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Geschichten aus der Elbaue


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Dringend gesucht: Vernunft und Augenmaß

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Skopis Elbgarten hat sich über die Jahre zu einem ganzjährigen Geheimtipp am Elberadweg entwickelt. Jetzt verordnet die Stadt Coswig eine Winterpause. Foto: beaverpress

Am Wochenende nahm eine Nachricht (hier) auf Facebook ihren Weg in die Öffentlichkeit, die im Elbtal weithin für Gesprächsstoff, teilweise regelrecht für Erschütterung sorgt. Der beliebte Biergarten „Skopi“ am Coswiger Tännichtweg hat von der Stadt Coswig eine offizielle Nutzungseinstellungsverfügung bekommen. Will heißen, der Laden soll zwangsweise vom 1. November bis 31. März schließen. Begründet wird das damit, dass nur der Betrieb einer Sommerwirtschaft genehmigt sei. Ganz so überraschend wie dargestellt kommt das Ganze allerdings auch wieder nicht. Die Stadt Coswig, vertreten durch wechselnde Mitarbeiter ihres Baudezernates, ging auf dem Gelände ein und aus in den letzten Jahren. Der Oberbürgermeister selbst, der die Lokalität privat ebenfalls schätzt, was im Stadtrat bekannt ist, versuchte zu vermitteln. Nicht zuletzt war man auch auf das Entgegenkommen der Wirtsfamilie angewiesen als es um den Bau der S 84 über einen Teil ihres Landes ging. Die Straße „steht“ in diesem Abschnitt seit zwei Jahren, weshalb offenkundig im Bauamt wieder Zeit genug ist, sich um Liegengebliebenes zu kümmern. Im Wesentlichen stützt sich besagtes Schreiben und der seit Jahren vor sich hin schwelende Streit auf den baurechtlichen Passus eines Außenbereichs. Wir schauen dazu einmal nach, was Wikipedia als Definition bereithält.

„Außenbereich ist ein Begriff im deutschen Bauplanungsrecht im Zusammenhang mit der Zulässigkeit von Bauvorhaben. In den Außenbereich fallen alle Grundstücke, die nicht im Geltungsbereich eines qualifizierten Bebauungsplans liegen und die auch nicht zu einem im Zusammenhang bebauten Ortsteil (unbeplanter Innenbereich) gehören. Auch größere, von Bebauung umgebene Freiflächen können durchaus zum Außenbereich gehören, wenn sie den Bebauungszusammenhang deutlich unterbrechen. Für die Beurteilung der planungsrechtlichen Zulässigkeit eines Vorhabens kommt es immer auf dessen konkrete räumliche Lage und damit auf die Zuordnung zu einer der Gebietskategorien an.“ (Auszug Wikipedia)

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Nachbar 1 im Außenbereich: Der Containerdienst Hasse. Links im Bild der Neubau der Schnellstraße 84.  Foto: beaverpress

Gerade der letzte Satz könnte der Schlüssel zu einer Lösung sein. Lassen wir die juristischen Spitzfindigkeiten und Formalien mal beiseite  und betrachten das Ganze von einer anderen Warte. Tun wir für einen Moment so, als säße im Coswiger Rathaus ein aufgeklärter Monarch an der Spitze, der seine Richtlinienkompetenz gegenüber seinem eigenen Bauamt  im Sinne  der Vernunft und der Verhältnismäßigkeit anwendet  und dabei ein kleines bisschen dem Gedanken der Wirtschaftsförderung nachhängt. Tun wir gleichfalls für einen kurzen Moment so, dass es im Stadtrat keine persönlichen Eifersüchteleien und Profilierungen auf Kosten Dritter gibt, sondern hier gleichfalls nur im Sinne des Bürgerwohls und der „Hebung der Wirtschaft“ entschieden wird. Auch wenn es in diesem Fall nur die Wirtschaft „an der Ecke“ ist. Unter dieser Prämisse sehen wir Folgendes. Zunächst einmal, dass  der Biergarten nicht wie der Begriff „Außenbereich“ unterschwellig suggeriert irgendwo mitten in einem wertvollen Naturschutzgebiet mit bedrohten Pflanzen und Tieren liegt. Oder hier heimlich im Wald eine Tankstelle  gebaut wurde.

Betriebsgelände 1

Das Coswiger Zellstoffwerk auf einer Aufnahme aus DDR-Zeiten. Foto: Matthias Hartig

Das Gelände selbst war bis zur Wende eine der vielen für das Elbtal typischen Gärtnereien. Daher auch der Name „Gärtnerwirt“, weil Inhaber Bernd Skopi gelernter Gärtnermeister ist. Über einen Teil des heutigen Biergartens verlief zu DDR-Zeiten die Anschlussbahn für eine der größten Dreckschleudern der DDR, den VEB Zellstoffwerk Coswig, im Volksmund nur „Strohbude“ genannt. Einige Bahnschwellen findet der Besucher noch heute auf dem Gelände. Die Wirtsleute haben sie zu Treppenstufen und Begrenzungen am Elbhang verarbeitet. Heutiger Nachbar ist der Hasse-Containerdienst mit seiner Bauschutt- und Schüttgütersparte. Er arbeitet ganzjährig. Nördlich grenzt besagte neue Schnellstraße an, die auf einer völlig neuen Trasse durch bisher unberührte Gebiete gezogen wurde. Das heißt. So ganz unberührt waren die Gebiete nicht. Nach der Wende tummelten sich hier vorrangig „wilde Entsorger“, die illegal Müll und Bauschutt gegen Geld aufhäuften, bis einem von ihnen der Quittungsblock buchstäblich von der Kriminalpolizei aus der Hand genommen wurde. Es folgten jahrelange Ermittlungsverfahren und Prozesse mit dem Ausgang, dass die öffentliche Hand wenigstens die teilweise Entsorgung dieser Hinterlassenschaften übernahm.  Selbst die Trasse der neuen Straße hat man geschickterweise so gelegt, damit im Zuge der Baumaßnahme möglichst viele Altlasten „erwischt“ werden. Jenseits der Schnellstraße runden ein Schrottplatz, ein Holzhandel und nicht zuletzt der größte Maschinenbaubetrieb der Neuen Bundesländer, die KBA AG Planeta das Ensemble dieses „Außenbereichs“ ab. In all den Jahren der wilden Entsorgungswirtschaft  sah man das Umweltamt der Stadt Coswig, das es damals noch gab, sehr selten in diesem Bereich.

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Nachbar 2: Die Koenig & Bauer AG, Ostdeutschlands größter Maschinenbaubetrieb. Foto: beaverpress

Die „rührigen“ Unternehmer waren selten anzutreffen und schwer zu fassen. Einer hatte das Geschäft offiziell auf seine 80-jährige Mutter irgendwo in Schleswig-Holstein angemeldet. Alles schwierige Gegner für eine Verwaltung. Ganz anders die Skopis. Von denen leben inzwischen drei Generationen von der prosperierenden Gartenwirtschaft.  Die Location gilt längst als der Geheimtipp am Elberadweg bis weit über Dresden hinaus. Bonmot am Rande. Selbst Angestellte des städtischen Imbissbetriebes im Kötitzer Bad schließen abends ihre Frittenbude lieber zu und kehren auf ein Bier bei Skopi ein. Hier klönt der Konzernvorstand neben dem Monteur, streitet sich der Grüne mit dem AfDler, um sich dann beim dritten Bier wieder zu versöhnen. Selbst Landräte und Minister schätzen die ungezwungene Atmosphäre am egalistischen Biertisch inmitten von Grün und Vogelgezwitscher. Mancher Schluckspecht hat hier sein Heimatrevier. Milde Winter und ein auch in der kalten Jahreszeit nicht abreißender Strom durstiger und hungriger Radler ließen über die Jahre die Öffnungszeiten immer weiter nach hinten wandern, bis es dann kam wie es kommen musste und die ersten Weihnachts- und Silvesterfeiern hier unter großem Anklang stiegen. Das Ganze begleitet von provisorischen Holzbauten, von denen der Fachmann weiß, dass nichts länger hält und dankbarer angenommen wird als diese. Inzwischen kann der Betrieb ohne große Konjunkturdellen sogar noch drei Angestellte über das Jahr bringen. Mit der amtlich verordneten Vollbremsung jetzt wäre das vorbei. Der Betrieb vielleicht sogar nachhaltig geschädigt. Sicher. Den Wirtsleuten ist der Vorwurf zu machen, dass sie sich zu sehr auf ihre Arbeit konzentrierten und am wachsenden Betrieb erfreuten. Sie hätten über die Jahre Lobbyarbeit betreiben müssen, wie es heute so schön heißt. Aber welcher Familienbetrieb kann das schon? Das hier ist Skopis Elbgarten und nicht Daimler-Benz. Bleibt zu hoffen, dass sich der Coswiger Stadtrat doch noch besinnt. Wem ist geholfen, wenn ein halbes Dutzend Leute Däumchen drehen oder Stempeln gehen müssen? Fiat justitia et pereat mundus* wie beim Alten Fritz? Ein bisschen Strafe? In Ordnung. Drei Tage Freibier für alle? Auch gut. Aber dann sollte gemeinsam überlegt werden, wie das Bestehende legalisiert werden kann. Es muss schon alles seine Ordnung haben in Deutschland. Wenigstens im Kleinen. Paragraphen lassen sich so oder so lesen. Und wenn es an einem Plan fehlt, kann man einen beschließen. Es wäre nicht das erste Mal, dass in Coswig etwas passend gemacht wird. Dazu gehört nur ein bisschen guter Wille. Und Vernunft.

 

 

* Es werde Gerechtigkeit und wenn die Welt (dabei) zugrunde geht. (lat.)

 


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Neulehrer an die Front

Unbenannt

Es könnten sogar 101 Gründe werden. Quelle: Screenshot Radio PSR.de

Radio hören im Auto ist in diesen Zeiten immer ein bisschen gefährlich. Besonders, wenn man nach einem flotten Song nicht schnell genug umschalten kann. Kaum ertönen die Stimmen der Moderatoren, droht sehr oft geistiges Ungemach, was die Laune nachhaltig dämpfen kann. Bedingt durch eine die Aufmerksamkeit bindende und die Geschicklichkeit erfordernde Verkehrssituation kam es, dass ich heute einem Wortbeitrag auf Radio PSR unter der Rubrik „100 Gründe – Warum Sachsen so großartig ist“ nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Und so hörte ich eine  Moderatorin  mit enthusiasmierendem Timbre folgendes sagen:  „Weil Sachsen die wenigsten Schulden in Deutschland hat. Ende letzten Jahres waren wir mit 2,3 Milliarden Euro verschuldet, was viel klingt, aber im bundesdeutschen Vergleich der geringste Schuldenstand ist. Und dazu kam es, weil Sachsen die Verbindlichkeiten des öffentlichen Gesamthaushaltes um 850 Millionen abgebaut hat.“ Pro-Kopf-Karbidproduktion fällt DDR-geschulten Spöttern da sofort ein. Aber lassen wir die Zahl mal stehen. Sie wird schon irgendwo, irgendwie stimmen. Was hier taktvoll unerwähnt bleibt, ist das Fiasko um die Sachsen LB. Das liegt zwar schon einige Jährchen zurück, sorgt aber aufgrund der Nachhaltigkeit, mit der da missgewirtschaftet wurde bis heute für Nachschusszahlungen des Freistaates im dreistelligen Millionenbereich. Aber was macht das in einem Land, wo die Milliarden locker sitzen?

Wo Sachsen noch so ziemlich einzigartig ist, verriet MDR aktuell am Nachmittag. Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) wurde rezitiert. Wir erinnern uns. Sie übernahm den Job 2012 nachdem der bisherige Minister auf typische Dresdner Art (Dreck alleene machen usw.) hingeschmissen hatte, weil er den Sparkurs der damals noch CDU-FDP geführten Sachsenregierung nicht mittragen wollte. Die „Bruni“ nun ließ heute vom staatlichen Sachsenfunk verlautbaren, dass vor 2019 nicht mit einer „Normalisierung an unseren Schulen gerechnet werden kann“. 45 Prozent der Lehrkräfte seien Seiteneinsteiger. Das heißt also im Klartext, gut die Hälfte (und wahrscheinlich sind es sogar noch mehr) all derer, die im besten Freistaat aller Zeiten vor den Kindern stehen, sind Hilfslehrer. Ist die Neulehrerquote von 1945 erreicht oder überboten? Bei Wikipedia lesen wir dazu: 1949 waren bereits 67,8 Prozent aller Lehrerstellen in der sowjetischen Besatzungszone, zu der Sachsen gehörte, mit Neulehrern besetzt. Das ist sicher noch zu schaffen bis 2019. 47,7 Prozent dieser Neulehrer gehörten der SED an. Das wäre auch kein Problem. Hauptsache,  nicht AfD. Nun  ist es aber auch nicht so wie weiland beim Alten Fritzen, der seine ausgedienten Feldwebel und Korporäle im Alter zu Dorfschullehrern machte. Es sind unter diesen Seiteneinsteigern viele hochmotivierte und top ausgebildete Fachleute dabei. Ich selbst kenne zwei persönlich. Aber wozu haben wir dann noch ein Schulgesetz, eine Schulpflicht und Lehramtsstudiengänge an den zwei renommierten Hochschulen Dresden und Leipzig? Gleichzeitig dröhnt auf allen Kanälen, dass Deutschlehrer für die Flüchtlinge gebraucht werden. Nummer ziehen und hinten anstellen, kann man angesichts dieser Zustände nur sagen. Wenn das so weiter geht, schaut jeder in der Familie, wer gerade Zeit oder nichts so richtig zu tun hat, und unterrichtet den Nachwuchs selber. Was soll Opa im Garten rumprimeln, wenn die Enkel Algebra brauchen? Oder die Eltern machen es gleich selbst. So wie Medizin nach Noten. Mit Hilfestellung über den Rundfunk. Dann könnte man bei den Wortbeiträgen wieder zuhören und alle würden was lernen. Sachsen wäre dann neben Australien und Canada das erste Land in Europa mit Fernunterricht. Und schon hätten wir 101 Gründe, warum Sachsen so großartig ist.