castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue


4 Kommentare

Verstörter Paramilitär

Es war Anfang der Neunziger, so kurz nach der Wende, als ich eines Tages beim Konsum eines der für mich neuen Qualitätsmedien richtig erschrak. Ich weiß nicht mehr genau, ob es der Spiegel war oder ein Fernsehformat. Aber es war aus Hamburg. Und von da bekam ich es klipp und klar gesagt: Ich war jahrelang Mitglied einer paramilitärischen Einheit gewesen. Bis dahin kannte ich den Begriff nur in Verbindung mit den blutrünstigen Contras in Nicaragua, der IRA in Nordirland oder den Bombenbauern der ETA in Nordspanien. Jetzt erfuhr ich: In der Liga habe ich auch mal gespielt. Wie es sich für so eine Organisation gehört, wurde auch meine mit drei Buchstaben abgekürzt. Sie lauteten: GST.

220px-gesellschaft_fur_sport_und_technik_symbol-svgDas stand für „Gesellschaft für Sport und Technik“. Dass sich hinter einer vordergründig so harmlosen Bezeichnung eine der gefährlichsten militärischen Untergrundorganisationen verbarg, wie ich es nun erfuhr, wurde mir rückwirkend klar, als ich mich an den Tag meines Eintretens in die Truppe erinnerte. „Biste schon in der GST“, fragte mich der Heimleiter meines Lehrlingswohnheimes, das für drei Jahre meiner Berufsausbildung samt Abitur mein Zuhause werden sollte. Noch ehe ich etwas Sinnvolles sagen kannte, erfuhr ich: „Wenn nicht, bistes ab jetzt“. Fertig ab. In der kommenden halben Stunde bekam ich die entsprechende Uniform, bestehend aus Koppel mit DDR-Emblem, einem Käppi, einer ausgeblichenen Hose und einer  schlabbrigen Jacke in einem undefinierbaren Farbton zwischen grau und grün. In Ermangelung von Knobelbechern wurden blank geputzte Arbeitsschuhe getragen. Entsprechend dieser Einstimmung bestanden die ersten 14 Tage unserer „Lehrausbildung“ aus einer Abfolge von Exerzierübungen rund ums Heim. Das alles zum großen Ergötzen der zwei höheren Jahrgänge des Internats, die grinsend und johlend aus den Fenstern hingen und die Verrenkungen der neuen „Spritzer“ –  so hießen die Elftklässler –  kommentierten. Selbstverständlich verfügte das Internat auch über eine kleine Sturmbahn mit lebensecht verlegtem „Flandernzaun“, unter dem wir das gefechtsmäßige Robben übten. Erfahrungen, die die spätere Lektüre des Klassikers „Im Westen nichts Neues“ viel sinnlicher werden ließen. Das Bild rundete sich ab, als wir erfuhren, dass unsere „Erzieher“ durchweg ehemalige Offiziere der NVA waren, die uns später in bierseliger Laune verkündeten, dass noch „weiter früher“ in unserem Komplex eine Einheit Nachtjäger der Luftwaffe stationiert war. Unser kleiner Ort lag nämlich genau auf der geraden Linie von Holland nach Berlin. Viele meiner Klassenkameraden waren schon länger Mitglied der GST. Sie hatten hier ihren Motorradführerschein gemacht, was eines der größten Motive zum Eintritt in die grau-grüne Truppe war. Auch den LKW-Schein konnte man erwerben. Einer war begeisterter Segelflieger. Auch das gab es. Selbst eine kleine Marine fuhr unter dem Emblem mit Anker und Propeller. Die Schiffchen waren nach der Auflösung der DDR bei Sportbootführern heiß begehrt.  Neben dem Robben, dem Exerzieren und dem gemeinsamen Schauen des Filmes „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ beschränkte sich unsere paramilitärische Tätigkeit allerdings darauf, zweimal im Jahr ins so genannte „Wehrlager“ zu fahren. An eins erinnere ich mich noch. Prerow – direkt am Ostseestrand. Die Zugfahrt überbrückten wir mit dem Genuss geistiger Getränke aus Nordhausen, Wilthen oder Zahna. Nur so viel noch dazu: Pfeffi meinte damals keinen Pfefferminzbonbon und Berliner Luft gab es auch aus Flaschen.  Das alles führte dazu, dass Einige das Ziel schon ziemlich aus den Augen verloren hatten, als sich unser „Truppentransport“ der Küste näherte. Dort entpuppte sich selbst unser Staatsbürgerkundelehrer auch nur als Mensch, obwohl er jetzt mit doch schlecht verhohlener Genugtuung Uniform trug und stolz den Reserveoffizier herauskehrte. Aber er verlegte den Politunterricht kurzerhand an den Strand und ließ uns dort von der Leine mit der Maßgabe, es nicht zu übertreiben. Wir schwärmten aus und gönnten uns erstmal zwei Bier aus dem Strandkonsum.

knarre

Tagesschau vom 14. Januar 2017. Bild aus einem Bericht über die Ankunft amerikanischer Truppen im polnischen Sagan. Quelle: Screenshot ARD

Warum schreibe ich das alles? Nun, weil ich mich diese Woche wieder beim Konsum eines Medienproduktes aus Hamburg erschrocken habe. So wie obiger Sachverhalt eine völlig falsche Assoziation auslöst, tat es ein Beitrag der Tagesschau, nur diesmal eben andersrum. In dem Beitrag wurde mit freundlich-begeistertem Tenor gezeigt, wie amerikanische Soldaten in Polen begrüßt werden. Dabei zu sehen war eine Sequenz, in der Kinder das Sturmgewehr einer Soldatin spielerisch für ein Foto mal in Anschlag bringen durften. Szenen, die im waffentechnisch überregulierten Deutschland wirken, als würde im OP plötzlich einer rauchen. Sportschützen, Jäger und Waffensammler kennen den alten Spruch: Einmal im Jahr schießt jeder Besenstiel. Entsprechend gehört eine Waffe, auch ungeladen, nicht in Kinderhände und es wird damit schon gar nicht in der Gegend herumgezielt. Das ist das eine. Das andere aber die Erinnerung an oben beschriebene DDR-Jugendzeit. Es stimmt schon, die GST diente der vormilitärischen Ausbildung der Jugend und knüpfte damit an Traditionen des Reichsarbeitsdienstes und der Hitlerjugend an. Auf das Kommando „Tiefflieger von links!“ hechteten wir nach links in den Straßengraben. Wir schmierten uns die Gesichter mit Zeitungsasche schwarz, um uns zu tarnen, und nach dem Ruf „Gaaaaas!“ zogen die ersten beiden Züge ihre Gasmasken auf, während der Rest sich im Akkord Mullbinden um das Gesicht wickelte, weil es nicht für alle Gasmasken gab. Die Szenen, die sich danach in märkischer Heide und mecklenburgischem Kiefernwald abspielten, kann sich jeder ausmalen. Wer dabei war, dem brauche ich nichts zu erzählen. Was allerdings über allem Stand: Mit Waffen wurde nicht herumgespielt. Einige altersschwache Luftgewehre waren das Äußerste, was wir an Schießeisen in die Hände bekamen, wenn wir nachts zur Wache des Lagers eingeteilt wurden. Ab und an, gab es mal einen Wettbewerb, bei dem mit einem Kleinkaliber-Karabiner auf Klappscheiben wie beim Biathlon geschossen wurde. Penibel wurde über jede Patrone Buch geführt und mehrfach scharf belehrt, wie die Knarre zu halten ist und was man auf keinen Fall darf. Es sei schon genug „passiert“ hieß es. Selbst unsere Erzieher wurden in ihrer sonst unverhohlenen vorgetragenen Militärseligkeit ganz ernst, wenn es um richtige „Mumpeln“ ging. Wir wurden dort nicht „scharf“ gemacht. Außerdem wollte niemand ernsthaft auf die Westverwandtschaft schießen. Wie das heute wäre…? Aber lassen wir das.

Aber das war mit Abstand das Wichtigste: Jedes zweite Wort lautete Frieden. Und das war ernst gemeint. Und die Russen waren unsere „Freunde“. In aller Ambivalenz, die das Wort mit sich brachte. Die Alten mögen insgeheim nicht so ganz von ihrer Jugend losgekommen sein. Egal wie zackig sie für Frieden und Sozialismus auftraten. Dafür glänzten die Augen zu sehr, wenn sie von der Lehre bei Junkers in Dessau oder der Souvenirsuche in abgeschossenen amerikanischen Bombern in den umliegenden Wäldern erzählten. Aber in einem waren sie sich einig und völlig sicher: Gegen den Russen – nie wieder. Die hatten uns nichts getan und wir den Krieg folgerichtig zu recht verloren. Und das gaben sie an uns weiter. Was nicht das Schlechteste war.

Und jetzt? Es sind polnische Kinder, die da in der Tagesschau gezeigt wurden. Die Polen haben ein anderes Verhältnis zu ihrem östlichen Nachbarn. Alles erklärbar und historisch belegt. Aber gegen wen richten sich die gezeigten Gewehre? In letzter Konsequenz gegen Russen. Und ein deutsches Medium bringt derartige Bilder ohne Einordnung, ohne den Hauch einer Kritik, nicht einmal einem Ausdruck des Befremdens. Und das bei „unserer Geschichte“ wie es immer heißt. Nach allem, was wir „Gorbi, Gorbi“ versprochen haben. Dass all das nicht passiert, verstört einen inzwischen doch schon etwas älteren, pazifistischen Paramilitär mit Motorrad- und Sportbootführerschein fast noch mehr als diese Bilder.


Hinterlasse einen Kommentar

Der September ist noch nicht vorbei

Foto(33)

Autobahn A 8 von Salzburg nach München. Außer einem Stau wird hier nichts produziert. Polizisten sitzen in ihren Fahrzeugen und beobachten den Verkehrsstrom. Es findet keinerlei Prüfung statt. Foto: Beaverpress.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer wurde in seinem Bundesland am Dienstag den ganzen Tag via Bayerischer Rundfunk im O-Ton gebracht. Es seien inzwischen im September rund 170 000 Einwanderer in Bayern angekommen, allein 10 000 am Montag. An einem einzigen Tag. „Und der September ist noch nicht vorbei“, so Seehofer mit dramatischer Betonung.
Wir erinnern uns wie das war, als das Land noch ein völlig anderes war. Vor rund 14 Tagen. Mal ehrlich. Als unser allseits geschätzter Innenminister am 13. September mit schicksalsschwerer Stimme in Berlin (!) vor die Kameras trat, und verkündete, „in diesen Minuten beginnt Deutschland mit der Kontrolle“ hatte das schon ein bisschen was von „seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“. Gestehen wir ein paar Anlaufschwierigkeiten zu, müssten doch jetzt die Grenzen streng kontrolliert werden? Schauen wir uns dazu nur mal die Lage an zwei wichtigen Grenzübergängen im Süden Bayerns und der Republik an. In Kiefersfelden wird die Fahrbahn der A 12 von Innsbruck kommend auf einen Fahrstreifen verengt. Der Stau hält sich am Vormittag noch in Grenzen. Ein Polizist (in Zahlen: 1) steht an der Verengung mit einer Kelle und mustert die Vorbeifahrenden. Hat man diese Kontrolle des souveränen Deutschlands passiert, kann man wieder Gas geben. Ähnlich der Versuchsaufbau an der A 8 bei Salzburg, allerdings mit weitaus verheerenderen Folgen für den Fernverkehr und die Nerven aller Beteiligten. Auch hier verengt man die Fahrspuren auf eine. Während der Verkehr in Kiefersfelden wenigstens noch rollt, steht man hier minutenlang, ohne, dass sich irgendwas tut. Hier sieht die Inszenierung der Kontrolle so aus, dass versetzt um 300 Meter zwei Polizeimannschaftswagen mit der Schnauze entgegen der Fahrtrichtung stehen. Jeweils am Steuer der Fahrzeuge sitzt ein Polizist und lässt den Verkehr passieren. Auf deutscher Seite, rechts am Fahrbahnrand, ist eine Art Partyzelt mit weißen Plastikwänden aufgebaut. Hier sitzen vier Polizisten in gelben Warenwesten über der Uniform und machen das, was man in Bayern wohl eine Brotzeit nennt. Allerdings ohne Bier. Zumindest sind keine signifikanten Flaschenformen zu sehen. Man erkennt im Vorbeifahren große 1,5-Liter-Wasserflaschen auf dem Tisch. Außer einem veritablen Rückstau und etwa einer Stunde Verzug für den Güter- und Urlauberverkehr ist kein Effekt erkennbar. Doch. Einen „Erfolg“ meldet der bayerische Rundfunk von dieser „Front“ an diesem Tag. Ein Verdächtiger Fahrzeuglenker wollte nicht anhalten und trat stattdessen aufs Gaspedal. Fast hätte er dabei noch einen Polizisten umgefahren. Erst 60 Kilometer weiter, kurz vor München, sei er gestoppt worden. Der Iraker hatte sechs Personen ohne Papiere bei sich, heißt es in der Rundfunkmeldung weiter. Keine weiteren Angaben. Wozu auch? Wie es weitergeht, ist hinlänglich bekannt. Die Geschleusten werden zur nächsten Erstaufnahme gefahren, gegen den Schleuser wird ein Verfahren eröffnet. Bis dahin bleibt er auf freiem Fuß und hadert mit seinem Pech. Schließlich kennen wir alle die verstörenden Bilder dieser Schauprozesse gegen Schleuser, die immer mit drakonischen Strafen enden.  Wie Seehofer weiter sagte, seien bis jetzt allein in diesem Monat mehr gekommen als sonst in einem ganzen Jahr. Gleichzeitig meldet der Rundfunk aus München, dass noch nie so viele offene Stellen in Bayern gemeldet wurden. Allerdings schaffte der Sender noch keine rechte Synthese aus beiden Meldungen und damit die  Antwort auf die Frage, weshalb sich Horst Seehofer bei dieser Nachrichtenlage nicht auf den  goldenen Oktober freut.


Ein Kommentar

Der Biber begrüßt die Wölfe

DSC_0040A

Wer Russisch gelernt hat, kann es lesen. Alle anderen verstehen es aber auch so. Foto: leo

Heute mal was auch in eigener Sache. Viele haben vielleicht die Kontroverse um die russischen Biker „Нощние Волки“ (Nachtwölfe) mitbekommen. Diese hatten vor, eine Tour durch halb Europa von Moskau nach Berlin zu fahren. Damit wollten sie an den Weg der Roten Armee bis zum Sieg über Hitlerdeutschland 1945 in Berlin erinnern. Enden sollte das Ganze mit einer Kranzniederlegung am Treptower Ehrenmal. Doch schon die Ankündigung sorgte für eine heftige Gegenreaktion der Politik. Polen verweigert den Bikern die Einreise, Deutschland erkannte selbst gültige Visa nicht an, als einige über Berlin-Schönefeld per Flugzeug einreisen wollten. Aber ein paar ist es doch gelungen. Sie nutzten wie derzeit viele andere auch die ungesicherten Grenzen des Schengenraumes und sind unterwegs nach Berlin. In Sachsen gibt es seit rund zwei Wochen diverse Aktivitäten von Bikern, die russischen Gäste an der Grenze zu empfangen und auf ihrem Weg nach Torgau zu begleiten. Der Elbebiber wird sich an dieser Aktion beteiligen und live berichten.
Warum? Ganz einfach, weil auch ihn das Thema Ukraine und ein drohender Konflikt mit Russland keine Ruhe lässt. Nun könnten Kritiker einwenden, wozu eine „Siegestour“ der Russen mitfahren? Schließlich durfte nach der Wende und den Jahren der verordneten Freundschaft zur Sowjetunion endlich auch gesagt werden, dass sich diese Soldaten auf ihrem Marsch nach Berlin nicht wie Befreier, sondern zu großen Teilen wie eine entfesselte Soldateska aufgeführt haben. Goebbels brauchte keine große Propaganda machen. Die Soldaten, die im Osten kämpften, sahen was los war, wenn sie Gebiete kurzzeitig wieder zurückerobert haben. „Die Russen“ haben geplündert, massenhaft vergewaltigt und wahllos gemordet. Und nach der Kapitulation installierten sie das nächste Unrechtsregime stalinscher Prägung im Osten des Landes. Das ist alles richtig. Aber sollte es nicht gerade nach 70 Jahren Zeit sein, die Hand zur ehrlichen Versöhnung zu reichen? Gerade jetzt, wo ganz offen über einen militärischen Konflikt mit Russland gesprochen wird? Man stört sich an ein paar Stalinabbildungen auf irgendwelchen Fahnen der Biker. Das ist pure Heuchelei. Wenn in der Ukraine, die von uns als junge Demokratie fit für die EU gemacht werden soll, Soldaten mit SS-Runen, Hakenkreuzen und selbst Kinder mit dem Hitlergruß posieren, wird geflissentlich darüber hinweggesehen. Dass Donetzk schon wieder unter Beschuss liegt, taucht in unseren Medien nicht auf. Deshalb gilt es jetzt, „Gesicht zu zeigen“ wie es ständig heißt. Was ist verkehrt daran, auf den alten Soldatenfriedhöfen ein paar Blumen niederzulegen? Es kann nicht schaden, mal kurz innezuhalten und an die Toten auf beiden Seiten zu denken. Sie starben, weil die Politik versagte oder weil einzelne ihre Ideen einer neuen Weltordnung mit Gewalt verwirklichen wollten. Die Völker wollen heute wie damals keinen Krieg. Wie sang Sting in den 80ern: Glaubst Du die Russen lieben ihre Kinder nicht? Die Russen kommen nicht, um in einem späten Triumphzug Deutschland zu demütigen. Gerade den DDR-Bürgern ist noch gut im Gedächtnis, unter welch elenden Bedingungen die „Sieger“ hier in ihren alten, heruntergekommenen Wehrmachtskasernen hausten. Mit Blick auf die Ärmlichkeit der Soldaten und der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung in der ehemaligen Sowjetunion fragte man sich manchmal, wer eigentlich den Krieg tatsächlich verloren hat. Dabei verband das deutsche und das russische Volk schon immer mehr als es trennte. Deutsche Literatur, Musik und nicht zuletzt seine Produkte hatten und haben in Russland einen hervorragenden Ruf und viele Verehrer. Umgekehrt zog es immer viele Deutsche in das rätselhafte, weite Land im Osten. Bismarck erkannte in seinen Jahren als Gesandter in Sankt Petersburg, dass ein gutes Verhältnis zu Russland essentiell für Deutschland ist. Sind seine Erfahrungen nichts mehr wert, nur weil sie über 100 Jahre zurückliegen?
Deshalb muss auch heute gelten: Frieden mit Russland. Lassen wir Putin und die große Politik mal beiseite und begrüßen die russischen Motorradfahrer wie es sich für gute Gastgeber gehört. Fahren ein Stück mit ihnen zu ihren alten Gräbern, trinken ein Gläschen und hören einander zu. Was kann daran so schlimm sein?


Ein Kommentar

Niemand hat die Menschen gezwungen – Die Krim ein Jahr danach

IMAG1566

Die Journalistin Anastasia Vinnichenko mit ihrem kleinen Sohn Wladislaw am Strand des Schwarzen Meeres. Sie lebt in Simferopol, der Hauptstadt der Krim. Foto: privat

Knapp über ein Jahr ist es jetzt her, dass die Krim wieder russisch wurde. Bis heute ist dieser völkerrechtliche Akt hochumstritten. Russland wurde deshalb auf Druck der USA von Europa mit Sanktionen belegt. Angela Merkels letzte Stellungnahmen in dieser Sache lauteten, sie werde diese Aktion Russlands nicht anerkennen. Das ist die große Bühne der Weltpolitik. Doch wie geht es den Menschen vor Ort? Wie empfinden die unmittelbar Betroffenen diese Veränderungen in ihrem Alltag?
Castorfiberalbicus sprach dazu mit der 31-jährigen Journalistin Anastasia Vinnichenko. Sie arbeitet als Redakteurin beim Internetsender Newsfront in Simferopol, der Hauptstadt der Krim.

Castorfiberalbicus: Frau Vinnichenko, zunächst erstmal die Frage: Woher sprechen Sie so gut Deutsch?

Ich war als Au-Pair-Mädchen in Deutschland und lebte in einer sehr guten Familie. Meine Gastmutter hat mir Schritt für Schritt Deutsch beigebracht. Dann hatten sie mir die Möglichkeit gegeben, eine private Sprachschule zu besuchen. Ich hatte auch ein Studium in Deutschland angefangen. Dieses brach ich jedoch aus privaten Gründen ab, was ich später mehrmals bedauert habe. Ich mag die deutsche Sprache und die Deutschen.

Castorfiberalbicus: Zur Politik. Vor einem Jahr wurde die Krim wieder ein Teil Russlands. Wie bewertet die Bevölkerung der Krim das ein Jahr danach?

IMG_2319

Auch im Straßenbild von Simferopol ist die neue Zugehörigkeit zu Russland präsent. Hier eine Unterstellmöglichkeit in patriotischer Aufmachung. Foto: privat

Seit der Vereinigung mit Russland haben wir eine sehr große patriotische Aufwallung erlebt. Und diese Stimmung hat sich bis heute gehalten. Jetzt, wie auch vor einem Jahr, sind die Krimbewohner fest davon überzeugt, dass ihre Entscheidung richtig war. Diese Überzeugung wird bestärkt durch das, was derzeit in der Ukraine abläuft. Wir sehen doch, in welchen Zugzwang die einfachen Ukrainer geraten sind. Ich meine damit die Kürzungen der sozialen Leistungen, den Absturz der Nationalwährung Hriwna, die bleibenden super niedrigen Renten und Gehälter, verdreifachte Preise und so weiter. Es war damals auch allen klar, dass es die einzige Möglichkeit war für die die Krimbewohner, ihre Rechte, ihre Sprache, ihre Kultur, die freie Selbstbestimmung und nicht zuletzt den russischen Hafen und damit auch Ihre Arbeitsplätze zu schützen. Heute ist es sogar noch offensichtlicher als damals, dass diese Entscheidung richtig war. Die Krimbewohner sind sich sicher, dass in einem anderen Szenario es für sie hätte schlimmer enden können, als für die Donezker-Bevölkerung.

Castorfiberalbicus: Wie sieht die derzeitige wirtschaftliche Lage der Menschen auf der Krim aus?

Wir haben kein plötzliches Paradies hier bekommen. Das muss man verstehen. Aber es gibt signifikante Verbesserungen, vor allem für die einfachen Menschen. Die Rentner bekommen wesentlich mehr Rente, als es damals in der Ukraine war. Die Gehälter für Lehrer, Ärzte, Polizei, Militärangehörige sind wesentlich höher, als vor einem Jahr oder auch heutzutage in der Ukraine. Die durchschnittliche Rente in der Ukraine beträgt 48 Dollar, die durchschnittliche Rente auf der Krim 177 Dollar. Die Preise sind ungefähr gleich. Manche Produkte sind teurer auf der Krim, manche Produkte sind in der Ukraine teurer. Alle Krimbewohner haben eine kostenlose Krankenversicherung bekommen und können jetzt wirklich in den Krankenhäusern kostenlos versorgt werden. Das alles hat man in der Ukraine nicht. Und weil wir alle viele Verbindungen in der Ukraine haben, behalten die Verwandten, Bekannten und auch die Medien dieses Thema fest im Blick. Man sieht sowohl in russischen als auch in ukrainischen Medien Vergleiche, wie es uns auf der Krim und wie es den Menschen in der Ukraine geht. Und in diesem Vergleich gewinnt die Krim sehr deutlich. Die nationale Währung Hriwna ist massiv abgestürzt. Vor kurzem kostete ein Dollar mehr als 40 Hriwna, zu Zeiten der Janukowitsch- Regierung kostete ein Dollar acht Griwna, also ein Fünftel. Jetzt hat der Hriwna sein Positionen etwas zurückerobert: offiziell 25 Hriwna, aber de facto bekommt man für diesen Preis keinen Dollar. Ab April sind die Preise für Gas, Strom enorm gestiegen. Später wird der Preis auch für Wasser für die Ukrainer jedes halbe Jahr steigen. Auf der Krim hingegen steigen nicht die Steuern, sondern die Renten und Gehälter.
Es gibt aber auch schlechte Seiten. Wegen der Sanktionen können die Menschen auf der Krim keine Visa und Master Card benutzen. Die Banken auf der Krim bedienen keine russischen Rechnungen. Ein Tourist aus Russland kann nicht einfach mit seiner russischen Karte auf der Krim sein Geld abheben. Große Firmen investieren nicht gerne auf der Krim, weil die Angst sehr groß ist, durch westliche Sanktionen getroffen zu werden. Man spürt auch die Transport- und Wasser- Blockade seitens der Ukraine. Die Bahn-Verbindungen wurden gekappt. Die Bus-Verbindung geht nur bis an die Grenze. Die Grenze muss man zur Fuß überqueren. Die Lastwagenfahrer mit Waren aus der Ukraine müssen unheimlich viel Schmiergeld an der Grenze bezahlen, um ihre Waren auf die Krim fahren zu dürfen. Auf die Krim fährt nur ein einziger Zug der Verbindung Moskau-Simferopol. Dafür wird am Flughafen noch ein Terminal gebaut. Es sind mehr Flugverbindungen geworden. Die Preise sind wirklich nicht sehr teuer. 125 Dollar kostet ein Flug Moskau-Simferopol hin und zurück. Die Touristen aus Russland fliegen gerne auf die Krim.
Der Nord-Wasser-Kanal, der größte Bedeutung für die östlichen und nördlichen Gebiete der Krim hat, ist außer Betrieb. Die Ukraine leitet kein Wasser mehr auf die Krim. Das macht das Leben, vor allem für die Bauern, sehr schwer. Früher wurde auf der Krim Reis angebaut, heute hat man dafür nicht mehr genug Wasser.
Das Benzin ist auf der Krim 30-40% billiger als in der Ukraine.

Castorfiberalbicus: Gibt es auch kritische Stimmen in Bezug auf das Referendum und die Rückkehr zu Russland?

IMG_2320

Russische Truppen bei der Absicherung des Refenderums 2014. Foto. privat

Klar. Es geht im Leben nie so, dass alle zufrieden sind. Negativ eingestellt ist aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, höchstens 8-9%. Vor einem Jahr haben die Krimbewohner gesehen, wie das Motto „Ukraine ist Europa“ auf dem Maidan als Meinung des ganzen Volkes vorgestellt wurde. Die Krimbewohner haben die einzig richtige Antwort auf dies gegeben – das Referendum. Den Einwohnern der Halbinsel wurde angeboten, ihre Meinung über die Zugehörigkeit der Halbinsel zu äußern. Und sie haben es getan. Es war wirklich ein Fest für den größten Teil der Menschen auf der Krim. Damals haben sogar die gewählt, die es vorher nie getan haben. Das, was in westlichen Medien berichtet wurde, dass das Referendum unter vorgehaltener Waffe stattfand, ist eine unverschämte Lüge. Niemand hat die Menschen gezwungen, an diesem Tag aus dem Haus zu gehen und zu wählen. Die Menschen machten es freiwillig und dort waren wirklich endlose Schlangen an den Wahllokalen.

Castorfiberalbicus: Die Nato veranstaltet Manöver im Schwarzen Meer und den angrenzenden Ländern. Wie wird das von der Bevölkerung der Krim wahrgenommen?

Die Bevölkerung der Krim nimmt das ruhig wahr. Die Krimbewohner sind der Meinung, dass die einzigen, die für  die Krimbewohner wirklich eine Gefahr darstellen könnten, ukrainische Mächte wären, die die Krim angreifen könnten unter dem Vorwand „die konstitutionelle Ordnung zu schaffen“. An einen militärischen Erfolg einer derartigen Aktion glaubt hier keiner, aber die westlichen Medien könntes das für ihre Zwecke instrumentalisieren. Stellen Sie sich beispielsweise einen Artikel im Spiegel oder FAZ vor, wie etwa: „Russen haben 20 000 ukrainische Soldaten plattgemacht, die die konstitutionelle Ordnung auf der Krim wiederherstellen wollten“ oder „Russische Flugzeuge haben 100 ukrainische Panzer vernichtet“. Was die NATO angeht, wenn es in einen Konflikt zwischen Russland und NATO ausartet, was Gott verhüten möge, dann werde das nach Meinung der Krimbewohner zum dritten Weltkrieg führen, in dem es keine Sieger geben wird. Die ganze Menschheit wird in diesem Fall verlieren.

Castorfiberalbicus: Deutschland beteiligt sich offiziell an den Sanktionen der EU und den Nato-Manövern. Doch die Stimmung in der deutschen Bevölkerung ist gespalten. Viele wollen ein gutes Verhältnis zu Russland und haben Verständnis für die Krimabstimmung. Wie wird Deutschland und speziell die deutsche Bevölkerung von den Bewohnern der Krim wahrgenommen?

Die Meinungen gehen auseinander. Ein Teil der Krimbewohner meint, dass Deutschland weiterhin die USA unterstützen wird und es sei sinnlos, etwas dagegen zu unternehmen. Der andere Teil der Krimbewohner glaubt, dass die Deutschen das einzige Volk Europas sind, das Russland wirklich verstehen könnte. Ja, genau das Volk, nicht die Regierung. Nicht vom Hörensagen wissen die Deutschen, was Nazismus und Faschismus bedeuten. Man glaubt, dass nur die Deutschen Russland wirklich verstehen könnten, wenn es in die ganze Welt hinaus schreit, dass in der Ukraine die reine Wiedergeburt des Faschismus passiert.

Castorfiberalbicus: Welche Hoffnungen haben die Menschen auf der Krim in Bezug auf die nahe Zukunft?

Die Krimeinwohner wünschen sich vor allem den Frieden. Dass die Welt sich ohne ständige Kriegstreiberei und Kriege weiterentwickelt. Dass die Regierungen überall genug Verstand an den Tag legen, um keine „Roten Knöpfe“ zu betätigen, sondern gemeinsam zu einer Weiterentwicklung der gesamten Menschheit beitragen. Die Krimeinwohner wünschen sich, dass die gegenwärtigen Probleme der Halbinsel, besonders das Nichtanerkennen des Referendums durch den Westen, in naher Zukunft mit ausschließlich politischen Mitteln gelöst werden können. Es ist auch wichtig für uns, dass die Kommunalpolitiker ihre Arbeit gewissenhafter ausführen, als zu den ukrainischen Zeiten. Dass der Kampf gegen die Korruption unvermindert weitergeführt wird und die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel aus Moskau für den Ausbau der Krim-Infrastruktur nicht zweckentfremdet werden.

Castorfiberalbicus: Vielen Dank für das Gespräch.