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Geschichten aus der Elbaue

Rückkehr ins verrufene Land

Ein Kommentar

Im dunklen Dreieck Clausnitz (Reisegenuss), Colmnitz (Wehrmachtssanikoffer) und Freital (GSG 9-Einsatz) leuchtete die Stahlarbeiterstadt dieser Tage wieder einmal am Nachrichtenschirm der bunten Republik auf. Mit einer irritierenden Meldung. Asylbewerber, auch Flüchtlinge genannt, die im nahen Pirna untergebracht werden sollten, hatten sich auf eigene Faust auf den Weg zurück in ihre bisherige Bleibe, das ehemalige Hotel Leonardo in Freital gemacht. Von dort mussten sie weg, weil das Landratsamt sich irgendwie mit dem Betreiber überworfen hatte. Von fehlendem Brandschutz war die Rede. Nach den Vorgängen in Düsseldorf und Bingen kein ganz unwichtiger Aspekt. Neu untergebracht wurden die Flüchtlinge in Pirna, in einem nicht mehr genutzten Landratsamt, das für schlappe 550 000 Euro „notdürftig“ saniert wurde, wie zu lesen war. Hier war es aber nicht so angenehm wie im verrufenen Freital, erfuhr die verdutzte Öffentlichkeit via Lokalpresse. Verdreckte Toiletten (von wem blieb in dem Bericht dezent offen) und mieses Essen seien der Anlass für den Exodus gewesen, heißt es. Mit dem Putzen und einem W-LAN für alle sei es  auch nicht so weit her gewesen. Aber, Moment mal. Freital? War da nicht was? Genau. Das beschauliche Örtchen am Rande von Dunkeldeutschlands Hauptstadt Dresden war  im vergangenen Jahr so etwas wie das Dien bien phu der ungezügelten Einwanderung. Wochenlang gab es Proteste von Anwohnern und später Krawalltouristen jeder Couleur vor dem Heim. Das Ganze gipfelte schließlich in Deutschlands  erster grundrechtsfreier Zone. Die Polizei erklärte kurzerhand den ganzen weiträumigen Umkreis des Hotels zu einer Sonderpolitzone, in der mehr als drei Zusammenstehende schon eine ungenehmigte Demonstration waren und Ortsfremde unter Androhung von Ingewahrsamnahme des Platzes verwiesen wurden. Erinnerungen an den 17. Juni 53 waren nur rein zufällig und nicht beabsichtigt. Das war 2015. Erst im April dieses Jahres erschütterte die letzte Nachricht des ausglühenden Konfliktes die Medienlandschaft. Im Stile actionreicher Hollywood- Blockbuster rückte die GSG 9 an, um einem 18-Jährigen, der noch bei Mami und Papi wohnt, die Polenböller unterm Bett hervorzuziehen. In den Medien wurden die Silvesterwaren aus dem nahen Nachbarland nur noch als „Sprengstoff“ bezeichnet. Nicht weil das besser klingt in der Tagesschau, sondern weil sie kein Gütezeichen der Bundesanstalt für Materialprüfung tragen. Die Bombenentschärfer vom sächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienst hatten wohl gerade mit einer Weltkriegsbombe zu tun. Sicher ist sicher, mag sich Onkel Tom im Innenministerium gedacht haben und ließ seine schärfsten Hunde von der Leine, die GSG 9. Wir erinnern uns, das ist die Truppe zäher Burschen, die vor langer Zeit mal richtige Terroristen mit echten Waffen aus einem gekaperten Lufthansaflugzeug in Somalia zerrten. Die meisten davon tot. Eine Terroristin gerade noch so lebendig, dass sie heute in Talkshows auftreten kann. Der von den Gangstern kaltblütig erschossene Flugkapitän kann das nicht mehr. Die GSG 9 erwarb sich mit dieser Aktion einen geradezu legendären Ruf unter den Spezialeinsatzkräften der Welt. Diese harte Truppe war notwendig, um Freital wieder einigermaßen sicher zu machen.  Und ausgerechnet dorthin wollen nun die Flüchtlinge zurück? Ach so, die schauen kein deutsches Fernsehen, sondern sehen nur, was tatsächlich los ist im Freitaler Alltag. Dann kann man ihnen diese Fahrlässigkeit nicht übel nehmen. Ob der Einsatz der GSG 9 in Freital verfilmt wird, ist auch noch nicht raus. Es heißt, es fehle noch ein bisschen der Pep im Drehbuch. Immerhin ging nicht mal ein Knaller los. Von einem Flugzeug ganz zu schweigen. Vielleicht langt´s noch für einen Animationsfilm auf Kika. Mal sehen.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Rückkehr ins verrufene Land

  1. Hallo Elbebiber,
    exzellent geschriebene, traurige Nachrichten aus Dunkeldeutschland, leider.

    Ich muss noch eine hinzufügen:
    Du schreibst: „Von einem Flugzeug ganz zu schweigen. Vielleicht langt´s noch für einen Animationsfilm auf Kika. Mal sehen.“

    Das wird wohl nix werden, die haben die Kleinen schon auf härtere Drogen gesetzt.
    Das geht dann so: „beim ZDF wurde am vergangenen Sonntagmorgen anstelle der Kinderserie Coco, der neugierige Affe“ der Horror-Klassiker „Halloween – Die Nacht des Grauens“ gesendet.
    Quelle: http://www.filmstarts.de/nachrichten/18504747.html

    Aber wie wäre es mal mit einem Livebericht über die GSG9 in einem Einsatz in Abu-Ghuraib, der Freiheits- und Friedenswerkstatt des neuen großen Bruders?
    Da könnten ja sogar die neuen Siedler im Dunkelland was lernen.
    Aber das wird wohl auch nichts werden die haben ja schon wieder an die Iraker übergeben und, wie Du schon schreibst, die kucken ja kein Fernsehen…

    Grüße Paule

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