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Geschichten aus der Elbaue

Heimatabend mit Uwe

Ein Kommentar

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Quelle: Beaverpress

Wenn ein bis auf den letzten Platz ausverkaufter Saal aus dem Stand das Kinderlied „Unsere Heimat“ singt, gefolgt von einer Strophe aus „Gute Freunde“ dann ist nicht etwa ein Vertriebenentreffen der alten Genossen angesagt, sondern ein ganz normaler Auftritt von Uwe Steimle. Derzeit tourt er mit seinem Programm „Feinkost“ zwischen Elbe und Pleiße. Der Dresdner Kabarettist, einem überregionalen Publikum auch noch bekannt als der Polizeiruf-Kommissar Hinrichs, braucht eigentlich für seine Auftritte, insbesondere in seiner Heimat Sachsen, keine Werbung mehr. Es würde auch reichen, wenn die Veranstalter schrieben: Steimle kommt. Egal, ob im Leipziger Academixerkeller oder der Coswiger Börse – Steimle sorgt für volle Häuser. Die Karten oft schon Wochen im Voraus weg. Feinkost eben. Bückware wie zu DDR-Zeiten. Und das hat auch etwas mit den dezidiert politischen Inhalten zu tun, die der gelernte Industrieschmied (was er immer mal gekonnt einfügt) bietet. Und weil er ausspricht, was Sache ist. Damit hat er schon im vergangenen Jahr die sonst recht harmlose Talksendung „Riverboat“ des MDR mächtig ins Schwanken gebracht. Denn Steimle lebt noch den alten Ehrenkodex der Kabarettisten: Man macht sich über die Obrigkeit lustig, nicht über die kleinen Leute. Denen schaut man auf´s  Maul wie der Lutherfreund Steimle es bei seinem Vorbild gelernt hat. Man persifliert das Volk ab und an mal liebevoll, zieht es auch mal genüßlich durch den Kakao, aber man agitiert es nicht, was es zu denken und wie es zu reden habe. Dass er damit im Deutschland des Jahres 2017 ziemlich allein auf weiter Bühne steht, kann man sehen, wenn man sich als Kabarett etikettierte Sendungen im Fernsehen anschaut. Steimles Running Gag angesichts der aktuellen Nachrichtenlage ist der Satz: Wer macht hier Kabarett?  Die herrschenden Verhältnisse kommentiert er mit seinem inzwischen schon ähnlich berühmten Satz: Dafür haben wir 89 nicht hinter der Gardine gestanden. Womit Steimle dem weit verbreiteten Narrativ widerspricht, dass es damals so etwas wie einen Massenaufstand gegeben habe. Viele schauten tatsächlich und sprichwörtlich hinter der Gardine wie der Hase wohl läuft. Das waren dann oft die, die später besonders laut beklagten wie schlimm alles gewesen sei. Sein Lieblingsfallbeispiel in dieser Rubrik ist der jüngste unserer vielen Altbundespräsidenten, gemessen am Datum seines Ausscheidens aus dem Amt. Gerade Joachim Gauck wäre einer der Allerletzten gewesen, die 89 auf den fahrenden Zug aufgesprungen seien, so Steimle. „Und heute tut er so, als sei er der Lokführer gewesen“. Das Publikum dankt ihm solche Sätze mit donnerndem Applaus, Pfeifen und Johlen. So muss das sein. Die da oben brauchen auch mal einen zwischen die Hörner. Genüßlich bringt Steimle Gaucks Satz vom letzten Sommer, wonach nicht die Eliten, sondern das Volk das Problem sei. Eine „Lieblingsfreundin“ von ihm ist deshalb auch Marion Ackermann, die neue Leiterin der Dresdner Kunstsammlungen, die davon gesprochen habe, den Leuten hier fehle eben eine gewisse Weltoffenheit. „Wie die über uns reden“, sagt Steimle dazu nur. Das Problemfeld Wessis und Heimat ist eines, das er mit Lust beackert. „Sächsisch wünschen wir nicht“, habe ihm ein leitender Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk beschieden als er eine Mundartsendung anregte. Den Satz „… bis der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch verschwunden ist“ habe er schon in den Neunzigern auf Geheiß eines aus Westdeutschland stammenden Redakteurs aus dem Skript eines Sketches streichen müssen. Mit der „Kolonialnummer“ kann Steimle selbst nach 27 Jahren in Sachsen noch punkten. Denn noch immer sind hier fast alle hohen Verwaltungs-, Polizei- und Kulturposten mit westdeutsch sozialisierten Mitbürgern besetzt. Ein Umstand, den ausgerechnet der MDR selbst 2016 in einer zweiteiligen Dokumentation unter dem Titel „Wem gehört der Osten?“ thematisierte. Mit dem Bohren in dieser Wunde des sächsischen Nationalstolzes bietet Steimle zugleich all denen eine gewisse Labsal an, die sich in der eigenen Heimat teilweise heimatvertrieben fühlen. Aber es gäbe eben auch noch die echten Heimatvertriebenen. Das merke er an dem Zuspruch wenn er beispielsweise in Aachen oder Düsseldorf mit seinem ursächsischen Programm auftrete. Dort säßen in der Mehrheit keine Rheinländer auf den Sitzen vor ihm, sondern Sachsen, bei denen die eine oder andere Träne kullert, wenn sie in der fernen Diaspora das heimatliche Idiom hören. Genüsslich macht er nach, wie zwei Westdeutsche rätselten, was der Ausdruck „dämms´sch“ in Ableitung von „Dämmse“ wohl bedeute. Er meine wohl die Elbe, habe der eine Auswärtige dem anderen zugeraunt. Der Saal tobt. Sächsisch mal nicht als unbeliebtester Dialekt Deutschlands, wie es in Umfragen immer wieder ermittelt wird, sondern als verbale Heimat und eine Art Geheimsprache nur für Eingeweihte. In der Pause würden Zuschauer gerade im Westen dann zu ihm kommen und klagen: Mit den Wessis hier had das geen Zwegg.

Mit solchen Passagen treibt  Steimle den Saal wahlweise zum Lachen und Applaudieren, dass man aufpassen muss, den nächsten Spruch nicht zu verpassen. Obwohl er sich eine Art Gerüst, bestehend aus alten Sketchen seit dem Beginn seiner Karriere, für die zwei Stunden zurechtgelegt hat, braucht er das gar nicht. Man will Aktuelles von ihm hören. Und er liefert. Aber den „Honecker“ mit seinem abkippenden Saarland-Singsang hat er immer noch perfekt drauf und man lacht darüber. Doch vielen Älteren kommt das inzwischen eher wie der Sound der „guten, alten Zeit“ vor. Auch wenn viele dabei sein mögen, die damals nicht nur hinter der Gardine standen. Sie wollen von Steimle Meinung zur Gegenwart hören. Und „der Uwe“ bleibt sie nicht schuldig. Häufige Floskel: Sind wir schon wieder so weit? Wie zu DDR-Zeiten sollen sich Künstler immer zu irgendwas bekennen, hebt er vorsichtig an. So sei er gefragt worden, was er denn zu der Installation auf dem Dresdner Neumarkt sage. Die Frage zielte auf das umstrittene Busmonument. „Ich habe gesagt, ich sehe nur die Frauenkirche“, so Steimle spitzbübisch. Was er denn zu den Bussen sage? „Nüscht“, so Steimle. „Ich guck drumrum“. Und doch bleibt er ein ernsthaftes Statement nicht schuldig. So ein als Friedensdenkmal deklariertes Kunstwerk sei ja gut und schön. Wer sei schon gegen ein Friedensdenkmal? „Aber bitte nicht um den 13. Februar herum, denn der gehört allein den Dresdnern und dem Gedenken an den Untergang ihrer Stadt“. Punkt. Steimle unmissverständlich. Der Dresdner Fernsehturm – seit Jahren aus irgendwelchen baurechtlichen Gründen geschlossen – soll wiedereröffnet werden, wofür Steimle sich einsetzt. Sein Kommentar: Wäre es ein Minarett, wäre er längst saniert. Der Saal hält die Luft an, dann befreiendes Lachen. Auch zu Pegida hat der Dresdner natürlich eine Meinung. Wie der Politikwissenschaftler Werner Patzelt hat sich der Künstler Steimle den Dresdner Protesten vorurteilsfrei genähert. Im Fernsehen sprach er noch vage von „einem Besuch“ und einem Freund, der dahin geht. Auf der Bühne wird er deutlicher. Er habe sich das vier oder fünfmal angesehen. Das sei ja wohl normal, wenn man sich ein Bild über eine Sache machen will. Er habe an den Reden nichts Anstößiges finden können. Was ihn besonders beeindruckt habe, seien Banner gewesen mit Aufschriften wie „Frieden mit Rußland“. Ein Lieblingsthema Steimles, das er an einer Anekdote mit seinem Hund deutlich macht. Das Tier habe auf der Grunaer Straße in Dresden auf ein kleines Stück sorgsam gehegten Rasen gepullert. Daraufhin sei wie eine Furie eine Anwohnerin aus dem Haus geschossen und hätte eine Schimpfkanonade in russischem Akzent auf ihn und das Tier abgefeuert.

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Frieden mit Russland – neben der Heimatliebe eines der großen Themen Steimles auch privat. Foto: Guido Werner

Erst als er sagte: „Komm, Mascha, hier will man uns nicht haben“, habe die Schimpfende plötzlich gestutzt und ihn ausgefragt, warum er den Hund ausgerechnet Mascha genannt habe. Mascha und der Bär ist eine in Russland populäre Trickfilmserie. Steimle habe ihr erklärt, dass das die Reminiszenz seiner Familie an das russische Volk sei, das im Krieg einen Blutzoll von 27 Millionen Menschen bringen musste, um auch die Deutschen vom Faschismus zu befreien. Deshalb heißen seine Töchter auch Nina und Katja. Nun, die Szene ging aus wie in einem Vorabendfilm. Die russischstämmige Matrone sei derart gerührt gewesen, dass sie abschließend sagte: „Hund darf immer hier pullern“. „Sowas passiert mir wirklich, das ist nicht erfunden“, sagt Steimle fast entschuldigend und liefert die Adresse dazu. Man möge das selbst nachprüfen. So könnte das einen ganzen Abend lang gehen, aber: „Sie wollen ja och irgendwann heem.“ Er erzählt noch ein bißchen von seiner Sendung „Steimles Welt“, in der er mit einem liebevoll sanierten Wartburg durch Mitteldeutschland fährt, um Köhler, Bäcker oder auch mal Künstler zu besuchen. Dann packt Steimle seine russische Lavalampe ein, die die ganze Zeit gemütvoll auf einem Tischchen blubbert, und greift seine Requisiten wie den Hut der Kunstfigur Günther Zieschong. „Dor Uwe geht nu“.  Das alles musste ja mal gesagt werden. Auch wenn es „furschbar“ ist.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Heimatabend mit Uwe

  1. Anfangs konnte ich mich für Uwe Steimle nicht begeistern. Es lag wohl an seiner Darstellung von Erich Honnecker, von dem hatte ich ja wahrlich genug. Seit längeren hat er sich nun zu einen hervorragenden Entertainer entwickelt. Er hält den „Eliten“ den Spiegel (nicht das Meinungsdeutungshoheitsblatt) in seinen unvergleichlichen sanften sächsischen Humor vor die Nase. Er schaut eben dem Volk aufs Maul. Dabei ist er stets auf der Seite des“ kleinen Mannes“. Besonders wohltuend ist dabei, dass er sich von den Zoten, Klamauk und Unflätigkeiten der sogenannten „Comedians“ aus den gebrauchten Bundesländern abhebt. Weiter so, Uwe Steimle. Hoffentlich fällst Du nicht bei der Rasterfahndung allzu sehr auf.

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