castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Er ist wieder da

3 Kommentare

IMG_0477

Akif Pirincci (l.) gemeinsam mit seinem Verleger Götz Kubitschek bei der Lesung aus „Umvolkung“ in Schnellroda. Foto. beaverpress

Da sitzt er nun. Akif Pirincci, der sich den Titel „Skandalautor“ redlich verdient hat. Ausgerechnet im Saal der Gastsstätte mit dem Namen „Zum Schäfchen“ in Schnellroda,  im anhaltinischen Süden. Der hier ansässige Antaios-Verlag hat dem „Wuttürken“ verlegerisches Exil angeboten. Nach dem heißen Herbst und seiner missglückten Pegidarede, die von sehr vielen Qualitätsmedien wohlwollend falsch interpretiert wurde, war er erstmal abgetaucht. Er verfiel der Feme des deutschen Buchhandels und seiner Grossisten. Ein ganz tapferer Buchhändler lud mit billigem Mut gar zum öffentlichen Schreddern seiner Bücher ein. Streichhölzer waren wohl gerade nicht zur Hand. Er selbst bezeichnet den Umgang mit sich als „totalitär“. Ob das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden sich seines Falles schon angenommen hat, ist nicht bekannt. Lohnend wäre es.  Am meisten gekränkt habe ihn, dass sein „Verschiss“ nicht von den Verlagen selbst ausging, sondern, dass Kollegen darauf bestanden und die Verlage vor dem gutmenschlichen Furor einknickten. Natürlich hat er nicht gesagt, dass man Flüchtlinge ins KZ stecken soll. Wer in Dresden zuhörte oder sich die Rede auf youtube ansah, konnte nicht einen Augenblick auf diese krude Interpretation kommen. Er hatte Bezug genommen auf einen hessischen Provinzpolitiker, der auf einer Bürgerversammlung den Anwesenden die Auswanderung empfohlen hatte, wenn sie mit der gegenwärtigen Einwanderungspolitik nicht einverstanden seien. Pirincci hatte überspitzt draufgesetzt, dass KZ´s für Regierungskritiker eben leider geschlossen seien.

Inzwischen hat er über seinen Anwalt so ziemlich jedes Medium auf Unterlassung verklagt, dessen er habhaft werden konnte. Dennoch. Das Stigma wirkt. Irgendwie bleibt er der, der im „Zusammenhang mit Flüchtlingen von KZ`s gesprochen hat“ wie die meisten Medien geschickt titelten. Inzwischen kann man seine Bücher über Zweitanbieter bei Amazon wieder bestellen. Und natürlich bei Antaios. Und Pirincci wäre nicht Pirincci wenn er nicht lustvoll Öl nachgießen würde. „Umvolkung“ heißt sein neuestes Buch. Es ist mit dem kleinen A-5-Format eher ein Büchlein. Früher nannte man so etwas ein Traktat oder eine Flugschrift. Im mitteldeutschen Kulturraum hat so etwas Tradition. Legendär sind beispielsweise die Flugschriften, in denen sich Luther im nahen Wittenberg mit seinem Kontrahenten Eck von der Leipziger Universität duellierte, was schließlich in der gleichnamigen Disputation gipfelte. Das war vor rund 500 Jahren. Zeigt aber: Der Süden Anhalts war schon immer politisch eine „heiße“ Ecke.

Umvolkung ist natürlich ein schlimmes Wort wie des derer so viele gibt in Deutschland, weil sie ihren  Ursprung in den bösen 12 Jahren haben. Vergleichbar etwa mit Autobahn („geht gar nicht“ – Johannes Baptist Kerner) oder Volkswagen. Die Nationalsozialisten gebrauchten es im Zusammenhang mit den Völkerverschiebungen aus dem Baltikum und Bessarabien nach dem Hitler-Stalin-Pakt und der Neuansiedlung von Deutschen im Warthegau und Westpreussen, wo man zuvor die polnischstämmige Bevölkerung vertrieben hatte. Pirincci, der inzwischen so etwas wie einen Ruf als Deutschlands oberster Provokateur zu verteidigen hat, wusste also, warum er diesen und genau diesen Begriff als Titel für sein Buch verwendete. Er beschreibt es mit seinen Worten, wenn „1,5 Millionen, keiner weiß ja genau wie viele es wirklich sind, einfach mitten in ein Land geklatscht werden“.

IMG_0481

Ganz ohne Katzen geht es nicht bei einem Autor, der mit Katzenkrimis berühmt wurde. Schon gar nicht bei einer Lesung auf dem Dorf, wenn sich ein solches Tier in den Saal schleicht. Foto: beaverpress

Und dabei störe vor allem die Herkunft. Nämlich, dass es ausgerechnet die unserer Kultur am fremdesten sind, die jetzt in Massen ins Land gelassen werden. Besonders die Frauen mit Kopftuch störten seine Alltagsästhetik. Neulich habe er sogar ein Baby im Kinderwagen mit Kopftuch gesehen. „Ich weiß  nicht, vielleicht kommen die so zur Welt“, fragt Pirincci und bringt den Saal zum Lachen. Auch sein Satz über die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge, von denen zwar einige schon weiße Haare hätten, aber trotzdem als Kinder behandelt werden, steigert die Heiterkeit. Wie überhaupt deutlich wird: Pirincci ist ein wacher Beobachter des Zeitgeschehens und pointierter Schreiber, aber ein großer Redner oder Vorleser ist er nicht. Aber seine von vielen als zwar treffend, aber irgendwie abstoßend empfundene Fäkalsprache, mit der er in „Deutschland von Sinnen“ die Kritik irritierte und die Verkaufslisten stürmte, ist wahrscheinlich nur der Schutzpanzer einer empfindsamen Seele, die vor Schmerz schreit in diesen Zeiten. Fast schüchtern lässt er sich in Schnellroda zur Zigarette draußen vor dem Gasthof einladen, macht jedes Selfie mit, signiert Bücher. Als sich eine Dorfkatze in den Saal verirrt, wird diese ihm, dem „Katzenautor“,  wie selbstverständlich gereicht und er schmust mit dem Katzentier. Richtig unterhaltsam und prägnant wird er, wenn er frei spricht wie nach seinem Lesepart im Zwiegespräch mit Verlegerfrau Ellen Kositza, während Verlegergatte Götz Kubitschek  aufmerksam für Weißweinnachschub sorgt. Wie es ihm denn persönlich ergangen sei nach dem Boykott seiner Bücher und seiner quasi Ausradierung als deutscher Schriftsteller?, will Kositza wissen. Pirincci schildert halb pantomimeartig eine Szene als er im Supermarkt in der Kassenschlange gestanden habe. Mit fast tonloser Stimme habe hinter ihm jemand geflüstert: „Machen sie weiter, machen sie weiter“. Er habe sich rumgedreht und gefragt, warum derjenige so leise rede. Dabei senkt er die Stimme und bewegt nur noch den Kiefer, um zu verdeutlichen wie der ängstliche Unterstützer auf imaginäre Feinde verwies. Viele Zuhörer in dem fast vollen Saal lachen befreit mit. Natürlich gäbe es auch die andere Seite. Als er in einem Kaffee gesessen habe, hätte eine  ältere Dame ihm im Vorbeigehen „Nazi“ zugeraunt. Ihm, dem Türken. Er schüttelt den Kopf. Auf dem Höhepunkt der Hysterie um seine fehlinterpretierte Pegidarede habe ihm ein junger Mann Cola über den Kopf gegossen. Und das sei ausgerechnet ein blauäugiger Jüngling wie aus einem „Germanenlexikon“ gewesen, so Pirincci. Was ihn bei der Cola-Attacke am meisten irritierte, sei das schnelle und feige Wegrennen des „Attentäters“ gewesen. „Ich bin 57 Jahre alt“, sagte Princci verschmitzt in das schon zum Lachen ansetzende Publikum. „Was hat der gedacht? Dass ich hinter ihm herrenne oder was?“ Zu seiner wilden Zeit hätte man sich hingestellt und gesagt: „Eh, Alter, ich hab´ dir Cola über´n Kopp geschüttet, verklag mich doch, wenn du dich traust“. Der Saal tobt.

Ellen Kositza lenkte das Gespräch wieder auf ernste Aspekte. Ob denn die türkische Community als Verbündete im Widerstand gegen die Überfremdung gesehen werden könnte, fragt sie. Pirincci scheint die Frage nicht ganz verstanden zu haben. Was er so höre, finden es die ansässigen Türken einfach „zum Kotzen, was da jetzt ins Land kommt“. Andererseits seien die meisten Türken natürlich ausgemachte Nationalisten, deren Loyalität zuerst ihrer Heimat gelte, auch wenn sie da nicht leben wollten. Wie schon Thilo Sarrazin, der Anfang Mai in Dresden aus seinem neuen Buch mit dem Schwerpunkt Migrationskrise las, wurde auch Pirincci gefragt, welche Lösung er denn für das Problem der ungesteuerten Zuwanderung sähe. Das, was der Vulgärkritiker rät, hat zumindest mehr ernsthaften Gehalt, als das, was sein distinguierter Kollege in Dresden zum Besten gab. Wobei sich die Endaussage seines Buches noch mit der in Sarrazins Werk (Geist und Geld werden sich davonmachen) deckt. Auch Pirincci sieht einen Exodus gut ausgebildeter und beweglicher Deutscher ins Ausland heraufdämmern. Seine Lösungsansätze, die er im Gespräch äußert, klingen um Längen pragmatischer als Sarrazins Idee mit den Militärtransportflugzeugen, die abgelehnte Migranten wieder im Niger aussetzen.  „Jeder kann kommen“, so Pirinccis Kredo. „Aber es gibt kein Geld bloß für die Anwesenheit. Um Arbeit und Wohnung muss sich jeder selber kümmern.“

Am Rande der Lesung kündigte Princci an, dass bei Antaios demnächst eine Autobiographie erscheinen soll.


 

 

 

 

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

3 Kommentare zu “Er ist wieder da

  1. Pingback: Buch: Akif Pirinçci: „Umvolkung“ | Kreidfeuer

  2. Hallo Elbestrandbewohner,

    danke für den Bericht. Er ist wie immer eine Bereicherung der eigenen Wahrnehmung durch einen sehr guten Blick eines Dritten. Danke.

    Als Ergänzung gibt es hier ein paar Bilder der Veranstaltung:

    http://www.sezession.de/54138/pirincci-kam-und-nicht-nur-zum-spass.html

    Und hier eine filmische Zusammenfassung der Ostlesereise des wirklich immer wieder überraschenden Autors:

    Zitat daraus: … lasst uns dafür sorgen das seine Stimme nicht verschwindet …

    Deshalb mit Bestelllink, zu Unterstützung.

    Mit freundlichen Grüßen Paule

  3. Pirincci sagt was er denkt und das ist eben unbequem. Es gilt immer noch:
    „Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s