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Geschichten aus der Elbaue


Ein Kommentar

Fundamentalisten reizt man nicht

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Abc.news-Titel  über die religiöse Minderheit der Amish bei der Präsidentenwahl in den USA. Quelle: Screenshot abcnews.com

Keine Angst. Nicht schon wieder Islam. Es gibt auch harmlosere Formen religiösen Festhaltens an einmal aufgestellten Regeln. Besonders eine verdient es,  im Lichte der US-Präsidentenwahl noch einmal genauer betrachtet zu werden. Die Rede ist von den Amish. Ein Völkchen, das heute noch so lebt wie zu Zeiten Friedrichs des Großen oder Maria Theresias, also im späten 18. Jahrhundert. Sie stammen alle von Auswanderern ab, die in der Schweiz und im süddeutschen Raum drangsaliert wurden, weil sie der Lehre Luthers folgen wollten und die katholische Kirche ablehnten. Eine nicht unerhebliche Anzahl wanderte in die USA aus, wo sie ihre religiösen Gebräuche und Sitten ungestört ausleben konnten. Die derzeit größte Population dieser Menschen lebt in der Region Lancaster County im US-Bundesstaat Pennsylvania. Ihre Sprache ist Pennsylvanian Dutch. In der Schule lernen sie Englisch wie unsere Kinder, nur dass sie es dann eben perfekt beherrschen, weil ihre Umgebung englisch ist. Viele ihrer Vorfahren kamen auf Einladung des legendären William Penn, der dem Staat letztlich seinen irgendwie nach Transylvanien klingenden Namen gab. Jener William Penn reiste in Europa umher und wollte in Amerika einen Quäkerstaat gründen. Die volle Religionsfreiheit war sein zugkräftigstes Argument. Und es zog. Rund 25 Prozent aller heute hier Lebenden haben deutsche Vorfahren. Wobei die Amish, oder Amischen wie sie sich selbst nennen, die „Extremsten“ sind. Sie nehmen den Spruch „Du darfst so bleiben wie du bist“ wörtlich bis auf den heutigen Tag. Deshalb ist es ein bisschen so, als tauche man in eine gigantische Zeitkapsel ein, wenn man durch die Amish-Siedlungsgebiete in Lancaster County fährt. Deren Orte tragen Namen  wie Bird-in-hand, Strasburg oder King of Prussia.  Vorrangig  betreiben die Amish Landwirtschaft. Und das nach alter Väter Sitte. Man glaubt in „Wege übers Land“ verschlagen worden zu sein. Gerade im Herbst sieht man Männer mit ihren Vierspänner auf den Feldern pflügen. Die Landschaft erinnert noch dazu an Gegenden in der Mecklenburger Schweiz.

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Zum Gottesdienst am Sonntag treffen sich die Amish reihum bei ihren Glaubensbrüdern in der guten Stube, zuweilen auch in den Scheune. Quelle: Beaverpress

Die Amish haben alle viele Kinder, die mithelfen. Sie lehnen alles Moderne ab, weshalb es in ihren Häusern weder Strom noch fließend Wasser gibt. Das komme aber nicht daher, dass sie wie oft fälschlich behauptet wird, Elektrizität als eine Erfindung des Teufels betrachten, sondern sie wollen  „disconnected“ leben. Unabhängig um jeden Preis. Der Strom für die Nähmaschine kommt oft aus einer Autobatterie. Aber man findet keinerlei Leitungen, die in ein Amish-Haus führen.  Will heißen, sie machen ihr Ding völlig losgelöst von der Welt, die sich um sie herum entwickelt. Ein solches Leben wirkt auf den ersten Blick befremdlich und teilweise abstoßend. Aber in Zeiten wie den heutigen bisse sich beispielsweise die NSA an ihnen die Zähne aus. Cyberangriffe gehen ins Leere, wenn der Gegner weder Strom noch Computer hat. Und von einem flächendeckenden Stromausfall, von dem immer lauter geunkt wird, würden diese Menschen nicht mal etwas merken. Sie machen viel mit Propangas, Pressluft oder Armmuskeln. Dennoch. Die moderne Welt brandet auch an die Häuser dieser biederen Menschen. So findet man oft kleine „Vogelhäuschen“ an ihren Einfahrten, in denen ein Handy deponiert ist und zweimal am Tag abgehört wird. Auch beschäftigen Firmeninhaber oft einen „Englischen“ wie sie ihre amerikanischen Mitbürger nennen, auf den das Firmenauto zugelassen ist und der es fährt. Nach biblischer Sitte arbeiten sie entweder als Farmer, Zimmerleute und in anderen  Kleingewerken. Ihr Fleiß ist sprichwörtlich und ihre Farmprodukte finden gerade in der USA immer stärkeren Absatz, weil die „Bio-Welle“, dort bekannt unter dem Label „organic“, gerade erst im Anrollen ist. Wenn eine Amish-Cooperative als Erzeuger auf dem Etikett der Paprikakiste angegeben ist, wissen die Amerikaner inzwischen, dass eine Verbraucherzentrale in diesen Produkten niemals Rückstände von Pestiziden oder ähnlichen in der industriellen Landwirtschaft gängigen Mitteln finden würde.

Dafür steht aber auch die Amish-Familie mit buchstäblich Kind und Kegel an jedem Tag, den der Herr werden lässt vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit auf den Feldern, im Gewächshaus oder Stall. Am Sonntag folgen sie ganz wie vor über 200 Jahren der Tradition aus den Jahren der Verfolgung und versammeln sich reihum immer im Haus eines Glaubensbruders. Dort findet der Gottesdienst statt, der mehrere Stunden dauert. Danach wird gemeinsam gegessen. Dafür gibt es einen Wagen mit genügend Geschirr und Besteck, der ebenfalls immer mitwandert. Einen Bischof wählen immer etwa 20 Familien einer Gegend. Es muss immer ein Mann sein, die Frau hat sich  unterzuordnen. Die Amish haben interessanterweise nicht nur in dieser Frage viel mit Muslimen gemein. Wie diese vermeiden sie es, „sich ein Abbild“ zu machen. Die Frage, wie Gott aussieht, die in Form der Kirchenmalerei die berühmtesten Kunstwerke in Europa hervorgebracht hat, beantworten sie radikal, indem sie sagen, das alles sei viel zu groß, als dass ein Mensch sich anmaßen könnte, darüber zu befinden oder ihn gar darzustellen. Das Gleiche gilt für Bilder von sich selbst. Man findet in einem Amish-Haus kein einziges Foto. Nicht mal der Kinder. Vermerkt werden lediglich die Lebensdaten der Familienangehörigen. Sie leben eine streng biblische Auslegung des Grundsatzes wonach alle Menschen gleich seien. Schon der Blick in einen Spiegel könnte eine eitle Selbstüberhöhung der eigenen Person sein, die nicht gottgefällig ist.

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Typische Amish-Farm in Lancaster County, PA.  Quelle: beaverpress

Die Gegensätze besonders zu den Muslimen und auch den gewöhnlich getauften Christen in Europa sind gravierend. Amish wird man erst nach Entscheidung im Erwachsenenalter. Selbstverständlich wirken hier Vorprägungen und der sanfte Druck des Familienverbandes mit. Aber formal und praktisch gesteht man den heranwachsenden Nachkommen eine „wilde Zeit“ der Selbstfindung und Prüfung zu. Hier begegnet uns ein Wort, bei dem Deutsche schmunzeln müssen, Amerikaner es nur mit Ausgelassenheit, Party und Alkoholgenuss in Verbindung bringen – Rumspringe. Man lässt die Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes „rumspringen“. Sie können wechselnde Partner haben, dürfen Alkohol trinken, Auto fahren – sich austoben, die Hörner abstoßen und schauen, ob das Leben der „Englischen“ etwas für sie wäre. Wer die Gemeinschaft verlassen möchte, kann das tun. Er wird nicht verstoßen. Einzige Bedingung: Er muss das elterliche Haus verlassen. Auch ältere Amish kann das treffen, beispielsweise wenn sie sich scheiden lassen. Das kommt selbst in diesen sanftmütigen Kreisen vor. Wer sich jedoch für die Taufe und das einfache Leben entscheidet, der lässt alles Moderne hinter sich. Die Frauen tragen am Tag ihre Hochzeit eine weiße Haube und weiße Schürze, die nach der Hochzeitsnacht im Bettkasten verstaut wird. Diese Kleidung trägt die Frau erst wieder am Tage ihres Todes. Die Männer erkennt man an ihren Strohhüten und den dunklen Anzügen. Nach der Hochzeit lassen sie sich den Backenbart wachsen, während sie nur den Oberlippenbart abrasieren. Das verleiht ihnen ein lustiges  Aussehen, das ein wenig an das Volk der Käuer in dem Roman der „Zauberer von OZ“ von Lyman Frank Baum erinnert.

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Junges Amish-Paar auf der Fahrt zum Gottesdienst. Erkennbar am schwarzen Hut des Mannes. Zur Arbeit tragen die Amish Strohhüte. Quelle: Beaverpress

Die Amish leben auf ihrem eigenen „Planeten“, was von der Verfassung der Vereinigten Staaten als eines der heiligsten Rechte, noch vor dem auf Waffenbesitz, festgeschrieben ist. Freedom auf religious opinions, war eine der stärksten Triebfedern, die den Gründungsmythos der Vereinigten Staaten ausmachen. Man darf sich hier komplett heraushalten und wird nicht zu irgendwelchen Akklamationen gedrängt. Und das bis zum Exzess. Die Amish leisten weder Wehrdienst (auch nicht in der Zeit als es eine Wehrpflicht in den USA gab), noch zahlen sie in eine Sozialversicherung ein. Wählen dürften sie nach den Grundsätzen ihrer Religion, aber schon ihre eigenbrötlerische Lebensweise innerhalb „ihrer“ Kreise, lässt sie das politische Leben meiden. Wenn sie doch gehen, dann tendieren sie zu den Republikanern. George W. Bush war einer der Letzten, der mit den religiösen Bezügen seiner Reden und seiner volkstümlichen Art bei den Amish punkten konnte. Aber nicht so signifikant wie jetzt bei dieser Wahl Donald Trump.

Und damit tauchen wir aus der Geschichte wieder im Hier und Jetzt auf und stehen vor einer kleinen Sensation innerhalb der Sensation, die in all dem Hillary-Getöse deutscher Qualitätsmedien,  nicht mit einer Silbe thematisiert wurde. Die aber mit einiger Sicherheit letztlich den Ausschlag für die Wahl des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gab. Denn diese Wahl hat dafür gesorgt, dass diese Menschen, die noch darauf stolz sind, wenn man sie stockkonservativ nennt, in Scharen wählen gingen. Genauer waren es die Demokraten, die dieses Völkchen mit ihrer Politik über Jahre bis an den Rand der Weißglut erzürnt und in die Arme Trumps getrieben haben.

„In den letzten acht Jahren hat die Demokratische Partei systematisch die biblischen Tugenden verleugnet“, sagte Elijah Fisher, der Sprecher der American Amish Brotherhood (AAB) in Columbus, Ohio zu abcnews.com.  Immer mehr Christen seien wegen ihres Glaubens verfolgt worden, man habe gesehen wie der Staat das Institut der Ehe nivellierte, indem er schwulen Männern die Heirat erlaubte wie „normalen Leuten“. Das Fass zum Überlaufen brachte allerdings der Umstand, dass man mit Hillary Clinton ausgerechnet eine Frau zur Präsidentin machen wollte. Das war zu viel. Die Frau hat sich im Wertesystem der Amish einzuordnen und dabei berufen sie sich gleichfalls auf die Bibel.

Genauer auf den sogenannten Paulusbrief an Thimoteus, in dem steht, dass eine Frau nicht lehren soll oder über einen Mann bestimmen darf,  sie habe still zu sein. Im Übrigen ein interessanter Gegensatz dieser Freitäuferbewegung zur protestantischen Kirche. In der alten Heimat der Amish kann eine Margot Käßmann nicht nur salbungsvolle Reden halten, sondern auch feuchtfröhliche Autofahrten unternehmen. Rumspringe im Amt gewissermaßen. Alles „Evil“ in den Augen dieser Religionspuristen. Ausgerechnet bei den Katholiken, vor denen die Amish einst das Weite suchten,  wird das sogenannte Priesterverbot für Frauen dagegen bis heute zwar diskutiert, aber praktiziert. Doch Fisher weiter: Es gelte, die biblischen Gebote wieder in der Politik zu beherzigen, und Trump habe gezeigt, dass er gewillt sei, die Nation wieder auf den Weg des Herrn (the Lords way) zu bringen. Unglücklicherweise (für die Demokraten) leben die Amish in ihrer Mehrzahl in den so genannten Swingstates Pennsylvania, Virginia, Ohio, Indiana und Iowa, abseits des Bible Belts, wo Trump ohnehin gesetzt war. Und offenbar hatte niemand von all den Spindoctors und Demoskopen diese gutmütigen Leutchen (wie so vieles, was das einfache Volk betrifft) auf dem Schirm. Es muss ein entsetztes Aufwachen gegeben haben in den Zentralen der Demokratischen Partei als diese religiöse Gruppe ihre Horsebuggies anschirrte und zu Tausenden zur Wahl fuhr. Vergleichbar mit der Armee der Schatten in der Trilogie „Herr der Ringe“ oder auch mit  dem Bild eines Wagens, der schon über der Klippe hängt, sich aber gerade noch hält. Und in diesem Moment setzt sich ein Schmetterling auf die Kühlerhaube. Wobei es im Falle der Amish kein Schmetterling war, der da den Ausschlag gab. Rund 300 000 Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft leben in Nordamerika.

 

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Quelle:www.270.com

Auch der Economist steht fassungslos vor dieser  Tat der Amish. Alles, wofür Trump steht wie Scheidung, Bankrott, Bau von Kasinos sei  diametral zur Lebensweise der Amish und führe bei ihnen zum Ausschluss aus der Gemeinschaft, schrieb das Blatt in seiner Onlineausgabe.  Steven Nolt, Leiter des „Young-Centre for Anabaptist und Pietist Studies“ im College Elizabethtown, in der Nähe von Lancaster, erklärt, weshalb die Amish trotzdem Trump zum Sieg verhalfen.  Im Prinzip seien alle Kandidaten so etwas wie Aliens für die Amish und ihre Werte, sagt er. Sie identifizierten sich mit Trump nicht auf einer persönlichen Ebene, sondern mit den Republikanern allgemein und vor allem dem von Trump versprochenen Grundsatz: weniger Staat, beschränkte Regierung. Als Trump am 1. Oktober in Lancaster eine Wahlkampfrede hielt, saßen im VIP-Bereich einige Dutzend Amish mit ihren Strohhüten und dunklen Anzügen. Trump ging auf sie ein, indem er versprach, ihre Farmen mit niedrigeren Steuern und dem Abbau von Regularien zu schützen.  Es war nicht auszumachen, ob er speziell diese Zuhörer beeindruckt hatte. Doch der Sprung, der bei der Wählerregistrierung für die Republikaner sichtbar wurde, sei zu einem großen Teil auf die Amish zurückzuführen, sagte Ben Walters vom „Amish political action committee“. Für die Demokraten gibt es nach dieser Wahl eine bittere Lehre. Beim Schielen auf religiöse Minderheiten und ihre Befindlichkeiten, sollte man nicht nur die neuen im Blick haben, sondern alle. Und vielleicht gerade die alten. Denn gerade die Duldsamen könnten irgendwann sagen: Jetzt reicht´s.