner des Autors in den letzten fünf Jahren nicht hinbekamen, erledigt der Meister gerade selbst: Sarrazin schafft sich ab. In Dresden optisch gut sichtbar. Begrüßte der der Saal den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Bundesbanker fast geschlossen mit stehenden Ovationen, war es am Ende der Veranstaltung nur noch eine Handvoll, die dem Autor auf diese Weise huldigte. Gerade die Fragerunde zeigte: Man hatte sich von ihm Hilfe, Zuspruch und Wegweisung erwartet. Gerade er, der Ruhige, der Grübler, der Statistikverliebte ist so etwas wie der Messias der Zweifler in diesem Land.  Wer, wenn nicht er, müsste jetzt wissen, was zu tun ist. Doch gerade hier wurde überdeutlich, ein Sarrazin betreibt Schreibarbeit nur um seiner selbst willen. Das Lob und der frenetische Beifall des Pöbels ist ihm wahrscheinlich mehr als peinlich. Und dann erst die Fragen, die diese Menschen in karierten Hemden und Cordhosen stellen. Quälende vier Mal antwortete er auf die Frage eines Dresdners, was er denn zu dem Treffen der Bilderberger hier in der Stadt sage: Ich verstehe sie nicht. Der Fragende wiederholte zunehmend aufgeregt seine Frage immer wieder. Endlich Sarrazins Antwort: Warum sollen sich einflussreiche Leute nicht treffen?  Dann stellte er sich doch nicht länger dümmer als er ist und holte aus: Wenn der Fragesteller damit insinuieren wolle, dass die Gesellschaft von irgendwelchen Kräften im Hintergrund regiert werde, so halte er das für eine haltlose Verschwörungstheorie. Will heißen, bleibt mir bloß fort mit euren selbstgebastelten Theorien aus dem Internet und obskuren Büchern. Auf dieses Niveau lässt sich ein Sarrazin nicht ziehen. Was aber die Frage offen lässt, worüber einflussreiche Leute so abseits der Öffentlichkeit sprechen, wenn es nicht um den Austausch von Angelergebnissen oder das Zeigen von Kinderbildern geht? Ähnliches Muster beim Thema TTIP. Was er denn dazu sage, dass hier offensichtlich nicht mal der Versuch unternommen werde, Deutsche Interessen zu wahren und was er insgesamt davon halte. Auch hier erst wieder der Verweis auf die phonetische Unverständlichkeit der Frage, obwohl die Fragerin klar zu verstehen war und allein das Reizwort TTIP ausreichen dürfte, um grob zu erfassen, worum es geht. Er habe sich darauf nicht vorbereitet, könne deshalb nichts dazu sagen, so die lapidare Antwort. Nicht vorbereitet? Der Zahlenmensch Sarrazin, der Ex-Bundesbanker, der Weltökonom kann nichts aus dem Stehgreif zu TTIP sagen? Hat sich darüber keine Gedanken gemacht? Die Stimmung kühlte fühlbar ab im Saal. Und sie wurde auch nicht besser als einer fragte, wie er sich denn die Rückführung abgelehnter Migranten vorstelle. Immerhin das nimmt breiten Raum in seinem Buch ein. Was die Zuhörer dann zu hören bekamen, könnte allenfalls mal ein Drehbuch für einen zweitklassigen Abenteuerfilm mit Hardy Krüger taugen, wenn der sich das noch zutraut, denn als ernstgemeinte Handreichung für die Politik. Er könne sich vorstellen, dass einige Transall-Maschinen unter Begleitung von Abfangjägern eine Landepiste irgendwo in Afrika ansteuern und die Migranten dort „freigesetzt werden“.  Das ist Thilo Sarrazin 2016. Ernsthaft. Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling versuchte es dann doch noch einmal, den Doyen der Regierungskritik zu einer handfesteren Aussage zu drängen. Was nach den Feststellungen von Gunnar Heinnsohn (Youth Bulge), von Professor Rindermann (Untersuchungen zum IQ von Migranten) und seinen eigenen Erkenntnissen noch geschehen müsse, um die Regierung zum Einlenken zu bewegen und welcher Kraft er das zutraue? Eine Frage, die in Abwandlungen mehrmals kam. Hier wurde deutlich: Sarrazin bekennt keine Farbe. Kraftlos und nichtssagend seine Antwort: Die Veränderung müsse aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Abseits des Podiums riet er Festerling, ihr „Mundwerk zu zügeln“, worauf sie erwiderte, er sei ja wohl der  Meister der kalkulierten Provokation mit seinen „Kopftuchmädchen“. Sarrazin selbst brachte als angedeutete Antwort eine Geschichte, die ihm widerfuhr, als er Anfang der 80iger Jahre mit dem Zug von Polen nach Köln durch die DDR fuhr. Die Polen im Abteil hätten plötzlich wie ein Mann zusammengehalten als einem Landsmann vom polnischen Zoll ein 100-DM-Schein weggenommen werden sollte. Soweit eine Metapher auf den fehlenden Zusammenhalt der Deutschen heute in entscheidenden Fragen wie der Migrationskrise. Dann seien DDR-Zöllner gekommen und die wären aufgetreten wie einst die SS und hätten die Polen ihre Macht spüren lassen. Das sei der Geist der Gesellschaft gewesen. Was Sarrazin als mit einem westdeutschen Pass gebenedeiter damals aber entging war der Umstand, dass diese DDR-Grenzer mit ihren blanken Schaftstiefeln und ihrem SS-haften Auftreten auch gegen den größten Teil der Einwohner dieses Landes standen. Einziges greifbares Fazit seines gut einstündigen Vortrags ist der resignative Ausblick.  „Geist und Geld werden sich davon machen“, so Sarrazin. Schon jetzt achteten immer mehr gebildete Eltern darauf, dass ihre Kinder in Schulen ohne Migranten und nicht abgesenkten Standards lernen können. Über kurz oder lang werde sich diese Schicht im Stillen davonmachen. Nur einmal blitzte der alte Kampfgeist und Humor noch auf. Als die Rede auf Angela Merkels sagenhaften Auftritt bei Anne Will zur Sprache kam. Der schonende Umgang der Medien sei ganz klar der Parteibuchpolitik vor allem im Fernsehen bei der Besetzung wichtiger Posten geschuldet. Mit ihm als Frager wäre Angela Merkel schweißgebadet aus dem Studio gegangen, so Sarrazin selbstbewusst. Seinem Publikum in Dresden wird eher lauwarm zumute gewesen sein.


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Dresdner Moschee: Ick bün allhier.

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Die Dresdner „Tabakmoschee“ Yenidze steht im barocken Zentrum seit 1909. Foto: beaverpress

Nach den Diskussionen um Moscheeneubauten in Leipzig und Chemnitz hat das Thema nun auch Dresden erreicht. Just in einer Zeit, in der Verfassungschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sagt, es gäbe in Deutschland etwa 90 salafistische Moscheen, die man scharf beobachte, weil in ihnen selbsternannte Imame und Emire eher Themen abseits der sonst so hochaktuellen Debatte um Gender Mainstreaming oder dem Mindestlohn predigten. Er hat dabei wohl so Sachen wie Brüssel-Flughafen und Bataclan im Sinn. Immerhin gilt in Frankreich noch immer der Ausnahmezustand nach den Anschlägen vom 13. November, auch wenn darüber in keiner Zeitung mehr etwas steht und im Fernsehen kein Wort darüber verloren wird. In einer Zeit also, wo weniger Moschee eigentlich mehr wäre, soll nun auch die sächsische Landeshauptstadt eine solche Kultstätte bekommen. Bauherr ist die Ahmadiyya-Gemeinde. Wobei sie das Christentum und seine Speisung der 5000 in den Schatten stellt, indem sich die rund 40 Gemeindemitglieder in die Kosten des Millionenbaues teilen. Aber im Ernst. Das Projekt ist Teil des 100-Moscheen-Planes mit dem diese Religionsgruppe vorhat, alle deutschen Städte gleichmäßig zu bebauen. Gesammelt wird deutschlandweit unter den Anhängern der Religionsgemeinschaft. Erwartungsgemäß wird das Reizthema Moscheebau sofort aufgegriffen. Bei Pegida war es Michael Stürzenberger, der einen längeren Vortrag über Wirken und Motive dieser Ahmadiyya-Gruppierung abgab. Stürzenberger, einst CSU-Mitglied und Pressesprecher der Strauß-Tochter Monika Hohlmeier, kämpft seit Jahren gegen ein Islamisches Zentrum in der Münchner Innenstadt. Auch die Islam-Aussteigerin und Frauenrechtlerin Sabbatina James, zuletzt gesehen bei Lanz und in diversen anderen Talkshows, zählt zu den Kritikern der Ahmadiyya -Gemeinde. Fazit der Kritiker: Man solle sich nicht einlullen lassen von Aussagen, die Ahmadiyya vertrete eine Art „gemäßigten Islam“. Es gehe um optische Landnahme für den Islam. Von der anderen Seite des Spektrums kommen die bekannten Erklärungen, dass es in Deutschland Religionsfreiheit gäbe und jeder das Recht habe, dazu ein entsprechendes Gebäude zu errichten. Wobei man eben nicht so genau hinschaut, wenn Imame von der türkischen Religionsbehörde DITIB ausgebildet werden oder das Geld für repräsentative Bauten aus Saudi-Arabien kommt, das zwar keinen einzigen muslimischen „Flüchtling“ haben möchte, dafür aber 200 Moscheen in Deutschland finanzieren will, damit sich die Glaubensbrüder in der Fremde schnell heimisch fühlen.

All dessen ungeachtet, weist Dresden aber auch hier wieder eine Besonderheit auf. In Sachen Moschee ist man nämlich hier weiter als der Rest. Und das schon sehr lange. Länger sogar noch als überhaupt ein türkischer Gastarbeiter westdeutschen Boden betrat. Denn hier gibt es wahrscheinlich die älteste Moschee Deutschlands – die Yenidze. Na gut, nicht so richtig, aber vom Äußeren her ist alles da: Minarett, große Kuppel und reichhaltige Ornamentik an der Fassade. Die Dresdner kennen ihr Wahrzeichen gleich neben der Marienbrücke nur als die „Tabakmoschee“. Ursprünglich war die Gestaltung als Moschee der Dresdner Bauordnung geschuldet und zugleich ein Werbegag. Besagte Bauordnung verbot Industriebauten im Zentrum, was den Zigarettenfabrikanten Hugo Zietz 1886 auf die Idee brachte, seine Fabrik quasi als orientalische Moschee zu tarnen. Umstritten war das 1909 fertiggestellte  Bauwerk im barockverliebten Dresden deshalb trotzdem. Und zwar heftig. Architekt Martin Hammitzsch brachte es den Ausschluss aus der Reichsarchitektenkammer ein. Man redete über die „Tabakmoschee“. Ereiferte sich. Und gewöhnte sich schließlich daran.  Zu DDR-Zeiten stand an der Fassade „Tabakkontor“. Die Sorten „F 6“ und „Cabinett“ wurden hier hergestellt. Vor dem Krieg beispielsweise auch Bulgaria Sport. Was die Frage aufwirft, ob heute eine solche Bezeichnung für Zigaretten noch mit den Werberichtlinien der EU konform ginge. Geschweige denn, was los wäre, käme ein Unternehmer auf die Idee, schnöde Produktionsgebäude in die Form religiöser Bauwerke aus anderen Ländern zu kleiden. Sei es wie es sei. In Sachen Dresdner Moschee heißt es wie in der Geschichte vom Hasen und dem Igel: Ick bün allhier. Offensichtlich hat das Multikulti-Befürwortungslager dieses argumentative Geschenk noch gar nicht erkannt. Denn wenn in Städten wie Leipzig oder Chemnitz sich bei vielen Eingesessenen noch die Nackenhaare sträuben bei dem Gedanken, dass sich ihr heimatliches Umfeld optisch bald in ein Klein-Istanbul verwandelt, kann ausgerechnet im architektonisch weihevollen Dresden niemand ernsthaft behaupten, dass es nicht geht. Die „Dresdner Moschee“ steht an exponierter Stelle und bildet mit der Kuppel der Frauenkirche, der Hofkirche und  der Semperoper die berühmte Altstadt-Silhouette. Mit dem berüchtigten Muezzinruf wäre es allerdings so eine Sache. Der gute Mann bräuchte eine Schornsteinfegerausbildung. Andernfalls täte er es wohl nur einmal. Die Ahmadiyya-Gemeinde wäre am besten beraten, sie mietete sich in der Yenidze ein. Nach Eigendarstellung der Betreibergesellschaft stehen auf fünf Etagen 9000 Quadratmeter zur Verfügung. Da sollte sich doch ein Plätzchen finden für den Imam und seine 40 Gläubigen. Und beide Seiten hätten ihre Ruhe. Die Muslime könnten ihrer Religion nachgehen, worum es ja in der Hauptsache geht, wie alle Exponenten nicht müde werden zu beteuern. Und sie könnten das in einem mehr als passenden Umfeld tun. Gleichzeitig wäre die Diskussion, ob nun Moschee ja oder nein im Dresdner Fall über 100 Jahre alt und als abgehakt zu betrachten. Mit der vorherigen Nutzung dürfte es wohl aus religiöser Sicht auch keine Probleme geben. Der Tabak, der hier verarbeitet wurde, kam zwar aus dem christlich-orthodoxen Griechenland, aber im Islam ist sein Genuss nicht verboten. Doch so wie man Dresden kennt, siehe „Fall Marina Garden“ oder „Fall Waldschlößchenbrücke“, wird man sich diese Chance nicht entgehen lassen und ein weiteres innerstädtisches Kampfgebiet eröffnen. Gut wäre es, man erinnerte sich an die alte Aufschrift der Fabrik. Dort stand: Salem aleikum – Friede sei mit euch. Vielleicht schimmert die noch irgendwo durch.