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Geschichten aus der Elbaue

Elite besucht das Volk

2 Kommentare

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Es sollte ein „G“ werden, aber die Umstehenden verstanden, was als Problem empfunden wird. Foto: beaverpress

Wenn die (selbsternannte) Elite beschließt, sich zu einer Veranstaltung wie dem Deutschen Wandertag herabzubegeben, muss sie damit rechnen, dort auf die Problem-Bevölkerung zu treffen. Und so kam es wie es kommen musste als Bundespräsident Joachim Gauck am Sonntag vom Raumschiff Berlin aus eine Expedition ins sächsische Sebnitz unternahm. Wir erinnern uns, das ist dieses Städtchen, das es im Jahr 2000 auf den Titel der Bildzeitung schaffte mit der Schlagzeile „Neonazis ertränken Kind“. Danach wurde der Ort, der bis dato nur durch seine Kunstblumen bekannt war, die selbst die Queen schätzt,  „medial eingeäschert“ wie es der frühere DDR-Bürgerrechtler und heutige Dresdner CDU- Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz ausdrückte. Ausgangspunkt war der tragische Tod eines kleinen Jungen im Schwimmbad, der einen Herzfehler hatte wie sich später herausstellte. Dennoch hatte Sebnitz seinen Ruf auf Jahre „weg“. Hier nun also wollte Gauck Hände schütteln und das gemütliche Schunkel-Flair eines typischen Deutschen Wandertages zu böhmischer Blasmusik genießen. Es wurde eher ein akustischer Spießrutenlauf.  Sein Auftritt im städtischen Gymnasium konnte noch unter den Laborbedingungen einer gelenkten Demokratie stattfinden. Doch beim Gang über den Markt ließ sich das potemkinsche Drehbuch nicht mehr aufrechterhalten. Immerhin wurde er am Ende vor dem Besteigen der sicheren Panzerlimousine nur mit Bonbons beworfen, statt wie weiland Helmut Kohl in Halle mit Eiern. Polizisten der Bereitschaftspolizei in voller Ritterrüstung und aufgesetzten Helmen mussten in der Hitze neben den Personenschützern die letzte, innere Verteidigungslinie um den elitären Gast bilden als der über den Markt lief.  Vor ihnen zogen als Puffer Linien „normaler“ Polizei in Sommeruniform auf. Deren sichernde Rundumblicke spiegelten eine Mischung aus Irritation und aufkommender Panik wider. Denn die Lage war unübersichtlich. Die wirklich „harten“ Rechtsradikalen , von denen das Osterzgebirge allen Beteuerungen der Politik zum Trotz immer mehr als genug hatte, erkannte man noch an ihrer Reichsfahne mit dem eisernen Kreuz oder ihren T-Shirts mit der Aufschrift „Division Deutschland“. Doch der Marktplatz war auch voller kostümierter Rentner, von denen die meisten mit Stöcken bewaffnet waren, die stolze Wandererbrust voller Abzeichen ihrer gelaufenen Touren. Und hier wurde es schwierig. Es war ein bißchen wie in einem Alienfilm.  Jederzeit konnte einer dieser biederen Rentner zum Wutbürger mutieren und den Volksvertretern  „Volksverräter“ zurufen. Man konnte nicht sagen, wer sich hier gleich wie politisch zu erkennen gibt. Gaucks Vorbeimarsch war wie eine Schwarzlichtlampe, die oberflächlich verborgene Merkmale von Geldscheinen zum Leuchten bringt.

Ein weißhaariger Mann mit Filzhut und Knotenstock in der Hand begann beim Defilee der Honoratioren unvermittelt zu schimpfen: „Was will der denn hier? Das ist unser Wandertag. Der soll abhauen“. Junge, zierliche Frauen im adretten Sommerkleid begannen plötzlich „Hau ab“ zu rufen. Das ganze akustische Szenario wurde untermalt vor einem Grundton aus Dutzenden gellenden Trillerpfeifen, dass sich einige Umstehende die Ohren zuhielten. Schließlich traf einen der wackeren Rentner, der vermutlich noch nicht mal etwas Despektierliches gemacht hatte, eine Ladung Pfefferspray. Der neue „Fall Sebnitz“ zeigte nach den Auftritten von Justizminister Heiko Maas am 1.Mai in Zwickau, und auch Gaucks Besuch in Bautzen, dass Safaris zum Volk, zumindest in Sachsen,  keine Wohlfühltermine mehr sind. Gaucks Dauerlächeln kann den verheerenden Eindruck nicht überspielen, den der dreifache Sicherheitskordon aus Personenschützern, Bereitschafts- und Schutzpolizei erzeugt, der inzwischen nötig ist, wenn sich Volksvertreter dem Souverän auf Armlänge nähern. Vielleicht sollte man sich in Berlin auch ganz langsam Gedanken über ein neues Volk machen.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

2 Kommentare zu “Elite besucht das Volk

  1. Ach mein liebes Nagetier,
    erst mal danke für Deinen Abenteuerbericht über das Sommererlebnis des weltgrößten Gauklers aller Zeiten. Das Du dich aber auch in solche Gefahr begibst…
    Der Süddeutschen war zu entnehmen das das Pack sich dieses Mal sogar mit Fahnen zu erkennen gegeben hat und die Beleuchtungssituation wurde auch gleich mitgeteilt (Dunkeldeutschland).
    Das fand ich von den Leuten regelrecht zuvorkommend.
    Denn warum sonst, als in Erfahrung zu bringen ob schon Platz für sein neues Volk in Sachsen ist, kommt er dahin?
    Siehe auch: http://www.sueddeutsche.de/news/politik/bundespraesident-beschimpfungen-und-buh-rufe-gegen-gauck-in-sebnitz-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-160626-99-457219

    Zitat „Vielleicht sollte man sich in Berlin auch ganz langsam Gedanken über ein neues Volk machen.“

    Hier mein Lieber irrst Du über den Zeitpunkt.
    Entschieden ist das schon und die Umsetzung läuft.
    Nur die Beharrlichkeit der Sachsen und somit der Deutschen wurde falsch eingeschätzt. Die weigern sich einfach zu verrecken. Nein! Sich zu integrieren? Nein! Zu assimilieren? Ich habe es! Denen soll es so ergehen wie den Preußen und Schlesiern. Von Haus und Hof getrennt, aus ihren angestammten Gebieten vertrieben und die Zurückgebliebenen zu Sklaven degradiert. Ihre Herkunft, Kultur und Sprache bis in alle Ewigkeit verleugnet, die verlorene Heimat neu besiedelt und umbenannt. Man schaue über Sachsen Grenzen…
    Welch ein Bild! Die Frauenkirche als erste Hagie Sophia des neuen Jahrtausends!

    Aber das der Widerstand wächst da lässt mein Herz in Hoffnung erbeben, und das der Schreiberlinge in die Hose rutschen. Siehe Süddeutsche.

    Schönes Beispiel die Protestler (bei mir die aufrechten Deutschen) sollen nicht nur mit Leckerli geworfen haben wie es einen Narren angemessen ist sondern sogar mit Pfeifen.
    Ja was jetzt, war die ganze Regierung anwesend oder war mit Pfeifen nur Stanislaw Tillich (CDU) gemeint?
    Die vorhandenen Trillerpfeifen wurden nach Deinen Worten ja zum Trillern verwendet.
    Welch ein Bild! Ein Tillich als erste fliegende Pfeife des neuen Jahrtausends!
    Gruß Paule

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