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Geschichten aus der Elbaue


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Bis einer weint

Petry weint

Emotionen pur beim Parteitag der AfD in Weinböhla. Quelle: Screenshot Bild.de

Bei der Sachsen-AfD geht es derzeit zu wie es  Eltern aus Kindergarten und Grundschule kennen. Es wird gezankt, bis einer weint. In diesem Fall Eine. Und das auch noch ausgerechnet die hochschwangere Parteichefin Frauke Petry selbst. Im Netz wird bereits auf den verschiedensten Kanälen darüber diskutiert, ob der vom Boulevard so genüßlich aufgegriffene Gefühlsausbruch mit Taschentuchalarm nun eher den hormonellen Besonderheiten der weiblichen Psyche kurz vor Ende der Schwangerschaft oder den verbalen Angriffen eines Parteikollegen geschuldet ist. Fakt ist: Die Stimmung war schon vor dem Parteitag in Weinböhla aufgeheizt und gereizt. Es läge was in der Luft, wurde gemunkelt. Die AfD, von der man in Gänze den Eindruck hat, sie befinde sich in einer Art Dauerparteitag, wollte eigentlich nur ihren Listenwahlparteitag vom Januar fortsetzen. Damals war es noch Petry im Duo mit ihrem Generalsekretär Uwe Wurlitzer selbst, welche die Auswirkungen der berüchtigten Höcke-Rede im Dresdner Ballhaus Watzke auf die Tagesordnung setzen wollten. Das angekündigte Parteiausschlußverfahren gegen das Thüringer enfant terrible war damals noch frisch. Doch Petry und Wurlitzer holten sich eine Abfuhr. Die Basis wollte nicht über Höcke reden. Was der gesagt hatte, sei vielleicht in der Tonalität nicht ganz in Ordnung gewesen, inhaltlich aber schon, so die verbreitete Meinung damals. Auf Listenplatz zwei wurde dann auch gleich noch ein bekennender Höcke-Fan, der Dresdner Richter Jens Maier gewählt, der von sich selbst sagte, nun  wohl so etwas wie der „kleine Höcke“ zu sein. Im Ballhaus Watzke war er als Vorredner des Thüringers aufgetreten und hatte unter dem donnernden Applaus des Saales gerufen: „Wir sind die neue Rechte“.

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Der Dresdner Jens Maier (hier rechts im Gespräch mit dem von der CDU zur AfD gewechselten Anwalt Dr. Maximilian Krah) soll ebenfalls aus der Partei ausgeschlossen werden. Das lehnt die Basis mit großer Mehrheit ab. Foto: beaverpress

Noch in Groitzsch hatte er in seiner Bewerbungsrede nach einigen verbalen Zugeständnissen an die Parteilinie mit kaum verhohlener nachträglicher Freude gesagt, im Ballhaus Watzke habe man es „richtig krachen lassen“. Höcke sei immerhin ein Mann mit Haltung, und das sei es, was zählt. Das brachte ihm gleich dem Verfemten aus Thüringen ein Parteiausschlussverfahren seines Landesvorstandes ein. Der Landesverband Sachsen hat am meisten mit den Nachwirkungen der Höcke-Rede vom 17. Januar zu kämpfen. Sie gilt  inzwischen als der unausgesprochene Scheidestein quer durch die Mitgliederschaft. Wie einst bei den Grünen mit ihren „Fundis“ und „Realos“ spalten sich die Lager hier jetzt in „Luckisten“, ein Begriff, den Höcke in eben jener Rede eingeführt hat, und die „Höckologen“ wie die Anhänger des Thüringer Rechtsauslegers von den jeweils anderen abfällig genannt werden. Ehe man sich nun in Weinböhla überhaupt wieder den langweiligen Formalien der Listenwahl widmete, wollte die Basis das Verhältnis zu ihrem zweiten Mann auf der Liste, der damit sicher im Bundestag sein dürfte,  geklärt wissen. Frauke Petry wollte hier offenbar Zeit gewinnen und diesen Punkt ganz nach hinten verschieben. Doch daraus wurde nichts. Die Mehrheit der Delegierten war für klare Fronten von Anfang an. Auch wenn das Votum des Parteitages formal den Beschluss des Landesvorstandes zum Parteiausschlussverfahren nicht „anhalten“ oder gar löschen kann, wollte man dem Landesvorstand mit einer Trendabstimmung einen Schuß vor den Bug setzen. Und der hat gesessen. Mit fast 90 Prozent Zustimmung der Delegierten konnte Maier seine Kandidatur ein zweites Mal angehen. Man wählte die bereits in Grotzsch bestimmten fünf ersten Plätze sicherheitshalber noch einmal, um möglichen juristischen Anfechtungen der Liste wegen einer zu langen Unterbrechung des Parteitages vorzubeugen. Im Zuge der Maier-Affäre hatten aber auch die Kräfte vom rechten Flügel um den Leipziger Rechtsanwalt Roland Ulbrich Morgenluft gewittert und wollten im Wahljahr sogar Frauke Petry selbst von der Liste kegeln. Sie gilt ihnen inzwischen als so etwas wie die „Oberluckistin“ schlechthin. Mit derart „Halben“ aus Sicht des Flügels sei die Wahl nicht zu gewinnen, Deutschland nicht zu retten, so etwa in Kurzfassung die Intention dieses Lagers. Doch auch diese hatten sich in der Stimmung der Basis getäuscht. Lässt diese auf Maier nichts kommen, beißt Ulbrich, obwohl gleichfalls Jurist, auf Granit. Er kandidierte wie der Freitaler Norbert Mayerr auf Platz eins, um Petry zu verhindern. Seine ganze Wahlrede bestand aus einer Abfolge von Anklagen an Frauke Petry persönlich, was diese zu dem eingangs erwähnten Gefühlsausbruch trieb. Er warf ihr Führungsversagen vor. Sie werde ihrem selbst postulierten Anspruch des Parteitages von Essen, nämlich, politische Probleme politisch zu lösen, nicht gerecht. Kritische Geister wie er würden mundtot gemacht, juristisch verfolgt, während es ihr nur um Machtsicherung gehe. Schon während seiner Rede erschollen Buh- und Pfui-Rufe. Einer warf Ulbrich vor, hier im Jargon der Wochenschau vom „September 44“ aufzutreten. Sein Vorhaben sei nichts als der Griff in die Republikanerfalle.  „Auf welcher Gehaltsliste stehen sie?“, fragte eine Parteikollegin. Eine Frage, die Ulbrich mit Bemerkungen über das Stichwort Paranoia konterte. Die Wahlergebnisse für ihn und den gleichfalls auf Listenplatz eins kandidierenden Kollegen Norbert Mayer zeigten dann deutlich, dass die sächsische AfD ihrer Chefin nicht blind folgt und zuweilen sehr störrisch eigene Wege geht, sie aber nach wie vor als ihr „Zugpferd“ an der Gesamtspitze der AfD sieht und nicht beschädigen will. Allerdings hat sie zu ihrer ersten Wahl vom Januar leicht von 79,1 auf 72 Prozent Zustimmung eingebüßt. Bis zum nächste Wochenende, wo an beiden Tagen getagt werden soll, dürften die Tränen getrocknet sein. Was bleibt, ist dennoch eine zerissene Partei, die mit einem Mann auf Listenplatz zwei in Richtung Berlin zieht, den der Landesvorstand eigentlich nicht mal mehr in der Partei haben möchte. Ob sich diese Risse wieder kitten lassen, ist fraglich.  Selbst Roland Ulbrich zeigte noch am Abend des denkwürdigen Tages, dass er nicht gewillt ist, Ruhe zu geben. Zusammen mit einem Link des Bild-Artikels, worauf die weinende Frauke Petry abgebildet ist, schrieb er auf Facebook: „Tränen gegen Patriotismus! Ob Frau Petry die geeignete Führerin der deutschen Rechten ist, darf bezweifelt werden. Oder dürfen wir darauf hoffen, dass sie – wie in Weinböhla – aus Mitleid gewählt wird?“ Das klingt nicht nach Einsicht. Und schon gar nicht nach Ruhe und Geschlossenheit.