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Geschichten aus der Elbaue

Sperrt Steimle ein

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fullsizerender2Das vergangene Fernseh-Wochenende verdient doch an dieser Stelle noch eine kleine Nachbetrachtung. Besonders in Zeiten,  in denen das Ringen um beste Einsichten aus dem nicht nur bautechnisch komplett entkernten Reichstagsgebäude in Runden wie Illner, Plasberg oder Anne Will verlagert wurde.schleier-anne-will
Was Anne Will da am Sonntag an politischem und modischem Mummenschanz getrieben hat, war selbst der sonst so fügsamen „Welt“ von Springer zu viel.
Über diese Sendung werden die Gremien zu beraten haben, verkündete das Blatt und verlangte unterschwellig schärfste Nachzensur. Wobei en passant eingestanden wurde, dass die inzwischen immer häufiger thematisierten Rundfunkräte doch mehr sind als politisches Beiwerk des vielgepriesenen Staatsrundfunks mit seinem „Bildungsauftrag“. In zufällig interessanter Konjunktion zur Will-Sendung lief am Freitagabend Riverboat, eine Talksendung aus Leipzig, mit der sich „die Gremien“ garantiert auch noch beschäftigen werden, wenn sie es nicht schon tun. Das Format hat seinen Namen noch aus Zeiten als die Sendung  auf einem Elbdampfer am Dresdner Terrassenufer aufgezeichnet wurde. Eine harmlos, nette Plauderrunde ohne dezidiert politischen Anspruch. Es menschelt hier sehr viel. Regelmäßig werden ehemalige oder noch aktive Ostschauspieler, Künstler oder Politiker  eingeladen. Es soll wohl ein unverwechselbares ostdeutsches Lebensgefühl transportiert werden. Zu Gast war dort am Freitag der Dresdner Kabarettist Uwe Steimle. Der war schon häufiger dort und gab stets den ostdeutschen Kauz, der mit T-Shirts auftritt, auf denen typisch sächsische Umgangswörter wie „furschbar“ oder „fertsch“ zu lesen sind. Man hatte ihn dort hingesetzt, weil er über seine Sendung Steimles Welt befragt werden sollte. In dieser MDR-Sendung, die sonntags im Quotenwindschatten der großen öffentlich rechtlichen Flaggschiffe wie Tatort läuft, fährt er in einem antiken Wartburg durchs Land und hält Ausschau nach den Leuten, die es in dieser Medienwelt eher nicht ins Fernsehen schaffen oder die sich  gar nicht danach drängen. Es sind Menschen, die weder ihre Frauen tauschen, noch sexuell innovativ präferiert sind, die zumeist einer regelmäßigen Arbeit  oder einem skurrilen Hobby nachgehen. Bei seinen Touren, die durch angenehm langsame Kameraführung und ausgedehnte Dialoge gekennzeichnet sind, schaut Steimle beim Leiterbauer vorbei, besucht eine Kräutertante in der Lausitz oder klettert mit einem ehemaligen NVA-Jagdflieger, der jetzt Dächer deckt herum. Man lächelt über den Sonderling, weil er für T-Shirt noch das ostdeutsche Wort „Nicki“ benutzt und ein lustiges Luther-Buch mit dem Titel „Warum der Esel Martin heißt“ geschrieben hat. Ganz erheiternd in normalen Zeiten. Doch in solchen leben wir nicht mehr. Und so brach Steimle in dieser Sendung aus seiner ihm zugedachten Rolle als harmloser Komiker schnell aus. Womit man offenbar nicht gerechnet hatte, war, dass Steimle Luther abseits von Klamauk und seichten Kalauern ziemlich wörtlich nimmt. Das ging schon damit los, dass er von der Sprache als dem Schlüssel zur Seele sprach. Was noch harmlos war. Als er aber vorbrachte, dass der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck als einer der Letzten auf den Wendezug aufgesprungen sei und heute so tue als sei er der Lokführer gewesen, müssen die Alarmglocken in der Regie geläutet und die Ohrstecker der Moderatoren geglüht haben.

Gerade der peinlich wirkende Einwurf des Moderators, Gauck sei ein sehr guter Bundespräsident, der „das Land vorangebracht habe“ hatte etwas von dem aus der Schule bekannten Mechanismus Herr-Lehrer-bei-dem-was-der-Uwe-gemacht-hat-habe- ich-nicht-mitgemacht. Man sieht förmlich einen nobel, aber sachlich eingerichteten Besprechungsraum in der Leipziger Kantstraße, dem Sitz des Mitteldeutschen Rundfunks, in dem sich ein erlauchtes Gremium von Fernsehoberen und Parteienvertretern einzelne Sentenzen der Sendung herausgreift und Fragen aufkommen, warum hier Sätze wie „Die Parteien bescheißen das Volk“ und „Die Leute auf der Straße seien keine Randgruppe, sondern die Spitze des Eisbergs“ unwidersprochen über den Sender gehen konnten. Wer Lust hat, kann sich die entsprechenden Passagen (hier) ansehen.

Abgesehen von den Aussagen Steimles fallen aber zwei weitere Aspekte dieses Geschehens auf. Da ist zum einen das inzwischen fast völlige Fehlen einer scharfen politischen Debatte, was Steimles Sätze in der Medienlandschaft so einzigartig macht.

Was schon lange fehlt, sind Formate,  bei denen mal so richtig die Fetzen fliegen. Schaut man sich auf youtube alte Sendungen an, sieht man beispielsweise noch Klaus Kinski rumtoben, der Moderatoren und Gäste gleich mal reihenweise als zurückgebliebene Idioten betitelt (hier). Ganz abgesehen davon, dass sich Moderator (in diesem Falle Reinhard Münchenhagen) und Gäste (hier Manfred Krug)  gegenseitig Feuer geben und genüsslich eine paffen. Undenkbar heute.  Man sieht, wie sich eine empörte Karin Struck unter dem erschrocken-lustvollen Aufstöhnen des Publikums den Rock hochreißt, um die dort versteckten Verkabelungen ihres Mikrofons herauszureißen, weil sie Runde verlassen will. Nebenbei: Ihre Gesprächspartnerin war die junge Angela Merkel. Ganz zu schweigen von der legendären Serie „Ein Herz und eine Seele“, in der der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, der dieses Format produzierte, sich als die „Grinsrübe vom roten Rundfunk in Köln“ bezeichnen lassen musste. Auch „Leihgabe vom Kalmückenfernsehen“ musste er einstecken. Hat man Vergleichbares heute mal ansatzweise gehört? Nur von Steimle wieder stammte mal die Sentenz: „Da lacht die Domowina“. Eine Anspielung auf die sorbische Herkunft des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) und die Interessenvertretung der slawischen Minderheit in Deutschland, die Domowina.  Gebracht hat er das bei den Mitternachtsspitzen im Kölner Bahnhof wo es niemand verstanden hat. Dort gilt Dresden schon als die halbe Strecke nach Moskau. Und auch hier war es Steimle, der an anderer Stelle die Einstellung vieler Ostdeutscher auf den Punkt bringt, wenn er sagt: Sind wir denn verrückt geworden über Krieg mit Russland zu debattieren?

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Schauspieler Ralph Herforth in der ungeplanten aber authentischen Rolle des Wessis, der den Ossi nicht versteht. Quelle: Screenshot MDR

Der zweite Aspekt lässt sich auf den Nenner bringen: Der Ralph aus dem Westen gegen den Uwe aus dem Osten. Da saß dieser Ralph Herforth, der eigentlich laut Wikipedia ein geborener Schwachmeier ist, lässig zurückgelehnt, mit betont intellektueller Miene da und schaute mit genau diesem Blick, den viele Ostdeutsche von ihren neuen Vorgesetzten aus dem Westen so gut kannten und bis heute kennen auf diesen merkwürdigen Ostdeutschen da. Und Steimle verkörpert diesen in Wort und Körpersprache auch ohne sein betont sächsisches Reden und das „Nicki“ mit dem Dresdner Fernsehturm drauf. Es ist dieses Unsichtbare, nicht in Worte zu bannende Etwas, was Ost- und Westdeutsche sich noch heute gegenseitig auf den ersten Blick geografisch einordnen lässt. Mit Ausnahmen nach beiden Seiten. Dass Leute heutzutage ihren Arbeitsplatz riskieren, wenn sie was Falsches sagen, wie Steimle sagte,  kommentierte der „Wessi“ Herforth herablassend nach Art des guten Onkels aus dem Westen. Es komme immer mal wieder vor, dass jemand seine Arbeit verliert. Gönnerhaft sagte Herforth, dass Ossis ja selbst bis runter nach München neue Arbeit gefunden haben. Und dort arbeiten dürfen, schwang unausgesprochen mit. Entweder hat er den Sinn von Steimles Satz nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Es geht nicht darum, dass „Leute mal ihre Arbeit verlieren“. Das kennt gerade der Osten nur zu gut. Sondern, dass sie ihre Arbeit wieder aus politischen Gründen verlieren oder damit gedroht wird. Die Szene hätte nach 25 Jahren nicht symbolhafter sein können. Dort der aufgeregte Ostdeutsche mit seinem komischen Dialekt, den noch merkwürdigeren Ansichten über die deutsche Sprache, Langsamkeit und Heimatliebe und hier der lässig, abgeklärte Westler, der Globetrotter, der sich selbst auf Madagaskar noch mit Gesten und Blicken super verständigen kann. In Schöneberg, in Berlin, da, wo er herkomme, sei das alles ganz anders. Und in der Prignitz, wo der Schauspieler einen Zweitwohnsitz hat, sowieso. Wir ersparen uns an der Stelle, was in Berlin noch so alles anders ist. Nachzulesen sind die neuesten Geschehnisse aus der Parallelwelt Berlin en Detail in der Tagespresse und en Gros bei den Real-Katastrophenautoren Sarrazin und Buschkowsky. Dieses offenkundige Nichtverstehen zwischen Ost und West wirkte umso verstörender, da es nicht im Jahre 1991 spielt, sondern ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung. Die Mauer ist bald länger weg als sie gestanden hat. Doch die Kluft wird eher tiefer. Oder: Der Osten ist inzwischen etwas Eigenes geworden. Die Ossis haben den Westen und inzwischen auch manches Stück der Welt gesehen in den letzten 25 Jahren. Und dennoch gibt es immer mehr, die 89 mit der Kerze in der Hand auf den Straßen Dresdens und Leipzigs unterwegs waren, die heute leise seufzen, wenn sie dienstags spätabends auf dem MDR alte Folgen der Serie „Polizeiruf 110“ schauen, wo Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Grawe mit Hingabe den Verbleib von Bauholz oder Zementsäcken aus dem VEB ermitteln. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass damals die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten doch irgendwie „noch in Ordnung“ war. Dieser Staat war in Sachen Grenzsicherung sicher das andere Extrem. Aber das, was sich heute abspielt, dass dieses Land wie ein aufgelassenes Grundstück jedem gehören soll, der gerade daherkommt, leuchtet vor allem den Ostdeutschen nicht ein. Und man erinnert sich daran, wie man seine Wut über die Zustände damals herausschrie.  „Die Sachsen sind doch die Einzigen, die das Maul aufmachen“, rief Steimle mit lutherischem Pathos in die Runde. Am Facebookstammtisch wurde schon geunkt: Das war sicher seine letzte Sendung im Fernsehen.

Wäre vielleicht besser so. Es schont die Nerven. Wenn man bei diesen Entwicklungen im Land und der Welt eins nicht gebrauchen kann, ist das Aufregung am Freitagabend im Fernsehen. Lasst uns über was Schönes reden. Und sperrt den Steimle ein. Am besten auf der Wartburg. Da ist seit 500 Jahren ein Zimmer frei.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

18 Kommentare zu “Sperrt Steimle ein

  1. Danke. Grandios kommentiert. Ich finde hier alle meine Gedanken in Buchstaben wieder.

  2. Genial formuliert und viel mehr muss dazu auch nicht gesagt werden. Außer vielleicht, dass die deutlichen Unterschiede zwischen Steimle und Schwachmeier nicht unbedingt auf der Ost-West-Ebene zu suchen sind, als vielmehr auf der Verstandes-Ebene. Dem Verstandes-Level sozusagen.

    • Auf der Verstands-Ebene kann Schwachmeier und die Frau nichts,aber auch überhaupt nichts beitragen,ausser dummes,arrogantes Wessi-Gelapp.

  3. Sperrt ihn ein? Dann wird er vielleicht der neue Luther, einer, der dem Volk auf´s Maul schaut.

  4. Tja Elbebiber, wo bleiben die entrüsteten Bürger ! Ein sehe ich schon !

  5. ..super super, super, um es in Peps Worten zu sagen. Verflucht guter Artikel, bin begeistert!

  6. …ein super Kommentar der mir aus der Seele und dem Herzen spricht. Danke dafür und danke das der Osten mit seinen maulaufmachenden Bürgern mal nicht an den Pranger gestellt wird. Ich gehöre zu denen, die immer wieder gerne den alten Polizeiruf sehen und ständig leise seufze. Meine Welt war damals noch in Ordnung.

  7. Zu weit haben sich die Wessis und Ossis in den letzten 71 Jahren voneinander entfernt. Sie passen einfach nicht zueinander. Daher war die Einverleibung der DDR ohne Volksabstimmung ein schwerwiegender Fehler.

  8. Steimle hat Wahrheiten deutlich ausgespochen. Ralph Herforth wirkte auf mich sehr arrogant, geradezu „von oben herab“. Für mich nicht glaubhaft.
    Diesem Herrn könnte ich, als 3 bis 7 jährig den 2 ten Weltkrieg vollerlebt, einiges erzählen. Eine lange Geschichte, mit jetzt 6 Urenkeln.

    • Steimle sprach von der Spitze des Eisberges. Er hat Recht. Was das Volk sagt, ist hart aber noch fair, was es jedoch denkt ist grausam. Was das Ende der DDR besiegelte, begann Monate zuvor in Sachsen. Beklatscht und bejubelt vom Westen. Die Sachsen haben wie 16 Millionen andere auch, diktatorische, ausgrenzende Verhältnisse am eigenen Leib erfahren, die „Diktatur des Proletariats“. Deshalb muß man ihnen, bei einem Vergleich der heute bestehenden Verhältnisse mit damals, ein eigenes Urteil zugestehen.

  9. Nach dem letzten Auftritt von Herrn Steimle, wurde aus der bis dahin LIVESENDUNG! eine Aufzeichnung, das heisst es kann noch viel mehr in der Sendung passiert sein, das aber der Schere zum Opfer gefallen ist!

  10. Wer die Wahrheit nicht erkennt sollte lieber schweigen

  11. Es war endlich einmal etwas anders, nicht so wie vorher die staatlich verordnete und vergurgte Soko Leipzig und am Sonntag der Tatort, beide haben zu stark an das DDR Fernsehen zurück erinnert. so etwas brauchen wir hier nicht und wird von den sogenannten Ossis durchschaut. Wir haben gelernt selbstständig zu denken und sind nicht durch ein Bildung und Medien System der Bundesrepublik uniformiert worden. Das DDR Bildungssystem und Medien waren auch nicht besser, aber Steimle hat völlig recht, es ist jetzt hier ein perfides Netz der Machenschaften, was schlimmer als jedes DDR System. Auch ich war 1989 auf der Straße und jetzt wieder.

  12. Das Beste was ich als Wessi in den letzten Jahren gelesen habe. Gebt dem Uwe das Kommando!

  13. Eine bessere Besetzung als „Schwachmeier“ hätte man für Riverboat nicht finden können. Der Mann hat den Namen nach der Tat. Er repräsentiert nicht nur den arroganten Wessi, sondern allgemein die neuen Eliten, welche sich mit höheren Einkommen und guten Posten an den Futtertrögen festgesetzt haben. Es ist schon erstaunlich, wie selbst gefällig sich ein solcher Fipske in seinen abfälligen Äußerungen über selbstständig denkende Menschen auch noch sonnt. Den Zuschauern wurde deutlich vor Augen geführt, wie die Denke von solchen Leuten wirklich ist.
    Danke Uwe Steimle.

  14. Pingback: Uwe Steimle im „Riverboat“ | Kreidfeuer

  15. Der Kulturbeitrag:

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