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Geschichten aus der Elbaue

Sarrazin schafft sich ab

7 Kommentare

eisterPolizeiautos vor der Tür und streng schauende Security-Männer sind inzwischen so etwas wie ein Gütesiegel, dass im Inneren eines so bewachten Gebäudes

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Thilo Sarrazin kurz vorm Betreten der Bühne im Dresdner Quality Hotel Plaza. Im Gegensatz zu früheren Auftritten in der Stadt blieben viele Plätze leer. Foto: beaverpress

eine spannende Veranstaltung stattfindet. So wie am Mittwoch in Dresden als im Quality Hotel Plaza der Skandalautor der letzten Jahre schlechthin erwartet wurde – Thilo Sarrazin. Er ist derzeit auf Tour mit seinem neuesten Buch „Wunschdenken“. Untertitel: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert. Im Grunde sind alle seine Bücher die unausgesprochene Fortsetzung seines Millionensellers „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010. Von dem machte im letzten Jahr das Bonmot die Runde, es sei als Warnung gedacht gewesen und nicht als Handlungsanweisung. Doch genau so schien es vielen, die im Herbst des Jahres fassungslos auf die Bildschirme starrten und zeitversetzt erleben mussten wie in ihrer Nachbarschaft Turnhalle auf Turnhalle sich mit fremden Menschen füllte, die in den Medien pauschal als „Flüchtlinge“ bezeichnet wurden. Erwartungsgemäß nimmt das Thema Einwanderung in Sarrazins Buch breiten Raum ein. Doch das Interesse der Leser an Analyse scheint durch die überholende Wirklichkeit geschwunden zu sein. Füllte Sarrazin Anfang 2011 noch locker eine Messehalle in Dresden, blieb diesmal gut ein Drittel der Sitze in dem stilvoll renovierten einstigen Ballsaal des Hotels leer. Und man kann es kurz machen. Was Kompanien von Schreibern und unzähligen politischen Gegner des Autors in den letzten fünf Jahren nicht hinbekamen, erledigt der Meister gerade selbst: Sarrazin schafft sich ab. In Dresden optisch gut sichtbar. Begrüßte der der Saal den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Bundesbanker fast geschlossen mit stehenden Ovationen, war es am Ende der Veranstaltung nur noch eine Handvoll, die dem Autor auf diese Weise huldigte. Gerade die Fragerunde zeigte: Man hatte sich von ihm Hilfe, Zuspruch und Wegweisung erwartet. Gerade er, der Ruhige, der Grübler, der Statistikverliebte ist so etwas wie der Messias der Zweifler in diesem Land.  Wer, wenn nicht er, müsste jetzt wissen, was zu tun ist. Doch gerade hier wurde überdeutlich, ein Sarrazin betreibt Schreibarbeit nur um seiner selbst willen. Das Lob und der frenetische Beifall des Pöbels ist ihm wahrscheinlich mehr als peinlich. Und dann erst die Fragen, die diese Menschen in karierten Hemden und Cordhosen stellen. Quälende vier Mal antwortete er auf die Frage eines Dresdners, was er denn zu dem Treffen der Bilderberger hier in der Stadt sage: Ich verstehe sie nicht. Der Fragende wiederholte zunehmend aufgeregt seine Frage immer wieder. Endlich Sarrazins Antwort: Warum sollen sich einflussreiche Leute nicht treffen?  Dann stellte er sich doch nicht länger dümmer als er ist und holte aus: Wenn der Fragesteller damit insinuieren wolle, dass die Gesellschaft von irgendwelchen Kräften im Hintergrund regiert werde, so halte er das für eine haltlose Verschwörungstheorie. Will heißen, bleibt mir bloß fort mit euren selbstgebastelten Theorien aus dem Internet und obskuren Büchern. Auf dieses Niveau lässt sich ein Sarrazin nicht ziehen. Was aber die Frage offen lässt, worüber einflussreiche Leute so abseits der Öffentlichkeit sprechen, wenn es nicht um den Austausch von Angelergebnissen oder das Zeigen von Kinderbildern geht? Ähnliches Muster beim Thema TTIP. Was er denn dazu sage, dass hier offensichtlich nicht mal der Versuch unternommen werde, Deutsche Interessen zu wahren und was er insgesamt davon halte. Auch hier erst wieder der Verweis auf die phonetische Unverständlichkeit der Frage, obwohl die Fragerin klar zu verstehen war und allein das Reizwort TTIP ausreichen dürfte, um grob zu erfassen, worum es geht. Er habe sich darauf nicht vorbereitet, könne deshalb nichts dazu sagen, so die lapidare Antwort. Nicht vorbereitet? Der Zahlenmensch Sarrazin, der Ex-Bundesbanker, der Weltökonom kann nichts aus dem Stehgreif zu TTIP sagen? Hat sich darüber keine Gedanken gemacht? Die Stimmung kühlte fühlbar ab im Saal. Und sie wurde auch nicht besser als einer fragte, wie er sich denn die Rückführung abgelehnter Migranten vorstelle. Immerhin das nimmt breiten Raum in seinem Buch ein. Was die Zuhörer dann zu hören bekamen, könnte allenfalls mal ein Drehbuch für einen zweitklassigen Abenteuerfilm mit Hardy Krüger taugen, wenn der sich das noch zutraut, denn als ernstgemeinte Handreichung für die Politik. Er könne sich vorstellen, dass einige Transall-Maschinen unter Begleitung von Abfangjägern eine Landepiste irgendwo in Afrika ansteuern und die Migranten dort „freigesetzt werden“.  Das ist Thilo Sarrazin 2016. Ernsthaft. Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling versuchte es dann doch noch einmal, den Doyen der Regierungskritik zu einer handfesteren Aussage zu drängen. Was nach den Feststellungen von Gunnar Heinnsohn (Youth Bulge), von Professor Rindermann (Untersuchungen zum IQ von Migranten) und seinen eigenen Erkenntnissen noch geschehen müsse, um die Regierung zum Einlenken zu bewegen und welcher Kraft er das zutraue? Eine Frage, die in Abwandlungen mehrmals kam. Hier wurde deutlich: Sarrazin bekennt keine Farbe. Kraftlos und nichtssagend seine Antwort: Die Veränderung müsse aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Abseits des Podiums riet er Festerling, ihr „Mundwerk zu zügeln“, worauf sie erwiderte, er sei ja wohl der  Meister der kalkulierten Provokation mit seinen „Kopftuchmädchen“. Sarrazin selbst brachte als angedeutete Antwort eine Geschichte, die ihm widerfuhr, als er Anfang der 80iger Jahre mit dem Zug von Polen nach Köln durch die DDR fuhr. Die Polen im Abteil hätten plötzlich wie ein Mann zusammengehalten als einem Landsmann vom polnischen Zoll ein 100-DM-Schein weggenommen werden sollte. Soweit eine Metapher auf den fehlenden Zusammenhalt der Deutschen heute in entscheidenden Fragen wie der Migrationskrise. Dann seien DDR-Zöllner gekommen und die wären aufgetreten wie einst die SS und hätten die Polen ihre Macht spüren lassen. Das sei der Geist der Gesellschaft gewesen. Was Sarrazin als mit einem westdeutschen Pass gebenedeiter damals aber entging war der Umstand, dass diese DDR-Grenzer mit ihren blanken Schaftstiefeln und ihrem SS-haften Auftreten auch gegen den größten Teil der Einwohner dieses Landes standen. Einziges greifbares Fazit seines gut einstündigen Vortrags ist der resignative Ausblick.  „Geist und Geld werden sich davon machen“, so Sarrazin. Schon jetzt achteten immer mehr gebildete Eltern darauf, dass ihre Kinder in Schulen ohne Migranten und nicht abgesenkten Standards lernen können. Über kurz oder lang werde sich diese Schicht im Stillen davonmachen. Nur einmal blitzte der alte Kampfgeist und Humor noch auf. Als die Rede auf Angela Merkels sagenhaften Auftritt bei Anne Will zur Sprache kam. Der schonende Umgang der Medien sei ganz klar der Parteibuchpolitik vor allem im Fernsehen bei der Besetzung wichtiger Posten geschuldet. Mit ihm als Frager wäre Angela Merkel schweißgebadet aus dem Studio gegangen, so Sarrazin selbstbewusst. Seinem Publikum in Dresden wird eher lauwarm zumute gewesen sein.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

7 Kommentare zu “Sarrazin schafft sich ab

  1. Hallo an den Elbestrand,
    danke für diesen Augenzeugenbericht.

    Leider scheint es dem Herrn Sarazin so zu gehen wie alle Mitglieder der BRD-Eliten, sie haben ihre Lektion gelernt und sich entschieden auf der Seite der Mächtigen zu stehen.
    So kann man dann auch seine letzten Äußerungen bei Maischberger verstehen, dass es ihm nur mit Mühe gelungen ist seine „bürgerliche Reputation“ wieder herzustellen.
    Schade.

    Dann müßen die Sachsen halt wieder „ihren Dreck alleine machen“ wie Friedrich August III Anno 1918 empfahl.
    Naja 2018 vielleicht zum 100-jährigen Jubiläum? Das wäre doch mal ein Grund zum Feiern!
    Ich hätte aber auch nichts gegen eine kleine 2% Planübererfüllung, so in 2016.
    Damit kenne wir uns doch aus, oder?
    Aber dieses Mal unbedingt ohne Schmu!

    Grüße Paule

  2. Sarrazin hat hier in allem Recht. Ich befürchte dass nur PEGIDA sich abschafft.

    • Hallo floydmasika,
      was ist daran schlimm wenn Pegida sich abschafft?

      Wenn die Islamisierung Europas keine Gefahr mehr und die Demokratur der Raute abgeschafft ist, haben die Leute sicherlich was Besseres zu tun als montags auf die Straße zu gehen. Zum Beispiel ihren Garten und eine Flasche Bier zum Rostbrätel…
      Bis dahin: Dresden zeigt wie‘s geht.

  3. Pingback: Kositza über Sarrazins Buch „Wunschdenken“ | PEGIDA BAYERN

  4. Sarrazin schafft sich ab. Ist leider so.

    Man sollte aber nicht vergessen, dass Sarrazin schon im Visier sog. „zivilgesellschaftlicher Kritik“ stand.
    Wer einmal erlebt hat, wie die Terrorgruppe Merkel das Haus angreift, der wird vorsichtig. Besonders wenn man bedenkt, dass die Justiz auch in diesem Fall die Bestrafung der Täter vereitelt, mithin die Täter zu Wiederholungstaten ermuntert.

  5. Tja Thilo, jeder hat seinen Preis, scheinbar hat man Deinen bezahlt, oder hast Du Angst vor der eigenen Courage? Ich habe ja auch gedacht, hier ist ein aufrechter und selbstloser Mensch am Werk, aber nach dem Bericht vom Biber kann ich nur feststellen, einmal Politiker, immer Politiker. Damit ist mein Vertrauen in diese Kaste endgültig zerbrochen.

  6. https://linksunten.indymedia.org/de/node/179610

    In Leipzig war Sarrazin scheinbar besser drauf

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