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Geschichten aus der Elbaue


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Dringend gesucht: Vernunft und Augenmaß

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Skopis Elbgarten hat sich über die Jahre zu einem ganzjährigen Geheimtipp am Elberadweg entwickelt. Jetzt verordnet die Stadt Coswig eine Winterpause. Foto: beaverpress

Am Wochenende nahm eine Nachricht (hier) auf Facebook ihren Weg in die Öffentlichkeit, die im Elbtal weithin für Gesprächsstoff, teilweise regelrecht für Erschütterung sorgt. Der beliebte Biergarten „Skopi“ am Coswiger Tännichtweg hat von der Stadt Coswig eine offizielle Nutzungseinstellungsverfügung bekommen. Will heißen, der Laden soll zwangsweise vom 1. November bis 31. März schließen. Begründet wird das damit, dass nur der Betrieb einer Sommerwirtschaft genehmigt sei. Ganz so überraschend wie dargestellt kommt das Ganze allerdings auch wieder nicht. Die Stadt Coswig, vertreten durch wechselnde Mitarbeiter ihres Baudezernates, ging auf dem Gelände ein und aus in den letzten Jahren. Der Oberbürgermeister selbst, der die Lokalität privat ebenfalls schätzt, was im Stadtrat bekannt ist, versuchte zu vermitteln. Nicht zuletzt war man auch auf das Entgegenkommen der Wirtsfamilie angewiesen als es um den Bau der S 84 über einen Teil ihres Landes ging. Die Straße „steht“ in diesem Abschnitt seit zwei Jahren, weshalb offenkundig im Bauamt wieder Zeit genug ist, sich um Liegengebliebenes zu kümmern. Im Wesentlichen stützt sich besagtes Schreiben und der seit Jahren vor sich hin schwelende Streit auf den baurechtlichen Passus eines Außenbereichs. Wir schauen dazu einmal nach, was Wikipedia als Definition bereithält.

„Außenbereich ist ein Begriff im deutschen Bauplanungsrecht im Zusammenhang mit der Zulässigkeit von Bauvorhaben. In den Außenbereich fallen alle Grundstücke, die nicht im Geltungsbereich eines qualifizierten Bebauungsplans liegen und die auch nicht zu einem im Zusammenhang bebauten Ortsteil (unbeplanter Innenbereich) gehören. Auch größere, von Bebauung umgebene Freiflächen können durchaus zum Außenbereich gehören, wenn sie den Bebauungszusammenhang deutlich unterbrechen. Für die Beurteilung der planungsrechtlichen Zulässigkeit eines Vorhabens kommt es immer auf dessen konkrete räumliche Lage und damit auf die Zuordnung zu einer der Gebietskategorien an.“ (Auszug Wikipedia)

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Nachbar 1 im Außenbereich: Der Containerdienst Hasse. Links im Bild der Neubau der Schnellstraße 84.  Foto: beaverpress

Gerade der letzte Satz könnte der Schlüssel zu einer Lösung sein. Lassen wir die juristischen Spitzfindigkeiten und Formalien mal beiseite  und betrachten das Ganze von einer anderen Warte. Tun wir für einen Moment so, als säße im Coswiger Rathaus ein aufgeklärter Monarch an der Spitze, der seine Richtlinienkompetenz gegenüber seinem eigenen Bauamt  im Sinne  der Vernunft und der Verhältnismäßigkeit anwendet  und dabei ein kleines bisschen dem Gedanken der Wirtschaftsförderung nachhängt. Tun wir gleichfalls für einen kurzen Moment so, dass es im Stadtrat keine persönlichen Eifersüchteleien und Profilierungen auf Kosten Dritter gibt, sondern hier gleichfalls nur im Sinne des Bürgerwohls und der „Hebung der Wirtschaft“ entschieden wird. Auch wenn es in diesem Fall nur die Wirtschaft „an der Ecke“ ist. Unter dieser Prämisse sehen wir Folgendes. Zunächst einmal, dass  der Biergarten nicht wie der Begriff „Außenbereich“ unterschwellig suggeriert irgendwo mitten in einem wertvollen Naturschutzgebiet mit bedrohten Pflanzen und Tieren liegt. Oder hier heimlich im Wald eine Tankstelle  gebaut wurde.

Betriebsgelände 1

Das Coswiger Zellstoffwerk auf einer Aufnahme aus DDR-Zeiten. Foto: Matthias Hartig

Das Gelände selbst war bis zur Wende eine der vielen für das Elbtal typischen Gärtnereien. Daher auch der Name „Gärtnerwirt“, weil Inhaber Bernd Skopi gelernter Gärtnermeister ist. Über einen Teil des heutigen Biergartens verlief zu DDR-Zeiten die Anschlussbahn für eine der größten Dreckschleudern der DDR, den VEB Zellstoffwerk Coswig, im Volksmund nur „Strohbude“ genannt. Einige Bahnschwellen findet der Besucher noch heute auf dem Gelände. Die Wirtsleute haben sie zu Treppenstufen und Begrenzungen am Elbhang verarbeitet. Heutiger Nachbar ist der Hasse-Containerdienst mit seiner Bauschutt- und Schüttgütersparte. Er arbeitet ganzjährig. Nördlich grenzt besagte neue Schnellstraße an, die auf einer völlig neuen Trasse durch bisher unberührte Gebiete gezogen wurde. Das heißt. So ganz unberührt waren die Gebiete nicht. Nach der Wende tummelten sich hier vorrangig „wilde Entsorger“, die illegal Müll und Bauschutt gegen Geld aufhäuften, bis einem von ihnen der Quittungsblock buchstäblich von der Kriminalpolizei aus der Hand genommen wurde. Es folgten jahrelange Ermittlungsverfahren und Prozesse mit dem Ausgang, dass die öffentliche Hand wenigstens die teilweise Entsorgung dieser Hinterlassenschaften übernahm.  Selbst die Trasse der neuen Straße hat man geschickterweise so gelegt, damit im Zuge der Baumaßnahme möglichst viele Altlasten „erwischt“ werden. Jenseits der Schnellstraße runden ein Schrottplatz, ein Holzhandel und nicht zuletzt der größte Maschinenbaubetrieb der Neuen Bundesländer, die KBA AG Planeta das Ensemble dieses „Außenbereichs“ ab. In all den Jahren der wilden Entsorgungswirtschaft  sah man das Umweltamt der Stadt Coswig, das es damals noch gab, sehr selten in diesem Bereich.

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Nachbar 2: Die Koenig & Bauer AG, Ostdeutschlands größter Maschinenbaubetrieb. Foto: beaverpress

Die „rührigen“ Unternehmer waren selten anzutreffen und schwer zu fassen. Einer hatte das Geschäft offiziell auf seine 80-jährige Mutter irgendwo in Schleswig-Holstein angemeldet. Alles schwierige Gegner für eine Verwaltung. Ganz anders die Skopis. Von denen leben inzwischen drei Generationen von der prosperierenden Gartenwirtschaft.  Die Location gilt längst als der Geheimtipp am Elberadweg bis weit über Dresden hinaus. Bonmot am Rande. Selbst Angestellte des städtischen Imbissbetriebes im Kötitzer Bad schließen abends ihre Frittenbude lieber zu und kehren auf ein Bier bei Skopi ein. Hier klönt der Konzernvorstand neben dem Monteur, streitet sich der Grüne mit dem AfDler, um sich dann beim dritten Bier wieder zu versöhnen. Selbst Landräte und Minister schätzen die ungezwungene Atmosphäre am egalistischen Biertisch inmitten von Grün und Vogelgezwitscher. Mancher Schluckspecht hat hier sein Heimatrevier. Milde Winter und ein auch in der kalten Jahreszeit nicht abreißender Strom durstiger und hungriger Radler ließen über die Jahre die Öffnungszeiten immer weiter nach hinten wandern, bis es dann kam wie es kommen musste und die ersten Weihnachts- und Silvesterfeiern hier unter großem Anklang stiegen. Das Ganze begleitet von provisorischen Holzbauten, von denen der Fachmann weiß, dass nichts länger hält und dankbarer angenommen wird als diese. Inzwischen kann der Betrieb ohne große Konjunkturdellen sogar noch drei Angestellte über das Jahr bringen. Mit der amtlich verordneten Vollbremsung jetzt wäre das vorbei. Der Betrieb vielleicht sogar nachhaltig geschädigt. Sicher. Den Wirtsleuten ist der Vorwurf zu machen, dass sie sich zu sehr auf ihre Arbeit konzentrierten und am wachsenden Betrieb erfreuten. Sie hätten über die Jahre Lobbyarbeit betreiben müssen, wie es heute so schön heißt. Aber welcher Familienbetrieb kann das schon? Das hier ist Skopis Elbgarten und nicht Daimler-Benz. Bleibt zu hoffen, dass sich der Coswiger Stadtrat doch noch besinnt. Wem ist geholfen, wenn ein halbes Dutzend Leute Däumchen drehen oder Stempeln gehen müssen? Fiat justitia et pereat mundus* wie beim Alten Fritz? Ein bisschen Strafe? In Ordnung. Drei Tage Freibier für alle? Auch gut. Aber dann sollte gemeinsam überlegt werden, wie das Bestehende legalisiert werden kann. Es muss schon alles seine Ordnung haben in Deutschland. Wenigstens im Kleinen. Paragraphen lassen sich so oder so lesen. Und wenn es an einem Plan fehlt, kann man einen beschließen. Es wäre nicht das erste Mal, dass in Coswig etwas passend gemacht wird. Dazu gehört nur ein bisschen guter Wille. Und Vernunft.

 

 

* Es werde Gerechtigkeit und wenn die Welt (dabei) zugrunde geht. (lat.)

 


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Neulehrer an die Front

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Es könnten sogar 101 Gründe werden. Quelle: Screenshot Radio PSR.de

Radio hören im Auto ist in diesen Zeiten immer ein bisschen gefährlich. Besonders, wenn man nach einem flotten Song nicht schnell genug umschalten kann. Kaum ertönen die Stimmen der Moderatoren, droht sehr oft geistiges Ungemach, was die Laune nachhaltig dämpfen kann. Bedingt durch eine die Aufmerksamkeit bindende und die Geschicklichkeit erfordernde Verkehrssituation kam es, dass ich heute einem Wortbeitrag auf Radio PSR unter der Rubrik „100 Gründe – Warum Sachsen so großartig ist“ nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Und so hörte ich eine  Moderatorin  mit enthusiasmierendem Timbre folgendes sagen:  „Weil Sachsen die wenigsten Schulden in Deutschland hat. Ende letzten Jahres waren wir mit 2,3 Milliarden Euro verschuldet, was viel klingt, aber im bundesdeutschen Vergleich der geringste Schuldenstand ist. Und dazu kam es, weil Sachsen die Verbindlichkeiten des öffentlichen Gesamthaushaltes um 850 Millionen abgebaut hat.“ Pro-Kopf-Karbidproduktion fällt DDR-geschulten Spöttern da sofort ein. Aber lassen wir die Zahl mal stehen. Sie wird schon irgendwo, irgendwie stimmen. Was hier taktvoll unerwähnt bleibt, ist das Fiasko um die Sachsen LB. Das liegt zwar schon einige Jährchen zurück, sorgt aber aufgrund der Nachhaltigkeit, mit der da missgewirtschaftet wurde bis heute für Nachschusszahlungen des Freistaates im dreistelligen Millionenbereich. Aber was macht das in einem Land, wo die Milliarden locker sitzen?

Wo Sachsen noch so ziemlich einzigartig ist, verriet MDR aktuell am Nachmittag. Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) wurde rezitiert. Wir erinnern uns. Sie übernahm den Job 2012 nachdem der bisherige Minister auf typische Dresdner Art (Dreck alleene machen usw.) hingeschmissen hatte, weil er den Sparkurs der damals noch CDU-FDP geführten Sachsenregierung nicht mittragen wollte. Die „Bruni“ nun ließ heute vom staatlichen Sachsenfunk verlautbaren, dass vor 2019 nicht mit einer „Normalisierung an unseren Schulen gerechnet werden kann“. 45 Prozent der Lehrkräfte seien Seiteneinsteiger. Das heißt also im Klartext, gut die Hälfte (und wahrscheinlich sind es sogar noch mehr) all derer, die im besten Freistaat aller Zeiten vor den Kindern stehen, sind Hilfslehrer. Ist die Neulehrerquote von 1945 erreicht oder überboten? Bei Wikipedia lesen wir dazu: 1949 waren bereits 67,8 Prozent aller Lehrerstellen in der sowjetischen Besatzungszone, zu der Sachsen gehörte, mit Neulehrern besetzt. Das ist sicher noch zu schaffen bis 2019. 47,7 Prozent dieser Neulehrer gehörten der SED an. Das wäre auch kein Problem. Hauptsache,  nicht AfD. Nun  ist es aber auch nicht so wie weiland beim Alten Fritzen, der seine ausgedienten Feldwebel und Korporäle im Alter zu Dorfschullehrern machte. Es sind unter diesen Seiteneinsteigern viele hochmotivierte und top ausgebildete Fachleute dabei. Ich selbst kenne zwei persönlich. Aber wozu haben wir dann noch ein Schulgesetz, eine Schulpflicht und Lehramtsstudiengänge an den zwei renommierten Hochschulen Dresden und Leipzig? Gleichzeitig dröhnt auf allen Kanälen, dass Deutschlehrer für die Flüchtlinge gebraucht werden. Nummer ziehen und hinten anstellen, kann man angesichts dieser Zustände nur sagen. Wenn das so weiter geht, schaut jeder in der Familie, wer gerade Zeit oder nichts so richtig zu tun hat, und unterrichtet den Nachwuchs selber. Was soll Opa im Garten rumprimeln, wenn die Enkel Algebra brauchen? Oder die Eltern machen es gleich selbst. So wie Medizin nach Noten. Mit Hilfestellung über den Rundfunk. Dann könnte man bei den Wortbeiträgen wieder zuhören und alle würden was lernen. Sachsen wäre dann neben Australien und Canada das erste Land in Europa mit Fernunterricht. Und schon hätten wir 101 Gründe, warum Sachsen so großartig ist.


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Nachspiel für die Drei vom Nettomarkt

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Lakonische Reaktion eines Arnsdorfers auf die Behauptung, es gäbe eine Bürgerwehr im Ort. Foto: beaverpress

Wurden Filme mit hoher Einschaltquote früher in Babelsberg oder Hollywood gedreht, sind heute eher Low-Budget-Produktionen aus Tankstellen, Fußgängerzonen und Supermärkten die wahren Straßenfeger. So wie das Handyvideo aus dem Netto-Markt im beschaulichen Dörfchen Arnsdorf, nördlich von Dresden. Wie so oft nahm der Vorfall erst seine Bahn durch die übliche Empörungsmaschinerie als er seinen Weg in die sozialen Netzwerke fand. Das Gute daran ist: Jeder, der möchte, kann sich den Clip so oft anschauen wie er will und sich seinen eigenen Reim darauf machen. Wir rufen uns die Szene noch einmal in Erinnerung. Zu sehen ist ein junger, dunkelhaariger Mann, der im Kassenbereich steht und zwei Weinflaschen in den Händen hält. Man hört die helle Stimme einer Frau, die ihn mehrmals auffordert, diese Flaschen wieder hinzustellen. Offenbar hat er sie nicht bezahlt. Dann sieht man wie ein älterer männlicher Nettomitarbeiter, erkennbar an seinem roten Arbeitspulli, sich dem jungen Mann langsam in deutlich defensiver Weise nähert und die Hand vage ausstreckt, um eine Flasche in Empfang zu nehmen. Darauf geht der „Kunde“ aber nicht ein, sondern hebt eine Flasche in die Höhe. Nun werden aber auch die Kritiker des Gesamtvorgangs nur schwer umhin kommen anzuerkennen, dass eine am Hals gefasste und über dem Kopf geschwungene Weinflasche in unseren Breiten nicht unbedingt als Friedensgeste gilt. Gleichzeitig hört man die junge Frau sagen, dass die Polizei schon zweimal da war an diesem Tag. Wie man später erfuhr, wegen genau dieses jungen Mannes. Dann treten die Drei vom Imbiss mit ihrem zielstrebig, deeskalierenden Vorgehen auf den Plan. Der Rest ist bekannt und lief größtenteils nach Schema F . Mit einem Nachspiel im Arnsdorfer Gemeinderat zu Beginn dieser Woche. Der kleine Raum konnte so viele Besucher gar nicht fassen, die alle extra wegen dieses einen Tagesordnungspunktes gekommen waren. Als Beobachter, der Video und Medienreaktion gesehen hat, steht man einigermaßen fassungslos daneben und schüttelt mit dem Kopf, wenn man Redebeiträge und Reaktionen einiger Gemeinderäte dazu  sieht. Eine Szene wie sie eindeutiger nicht sein konnte, wird hier zu einem Kulturkampf böse Einheimische gegen per se gute Migranten stilisiert. Dabei wird überdeutlich: Viele Bürger bilden sich tatsächlich „ihre“ Meinung erst nach dem Verdikt der Medien. Weil die das Ganze verurteilen, rücke Arnsdorf in ein schlechtes Licht und schuld sind die drei couragierten Helfer, so eine Gemeinderätin. Schuldumkehr bis ins Groteske gesteigert. Aber zum Lachen ist es nicht.  Täter wird Opfer, Mann beißt Hund. Man erlebt live und in Farbe die Noelle-Neumannsche Schweigespirale. Nachdem die Medien das Narrativ „Bürgerwehr misshandelt kranken Flüchtling“ ausgegeben haben, schwenken einige sofort darauf ein. Einschließlich der Bürgermeisterin. Dabei widerspricht sich die Frau selbst, ohne es zu merken. Das wurde deutlich als in der Fragerunde, in der das Volk zu Wort kommen durfte, eine junge Frau aufstand, die nach eigenem Bekunden selbst als Verkäuferin arbeitet. „Ich habe ständig im Laden einen Hund dabei und ich habe Angst, weil wirklich komische Leute reinkommen“, sagte sie ruhig. Darauf die Bürgermeisterin: „Ich kann ihre Gefühle verstehen“. Die der Netto-Mitarbeiterin aber offenbar weniger. Einer der Bürger spricht erregt davon, dass die Männer abslout richtig gehandelt hätten, da man die „Mentalität dieses Klientels“ kenne. Was einen Abgeordneten der Linken zu einem Kopfschütteln und dem Satz „da sind wir wieder bei den Vorurteilen“ veranlasst. Es wird überdeutlich, die Linken, die Grünen sowieso und Teile der SPD sind bedingungslose Anwälte der Fremden, während sie ihr eigenes Volk unter Generalverdacht sämtlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit stellen. Da wird sogar die Existenz einer Bürgerwehr herbeihalluziniert, nur weil eine Stimme aus dem Off des besagten Videos am Ende sagt: Ist schon schade, dass man eine Bürgerwehr braucht. Ein Vorgang, der einen der Beteiligten mit typisch sächsischem Humor auf die Idee brachte, ein T-Shirt mit einem stilisierten Hamburger und der Aufschrift „Burgerwehr Arnsdorf“ zu tragen. Ganz zu schweigen davon, dass selbst die Polizei nach Prüfung des Vorgangs nicht umhin kam anzuerkennen, dass die Drei korrekt gehandelt haben. Dennoch soll einer der „Haupttäter“ nun aus seiner Partei, der CDU, ausgeschlossen werden. Der CDU-Ortsverbandschef habe sich sogar bei dem Asylbewerber entschuldigt und ihm eine Handykarte geschenkt. Der wird sich fragen, warum er in der Klappse sitzt. Aber so geht Willkommenskultur in Absurdistan.  Die Surrealität des Arnsdorfer Nachspiels wird umso deutlicher, wenn man sich dazu nur einmal drei (es gäbe mehr)  Nachrichten aus der näheren Umgebung just in diesen Tagen ansieht. Da hätten wir die 1000-Meter-Spritztour eines Syrers in Wilthen, der einem Pärchen das Auto abnahm und auf dem Dach landete (Carnapping durch Syrer).

Wer wird wohl die Kosten tragen? Aus Dresden wird der Fall eines Asylbewerbers gemeldet, der mit einer zerschlagenen Bierflasche auf Anwohner der Elbwiesen in Laubegast losgehen wollte und drohte: „Ich bringe euch alle um“. Zuvor hatte er mit einem Springseil den jungen Hund eines Pärchens gewürgt und ihn mit der Faust geschlagen, nur weil der, seinem Spieltrieb folgend, zu ihm hingerannt war (Laubegast). Nun gut. Auch so wird der Leinenzwang bald durchgesetzt. In Roßwein (siehe hier) randalierten Asylbewerber in ihrem Heim, dass erst ein Großaufgebot an Polizei und Rettungskräften eingreifen und verbinden musste. In Arnsdorf gilt eine drohend geschwungene Weinflasche aber offenbar bei einigen als adäquates nonverbales Verhalten während des Bezahlvorgangs. Auffällig ist vor allem, welche Fragen nicht gestellt werden. Es heißt, der „arme kranke Flüchtling“ saß im dortigen Fachkrankenhaus für Psychiatrie im offenen Vollzug. Wir halten mal fest: Er war also nicht in einer  Therapiestation, in der Menschen mit psychischen Erkrankungen auf eigenen Wunsch behandelt werden, sondern in einer nachgelagerten Einrichtung des Strafvollzugs wie der Name sagt. Warum war er dort? Vielleicht weil er andernorts auch schon so „einkaufte“? Wieso reagierte niemand in der Klinik, wenn die Polizei den Patienten an diesem Tag schon zweimal abgeliefert hat?, wie berichtet wird.  Wie hält man es mit dem Genuss von Alkohol in einer solchen Einrichtung? Aber besser man fragt all das nicht. Die Antworten könnten vielleicht verunsichern.

 

 

 

 


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Bürgerdialog: Ende der Durchsage

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Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich stellte sich beim vorerst letzten Bürgerdialog in der Kreuzkirche den Fragen der Bürger. Foto: beaverpress

Der sechste Dresdner Kreuzkirchendialog ist Geschichte. Und es wird wohl auch der letzte gewesen sein. Obwohl endlich wahr wurde, was  in den vergangenen Veranstaltungen oft barsch gefordert wurde, nämlich, dass sich „Tillich und Konsorten endlich mal herscheren sollten“, war das Interesse eher mäßig. Viele Bankreihen in Dresdens zweiter großer Kirche blieben leer als es um den Komplex „Mitsprache“ ging. Offenbar erwarten sich die Bürger keine Impulse oder Antworten mehr, wenn nicht mal der Ministerpräsident als prominenter Gast zieht. Wobei es vielleicht auch gerade an diesem liegt. Hölzern und distanziert wie man ihn kennt, steht er am Mikrofon und erzählt den aufgebrachten Menschen etwas von Mehrheiten, vom Wählen und Gewähltwerden. Dabei wird immer wieder deutlich: Der Funke will einfach nicht überspringen. Tillich in seinem Habitus mit perfekt sitzendem Anzug, weißem Haar und angenehm sonorer Stimme ist er der Typus Berufsfunktionär, der schon morgen aus dem Stand ein Landratsamt im ehemaligen Bezirk Rostock und übermorgen den Vorsitz einer Krankenkasse in Düsseldorf übernehmen könnte. Kein Vergleich mit seinem berühmten Vorgänger Kurt Biedenkopf, dem die Sachsen längst seine Einkaufstour bei Ikea verziehen haben, wenn sie sich überhaupt noch daran erinnern. Der kleine Kurt Hans, wie ihn Gemahlin Ingrid stets zu nennen pflegte, vermittelte den Sachsen mit seinem verschmitzt vigilanten Auftreten zweierlei: Ich bin doch im Grunde einer von Euch und lasst mich mal machen. Ihm schrieben die Menschen Postkarten mit Genesungswünschen, wenn er im Krankenhaus lag. Wo er hinkam, wurden Schultern geklopft, Hände geschüttelt. Er führte den „Tag der Sachsen“ ein. In der „kleinen Staatskanzlei“, dem Büro Ingrid Biedenkopf, weinten sich die Untertanen aus, wenn die demokratischen Verwaltungsbehörden  eben doch nicht so funktionierten, wie es auf dem Papier steht. Hier wurde an den Instanzen vorbei eingegriffen. Wenn nötig über König Kurt Hans persönlich. Die sächsische Nachwendemonarchie ist lange vorbei. Wenn sie mitmachen wollen, können sie in Parteien und Vereine gehen, wenn sie sich beschweren wollen, vor Gericht ziehen, hören die Bürger von ihrem jetzigen Landesvater. Nichts, was das Herz erwärmt. Tillich spricht vom „Lebenselixier der Demokratie“, wenn Meinungen nicht nur dem Mainstream entsprechen, um den Geist gleich wieder in die Kiste zu stopfen. Es gäbe natürlich Grenzen der Meinungsfreiheit. Nicht dass jemand übermütig wird. Gewaltaufrufe, Rassismus und dergleichen. Er ließ das unspezifiziert. Wahrscheinlich, um vielleicht nicht ausgerechnet im einstmals total zerstörten Dresdner Zentrum auf Sprüche wie „Bomber Harris do it again“ und Ähnliches eingehen zu müssen. Er habe 30 Jahre in einer Diktatur gelebt, wo nur einer sage,  wo es langgeht, so Tillich, der dabei noch bedeutungsschwer langsamer sprach. Was er dabei taktvoll unerwähnt ließ, ist der Fakt, dass er nicht nur nolens volens seine 30 Jahre in einer Diktatur so irgendwie auf einer Backe abgerissen hat wie so viele, sondern als stellvertretender Vorsitzender des Rates des Kreises Kamenz schon in jungen Jahren an maßgeblicher Stelle ziemlich vorne mit dabei war.  Und es kam noch besser. Uwe Steimle hätte wahrscheinlich wieder gefragt, wer hier Kabarett macht, als Tillich doch völlig ernsthaft sagte, Bundeskanzler und sogar Ministerpräsidenten könnten nicht einfach so entscheiden. Sie seien keine Könige. Prompt reagierte der erste Redner in der darauffolgenden Runde „Bürger am Mikrofon“ auf diesen Satz. „80 Millionen haben am Bildschirm live verfolgen können wie genau das passiert ist“. Er frage ihn gar nicht erst wie er das finde, möchte aber daran nur ein Frage knüpfen: Schreie so etwas nicht nach direkter Demokratie? Überhaupt hatte es diese Fragerunde in sich. Was er denn bei den Bilderbergern wolle und wie er sich dabei fühle?, wollte einer wissen. Tillichs Antwort verriet, dass er den Rat des Kreises Kamenz irgendwie nie ganz verlassen hat oder der ihn nicht: Auch das sei eine gute Gelegenheit, um für Investitionen in Sachsen zu werben. Aha. Man darf also gespannt sein, welche Eine-Welt-Läden Ex-US-Außenminister Henry Kissinger und Ex-CIA-Chef Petraeus demnächst in Sachsens Hauptstadt aufziehen. Zu allem Ungemach meldete sich dann noch ein perfekt mit Sakko und weißem Hemd gekleideter junger Mann zu Wort. Artig bedankte er sich, dass der Herr Ministerpräsident hier erschienen sei, um dann aus dem Kopf Völkerrechtsartikel zu zitieren, die in seinem Vorwurf gipfelten, mit der Ansiedlung von 1,5 Millionen kulturfremden jungen Männern in seiner Alterskohorte finde ein „weicher Völkermord“ an den Deutschen statt. Versammlungsleiter Peter Stawowi sprang aufgeregt zum Mikro und überzeugte das Publikum von seiner Souveränität als Moderator, indem er sagte, er habe schon viele Veranstaltungen moderiert, aber das hier sei destruktiv. Zugleich ließ er das Auditorium an seinen  Bewertungsprozessen teilhaben: Googeln sie mal Wortergreifungsstrategien von Rechtsextremen. Der junge Mann, nach der Veranstaltung gefragt, verneinte eine wie auch immer unterstellte Nähe zur NPD oder anderen rechtsextremen Vereinigungen. Er habe hier studiert und sei Ingenieur. Der ebenfalls anwesende Leiter der sächsischen Verwaltungsfachhochschule Meißen rückte dann mit etlichen Worten und seiner Autorität als Rechtskundiger die ungeheuerliche Meinungsäußerung zurecht. Teile des Publikums hatten die Worte des jungen Mannes, die zum Schluss schon im Lärm untergingen, mit Rufen wie „Das ist die Wahrheit“ quittiert, während andere aufgeregt murmelten. Aber es blieb auch weiter kein Wohlfühltermin. Eine Dresdnerin hatte sich auf drei Schwerpunkte vorbereitet. Sie wedelte mit einem Bildzeitungsausriss, in dem es um die kürzlich erfolgte Koreareise des Dresdner Oberbürgermeisters Dirk Hilbert (FDP) ging. 475 Euro hätte laut diesem Presseorgan eine Nacht in dem Hotel gekostet, in dem der Dresdner OB nächtigte. Wer das wohl bezahlt habe? Hilbert sagte, zu dieser Konferenz, bei der es um die Entwicklungen im asiatischen Raum ging, sei er eingeladen gewesen und habe Dresden dort präsentiert. Was Dresden mit den Entwicklungen Asiens verbindet, ließ er offen. Das Hotel habe er selber bezahlt. Mit Sicherheit überhaupt keine Rolle hat gespielt, dass Hilbert eine koreanische Frau hat. Die Zustände auf der Prager Straße und die Kopftuch-Kostümierung hochrangiger weiblicher Mitarbeiterinnen des Sächsischen Wirtschaftsministeriums anläßlich einer Iranreise waren die zwei anderen Dinge, die die Dresdnerin ansprach. Letzteres kommentierte sie mit den Worten: Geht’s noch?

Den Beteiligten aus der Riege der Entscheidungsträger war anzumerken, dass sie ganz froh sind, die Sommerpause erreicht zu haben. Ob es mit diesem Format weitergehe, müsse geklärt werden, hieß es. Dabei war die Rede davon, dass „andere Formen“ des Dialogs gefunden werden müssten. Will heißen: Ende der Durchsage. Denn welche will man noch finden? Erst 2015 gab es nach dem heißen Herbst und Winter 2014/2015 eine Reihe von Veranstaltungen, in denen Bürger an Tischen und unter Moderation mit Regierungsvertretern, darunter auch mehrmals Ministerpräsident Stanislaw Tillich, debattieren konnten. Dieses als „Faselmorast“ verspottete Format hat keinerlei abrechenbare Ergebnisse gebracht. Wie auch. Die grundlegenden Entscheidungen werden von der Monarchin in Berlin nach demokratischem Zwiegespräch mit sich selbst entschieden. Der Rest der Republik hat dann nur noch zu schauen, wie er beispielsweise „die Menschen, die zu uns kommen“ unterbringt. Um nur einen Aspekt zu nennen. Daran kann auch ein Tillich, selbst wenn er wie derzeit Vorsitzender des Bundesrates ist, nichts ändern. Mal angenommen, er wollte sogar. Es bleibt dabei: Die Kommunikation zwischen Volk und Obrigkeit ist nachhaltig gestört. Eine Gruppe inzwischen stadtbekannter Pegidianer brachte am Ende der Veranstaltung durch das Hochhalten von einzelnen Buchstabenkarten zum Ausdruck wie ihre Lösung aussehen könnte. Zu lesen war das Wort: Neuwahlen.


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Rückkehr ins verrufene Land

Im dunklen Dreieck Clausnitz (Reisegenuss), Colmnitz (Wehrmachtssanikoffer) und Freital (GSG 9-Einsatz) leuchtete die Stahlarbeiterstadt dieser Tage wieder einmal am Nachrichtenschirm der bunten Republik auf. Mit einer irritierenden Meldung. Asylbewerber, auch Flüchtlinge genannt, die im nahen Pirna untergebracht werden sollten, hatten sich auf eigene Faust auf den Weg zurück in ihre bisherige Bleibe, das ehemalige Hotel Leonardo in Freital gemacht. Von dort mussten sie weg, weil das Landratsamt sich irgendwie mit dem Betreiber überworfen hatte. Von fehlendem Brandschutz war die Rede. Nach den Vorgängen in Düsseldorf und Bingen kein ganz unwichtiger Aspekt. Neu untergebracht wurden die Flüchtlinge in Pirna, in einem nicht mehr genutzten Landratsamt, das für schlappe 550 000 Euro „notdürftig“ saniert wurde, wie zu lesen war. Hier war es aber nicht so angenehm wie im verrufenen Freital, erfuhr die verdutzte Öffentlichkeit via Lokalpresse. Verdreckte Toiletten (von wem blieb in dem Bericht dezent offen) und mieses Essen seien der Anlass für den Exodus gewesen, heißt es. Mit dem Putzen und einem W-LAN für alle sei es  auch nicht so weit her gewesen. Aber, Moment mal. Freital? War da nicht was? Genau. Das beschauliche Örtchen am Rande von Dunkeldeutschlands Hauptstadt Dresden war  im vergangenen Jahr so etwas wie das Dien bien phu der ungezügelten Einwanderung. Wochenlang gab es Proteste von Anwohnern und später Krawalltouristen jeder Couleur vor dem Heim. Das Ganze gipfelte schließlich in Deutschlands  erster grundrechtsfreier Zone. Die Polizei erklärte kurzerhand den ganzen weiträumigen Umkreis des Hotels zu einer Sonderpolitzone, in der mehr als drei Zusammenstehende schon eine ungenehmigte Demonstration waren und Ortsfremde unter Androhung von Ingewahrsamnahme des Platzes verwiesen wurden. Erinnerungen an den 17. Juni 53 waren nur rein zufällig und nicht beabsichtigt. Das war 2015. Erst im April dieses Jahres erschütterte die letzte Nachricht des ausglühenden Konfliktes die Medienlandschaft. Im Stile actionreicher Hollywood- Blockbuster rückte die GSG 9 an, um einem 18-Jährigen, der noch bei Mami und Papi wohnt, die Polenböller unterm Bett hervorzuziehen. In den Medien wurden die Silvesterwaren aus dem nahen Nachbarland nur noch als „Sprengstoff“ bezeichnet. Nicht weil das besser klingt in der Tagesschau, sondern weil sie kein Gütezeichen der Bundesanstalt für Materialprüfung tragen. Die Bombenentschärfer vom sächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienst hatten wohl gerade mit einer Weltkriegsbombe zu tun. Sicher ist sicher, mag sich Onkel Tom im Innenministerium gedacht haben und ließ seine schärfsten Hunde von der Leine, die GSG 9. Wir erinnern uns, das ist die Truppe zäher Burschen, die vor langer Zeit mal richtige Terroristen mit echten Waffen aus einem gekaperten Lufthansaflugzeug in Somalia zerrten. Die meisten davon tot. Eine Terroristin gerade noch so lebendig, dass sie heute in Talkshows auftreten kann. Der von den Gangstern kaltblütig erschossene Flugkapitän kann das nicht mehr. Die GSG 9 erwarb sich mit dieser Aktion einen geradezu legendären Ruf unter den Spezialeinsatzkräften der Welt. Diese harte Truppe war notwendig, um Freital wieder einigermaßen sicher zu machen.  Und ausgerechnet dorthin wollen nun die Flüchtlinge zurück? Ach so, die schauen kein deutsches Fernsehen, sondern sehen nur, was tatsächlich los ist im Freitaler Alltag. Dann kann man ihnen diese Fahrlässigkeit nicht übel nehmen. Ob der Einsatz der GSG 9 in Freital verfilmt wird, ist auch noch nicht raus. Es heißt, es fehle noch ein bisschen der Pep im Drehbuch. Immerhin ging nicht mal ein Knaller los. Von einem Flugzeug ganz zu schweigen. Vielleicht langt´s noch für einen Animationsfilm auf Kika. Mal sehen.


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Sarrazin schafft sich ab

eisterPolizeiautos vor der Tür und streng schauende Security-Männer sind inzwischen so etwas wie ein Gütesiegel, dass im Inneren eines so bewachten Gebäudes

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Thilo Sarrazin kurz vorm Betreten der Bühne im Dresdner Quality Hotel Plaza. Im Gegensatz zu früheren Auftritten in der Stadt blieben viele Plätze leer. Foto: beaverpress

eine spannende Veranstaltung stattfindet. So wie am Mittwoch in Dresden als im Quality Hotel Plaza der Skandalautor der letzten Jahre schlechthin erwartet wurde – Thilo Sarrazin. Er ist derzeit auf Tour mit seinem neuesten Buch „Wunschdenken“. Untertitel: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert. Im Grunde sind alle seine Bücher die unausgesprochene Fortsetzung seines Millionensellers „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010. Von dem machte im letzten Jahr das Bonmot die Runde, es sei als Warnung gedacht gewesen und nicht als Handlungsanweisung. Doch genau so schien es vielen, die im Herbst des Jahres fassungslos auf die Bildschirme starrten und zeitversetzt erleben mussten wie in ihrer Nachbarschaft Turnhalle auf Turnhalle sich mit fremden Menschen füllte, die in den Medien pauschal als „Flüchtlinge“ bezeichnet wurden. Erwartungsgemäß nimmt das Thema Einwanderung in Sarrazins Buch breiten Raum ein. Doch das Interesse der Leser an Analyse scheint durch die überholende Wirklichkeit geschwunden zu sein. Füllte Sarrazin Anfang 2011 noch locker eine Messehalle in Dresden, blieb diesmal gut ein Drittel der Sitze in dem stilvoll renovierten einstigen Ballsaal des Hotels leer. Und man kann es kurz machen. Was Kompanien von Schreibern und unzähligen politischen Gegner des Autors in den letzten fünf Jahren nicht hinbekamen, erledigt der Meister gerade selbst: Sarrazin schafft sich ab. In Dresden optisch gut sichtbar. Begrüßte der der Saal den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Bundesbanker fast geschlossen mit stehenden Ovationen, war es am Ende der Veranstaltung nur noch eine Handvoll, die dem Autor auf diese Weise huldigte. Gerade die Fragerunde zeigte: Man hatte sich von ihm Hilfe, Zuspruch und Wegweisung erwartet. Gerade er, der Ruhige, der Grübler, der Statistikverliebte ist so etwas wie der Messias der Zweifler in diesem Land.  Wer, wenn nicht er, müsste jetzt wissen, was zu tun ist. Doch gerade hier wurde überdeutlich, ein Sarrazin betreibt Schreibarbeit nur um seiner selbst willen. Das Lob und der frenetische Beifall des Pöbels ist ihm wahrscheinlich mehr als peinlich. Und dann erst die Fragen, die diese Menschen in karierten Hemden und Cordhosen stellen. Quälende vier Mal antwortete er auf die Frage eines Dresdners, was er denn zu dem Treffen der Bilderberger hier in der Stadt sage: Ich verstehe sie nicht. Der Fragende wiederholte zunehmend aufgeregt seine Frage immer wieder. Endlich Sarrazins Antwort: Warum sollen sich einflussreiche Leute nicht treffen?  Dann stellte er sich doch nicht länger dümmer als er ist und holte aus: Wenn der Fragesteller damit insinuieren wolle, dass die Gesellschaft von irgendwelchen Kräften im Hintergrund regiert werde, so halte er das für eine haltlose Verschwörungstheorie. Will heißen, bleibt mir bloß fort mit euren selbstgebastelten Theorien aus dem Internet und obskuren Büchern. Auf dieses Niveau lässt sich ein Sarrazin nicht ziehen. Was aber die Frage offen lässt, worüber einflussreiche Leute so abseits der Öffentlichkeit sprechen, wenn es nicht um den Austausch von Angelergebnissen oder das Zeigen von Kinderbildern geht? Ähnliches Muster beim Thema TTIP. Was er denn dazu sage, dass hier offensichtlich nicht mal der Versuch unternommen werde, Deutsche Interessen zu wahren und was er insgesamt davon halte. Auch hier erst wieder der Verweis auf die phonetische Unverständlichkeit der Frage, obwohl die Fragerin klar zu verstehen war und allein das Reizwort TTIP ausreichen dürfte, um grob zu erfassen, worum es geht. Er habe sich darauf nicht vorbereitet, könne deshalb nichts dazu sagen, so die lapidare Antwort. Nicht vorbereitet? Der Zahlenmensch Sarrazin, der Ex-Bundesbanker, der Weltökonom kann nichts aus dem Stehgreif zu TTIP sagen? Hat sich darüber keine Gedanken gemacht? Die Stimmung kühlte fühlbar ab im Saal. Und sie wurde auch nicht besser als einer fragte, wie er sich denn die Rückführung abgelehnter Migranten vorstelle. Immerhin das nimmt breiten Raum in seinem Buch ein. Was die Zuhörer dann zu hören bekamen, könnte allenfalls mal ein Drehbuch für einen zweitklassigen Abenteuerfilm mit Hardy Krüger taugen, wenn der sich das noch zutraut, denn als ernstgemeinte Handreichung für die Politik. Er könne sich vorstellen, dass einige Transall-Maschinen unter Begleitung von Abfangjägern eine Landepiste irgendwo in Afrika ansteuern und die Migranten dort „freigesetzt werden“.  Das ist Thilo Sarrazin 2016. Ernsthaft. Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling versuchte es dann doch noch einmal, den Doyen der Regierungskritik zu einer handfesteren Aussage zu drängen. Was nach den Feststellungen von Gunnar Heinnsohn (Youth Bulge), von Professor Rindermann (Untersuchungen zum IQ von Migranten) und seinen eigenen Erkenntnissen noch geschehen müsse, um die Regierung zum Einlenken zu bewegen und welcher Kraft er das zutraue? Eine Frage, die in Abwandlungen mehrmals kam. Hier wurde deutlich: Sarrazin bekennt keine Farbe. Kraftlos und nichtssagend seine Antwort: Die Veränderung müsse aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Abseits des Podiums riet er Festerling, ihr „Mundwerk zu zügeln“, worauf sie erwiderte, er sei ja wohl der  Meister der kalkulierten Provokation mit seinen „Kopftuchmädchen“. Sarrazin selbst brachte als angedeutete Antwort eine Geschichte, die ihm widerfuhr, als er Anfang der 80iger Jahre mit dem Zug von Polen nach Köln durch die DDR fuhr. Die Polen im Abteil hätten plötzlich wie ein Mann zusammengehalten als einem Landsmann vom polnischen Zoll ein 100-DM-Schein weggenommen werden sollte. Soweit eine Metapher auf den fehlenden Zusammenhalt der Deutschen heute in entscheidenden Fragen wie der Migrationskrise. Dann seien DDR-Zöllner gekommen und die wären aufgetreten wie einst die SS und hätten die Polen ihre Macht spüren lassen. Das sei der Geist der Gesellschaft gewesen. Was Sarrazin als mit einem westdeutschen Pass gebenedeiter damals aber entging war der Umstand, dass diese DDR-Grenzer mit ihren blanken Schaftstiefeln und ihrem SS-haften Auftreten auch gegen den größten Teil der Einwohner dieses Landes standen. Einziges greifbares Fazit seines gut einstündigen Vortrags ist der resignative Ausblick.  „Geist und Geld werden sich davon machen“, so Sarrazin. Schon jetzt achteten immer mehr gebildete Eltern darauf, dass ihre Kinder in Schulen ohne Migranten und nicht abgesenkten Standards lernen können. Über kurz oder lang werde sich diese Schicht im Stillen davonmachen. Nur einmal blitzte der alte Kampfgeist und Humor noch auf. Als die Rede auf Angela Merkels sagenhaften Auftritt bei Anne Will zur Sprache kam. Der schonende Umgang der Medien sei ganz klar der Parteibuchpolitik vor allem im Fernsehen bei der Besetzung wichtiger Posten geschuldet. Mit ihm als Frager wäre Angela Merkel schweißgebadet aus dem Studio gegangen, so Sarrazin selbstbewusst. Seinem Publikum in Dresden wird eher lauwarm zumute gewesen sein.


Ein Kommentar

Dresdner Moschee: Ick bün allhier.

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Die Dresdner „Tabakmoschee“ Yenidze steht im barocken Zentrum seit 1909. Foto: beaverpress

Nach den Diskussionen um Moscheeneubauten in Leipzig und Chemnitz hat das Thema nun auch Dresden erreicht. Just in einer Zeit, in der Verfassungschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sagt, es gäbe in Deutschland etwa 90 salafistische Moscheen, die man scharf beobachte, weil in ihnen selbsternannte Imame und Emire eher Themen abseits der sonst so hochaktuellen Debatte um Gender Mainstreaming oder dem Mindestlohn predigten. Er hat dabei wohl so Sachen wie Brüssel-Flughafen und Bataclan im Sinn. Immerhin gilt in Frankreich noch immer der Ausnahmezustand nach den Anschlägen vom 13. November, auch wenn darüber in keiner Zeitung mehr etwas steht und im Fernsehen kein Wort darüber verloren wird. In einer Zeit also, wo weniger Moschee eigentlich mehr wäre, soll nun auch die sächsische Landeshauptstadt eine solche Kultstätte bekommen. Bauherr ist die Ahmadiyya-Gemeinde. Wobei sie das Christentum und seine Speisung der 5000 in den Schatten stellt, indem sich die rund 40 Gemeindemitglieder in die Kosten des Millionenbaues teilen. Aber im Ernst. Das Projekt ist Teil des 100-Moscheen-Planes mit dem diese Religionsgruppe vorhat, alle deutschen Städte gleichmäßig zu bebauen. Gesammelt wird deutschlandweit unter den Anhängern der Religionsgemeinschaft. Erwartungsgemäß wird das Reizthema Moscheebau sofort aufgegriffen. Bei Pegida war es Michael Stürzenberger, der einen längeren Vortrag über Wirken und Motive dieser Ahmadiyya-Gruppierung abgab. Stürzenberger, einst CSU-Mitglied und Pressesprecher der Strauß-Tochter Monika Hohlmeier, kämpft seit Jahren gegen ein Islamisches Zentrum in der Münchner Innenstadt. Auch die Islam-Aussteigerin und Frauenrechtlerin Sabbatina James, zuletzt gesehen bei Lanz und in diversen anderen Talkshows, zählt zu den Kritikern der Ahmadiyya -Gemeinde. Fazit der Kritiker: Man solle sich nicht einlullen lassen von Aussagen, die Ahmadiyya vertrete eine Art „gemäßigten Islam“. Es gehe um optische Landnahme für den Islam. Von der anderen Seite des Spektrums kommen die bekannten Erklärungen, dass es in Deutschland Religionsfreiheit gäbe und jeder das Recht habe, dazu ein entsprechendes Gebäude zu errichten. Wobei man eben nicht so genau hinschaut, wenn Imame von der türkischen Religionsbehörde DITIB ausgebildet werden oder das Geld für repräsentative Bauten aus Saudi-Arabien kommt, das zwar keinen einzigen muslimischen „Flüchtling“ haben möchte, dafür aber 200 Moscheen in Deutschland finanzieren will, damit sich die Glaubensbrüder in der Fremde schnell heimisch fühlen.

All dessen ungeachtet, weist Dresden aber auch hier wieder eine Besonderheit auf. In Sachen Moschee ist man nämlich hier weiter als der Rest. Und das schon sehr lange. Länger sogar noch als überhaupt ein türkischer Gastarbeiter westdeutschen Boden betrat. Denn hier gibt es wahrscheinlich die älteste Moschee Deutschlands – die Yenidze. Na gut, nicht so richtig, aber vom Äußeren her ist alles da: Minarett, große Kuppel und reichhaltige Ornamentik an der Fassade. Die Dresdner kennen ihr Wahrzeichen gleich neben der Marienbrücke nur als die „Tabakmoschee“. Ursprünglich war die Gestaltung als Moschee der Dresdner Bauordnung geschuldet und zugleich ein Werbegag. Besagte Bauordnung verbot Industriebauten im Zentrum, was den Zigarettenfabrikanten Hugo Zietz 1886 auf die Idee brachte, seine Fabrik quasi als orientalische Moschee zu tarnen. Umstritten war das 1909 fertiggestellte  Bauwerk im barockverliebten Dresden deshalb trotzdem. Und zwar heftig. Architekt Martin Hammitzsch brachte es den Ausschluss aus der Reichsarchitektenkammer ein. Man redete über die „Tabakmoschee“. Ereiferte sich. Und gewöhnte sich schließlich daran.  Zu DDR-Zeiten stand an der Fassade „Tabakkontor“. Die Sorten „F 6“ und „Cabinett“ wurden hier hergestellt. Vor dem Krieg beispielsweise auch Bulgaria Sport. Was die Frage aufwirft, ob heute eine solche Bezeichnung für Zigaretten noch mit den Werberichtlinien der EU konform ginge. Geschweige denn, was los wäre, käme ein Unternehmer auf die Idee, schnöde Produktionsgebäude in die Form religiöser Bauwerke aus anderen Ländern zu kleiden. Sei es wie es sei. In Sachen Dresdner Moschee heißt es wie in der Geschichte vom Hasen und dem Igel: Ick bün allhier. Offensichtlich hat das Multikulti-Befürwortungslager dieses argumentative Geschenk noch gar nicht erkannt. Denn wenn in Städten wie Leipzig oder Chemnitz sich bei vielen Eingesessenen noch die Nackenhaare sträuben bei dem Gedanken, dass sich ihr heimatliches Umfeld optisch bald in ein Klein-Istanbul verwandelt, kann ausgerechnet im architektonisch weihevollen Dresden niemand ernsthaft behaupten, dass es nicht geht. Die „Dresdner Moschee“ steht an exponierter Stelle und bildet mit der Kuppel der Frauenkirche, der Hofkirche und  der Semperoper die berühmte Altstadt-Silhouette. Mit dem berüchtigten Muezzinruf wäre es allerdings so eine Sache. Der gute Mann bräuchte eine Schornsteinfegerausbildung. Andernfalls täte er es wohl nur einmal. Die Ahmadiyya-Gemeinde wäre am besten beraten, sie mietete sich in der Yenidze ein. Nach Eigendarstellung der Betreibergesellschaft stehen auf fünf Etagen 9000 Quadratmeter zur Verfügung. Da sollte sich doch ein Plätzchen finden für den Imam und seine 40 Gläubigen. Und beide Seiten hätten ihre Ruhe. Die Muslime könnten ihrer Religion nachgehen, worum es ja in der Hauptsache geht, wie alle Exponenten nicht müde werden zu beteuern. Und sie könnten das in einem mehr als passenden Umfeld tun. Gleichzeitig wäre die Diskussion, ob nun Moschee ja oder nein im Dresdner Fall über 100 Jahre alt und als abgehakt zu betrachten. Mit der vorherigen Nutzung dürfte es wohl aus religiöser Sicht auch keine Probleme geben. Der Tabak, der hier verarbeitet wurde, kam zwar aus dem christlich-orthodoxen Griechenland, aber im Islam ist sein Genuss nicht verboten. Doch so wie man Dresden kennt, siehe „Fall Marina Garden“ oder „Fall Waldschlößchenbrücke“, wird man sich diese Chance nicht entgehen lassen und ein weiteres innerstädtisches Kampfgebiet eröffnen. Gut wäre es, man erinnerte sich an die alte Aufschrift der Fabrik. Dort stand: Salem aleikum – Friede sei mit euch. Vielleicht schimmert die noch irgendwo durch.