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Geschichten aus der Elbaue

Daniela und ihr Waschbär

3 Kommentare

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Der inkriminierte Post der sächsischen Landtagsabgeordneten Daniela Kuge (CDU) Quelle: Screenshot Facebook

So schnell kann´s gehen. Man schaut in den Spiegel und es schlägt einem ein Shitstorm entgegen, gegen den die letzte Elbeflut eine übergelaufene Badewanne war. Das passiert, wenn man das Spiegelbild mit einem Pelz um den Hals auf Facebook postet und dazu schreibt: „Waschbär erlegt und trägt sich klasse! Euch einen warmen Freitag!“. Diese offenbar so leicht nebenhin geworfenen Zeilen stammen von der sächsischen Landtagsabgeordneten Daniela Kuge. Die hübsche Blonde von der CDU hat sich damit vermutlich ohne es auch nur ansatzweise zu ahnen selbst an den Pranger gestellt. Und wie. Was sich aus dieser harmlosen Koketterie mit der eigenen Eitelkeit entwickelte, übertraf an „shit“  den zeitgleich über Sachsen tobenden Schneesturm um Längen und führte dazu, dass die Abgeordnete am Wochenende ihren Facebookaccount für eine Woche ganz vom Netz nahm, damit sich die Gemüter wieder beruhigen.
„Der Teufel trägt Waschbär, nicht mehr Prada“, lautete einer der noch harmlosen Kommentare, der als Überschrift über der gesamten sich entspinnenden „Diskussion“ stehen könnte. Weiter ging es mit erwartbaren negativen Konotationen das Aussehen, die Haarfarbe und das Alter des Opfers betreffend, womit nicht der Waschbär gemeint ist.  In regelrechte Hassphantasien steigerten sich Poster, die androhten, man müsse der Abgeordneten selbst das Fell über die Ohren ziehen. Das Ganze driftete natürlich auch gleich ins Politische. Offenbar in Unkenntnis der Tatsache, dass Kuge nicht der AfD angehört, schrieb einer, dass aus diesem Landstrich Leute kämen, die einem erzählten, sie wären das Volk. Gerade habe er gelesen, wieviel mehr Krankenkassenbeitrag er künftig für die von „Birne“ ins Land geholten 18 Millionen Sozialfälle zahlen dürfe. Ein hoch interessanter Fakt. Zeigt er doch, dass der offenkundig westdeutsche Schreiber sich immer noch an den vor nunmehr 27 Jahren neu Dazugekommenen rund  17 Millionen DDR-Bürgern gedanklich abarbeitet, aber keinerlei Verbindung zwischen dieser Erhöhung der Krankenkassenbeiträge und den im letzten Jahr neu Dazugekommenen ein bis zwei Millionen woher auch immer zieht.

Besonders entzündet sich jedoch die „Kritik“, um es mal möglichst neutral zu formulieren, an dem Umstand, dass die Politikerin sich mit diesem Pelz auch noch zeigt. Wobei die Äußerung „selbst erlegt“ noch interpretative Unschärfen aufweist. Meint sie damit in flapsiger Sprache nur „selbst gekauft“ oder tatsächlich „selbst geschossen“. Als Jägerin ist die gelernte Apothekerin bisher nicht in Erscheinung getreten. Und wildern wird sie als Abgeordnete der Regierungspartei in Sachsen doch nicht.

Ganz außer Acht gerät bei all dem Furor aber wieder einmal die Sache an sich. Fakt ist: Es werden weltweit Tiere unter den barbarischsten Verhältnissen gehalten und getötet, nur um an ihren Pelz zu kommen. Schlagzeilen macht dabei auch immer mal wieder das Schicksal von Hunden und Katzen etwa in der Ukraine oder China, deren Felle für den modischen Besatz von Kapuzen unserer billig bei den Großketten angebotenen Anoraks und Winterjacken herhalten müssen. Es darf gewettet werden, dass es auch unter den Shitstormern, die sich jetzt über Daniela Kuges umgebundenen Bären ereifern, welche gibt, die (sicher aus Unkenntnis) solche Winterkleidung tragen.

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„Rucky Waschbär“, aufgenommen mit der Selbstauslösekamera eines Jägers in Brandenburg. Die Tiere sind nachtaktiv und haben in Deutschland keine natürlichen Feinde. Foto: privat

Fakt ist aber auch, dass der Waschbär in unseren Wäldern und Weinbergen inzwischen als schlimmer Finger gilt. Ein befreundeter Jäger schrieb auf eine entsprechende Rechercheanfrage die Antwort: Sie sind sehr anpassungsfähig. Sie plündern sämtliche Vogelnester und gefährden den Niederwildbestand. Sie übertragen Tollwut und andere Krankheiten. Kurz gesagt: Sie bringen Unruhe in die Wälder. Natürliche Gegner haben sie keine, weshalb sie sich ungebremst vermehren. Ausgesetzt wurden die vorher hier nicht heimischen Tiere in den 30iger Jahren ganz gezielt, so die FAZ in einem Artikel  dazu. Es könne zugleich sein, dass Tiere auch im Zuge der Kriegseinwirkungen aus einer Farm bei Berlin entkamen. Genanalysen hätten ergeben, dass es in Deutschland verschiedene Abstammungslinien gibt. Wieviele Tiere es heute insgesamt sind, könne niemand sagen, so die FAZ. Lediglich die Jagdstrecken, also die Zahl der geschossenen Tiere pro Jahr, lassen Rückschlüsse auf die Population zu. Im Jahr 2013 wurden erstmals über 100 000 Waschbären geschossen.

Insofern stünde Daniela Kuge mit ihrem „Abschuss“ zumindest nicht allein da und  erst am Anfang ihrer Karriere als Waschbärenjägerin. Aber danach sieht es eher nicht aus.Noch sitzt sie volle Deckung nehmend im abgeschalteten Facebookunterstand und wartet auf das Nachlassen des Trommelfeuers. Aber in einer anderen Gruppe ihres Wahlkreises schrieb bereits eine Kommentatorin: Glaub bloß nicht, dass Du damit davon kommst.

Sage noch einer, Deutschland hätte keine funktionierende Zivilgesellschaft. Und die hat die drängenden Probleme der Zeit erkannt. Was war sonst noch so los dieser Tage? Eigentlich nichts weiter. Ein paar hundert Panzer werden mit tatkräftiger deutscher Unterstützung an der russischen Grenze in Bereitstellungsräumen zusammengezogen. Aber das ist nicht weiter schlimm. Die schießen nicht auf Waschbären.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

3 Kommentare zu “Daniela und ihr Waschbär

  1. Sehr pointiert ge- und beschrieben. Aber vielleicht hätte man, statt „entsprechende Rechercheanfragen“ ausschließlich an einen „befreundeten Jäger“ zu stellen, auch mal eine andere Quelle anzapfen sollen: Audiatur et altera pars! War schon bei den ollen Römern (Rechts-)Grundsatz. Dann vielleicht wäre ein weniger eindimensionales Bild des Waschbären dabei herausgekommen.
    Natürlich sind vor allem Jäger, ob nun mit dem Autor befreundet oder nicht, daran interessiert, diese Tiere als zivilisationsgefährdende Bestien zu brandmarken, was ihnen auch in den meisten Medien gelingt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir die Headline „Waschbär missbraucht Kindergartenkind“ zu lesen bekommen. Dass die Racoons „sämtliche Vogelnester“ plündern und den Niederwildbestand gefährden, ist völliger Blödsinn. Wird aber gebetsmühlenhaft verkündet (und gerne geglaubt). Ach ja , die Tollwut. Die verbreiten diese Viecher natürlich auch mit Vergnügen. Dabei ist Deutschland seit 2008 tollwutfrei. Aber stören wir uns nicht an solchen Kleinigkeiten.
    Solche Pseudoargumente werden ja auch ganz gerne zur Legitimation der Fuchsjagd in Stellung gebracht. Auch der stellt ja eine immense Gefahr für das biologische Gleichgewicht in der Natur dar. Siehe oben. Auch weil er sich hin und wieder mal an fremden Tellern vergreift, von denen zu speisen schließlich das Vorrecht unsere grünen Abiturienten ist. Neben Mäusen und Aas sagt der Reineke ja schließlich auch bei Fasanen, Rebhühnern, Enten oder Kaninchen mitunter nicht „nein“. Aber weder ihm, noch den maskierten Klein-Petzen ist es bisher gelungen, eine andere Art auszurotten. Dass schafft nur der Mensch. Petri Heil!

  2. Die Waschbären können keinen Tollwut in Deutschland übertragen, da Tollwut in Deutschland ausgerottet wurde und existiert nicht mehr.
    F. Dati

  3. Tja, Facebook und Dschungelcamp sind eben nur was für debile, pubertäre oder volkommen schmerzfreie Zeitgenossen.

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