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Geschichten aus der Elbaue


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Daniela und ihr Waschbär

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Der inkriminierte Post der sächsischen Landtagsabgeordneten Daniela Kuge (CDU) Quelle: Screenshot Facebook

So schnell kann´s gehen. Man schaut in den Spiegel und es schlägt einem ein Shitstorm entgegen, gegen den die letzte Elbeflut eine übergelaufene Badewanne war. Das passiert, wenn man das Spiegelbild mit einem Pelz um den Hals auf Facebook postet und dazu schreibt: „Waschbär erlegt und trägt sich klasse! Euch einen warmen Freitag!“. Diese offenbar so leicht nebenhin geworfenen Zeilen stammen von der sächsischen Landtagsabgeordneten Daniela Kuge. Die hübsche Blonde von der CDU hat sich damit vermutlich ohne es auch nur ansatzweise zu ahnen selbst an den Pranger gestellt. Und wie. Was sich aus dieser harmlosen Koketterie mit der eigenen Eitelkeit entwickelte, übertraf an „shit“  den zeitgleich über Sachsen tobenden Schneesturm um Längen und führte dazu, dass die Abgeordnete am Wochenende ihren Facebookaccount für eine Woche ganz vom Netz nahm, damit sich die Gemüter wieder beruhigen.
„Der Teufel trägt Waschbär, nicht mehr Prada“, lautete einer der noch harmlosen Kommentare, der als Überschrift über der gesamten sich entspinnenden „Diskussion“ stehen könnte. Weiter ging es mit erwartbaren negativen Konotationen das Aussehen, die Haarfarbe und das Alter des Opfers betreffend, womit nicht der Waschbär gemeint ist.  In regelrechte Hassphantasien steigerten sich Poster, die androhten, man müsse der Abgeordneten selbst das Fell über die Ohren ziehen. Das Ganze driftete natürlich auch gleich ins Politische. Offenbar in Unkenntnis der Tatsache, dass Kuge nicht der AfD angehört, schrieb einer, dass aus diesem Landstrich Leute kämen, die einem erzählten, sie wären das Volk. Gerade habe er gelesen, wieviel mehr Krankenkassenbeitrag er künftig für die von „Birne“ ins Land geholten 18 Millionen Sozialfälle zahlen dürfe. Ein hoch interessanter Fakt. Zeigt er doch, dass der offenkundig westdeutsche Schreiber sich immer noch an den vor nunmehr 27 Jahren neu Dazugekommenen rund  17 Millionen DDR-Bürgern gedanklich abarbeitet, aber keinerlei Verbindung zwischen dieser Erhöhung der Krankenkassenbeiträge und den im letzten Jahr neu Dazugekommenen ein bis zwei Millionen woher auch immer zieht.

Besonders entzündet sich jedoch die „Kritik“, um es mal möglichst neutral zu formulieren, an dem Umstand, dass die Politikerin sich mit diesem Pelz auch noch zeigt. Wobei die Äußerung „selbst erlegt“ noch interpretative Unschärfen aufweist. Meint sie damit in flapsiger Sprache nur „selbst gekauft“ oder tatsächlich „selbst geschossen“. Als Jägerin ist die gelernte Apothekerin bisher nicht in Erscheinung getreten. Und wildern wird sie als Abgeordnete der Regierungspartei in Sachsen doch nicht.

Ganz außer Acht gerät bei all dem Furor aber wieder einmal die Sache an sich. Fakt ist: Es werden weltweit Tiere unter den barbarischsten Verhältnissen gehalten und getötet, nur um an ihren Pelz zu kommen. Schlagzeilen macht dabei auch immer mal wieder das Schicksal von Hunden und Katzen etwa in der Ukraine oder China, deren Felle für den modischen Besatz von Kapuzen unserer billig bei den Großketten angebotenen Anoraks und Winterjacken herhalten müssen. Es darf gewettet werden, dass es auch unter den Shitstormern, die sich jetzt über Daniela Kuges umgebundenen Bären ereifern, welche gibt, die (sicher aus Unkenntnis) solche Winterkleidung tragen.

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„Rucky Waschbär“, aufgenommen mit der Selbstauslösekamera eines Jägers in Brandenburg. Die Tiere sind nachtaktiv und haben in Deutschland keine natürlichen Feinde. Foto: privat

Fakt ist aber auch, dass der Waschbär in unseren Wäldern und Weinbergen inzwischen als schlimmer Finger gilt. Ein befreundeter Jäger schrieb auf eine entsprechende Rechercheanfrage die Antwort: Sie sind sehr anpassungsfähig. Sie plündern sämtliche Vogelnester und gefährden den Niederwildbestand. Sie übertragen Tollwut und andere Krankheiten. Kurz gesagt: Sie bringen Unruhe in die Wälder. Natürliche Gegner haben sie keine, weshalb sie sich ungebremst vermehren. Ausgesetzt wurden die vorher hier nicht heimischen Tiere in den 30iger Jahren ganz gezielt, so die FAZ in einem Artikel  dazu. Es könne zugleich sein, dass Tiere auch im Zuge der Kriegseinwirkungen aus einer Farm bei Berlin entkamen. Genanalysen hätten ergeben, dass es in Deutschland verschiedene Abstammungslinien gibt. Wieviele Tiere es heute insgesamt sind, könne niemand sagen, so die FAZ. Lediglich die Jagdstrecken, also die Zahl der geschossenen Tiere pro Jahr, lassen Rückschlüsse auf die Population zu. Im Jahr 2013 wurden erstmals über 100 000 Waschbären geschossen.

Insofern stünde Daniela Kuge mit ihrem „Abschuss“ zumindest nicht allein da und  erst am Anfang ihrer Karriere als Waschbärenjägerin. Aber danach sieht es eher nicht aus.Noch sitzt sie volle Deckung nehmend im abgeschalteten Facebookunterstand und wartet auf das Nachlassen des Trommelfeuers. Aber in einer anderen Gruppe ihres Wahlkreises schrieb bereits eine Kommentatorin: Glaub bloß nicht, dass Du damit davon kommst.

Sage noch einer, Deutschland hätte keine funktionierende Zivilgesellschaft. Und die hat die drängenden Probleme der Zeit erkannt. Was war sonst noch so los dieser Tage? Eigentlich nichts weiter. Ein paar hundert Panzer werden mit tatkräftiger deutscher Unterstützung an der russischen Grenze in Bereitstellungsräumen zusammengezogen. Aber das ist nicht weiter schlimm. Die schießen nicht auf Waschbären.


Ein Kommentar

Zum Ausklang

Früher war mehr Lametta. Ganz klar. Dafür ist heute wieder mehr Beton. Nachdem der Baustoff nach der Wende im Osten etwas in Verruf geraten war, erlebt er jetzt ein Comeback.

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Betonpoller um den Dresdner Striezelmarkt nach dem Berliner Attentat. Foto: beaverpress

Kein deutscher Weihnachtsmarkt mehr ohne stilvolle Betonsperren drumherum. Die Aktie von Heidelberger Zement soll nach der Trump-Wahl angezogen haben. Von wegen Mauerbau zu Mexico und so. Vielleicht erfährt das Unternehmen jetzt unerwartete Impulse aus dem Inland. Die Binnenkonjunktur war seit Jahren das Sorgenkind der Ökonomen. Das wird sich ändern. Wie auch sonst einiges sich schon geändert hat. Zum Beispiel in Dunkeldeutschlands heimlicher Hauptstadt Dresden. Standen sonst immer mal Kurrendesänger in der Gegend, die unverständliche Lieder sangen, sind es jetzt Syrer, die zunächst noch stockend auf Deutsch Slogans skandieren, danach umso leidenschaftlicher ebenso Unverständliches in fremder Sprache. Tags darauf demonstrieren Afghanen für ein unbeschränktes Bleiberecht. Verständlich, wo sie schon völlig ungehindert einwandern konnten. Dann will man auch bleiben. Alles andere wäre unfair und muss auch lautstark so benannt werden. Verdutzt kramt mancher gestrige Deutsche sein Grundgesetz aus dem Nachttischkasten und schlägt bedächtig nach unter Artikel 8: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln“.
Alle Deutschen. Nun ja. Ein Land mal so ganz ohne Grenzen konnte man sich 1949 noch nicht vorstellen. Deshalb hat man wohl Syrer und Afghanen nur vergessen. Überhaupt. Solch´ scharfe Graduierungen werden hier schon lange nicht mehr vorgenommen. „Deutsch“  ist doch auch nur so ein überholtes Gedankenkonstrukt wie die unsägliche Unterscheidung in Männlein und Weiblein. Die Bevölkerung wird in diesem modernen und der Zukunft zugewandten Staat nur noch in die, „die schon länger hier leben“ und die, „die neu dazugekommen sind“ unterteilt. Wobei der Bogen dabei nicht bis zu den Salzburger Exilanten gezogen wird, die einst Ostpreußen besiedelten. Gemeint sind eher die Passagiere des letzten Zuges aus Passau. Wer zwei Jahre hier ist, kann sich schon zu erster Gruppe zählen und muss sich nicht länger mit nervenden Details des Einbürgerungsrechts den Tag verderben.

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Protestierende Syrer auf dem Wiener Platz in Dresden nach der Einstellung der Kamphandlungen im syrischen Aleppo. Foto: beaverpress

Und sonst so? Im Rundfunk verkündet der Sprecher am Tag vor dem Jahreswechsel die „abstrakt höchste Gefährdungsstufe“ für das Land. Konkret wurde er nicht. Es muss also was mit Polen-Böllern oder gepanschtem Sekt zu tun haben. Oder doch nicht? Hat da gerade jemand LKW gerufen? Was waren das für langweilige Zeiten als man sich zu Silvester nur spießige Gedanken um Karpfen oder Kater zu machen hatte. Vielleicht noch der Heidi von hinten an die Schultern… Vorbei, die albernen Spielchen. Jetzt ist Tatort-Time. Reality, nur leider kein TV. In Sachsen-Anhalt stehe die gesamte Polizei und die Bereitschaftspolizei Gewehr bei Fuß für den Silvesterabend, erfährt der geneigte Hörer und wundert sich. Aber was soll die Polente auch Zuhause rumhängen, wenn das Weihnachtsgeld sowieso gestrichen wurde. Man käme nur in Versuchung, Geld auszugeben. Und Motivation kann auch befohlen werden. Allerdings irritiert der Aufwand den gläubigen Staatsbürger doch ein wenig. Bis gestern waren die Zeitungen noch voll mit erklärenden Stücken zur Kriminalitätsentwicklung. Bewiesen ist, dass zum Beispiel Ausländer nichts mit einer Kriminalitätssteigerung zu tun haben. Wirklich nicht. Großes Pionierehrenwort.  Zumindest sind sie nicht krimineller als Du und ich und Karl-Heinz. Nur die AfD muss wieder stänkern und postet schlimme Sachen von wegen, dass in sächsischen Knästen ein Viertel Ausländer einsitzen, wo doch ihr prozentualer Anteil an der Bevölkerung im unteren einstelligen Bereich angesiedelt ist. Überhaupt die AfD. Frauke Petry hat geheiratet. Und ist wieder schwanger. Zum fünften Mal. Was wieder mal zeigt, dass diesen Rechtspopulisten doch jedes Mittel recht ist, ihre Anhängerschaft zu vergrößern. Lutz Bachmann grüßt fröhlich und mit vollem Glas via Boulevardpresse seine verbliebene Anhängerschaft in Dresden per Videobotschaft von den Kanaren. Gut gelaunt hat er auf den letzten Metern ein Urteil des Amtsgerichtes Dresden akzeptiert, das ihn als schlimmen Volksverhetzer brandmarkt. Die Justiz hat ja sonst nichts zu tun.

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Pegida geht ins dritte Jahr und ist längst eine Dresdner Spezialität. Foto: beaverpress

Pegida geht inzwischen ins dritte Jahr. Das Dresdner Revolutionsbiedermeier ist längst eine  Spezialität der Stadt wie Stollen oder Worcester-Soße geworden. Man muss es nicht mögen, aber ohne würde was fehlen. Montags wird ein bißchen geschimpft und geschaut, welche Partei in dieser Woche die Pegidathesen von vor zwei Jahren abgeschrieben hat. Dann geht’s für die Rentner zurück in Gärtchen, Kneipe oder Wohnstube und „der Lutz“ macht wieder runter auf die Insel. Sachsen wäre nicht Sachsen, wenn bei allem Streit die Behaglichkeit auf der Strecke bliebe. Schon August Bebel wusste die sächsische Gemütlichkeit zu schätzen als er seine Festungs-Strafen unter anderem wegen Majestätsbeleidigung und Zensurdelikten auf dem Königstein absaß. Von Stanislaw Tillich hört man gar nichts mehr seit dem Auftritt der bösen Pegidisten am 3. Oktober auf dem Neumarkt. Vielleicht freut er sich nur im Stillen über die vielen „Phantomflüchtlinge“. Das, so lernen wir im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sind Migranten, die zwar dem Freistaat zugewiesen werden, aber gar nicht daran denken, hier zu siedeln. Und wer will sie hindern, wenn schon an der Grenze die große Freiheit beginnt? Für die Zugewiesenen gibt es aber pauschal und pro Kopf Geld vom Bund, das in den sächsischen Haushalt fließt. Bürgermeister aus dem Ruhrgebiet beklagten das unsolidarische Verhalten Sachsens, das einfach das Geld einstecke für Migranten, die gar nicht in Sachsen sind und dazu schweige, während die Ruhrmetropolen wie Essen überlaufen.

Dresdens OB hat gut zu tun. Ein neuer Verein für Weltoffenheit und Toleranz wurde wieder mal gegründet und dann müssen auch schon die Poller vom Weihnachtsmarkt zum Theaterplatz, denn dort steht die Silvesterfeier an. Kinder wie die Zeit vergeht. Ach so. Dresdens neuer Finanzbürgermeister, Peter Lames (SPD), kann es erstmal ruhig angehen lassen. Wegen fehlender Qualifikation kann der Favorit des rot-rot-grünen Stadtrates sein Amt als Finanzbürgermeister nicht vollständig ausüben, sondern muss erstmal Abschlüsse nachholen und Erfahrung sammeln. Das hat die Landesdirektion als Aufsichtsbehörde mitgeteilt. Ist aber alles kein Problem, wenn die Haltung stimmt und man eine fähige Stellvertreterin hat. Na und. Finanzen sind ja nun kein Schlüsselressort. Was anderes wäre das beim Posten der Gleichstellungsbeauftragt */in.

Was wird uns 2017 beschäftigen? Soviel sei verraten: Daniela Katzenberger wird es nicht sein. Obwohl es schön wäre. Den Ausblick aufs neue Jahr überlassen wir an dieser Stelle Frank Kupfer, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU im sächsischen Landtag. Und sage keiner, die CDU hätte den LKW nicht gehört. In einem Zeitungsinterview sagte Kupfer: „Wir haben ein Problem mit der weiter steigenden Zahl an Asylbewerbern, weil wir kein Ende sehen. Es ist ja nicht so, dass am 31. Dezember Schluss ist, das geht nahtlos weiter. Auch nächstes Jahr kommen Hunderttausende oder sogar mehr als eine Million.“


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Sperrt Steimle ein

fullsizerender2Das vergangene Fernseh-Wochenende verdient doch an dieser Stelle noch eine kleine Nachbetrachtung. Besonders in Zeiten,  in denen das Ringen um beste Einsichten aus dem nicht nur bautechnisch komplett entkernten Reichstagsgebäude in Runden wie Illner, Plasberg oder Anne Will verlagert wurde.schleier-anne-will
Was Anne Will da am Sonntag an politischem und modischem Mummenschanz getrieben hat, war selbst der sonst so fügsamen „Welt“ von Springer zu viel.
Über diese Sendung werden die Gremien zu beraten haben, verkündete das Blatt und verlangte unterschwellig schärfste Nachzensur. Wobei en passant eingestanden wurde, dass die inzwischen immer häufiger thematisierten Rundfunkräte doch mehr sind als politisches Beiwerk des vielgepriesenen Staatsrundfunks mit seinem „Bildungsauftrag“. In zufällig interessanter Konjunktion zur Will-Sendung lief am Freitagabend Riverboat, eine Talksendung aus Leipzig, mit der sich „die Gremien“ garantiert auch noch beschäftigen werden, wenn sie es nicht schon tun. Das Format hat seinen Namen noch aus Zeiten als die Sendung  auf einem Elbdampfer am Dresdner Terrassenufer aufgezeichnet wurde. Eine harmlos, nette Plauderrunde ohne dezidiert politischen Anspruch. Es menschelt hier sehr viel. Regelmäßig werden ehemalige oder noch aktive Ostschauspieler, Künstler oder Politiker  eingeladen. Es soll wohl ein unverwechselbares ostdeutsches Lebensgefühl transportiert werden. Zu Gast war dort am Freitag der Dresdner Kabarettist Uwe Steimle. Der war schon häufiger dort und gab stets den ostdeutschen Kauz, der mit T-Shirts auftritt, auf denen typisch sächsische Umgangswörter wie „furschbar“ oder „fertsch“ zu lesen sind. Man hatte ihn dort hingesetzt, weil er über seine Sendung Steimles Welt befragt werden sollte. In dieser MDR-Sendung, die sonntags im Quotenwindschatten der großen öffentlich rechtlichen Flaggschiffe wie Tatort läuft, fährt er in einem antiken Wartburg durchs Land und hält Ausschau nach den Leuten, die es in dieser Medienwelt eher nicht ins Fernsehen schaffen oder die sich  gar nicht danach drängen. Es sind Menschen, die weder ihre Frauen tauschen, noch sexuell innovativ präferiert sind, die zumeist einer regelmäßigen Arbeit  oder einem skurrilen Hobby nachgehen. Bei seinen Touren, die durch angenehm langsame Kameraführung und ausgedehnte Dialoge gekennzeichnet sind, schaut Steimle beim Leiterbauer vorbei, besucht eine Kräutertante in der Lausitz oder klettert mit einem ehemaligen NVA-Jagdflieger, der jetzt Dächer deckt herum. Man lächelt über den Sonderling, weil er für T-Shirt noch das ostdeutsche Wort „Nicki“ benutzt und ein lustiges Luther-Buch mit dem Titel „Warum der Esel Martin heißt“ geschrieben hat. Ganz erheiternd in normalen Zeiten. Doch in solchen leben wir nicht mehr. Und so brach Steimle in dieser Sendung aus seiner ihm zugedachten Rolle als harmloser Komiker schnell aus. Womit man offenbar nicht gerechnet hatte, war, dass Steimle Luther abseits von Klamauk und seichten Kalauern ziemlich wörtlich nimmt. Das ging schon damit los, dass er von der Sprache als dem Schlüssel zur Seele sprach. Was noch harmlos war. Als er aber vorbrachte, dass der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck als einer der Letzten auf den Wendezug aufgesprungen sei und heute so tue als sei er der Lokführer gewesen, müssen die Alarmglocken in der Regie geläutet und die Ohrstecker der Moderatoren geglüht haben.

Gerade der peinlich wirkende Einwurf des Moderators, Gauck sei ein sehr guter Bundespräsident, der „das Land vorangebracht habe“ hatte etwas von dem aus der Schule bekannten Mechanismus Herr-Lehrer-bei-dem-was-der-Uwe-gemacht-hat-habe- ich-nicht-mitgemacht. Man sieht förmlich einen nobel, aber sachlich eingerichteten Besprechungsraum in der Leipziger Kantstraße, dem Sitz des Mitteldeutschen Rundfunks, in dem sich ein erlauchtes Gremium von Fernsehoberen und Parteienvertretern einzelne Sentenzen der Sendung herausgreift und Fragen aufkommen, warum hier Sätze wie „Die Parteien bescheißen das Volk“ und „Die Leute auf der Straße seien keine Randgruppe, sondern die Spitze des Eisbergs“ unwidersprochen über den Sender gehen konnten. Wer Lust hat, kann sich die entsprechenden Passagen (hier) ansehen.

Abgesehen von den Aussagen Steimles fallen aber zwei weitere Aspekte dieses Geschehens auf. Da ist zum einen das inzwischen fast völlige Fehlen einer scharfen politischen Debatte, was Steimles Sätze in der Medienlandschaft so einzigartig macht.

Was schon lange fehlt, sind Formate,  bei denen mal so richtig die Fetzen fliegen. Schaut man sich auf youtube alte Sendungen an, sieht man beispielsweise noch Klaus Kinski rumtoben, der Moderatoren und Gäste gleich mal reihenweise als zurückgebliebene Idioten betitelt (hier). Ganz abgesehen davon, dass sich Moderator (in diesem Falle Reinhard Münchenhagen) und Gäste (hier Manfred Krug)  gegenseitig Feuer geben und genüsslich eine paffen. Undenkbar heute.  Man sieht, wie sich eine empörte Karin Struck unter dem erschrocken-lustvollen Aufstöhnen des Publikums den Rock hochreißt, um die dort versteckten Verkabelungen ihres Mikrofons herauszureißen, weil sie Runde verlassen will. Nebenbei: Ihre Gesprächspartnerin war die junge Angela Merkel. Ganz zu schweigen von der legendären Serie „Ein Herz und eine Seele“, in der der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, der dieses Format produzierte, sich als die „Grinsrübe vom roten Rundfunk in Köln“ bezeichnen lassen musste. Auch „Leihgabe vom Kalmückenfernsehen“ musste er einstecken. Hat man Vergleichbares heute mal ansatzweise gehört? Nur von Steimle wieder stammte mal die Sentenz: „Da lacht die Domowina“. Eine Anspielung auf die sorbische Herkunft des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) und die Interessenvertretung der slawischen Minderheit in Deutschland, die Domowina.  Gebracht hat er das bei den Mitternachtsspitzen im Kölner Bahnhof wo es niemand verstanden hat. Dort gilt Dresden schon als die halbe Strecke nach Moskau. Und auch hier war es Steimle, der an anderer Stelle die Einstellung vieler Ostdeutscher auf den Punkt bringt, wenn er sagt: Sind wir denn verrückt geworden über Krieg mit Russland zu debattieren?

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Schauspieler Ralph Herforth in der ungeplanten aber authentischen Rolle des Wessis, der den Ossi nicht versteht. Quelle: Screenshot MDR

Der zweite Aspekt lässt sich auf den Nenner bringen: Der Ralph aus dem Westen gegen den Uwe aus dem Osten. Da saß dieser Ralph Herforth, der eigentlich laut Wikipedia ein geborener Schwachmeier ist, lässig zurückgelehnt, mit betont intellektueller Miene da und schaute mit genau diesem Blick, den viele Ostdeutsche von ihren neuen Vorgesetzten aus dem Westen so gut kannten und bis heute kennen auf diesen merkwürdigen Ostdeutschen da. Und Steimle verkörpert diesen in Wort und Körpersprache auch ohne sein betont sächsisches Reden und das „Nicki“ mit dem Dresdner Fernsehturm drauf. Es ist dieses Unsichtbare, nicht in Worte zu bannende Etwas, was Ost- und Westdeutsche sich noch heute gegenseitig auf den ersten Blick geografisch einordnen lässt. Mit Ausnahmen nach beiden Seiten. Dass Leute heutzutage ihren Arbeitsplatz riskieren, wenn sie was Falsches sagen, wie Steimle sagte,  kommentierte der „Wessi“ Herforth herablassend nach Art des guten Onkels aus dem Westen. Es komme immer mal wieder vor, dass jemand seine Arbeit verliert. Gönnerhaft sagte Herforth, dass Ossis ja selbst bis runter nach München neue Arbeit gefunden haben. Und dort arbeiten dürfen, schwang unausgesprochen mit. Entweder hat er den Sinn von Steimles Satz nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Es geht nicht darum, dass „Leute mal ihre Arbeit verlieren“. Das kennt gerade der Osten nur zu gut. Sondern, dass sie ihre Arbeit wieder aus politischen Gründen verlieren oder damit gedroht wird. Die Szene hätte nach 25 Jahren nicht symbolhafter sein können. Dort der aufgeregte Ostdeutsche mit seinem komischen Dialekt, den noch merkwürdigeren Ansichten über die deutsche Sprache, Langsamkeit und Heimatliebe und hier der lässig, abgeklärte Westler, der Globetrotter, der sich selbst auf Madagaskar noch mit Gesten und Blicken super verständigen kann. In Schöneberg, in Berlin, da, wo er herkomme, sei das alles ganz anders. Und in der Prignitz, wo der Schauspieler einen Zweitwohnsitz hat, sowieso. Wir ersparen uns an der Stelle, was in Berlin noch so alles anders ist. Nachzulesen sind die neuesten Geschehnisse aus der Parallelwelt Berlin en Detail in der Tagespresse und en Gros bei den Real-Katastrophenautoren Sarrazin und Buschkowsky. Dieses offenkundige Nichtverstehen zwischen Ost und West wirkte umso verstörender, da es nicht im Jahre 1991 spielt, sondern ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung. Die Mauer ist bald länger weg als sie gestanden hat. Doch die Kluft wird eher tiefer. Oder: Der Osten ist inzwischen etwas Eigenes geworden. Die Ossis haben den Westen und inzwischen auch manches Stück der Welt gesehen in den letzten 25 Jahren. Und dennoch gibt es immer mehr, die 89 mit der Kerze in der Hand auf den Straßen Dresdens und Leipzigs unterwegs waren, die heute leise seufzen, wenn sie dienstags spätabends auf dem MDR alte Folgen der Serie „Polizeiruf 110“ schauen, wo Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Grawe mit Hingabe den Verbleib von Bauholz oder Zementsäcken aus dem VEB ermitteln. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass damals die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten doch irgendwie „noch in Ordnung“ war. Dieser Staat war in Sachen Grenzsicherung sicher das andere Extrem. Aber das, was sich heute abspielt, dass dieses Land wie ein aufgelassenes Grundstück jedem gehören soll, der gerade daherkommt, leuchtet vor allem den Ostdeutschen nicht ein. Und man erinnert sich daran, wie man seine Wut über die Zustände damals herausschrie.  „Die Sachsen sind doch die Einzigen, die das Maul aufmachen“, rief Steimle mit lutherischem Pathos in die Runde. Am Facebookstammtisch wurde schon geunkt: Das war sicher seine letzte Sendung im Fernsehen.

Wäre vielleicht besser so. Es schont die Nerven. Wenn man bei diesen Entwicklungen im Land und der Welt eins nicht gebrauchen kann, ist das Aufregung am Freitagabend im Fernsehen. Lasst uns über was Schönes reden. Und sperrt den Steimle ein. Am besten auf der Wartburg. Da ist seit 500 Jahren ein Zimmer frei.


Ein Kommentar

Neulehrer an die Front

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Es könnten sogar 101 Gründe werden. Quelle: Screenshot Radio PSR.de

Radio hören im Auto ist in diesen Zeiten immer ein bisschen gefährlich. Besonders, wenn man nach einem flotten Song nicht schnell genug umschalten kann. Kaum ertönen die Stimmen der Moderatoren, droht sehr oft geistiges Ungemach, was die Laune nachhaltig dämpfen kann. Bedingt durch eine die Aufmerksamkeit bindende und die Geschicklichkeit erfordernde Verkehrssituation kam es, dass ich heute einem Wortbeitrag auf Radio PSR unter der Rubrik „100 Gründe – Warum Sachsen so großartig ist“ nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Und so hörte ich eine  Moderatorin  mit enthusiasmierendem Timbre folgendes sagen:  „Weil Sachsen die wenigsten Schulden in Deutschland hat. Ende letzten Jahres waren wir mit 2,3 Milliarden Euro verschuldet, was viel klingt, aber im bundesdeutschen Vergleich der geringste Schuldenstand ist. Und dazu kam es, weil Sachsen die Verbindlichkeiten des öffentlichen Gesamthaushaltes um 850 Millionen abgebaut hat.“ Pro-Kopf-Karbidproduktion fällt DDR-geschulten Spöttern da sofort ein. Aber lassen wir die Zahl mal stehen. Sie wird schon irgendwo, irgendwie stimmen. Was hier taktvoll unerwähnt bleibt, ist das Fiasko um die Sachsen LB. Das liegt zwar schon einige Jährchen zurück, sorgt aber aufgrund der Nachhaltigkeit, mit der da missgewirtschaftet wurde bis heute für Nachschusszahlungen des Freistaates im dreistelligen Millionenbereich. Aber was macht das in einem Land, wo die Milliarden locker sitzen?

Wo Sachsen noch so ziemlich einzigartig ist, verriet MDR aktuell am Nachmittag. Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) wurde rezitiert. Wir erinnern uns. Sie übernahm den Job 2012 nachdem der bisherige Minister auf typische Dresdner Art (Dreck alleene machen usw.) hingeschmissen hatte, weil er den Sparkurs der damals noch CDU-FDP geführten Sachsenregierung nicht mittragen wollte. Die „Bruni“ nun ließ heute vom staatlichen Sachsenfunk verlautbaren, dass vor 2019 nicht mit einer „Normalisierung an unseren Schulen gerechnet werden kann“. 45 Prozent der Lehrkräfte seien Seiteneinsteiger. Das heißt also im Klartext, gut die Hälfte (und wahrscheinlich sind es sogar noch mehr) all derer, die im besten Freistaat aller Zeiten vor den Kindern stehen, sind Hilfslehrer. Ist die Neulehrerquote von 1945 erreicht oder überboten? Bei Wikipedia lesen wir dazu: 1949 waren bereits 67,8 Prozent aller Lehrerstellen in der sowjetischen Besatzungszone, zu der Sachsen gehörte, mit Neulehrern besetzt. Das ist sicher noch zu schaffen bis 2019. 47,7 Prozent dieser Neulehrer gehörten der SED an. Das wäre auch kein Problem. Hauptsache,  nicht AfD. Nun  ist es aber auch nicht so wie weiland beim Alten Fritzen, der seine ausgedienten Feldwebel und Korporäle im Alter zu Dorfschullehrern machte. Es sind unter diesen Seiteneinsteigern viele hochmotivierte und top ausgebildete Fachleute dabei. Ich selbst kenne zwei persönlich. Aber wozu haben wir dann noch ein Schulgesetz, eine Schulpflicht und Lehramtsstudiengänge an den zwei renommierten Hochschulen Dresden und Leipzig? Gleichzeitig dröhnt auf allen Kanälen, dass Deutschlehrer für die Flüchtlinge gebraucht werden. Nummer ziehen und hinten anstellen, kann man angesichts dieser Zustände nur sagen. Wenn das so weiter geht, schaut jeder in der Familie, wer gerade Zeit oder nichts so richtig zu tun hat, und unterrichtet den Nachwuchs selber. Was soll Opa im Garten rumprimeln, wenn die Enkel Algebra brauchen? Oder die Eltern machen es gleich selbst. So wie Medizin nach Noten. Mit Hilfestellung über den Rundfunk. Dann könnte man bei den Wortbeiträgen wieder zuhören und alle würden was lernen. Sachsen wäre dann neben Australien und Canada das erste Land in Europa mit Fernunterricht. Und schon hätten wir 101 Gründe, warum Sachsen so großartig ist.


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Elite besucht das Volk

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Es sollte ein „G“ werden, aber die Umstehenden verstanden, was als Problem empfunden wird. Foto: beaverpress

Wenn die (selbsternannte) Elite beschließt, sich zu einer Veranstaltung wie dem Deutschen Wandertag herabzubegeben, muss sie damit rechnen, dort auf die Problem-Bevölkerung zu treffen. Und so kam es wie es kommen musste als Bundespräsident Joachim Gauck am Sonntag vom Raumschiff Berlin aus eine Expedition ins sächsische Sebnitz unternahm. Wir erinnern uns, das ist dieses Städtchen, das es im Jahr 2000 auf den Titel der Bildzeitung schaffte mit der Schlagzeile „Neonazis ertränken Kind“. Danach wurde der Ort, der bis dato nur durch seine Kunstblumen bekannt war, die selbst die Queen schätzt,  „medial eingeäschert“ wie es der frühere DDR-Bürgerrechtler und heutige Dresdner CDU- Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz ausdrückte. Ausgangspunkt war der tragische Tod eines kleinen Jungen im Schwimmbad, der einen Herzfehler hatte wie sich später herausstellte. Dennoch hatte Sebnitz seinen Ruf auf Jahre „weg“. Hier nun also wollte Gauck Hände schütteln und das gemütliche Schunkel-Flair eines typischen Deutschen Wandertages zu böhmischer Blasmusik genießen. Es wurde eher ein akustischer Spießrutenlauf.  Sein Auftritt im städtischen Gymnasium konnte noch unter den Laborbedingungen einer gelenkten Demokratie stattfinden. Doch beim Gang über den Markt ließ sich das potemkinsche Drehbuch nicht mehr aufrechterhalten. Immerhin wurde er am Ende vor dem Besteigen der sicheren Panzerlimousine nur mit Bonbons beworfen, statt wie weiland Helmut Kohl in Halle mit Eiern. Polizisten der Bereitschaftspolizei in voller Ritterrüstung und aufgesetzten Helmen mussten in der Hitze neben den Personenschützern die letzte, innere Verteidigungslinie um den elitären Gast bilden als der über den Markt lief.  Vor ihnen zogen als Puffer Linien „normaler“ Polizei in Sommeruniform auf. Deren sichernde Rundumblicke spiegelten eine Mischung aus Irritation und aufkommender Panik wider. Denn die Lage war unübersichtlich. Die wirklich „harten“ Rechtsradikalen , von denen das Osterzgebirge allen Beteuerungen der Politik zum Trotz immer mehr als genug hatte, erkannte man noch an ihrer Reichsfahne mit dem eisernen Kreuz oder ihren T-Shirts mit der Aufschrift „Division Deutschland“. Doch der Marktplatz war auch voller kostümierter Rentner, von denen die meisten mit Stöcken bewaffnet waren, die stolze Wandererbrust voller Abzeichen ihrer gelaufenen Touren. Und hier wurde es schwierig. Es war ein bißchen wie in einem Alienfilm.  Jederzeit konnte einer dieser biederen Rentner zum Wutbürger mutieren und den Volksvertretern  „Volksverräter“ zurufen. Man konnte nicht sagen, wer sich hier gleich wie politisch zu erkennen gibt. Gaucks Vorbeimarsch war wie eine Schwarzlichtlampe, die oberflächlich verborgene Merkmale von Geldscheinen zum Leuchten bringt.

Ein weißhaariger Mann mit Filzhut und Knotenstock in der Hand begann beim Defilee der Honoratioren unvermittelt zu schimpfen: „Was will der denn hier? Das ist unser Wandertag. Der soll abhauen“. Junge, zierliche Frauen im adretten Sommerkleid begannen plötzlich „Hau ab“ zu rufen. Das ganze akustische Szenario wurde untermalt vor einem Grundton aus Dutzenden gellenden Trillerpfeifen, dass sich einige Umstehende die Ohren zuhielten. Schließlich traf einen der wackeren Rentner, der vermutlich noch nicht mal etwas Despektierliches gemacht hatte, eine Ladung Pfefferspray. Der neue „Fall Sebnitz“ zeigte nach den Auftritten von Justizminister Heiko Maas am 1.Mai in Zwickau, und auch Gaucks Besuch in Bautzen, dass Safaris zum Volk, zumindest in Sachsen,  keine Wohlfühltermine mehr sind. Gaucks Dauerlächeln kann den verheerenden Eindruck nicht überspielen, den der dreifache Sicherheitskordon aus Personenschützern, Bereitschafts- und Schutzpolizei erzeugt, der inzwischen nötig ist, wenn sich Volksvertreter dem Souverän auf Armlänge nähern. Vielleicht sollte man sich in Berlin auch ganz langsam Gedanken über ein neues Volk machen.


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Nachspiel für die Drei vom Nettomarkt

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Lakonische Reaktion eines Arnsdorfers auf die Behauptung, es gäbe eine Bürgerwehr im Ort. Foto: beaverpress

Wurden Filme mit hoher Einschaltquote früher in Babelsberg oder Hollywood gedreht, sind heute eher Low-Budget-Produktionen aus Tankstellen, Fußgängerzonen und Supermärkten die wahren Straßenfeger. So wie das Handyvideo aus dem Netto-Markt im beschaulichen Dörfchen Arnsdorf, nördlich von Dresden. Wie so oft nahm der Vorfall erst seine Bahn durch die übliche Empörungsmaschinerie als er seinen Weg in die sozialen Netzwerke fand. Das Gute daran ist: Jeder, der möchte, kann sich den Clip so oft anschauen wie er will und sich seinen eigenen Reim darauf machen. Wir rufen uns die Szene noch einmal in Erinnerung. Zu sehen ist ein junger, dunkelhaariger Mann, der im Kassenbereich steht und zwei Weinflaschen in den Händen hält. Man hört die helle Stimme einer Frau, die ihn mehrmals auffordert, diese Flaschen wieder hinzustellen. Offenbar hat er sie nicht bezahlt. Dann sieht man wie ein älterer männlicher Nettomitarbeiter, erkennbar an seinem roten Arbeitspulli, sich dem jungen Mann langsam in deutlich defensiver Weise nähert und die Hand vage ausstreckt, um eine Flasche in Empfang zu nehmen. Darauf geht der „Kunde“ aber nicht ein, sondern hebt eine Flasche in die Höhe. Nun werden aber auch die Kritiker des Gesamtvorgangs nur schwer umhin kommen anzuerkennen, dass eine am Hals gefasste und über dem Kopf geschwungene Weinflasche in unseren Breiten nicht unbedingt als Friedensgeste gilt. Gleichzeitig hört man die junge Frau sagen, dass die Polizei schon zweimal da war an diesem Tag. Wie man später erfuhr, wegen genau dieses jungen Mannes. Dann treten die Drei vom Imbiss mit ihrem zielstrebig, deeskalierenden Vorgehen auf den Plan. Der Rest ist bekannt und lief größtenteils nach Schema F . Mit einem Nachspiel im Arnsdorfer Gemeinderat zu Beginn dieser Woche. Der kleine Raum konnte so viele Besucher gar nicht fassen, die alle extra wegen dieses einen Tagesordnungspunktes gekommen waren. Als Beobachter, der Video und Medienreaktion gesehen hat, steht man einigermaßen fassungslos daneben und schüttelt mit dem Kopf, wenn man Redebeiträge und Reaktionen einiger Gemeinderäte dazu  sieht. Eine Szene wie sie eindeutiger nicht sein konnte, wird hier zu einem Kulturkampf böse Einheimische gegen per se gute Migranten stilisiert. Dabei wird überdeutlich: Viele Bürger bilden sich tatsächlich „ihre“ Meinung erst nach dem Verdikt der Medien. Weil die das Ganze verurteilen, rücke Arnsdorf in ein schlechtes Licht und schuld sind die drei couragierten Helfer, so eine Gemeinderätin. Schuldumkehr bis ins Groteske gesteigert. Aber zum Lachen ist es nicht.  Täter wird Opfer, Mann beißt Hund. Man erlebt live und in Farbe die Noelle-Neumannsche Schweigespirale. Nachdem die Medien das Narrativ „Bürgerwehr misshandelt kranken Flüchtling“ ausgegeben haben, schwenken einige sofort darauf ein. Einschließlich der Bürgermeisterin. Dabei widerspricht sich die Frau selbst, ohne es zu merken. Das wurde deutlich als in der Fragerunde, in der das Volk zu Wort kommen durfte, eine junge Frau aufstand, die nach eigenem Bekunden selbst als Verkäuferin arbeitet. „Ich habe ständig im Laden einen Hund dabei und ich habe Angst, weil wirklich komische Leute reinkommen“, sagte sie ruhig. Darauf die Bürgermeisterin: „Ich kann ihre Gefühle verstehen“. Die der Netto-Mitarbeiterin aber offenbar weniger. Einer der Bürger spricht erregt davon, dass die Männer abslout richtig gehandelt hätten, da man die „Mentalität dieses Klientels“ kenne. Was einen Abgeordneten der Linken zu einem Kopfschütteln und dem Satz „da sind wir wieder bei den Vorurteilen“ veranlasst. Es wird überdeutlich, die Linken, die Grünen sowieso und Teile der SPD sind bedingungslose Anwälte der Fremden, während sie ihr eigenes Volk unter Generalverdacht sämtlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit stellen. Da wird sogar die Existenz einer Bürgerwehr herbeihalluziniert, nur weil eine Stimme aus dem Off des besagten Videos am Ende sagt: Ist schon schade, dass man eine Bürgerwehr braucht. Ein Vorgang, der einen der Beteiligten mit typisch sächsischem Humor auf die Idee brachte, ein T-Shirt mit einem stilisierten Hamburger und der Aufschrift „Burgerwehr Arnsdorf“ zu tragen. Ganz zu schweigen davon, dass selbst die Polizei nach Prüfung des Vorgangs nicht umhin kam anzuerkennen, dass die Drei korrekt gehandelt haben. Dennoch soll einer der „Haupttäter“ nun aus seiner Partei, der CDU, ausgeschlossen werden. Der CDU-Ortsverbandschef habe sich sogar bei dem Asylbewerber entschuldigt und ihm eine Handykarte geschenkt. Der wird sich fragen, warum er in der Klappse sitzt. Aber so geht Willkommenskultur in Absurdistan.  Die Surrealität des Arnsdorfer Nachspiels wird umso deutlicher, wenn man sich dazu nur einmal drei (es gäbe mehr)  Nachrichten aus der näheren Umgebung just in diesen Tagen ansieht. Da hätten wir die 1000-Meter-Spritztour eines Syrers in Wilthen, der einem Pärchen das Auto abnahm und auf dem Dach landete (Carnapping durch Syrer).

Wer wird wohl die Kosten tragen? Aus Dresden wird der Fall eines Asylbewerbers gemeldet, der mit einer zerschlagenen Bierflasche auf Anwohner der Elbwiesen in Laubegast losgehen wollte und drohte: „Ich bringe euch alle um“. Zuvor hatte er mit einem Springseil den jungen Hund eines Pärchens gewürgt und ihn mit der Faust geschlagen, nur weil der, seinem Spieltrieb folgend, zu ihm hingerannt war (Laubegast). Nun gut. Auch so wird der Leinenzwang bald durchgesetzt. In Roßwein (siehe hier) randalierten Asylbewerber in ihrem Heim, dass erst ein Großaufgebot an Polizei und Rettungskräften eingreifen und verbinden musste. In Arnsdorf gilt eine drohend geschwungene Weinflasche aber offenbar bei einigen als adäquates nonverbales Verhalten während des Bezahlvorgangs. Auffällig ist vor allem, welche Fragen nicht gestellt werden. Es heißt, der „arme kranke Flüchtling“ saß im dortigen Fachkrankenhaus für Psychiatrie im offenen Vollzug. Wir halten mal fest: Er war also nicht in einer  Therapiestation, in der Menschen mit psychischen Erkrankungen auf eigenen Wunsch behandelt werden, sondern in einer nachgelagerten Einrichtung des Strafvollzugs wie der Name sagt. Warum war er dort? Vielleicht weil er andernorts auch schon so „einkaufte“? Wieso reagierte niemand in der Klinik, wenn die Polizei den Patienten an diesem Tag schon zweimal abgeliefert hat?, wie berichtet wird.  Wie hält man es mit dem Genuss von Alkohol in einer solchen Einrichtung? Aber besser man fragt all das nicht. Die Antworten könnten vielleicht verunsichern.

 

 

 

 


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Bürgerdialog: Ende der Durchsage

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Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich stellte sich beim vorerst letzten Bürgerdialog in der Kreuzkirche den Fragen der Bürger. Foto: beaverpress

Der sechste Dresdner Kreuzkirchendialog ist Geschichte. Und es wird wohl auch der letzte gewesen sein. Obwohl endlich wahr wurde, was  in den vergangenen Veranstaltungen oft barsch gefordert wurde, nämlich, dass sich „Tillich und Konsorten endlich mal herscheren sollten“, war das Interesse eher mäßig. Viele Bankreihen in Dresdens zweiter großer Kirche blieben leer als es um den Komplex „Mitsprache“ ging. Offenbar erwarten sich die Bürger keine Impulse oder Antworten mehr, wenn nicht mal der Ministerpräsident als prominenter Gast zieht. Wobei es vielleicht auch gerade an diesem liegt. Hölzern und distanziert wie man ihn kennt, steht er am Mikrofon und erzählt den aufgebrachten Menschen etwas von Mehrheiten, vom Wählen und Gewähltwerden. Dabei wird immer wieder deutlich: Der Funke will einfach nicht überspringen. Tillich in seinem Habitus mit perfekt sitzendem Anzug, weißem Haar und angenehm sonorer Stimme ist er der Typus Berufsfunktionär, der schon morgen aus dem Stand ein Landratsamt im ehemaligen Bezirk Rostock und übermorgen den Vorsitz einer Krankenkasse in Düsseldorf übernehmen könnte. Kein Vergleich mit seinem berühmten Vorgänger Kurt Biedenkopf, dem die Sachsen längst seine Einkaufstour bei Ikea verziehen haben, wenn sie sich überhaupt noch daran erinnern. Der kleine Kurt Hans, wie ihn Gemahlin Ingrid stets zu nennen pflegte, vermittelte den Sachsen mit seinem verschmitzt vigilanten Auftreten zweierlei: Ich bin doch im Grunde einer von Euch und lasst mich mal machen. Ihm schrieben die Menschen Postkarten mit Genesungswünschen, wenn er im Krankenhaus lag. Wo er hinkam, wurden Schultern geklopft, Hände geschüttelt. Er führte den „Tag der Sachsen“ ein. In der „kleinen Staatskanzlei“, dem Büro Ingrid Biedenkopf, weinten sich die Untertanen aus, wenn die demokratischen Verwaltungsbehörden  eben doch nicht so funktionierten, wie es auf dem Papier steht. Hier wurde an den Instanzen vorbei eingegriffen. Wenn nötig über König Kurt Hans persönlich. Die sächsische Nachwendemonarchie ist lange vorbei. Wenn sie mitmachen wollen, können sie in Parteien und Vereine gehen, wenn sie sich beschweren wollen, vor Gericht ziehen, hören die Bürger von ihrem jetzigen Landesvater. Nichts, was das Herz erwärmt. Tillich spricht vom „Lebenselixier der Demokratie“, wenn Meinungen nicht nur dem Mainstream entsprechen, um den Geist gleich wieder in die Kiste zu stopfen. Es gäbe natürlich Grenzen der Meinungsfreiheit. Nicht dass jemand übermütig wird. Gewaltaufrufe, Rassismus und dergleichen. Er ließ das unspezifiziert. Wahrscheinlich, um vielleicht nicht ausgerechnet im einstmals total zerstörten Dresdner Zentrum auf Sprüche wie „Bomber Harris do it again“ und Ähnliches eingehen zu müssen. Er habe 30 Jahre in einer Diktatur gelebt, wo nur einer sage,  wo es langgeht, so Tillich, der dabei noch bedeutungsschwer langsamer sprach. Was er dabei taktvoll unerwähnt ließ, ist der Fakt, dass er nicht nur nolens volens seine 30 Jahre in einer Diktatur so irgendwie auf einer Backe abgerissen hat wie so viele, sondern als stellvertretender Vorsitzender des Rates des Kreises Kamenz schon in jungen Jahren an maßgeblicher Stelle ziemlich vorne mit dabei war.  Und es kam noch besser. Uwe Steimle hätte wahrscheinlich wieder gefragt, wer hier Kabarett macht, als Tillich doch völlig ernsthaft sagte, Bundeskanzler und sogar Ministerpräsidenten könnten nicht einfach so entscheiden. Sie seien keine Könige. Prompt reagierte der erste Redner in der darauffolgenden Runde „Bürger am Mikrofon“ auf diesen Satz. „80 Millionen haben am Bildschirm live verfolgen können wie genau das passiert ist“. Er frage ihn gar nicht erst wie er das finde, möchte aber daran nur ein Frage knüpfen: Schreie so etwas nicht nach direkter Demokratie? Überhaupt hatte es diese Fragerunde in sich. Was er denn bei den Bilderbergern wolle und wie er sich dabei fühle?, wollte einer wissen. Tillichs Antwort verriet, dass er den Rat des Kreises Kamenz irgendwie nie ganz verlassen hat oder der ihn nicht: Auch das sei eine gute Gelegenheit, um für Investitionen in Sachsen zu werben. Aha. Man darf also gespannt sein, welche Eine-Welt-Läden Ex-US-Außenminister Henry Kissinger und Ex-CIA-Chef Petraeus demnächst in Sachsens Hauptstadt aufziehen. Zu allem Ungemach meldete sich dann noch ein perfekt mit Sakko und weißem Hemd gekleideter junger Mann zu Wort. Artig bedankte er sich, dass der Herr Ministerpräsident hier erschienen sei, um dann aus dem Kopf Völkerrechtsartikel zu zitieren, die in seinem Vorwurf gipfelten, mit der Ansiedlung von 1,5 Millionen kulturfremden jungen Männern in seiner Alterskohorte finde ein „weicher Völkermord“ an den Deutschen statt. Versammlungsleiter Peter Stawowi sprang aufgeregt zum Mikro und überzeugte das Publikum von seiner Souveränität als Moderator, indem er sagte, er habe schon viele Veranstaltungen moderiert, aber das hier sei destruktiv. Zugleich ließ er das Auditorium an seinen  Bewertungsprozessen teilhaben: Googeln sie mal Wortergreifungsstrategien von Rechtsextremen. Der junge Mann, nach der Veranstaltung gefragt, verneinte eine wie auch immer unterstellte Nähe zur NPD oder anderen rechtsextremen Vereinigungen. Er habe hier studiert und sei Ingenieur. Der ebenfalls anwesende Leiter der sächsischen Verwaltungsfachhochschule Meißen rückte dann mit etlichen Worten und seiner Autorität als Rechtskundiger die ungeheuerliche Meinungsäußerung zurecht. Teile des Publikums hatten die Worte des jungen Mannes, die zum Schluss schon im Lärm untergingen, mit Rufen wie „Das ist die Wahrheit“ quittiert, während andere aufgeregt murmelten. Aber es blieb auch weiter kein Wohlfühltermin. Eine Dresdnerin hatte sich auf drei Schwerpunkte vorbereitet. Sie wedelte mit einem Bildzeitungsausriss, in dem es um die kürzlich erfolgte Koreareise des Dresdner Oberbürgermeisters Dirk Hilbert (FDP) ging. 475 Euro hätte laut diesem Presseorgan eine Nacht in dem Hotel gekostet, in dem der Dresdner OB nächtigte. Wer das wohl bezahlt habe? Hilbert sagte, zu dieser Konferenz, bei der es um die Entwicklungen im asiatischen Raum ging, sei er eingeladen gewesen und habe Dresden dort präsentiert. Was Dresden mit den Entwicklungen Asiens verbindet, ließ er offen. Das Hotel habe er selber bezahlt. Mit Sicherheit überhaupt keine Rolle hat gespielt, dass Hilbert eine koreanische Frau hat. Die Zustände auf der Prager Straße und die Kopftuch-Kostümierung hochrangiger weiblicher Mitarbeiterinnen des Sächsischen Wirtschaftsministeriums anläßlich einer Iranreise waren die zwei anderen Dinge, die die Dresdnerin ansprach. Letzteres kommentierte sie mit den Worten: Geht’s noch?

Den Beteiligten aus der Riege der Entscheidungsträger war anzumerken, dass sie ganz froh sind, die Sommerpause erreicht zu haben. Ob es mit diesem Format weitergehe, müsse geklärt werden, hieß es. Dabei war die Rede davon, dass „andere Formen“ des Dialogs gefunden werden müssten. Will heißen: Ende der Durchsage. Denn welche will man noch finden? Erst 2015 gab es nach dem heißen Herbst und Winter 2014/2015 eine Reihe von Veranstaltungen, in denen Bürger an Tischen und unter Moderation mit Regierungsvertretern, darunter auch mehrmals Ministerpräsident Stanislaw Tillich, debattieren konnten. Dieses als „Faselmorast“ verspottete Format hat keinerlei abrechenbare Ergebnisse gebracht. Wie auch. Die grundlegenden Entscheidungen werden von der Monarchin in Berlin nach demokratischem Zwiegespräch mit sich selbst entschieden. Der Rest der Republik hat dann nur noch zu schauen, wie er beispielsweise „die Menschen, die zu uns kommen“ unterbringt. Um nur einen Aspekt zu nennen. Daran kann auch ein Tillich, selbst wenn er wie derzeit Vorsitzender des Bundesrates ist, nichts ändern. Mal angenommen, er wollte sogar. Es bleibt dabei: Die Kommunikation zwischen Volk und Obrigkeit ist nachhaltig gestört. Eine Gruppe inzwischen stadtbekannter Pegidianer brachte am Ende der Veranstaltung durch das Hochhalten von einzelnen Buchstabenkarten zum Ausdruck wie ihre Lösung aussehen könnte. Zu lesen war das Wort: Neuwahlen.