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Geschichten aus der Elbaue


Ein Kommentar

Heimatabend mit Uwe

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Quelle: Beaverpress

Wenn ein bis auf den letzten Platz ausverkaufter Saal aus dem Stand das Kinderlied „Unsere Heimat“ singt, gefolgt von einer Strophe aus „Gute Freunde“ dann ist nicht etwa ein Vertriebenentreffen der alten Genossen angesagt, sondern ein ganz normaler Auftritt von Uwe Steimle. Derzeit tourt er mit seinem Programm „Feinkost“ zwischen Elbe und Pleiße. Der Dresdner Kabarettist, einem überregionalen Publikum auch noch bekannt als der Polizeiruf-Kommissar Hinrichs, braucht eigentlich für seine Auftritte, insbesondere in seiner Heimat Sachsen, keine Werbung mehr. Es würde auch reichen, wenn die Veranstalter schrieben: Steimle kommt. Egal, ob im Leipziger Academixerkeller oder der Coswiger Börse – Steimle sorgt für volle Häuser. Die Karten oft schon Wochen im Voraus weg. Feinkost eben. Bückware wie zu DDR-Zeiten. Und das hat auch etwas mit den dezidiert politischen Inhalten zu tun, die der gelernte Industrieschmied (was er immer mal gekonnt einfügt) bietet. Und weil er ausspricht, was Sache ist. Damit hat er schon im vergangenen Jahr die sonst recht harmlose Talksendung „Riverboat“ des MDR mächtig ins Schwanken gebracht. Denn Steimle lebt noch den alten Ehrenkodex der Kabarettisten: Man macht sich über die Obrigkeit lustig, nicht über die kleinen Leute. Denen schaut man auf´s  Maul wie der Lutherfreund Steimle es bei seinem Vorbild gelernt hat. Man persifliert das Volk ab und an mal liebevoll, zieht es auch mal genüßlich durch den Kakao, aber man agitiert es nicht, was es zu denken und wie es zu reden habe. Dass er damit im Deutschland des Jahres 2017 ziemlich allein auf weiter Bühne steht, kann man sehen, wenn man sich als Kabarett etikettierte Sendungen im Fernsehen anschaut. Steimles Running Gag angesichts der aktuellen Nachrichtenlage ist der Satz: Wer macht hier Kabarett?  Die herrschenden Verhältnisse kommentiert er mit seinem inzwischen schon ähnlich berühmten Satz: Dafür haben wir 89 nicht hinter der Gardine gestanden. Womit Steimle dem weit verbreiteten Narrativ widerspricht, dass es damals so etwas wie einen Massenaufstand gegeben habe. Viele schauten tatsächlich und sprichwörtlich hinter der Gardine wie der Hase wohl läuft. Das waren dann oft die, die später besonders laut beklagten wie schlimm alles gewesen sei. Sein Lieblingsfallbeispiel in dieser Rubrik ist der jüngste unserer vielen Altbundespräsidenten, gemessen am Datum seines Ausscheidens aus dem Amt. Gerade Joachim Gauck wäre einer der Allerletzten gewesen, die 89 auf den fahrenden Zug aufgesprungen seien, so Steimle. „Und heute tut er so, als sei er der Lokführer gewesen“. Das Publikum dankt ihm solche Sätze mit donnerndem Applaus, Pfeifen und Johlen. So muss das sein. Die da oben brauchen auch mal einen zwischen die Hörner. Genüßlich bringt Steimle Gaucks Satz vom letzten Sommer, wonach nicht die Eliten, sondern das Volk das Problem sei. Eine „Lieblingsfreundin“ von ihm ist deshalb auch Marion Ackermann, die neue Leiterin der Dresdner Kunstsammlungen, die davon gesprochen habe, den Leuten hier fehle eben eine gewisse Weltoffenheit. „Wie die über uns reden“, sagt Steimle dazu nur. Das Problemfeld Wessis und Heimat ist eines, das er mit Lust beackert. „Sächsisch wünschen wir nicht“, habe ihm ein leitender Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk beschieden als er eine Mundartsendung anregte. Den Satz „… bis der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch verschwunden ist“ habe er schon in den Neunzigern auf Geheiß eines aus Westdeutschland stammenden Redakteurs aus dem Skript eines Sketches streichen müssen. Mit der „Kolonialnummer“ kann Steimle selbst nach 27 Jahren in Sachsen noch punkten. Denn noch immer sind hier fast alle hohen Verwaltungs-, Polizei- und Kulturposten mit westdeutsch sozialisierten Mitbürgern besetzt. Ein Umstand, den ausgerechnet der MDR selbst 2016 in einer zweiteiligen Dokumentation unter dem Titel „Wem gehört der Osten?“ thematisierte. Mit dem Bohren in dieser Wunde des sächsischen Nationalstolzes bietet Steimle zugleich all denen eine gewisse Labsal an, die sich in der eigenen Heimat teilweise heimatvertrieben fühlen. Aber es gäbe eben auch noch die echten Heimatvertriebenen. Das merke er an dem Zuspruch wenn er beispielsweise in Aachen oder Düsseldorf mit seinem ursächsischen Programm auftrete. Dort säßen in der Mehrheit keine Rheinländer auf den Sitzen vor ihm, sondern Sachsen, bei denen die eine oder andere Träne kullert, wenn sie in der fernen Diaspora das heimatliche Idiom hören. Genüsslich macht er nach, wie zwei Westdeutsche rätselten, was der Ausdruck „dämms´sch“ in Ableitung von „Dämmse“ wohl bedeute. Er meine wohl die Elbe, habe der eine Auswärtige dem anderen zugeraunt. Der Saal tobt. Sächsisch mal nicht als unbeliebtester Dialekt Deutschlands, wie es in Umfragen immer wieder ermittelt wird, sondern als verbale Heimat und eine Art Geheimsprache nur für Eingeweihte. In der Pause würden Zuschauer gerade im Westen dann zu ihm kommen und klagen: Mit den Wessis hier had das geen Zwegg.

Mit solchen Passagen treibt  Steimle den Saal wahlweise zum Lachen und Applaudieren, dass man aufpassen muss, den nächsten Spruch nicht zu verpassen. Obwohl er sich eine Art Gerüst, bestehend aus alten Sketchen seit dem Beginn seiner Karriere, für die zwei Stunden zurechtgelegt hat, braucht er das gar nicht. Man will Aktuelles von ihm hören. Und er liefert. Aber den „Honecker“ mit seinem abkippenden Saarland-Singsang hat er immer noch perfekt drauf und man lacht darüber. Doch vielen Älteren kommt das inzwischen eher wie der Sound der „guten, alten Zeit“ vor. Auch wenn viele dabei sein mögen, die damals nicht nur hinter der Gardine standen. Sie wollen von Steimle Meinung zur Gegenwart hören. Und „der Uwe“ bleibt sie nicht schuldig. Häufige Floskel: Sind wir schon wieder so weit? Wie zu DDR-Zeiten sollen sich Künstler immer zu irgendwas bekennen, hebt er vorsichtig an. So sei er gefragt worden, was er denn zu der Installation auf dem Dresdner Neumarkt sage. Die Frage zielte auf das umstrittene Busmonument. „Ich habe gesagt, ich sehe nur die Frauenkirche“, so Steimle spitzbübisch. Was er denn zu den Bussen sage? „Nüscht“, so Steimle. „Ich guck drumrum“. Und doch bleibt er ein ernsthaftes Statement nicht schuldig. So ein als Friedensdenkmal deklariertes Kunstwerk sei ja gut und schön. Wer sei schon gegen ein Friedensdenkmal? „Aber bitte nicht um den 13. Februar herum, denn der gehört allein den Dresdnern und dem Gedenken an den Untergang ihrer Stadt“. Punkt. Steimle unmissverständlich. Der Dresdner Fernsehturm – seit Jahren aus irgendwelchen baurechtlichen Gründen geschlossen – soll wiedereröffnet werden, wofür Steimle sich einsetzt. Sein Kommentar: Wäre es ein Minarett, wäre er längst saniert. Der Saal hält die Luft an, dann befreiendes Lachen. Auch zu Pegida hat der Dresdner natürlich eine Meinung. Wie der Politikwissenschaftler Werner Patzelt hat sich der Künstler Steimle den Dresdner Protesten vorurteilsfrei genähert. Im Fernsehen sprach er noch vage von „einem Besuch“ und einem Freund, der dahin geht. Auf der Bühne wird er deutlicher. Er habe sich das vier oder fünfmal angesehen. Das sei ja wohl normal, wenn man sich ein Bild über eine Sache machen will. Er habe an den Reden nichts Anstößiges finden können. Was ihn besonders beeindruckt habe, seien Banner gewesen mit Aufschriften wie „Frieden mit Rußland“. Ein Lieblingsthema Steimles, das er an einer Anekdote mit seinem Hund deutlich macht. Das Tier habe auf der Grunaer Straße in Dresden auf ein kleines Stück sorgsam gehegten Rasen gepullert. Daraufhin sei wie eine Furie eine Anwohnerin aus dem Haus geschossen und hätte eine Schimpfkanonade in russischem Akzent auf ihn und das Tier abgefeuert.

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Frieden mit Russland – neben der Heimatliebe eines der großen Themen Steimles auch privat. Foto: Guido Werner

Erst als er sagte: „Komm, Mascha, hier will man uns nicht haben“, habe die Schimpfende plötzlich gestutzt und ihn ausgefragt, warum er den Hund ausgerechnet Mascha genannt habe. Mascha und der Bär ist eine in Russland populäre Trickfilmserie. Steimle habe ihr erklärt, dass das die Reminiszenz seiner Familie an das russische Volk sei, das im Krieg einen Blutzoll von 27 Millionen Menschen bringen musste, um auch die Deutschen vom Faschismus zu befreien. Deshalb heißen seine Töchter auch Nina und Katja. Nun, die Szene ging aus wie in einem Vorabendfilm. Die russischstämmige Matrone sei derart gerührt gewesen, dass sie abschließend sagte: „Hund darf immer hier pullern“. „Sowas passiert mir wirklich, das ist nicht erfunden“, sagt Steimle fast entschuldigend und liefert die Adresse dazu. Man möge das selbst nachprüfen. So könnte das einen ganzen Abend lang gehen, aber: „Sie wollen ja och irgendwann heem.“ Er erzählt noch ein bißchen von seiner Sendung „Steimles Welt“, in der er mit einem liebevoll sanierten Wartburg durch Mitteldeutschland fährt, um Köhler, Bäcker oder auch mal Künstler zu besuchen. Dann packt Steimle seine russische Lavalampe ein, die die ganze Zeit gemütvoll auf einem Tischchen blubbert, und greift seine Requisiten wie den Hut der Kunstfigur Günther Zieschong. „Dor Uwe geht nu“.  Das alles musste ja mal gesagt werden. Auch wenn es „furschbar“ ist.


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Bis einer weint

Petry weint

Emotionen pur beim Parteitag der AfD in Weinböhla. Quelle: Screenshot Bild.de

Bei der Sachsen-AfD geht es derzeit zu wie es  Eltern aus Kindergarten und Grundschule kennen. Es wird gezankt, bis einer weint. In diesem Fall Eine. Und das auch noch ausgerechnet die hochschwangere Parteichefin Frauke Petry selbst. Im Netz wird bereits auf den verschiedensten Kanälen darüber diskutiert, ob der vom Boulevard so genüßlich aufgegriffene Gefühlsausbruch mit Taschentuchalarm nun eher den hormonellen Besonderheiten der weiblichen Psyche kurz vor Ende der Schwangerschaft oder den verbalen Angriffen eines Parteikollegen geschuldet ist. Fakt ist: Die Stimmung war schon vor dem Parteitag in Weinböhla aufgeheizt und gereizt. Es läge was in der Luft, wurde gemunkelt. Die AfD, von der man in Gänze den Eindruck hat, sie befinde sich in einer Art Dauerparteitag, wollte eigentlich nur ihren Listenwahlparteitag vom Januar fortsetzen. Damals war es noch Petry im Duo mit ihrem Generalsekretär Uwe Wurlitzer selbst, welche die Auswirkungen der berüchtigten Höcke-Rede im Dresdner Ballhaus Watzke auf die Tagesordnung setzen wollten. Das angekündigte Parteiausschlußverfahren gegen das Thüringer enfant terrible war damals noch frisch. Doch Petry und Wurlitzer holten sich eine Abfuhr. Die Basis wollte nicht über Höcke reden. Was der gesagt hatte, sei vielleicht in der Tonalität nicht ganz in Ordnung gewesen, inhaltlich aber schon, so die verbreitete Meinung damals. Auf Listenplatz zwei wurde dann auch gleich noch ein bekennender Höcke-Fan, der Dresdner Richter Jens Maier gewählt, der von sich selbst sagte, nun  wohl so etwas wie der „kleine Höcke“ zu sein. Im Ballhaus Watzke war er als Vorredner des Thüringers aufgetreten und hatte unter dem donnernden Applaus des Saales gerufen: „Wir sind die neue Rechte“.

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Der Dresdner Jens Maier (hier rechts im Gespräch mit dem von der CDU zur AfD gewechselten Anwalt Dr. Maximilian Krah) soll ebenfalls aus der Partei ausgeschlossen werden. Das lehnt die Basis mit großer Mehrheit ab. Foto: beaverpress

Noch in Groitzsch hatte er in seiner Bewerbungsrede nach einigen verbalen Zugeständnissen an die Parteilinie mit kaum verhohlener nachträglicher Freude gesagt, im Ballhaus Watzke habe man es „richtig krachen lassen“. Höcke sei immerhin ein Mann mit Haltung, und das sei es, was zählt. Das brachte ihm gleich dem Verfemten aus Thüringen ein Parteiausschlussverfahren seines Landesvorstandes ein. Der Landesverband Sachsen hat am meisten mit den Nachwirkungen der Höcke-Rede vom 17. Januar zu kämpfen. Sie gilt  inzwischen als der unausgesprochene Scheidestein quer durch die Mitgliederschaft. Wie einst bei den Grünen mit ihren „Fundis“ und „Realos“ spalten sich die Lager hier jetzt in „Luckisten“, ein Begriff, den Höcke in eben jener Rede eingeführt hat, und die „Höckologen“ wie die Anhänger des Thüringer Rechtsauslegers von den jeweils anderen abfällig genannt werden. Ehe man sich nun in Weinböhla überhaupt wieder den langweiligen Formalien der Listenwahl widmete, wollte die Basis das Verhältnis zu ihrem zweiten Mann auf der Liste, der damit sicher im Bundestag sein dürfte,  geklärt wissen. Frauke Petry wollte hier offenbar Zeit gewinnen und diesen Punkt ganz nach hinten verschieben. Doch daraus wurde nichts. Die Mehrheit der Delegierten war für klare Fronten von Anfang an. Auch wenn das Votum des Parteitages formal den Beschluss des Landesvorstandes zum Parteiausschlussverfahren nicht „anhalten“ oder gar löschen kann, wollte man dem Landesvorstand mit einer Trendabstimmung einen Schuß vor den Bug setzen. Und der hat gesessen. Mit fast 90 Prozent Zustimmung der Delegierten konnte Maier seine Kandidatur ein zweites Mal angehen. Man wählte die bereits in Grotzsch bestimmten fünf ersten Plätze sicherheitshalber noch einmal, um möglichen juristischen Anfechtungen der Liste wegen einer zu langen Unterbrechung des Parteitages vorzubeugen. Im Zuge der Maier-Affäre hatten aber auch die Kräfte vom rechten Flügel um den Leipziger Rechtsanwalt Roland Ulbrich Morgenluft gewittert und wollten im Wahljahr sogar Frauke Petry selbst von der Liste kegeln. Sie gilt ihnen inzwischen als so etwas wie die „Oberluckistin“ schlechthin. Mit derart „Halben“ aus Sicht des Flügels sei die Wahl nicht zu gewinnen, Deutschland nicht zu retten, so etwa in Kurzfassung die Intention dieses Lagers. Doch auch diese hatten sich in der Stimmung der Basis getäuscht. Lässt diese auf Maier nichts kommen, beißt Ulbrich, obwohl gleichfalls Jurist, auf Granit. Er kandidierte wie der Freitaler Norbert Mayerr auf Platz eins, um Petry zu verhindern. Seine ganze Wahlrede bestand aus einer Abfolge von Anklagen an Frauke Petry persönlich, was diese zu dem eingangs erwähnten Gefühlsausbruch trieb. Er warf ihr Führungsversagen vor. Sie werde ihrem selbst postulierten Anspruch des Parteitages von Essen, nämlich, politische Probleme politisch zu lösen, nicht gerecht. Kritische Geister wie er würden mundtot gemacht, juristisch verfolgt, während es ihr nur um Machtsicherung gehe. Schon während seiner Rede erschollen Buh- und Pfui-Rufe. Einer warf Ulbrich vor, hier im Jargon der Wochenschau vom „September 44“ aufzutreten. Sein Vorhaben sei nichts als der Griff in die Republikanerfalle.  „Auf welcher Gehaltsliste stehen sie?“, fragte eine Parteikollegin. Eine Frage, die Ulbrich mit Bemerkungen über das Stichwort Paranoia konterte. Die Wahlergebnisse für ihn und den gleichfalls auf Listenplatz eins kandidierenden Kollegen Norbert Mayer zeigten dann deutlich, dass die sächsische AfD ihrer Chefin nicht blind folgt und zuweilen sehr störrisch eigene Wege geht, sie aber nach wie vor als ihr „Zugpferd“ an der Gesamtspitze der AfD sieht und nicht beschädigen will. Allerdings hat sie zu ihrer ersten Wahl vom Januar leicht von 79,1 auf 72 Prozent Zustimmung eingebüßt. Bis zum nächste Wochenende, wo an beiden Tagen getagt werden soll, dürften die Tränen getrocknet sein. Was bleibt, ist dennoch eine zerissene Partei, die mit einem Mann auf Listenplatz zwei in Richtung Berlin zieht, den der Landesvorstand eigentlich nicht mal mehr in der Partei haben möchte. Ob sich diese Risse wieder kitten lassen, ist fraglich.  Selbst Roland Ulbrich zeigte noch am Abend des denkwürdigen Tages, dass er nicht gewillt ist, Ruhe zu geben. Zusammen mit einem Link des Bild-Artikels, worauf die weinende Frauke Petry abgebildet ist, schrieb er auf Facebook: „Tränen gegen Patriotismus! Ob Frau Petry die geeignete Führerin der deutschen Rechten ist, darf bezweifelt werden. Oder dürfen wir darauf hoffen, dass sie – wie in Weinböhla – aus Mitleid gewählt wird?“ Das klingt nicht nach Einsicht. Und schon gar nicht nach Ruhe und Geschlossenheit.


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Daniela und ihr Waschbär

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Der inkriminierte Post der sächsischen Landtagsabgeordneten Daniela Kuge (CDU) Quelle: Screenshot Facebook

So schnell kann´s gehen. Man schaut in den Spiegel und es schlägt einem ein Shitstorm entgegen, gegen den die letzte Elbeflut eine übergelaufene Badewanne war. Das passiert, wenn man das Spiegelbild mit einem Pelz um den Hals auf Facebook postet und dazu schreibt: „Waschbär erlegt und trägt sich klasse! Euch einen warmen Freitag!“. Diese offenbar so leicht nebenhin geworfenen Zeilen stammen von der sächsischen Landtagsabgeordneten Daniela Kuge. Die hübsche Blonde von der CDU hat sich damit vermutlich ohne es auch nur ansatzweise zu ahnen selbst an den Pranger gestellt. Und wie. Was sich aus dieser harmlosen Koketterie mit der eigenen Eitelkeit entwickelte, übertraf an „shit“  den zeitgleich über Sachsen tobenden Schneesturm um Längen und führte dazu, dass die Abgeordnete am Wochenende ihren Facebookaccount für eine Woche ganz vom Netz nahm, damit sich die Gemüter wieder beruhigen.
„Der Teufel trägt Waschbär, nicht mehr Prada“, lautete einer der noch harmlosen Kommentare, der als Überschrift über der gesamten sich entspinnenden „Diskussion“ stehen könnte. Weiter ging es mit erwartbaren negativen Konotationen das Aussehen, die Haarfarbe und das Alter des Opfers betreffend, womit nicht der Waschbär gemeint ist.  In regelrechte Hassphantasien steigerten sich Poster, die androhten, man müsse der Abgeordneten selbst das Fell über die Ohren ziehen. Das Ganze driftete natürlich auch gleich ins Politische. Offenbar in Unkenntnis der Tatsache, dass Kuge nicht der AfD angehört, schrieb einer, dass aus diesem Landstrich Leute kämen, die einem erzählten, sie wären das Volk. Gerade habe er gelesen, wieviel mehr Krankenkassenbeitrag er künftig für die von „Birne“ ins Land geholten 18 Millionen Sozialfälle zahlen dürfe. Ein hoch interessanter Fakt. Zeigt er doch, dass der offenkundig westdeutsche Schreiber sich immer noch an den vor nunmehr 27 Jahren neu Dazugekommenen rund  17 Millionen DDR-Bürgern gedanklich abarbeitet, aber keinerlei Verbindung zwischen dieser Erhöhung der Krankenkassenbeiträge und den im letzten Jahr neu Dazugekommenen ein bis zwei Millionen woher auch immer zieht.

Besonders entzündet sich jedoch die „Kritik“, um es mal möglichst neutral zu formulieren, an dem Umstand, dass die Politikerin sich mit diesem Pelz auch noch zeigt. Wobei die Äußerung „selbst erlegt“ noch interpretative Unschärfen aufweist. Meint sie damit in flapsiger Sprache nur „selbst gekauft“ oder tatsächlich „selbst geschossen“. Als Jägerin ist die gelernte Apothekerin bisher nicht in Erscheinung getreten. Und wildern wird sie als Abgeordnete der Regierungspartei in Sachsen doch nicht.

Ganz außer Acht gerät bei all dem Furor aber wieder einmal die Sache an sich. Fakt ist: Es werden weltweit Tiere unter den barbarischsten Verhältnissen gehalten und getötet, nur um an ihren Pelz zu kommen. Schlagzeilen macht dabei auch immer mal wieder das Schicksal von Hunden und Katzen etwa in der Ukraine oder China, deren Felle für den modischen Besatz von Kapuzen unserer billig bei den Großketten angebotenen Anoraks und Winterjacken herhalten müssen. Es darf gewettet werden, dass es auch unter den Shitstormern, die sich jetzt über Daniela Kuges umgebundenen Bären ereifern, welche gibt, die (sicher aus Unkenntnis) solche Winterkleidung tragen.

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„Rucky Waschbär“, aufgenommen mit der Selbstauslösekamera eines Jägers in Brandenburg. Die Tiere sind nachtaktiv und haben in Deutschland keine natürlichen Feinde. Foto: privat

Fakt ist aber auch, dass der Waschbär in unseren Wäldern und Weinbergen inzwischen als schlimmer Finger gilt. Ein befreundeter Jäger schrieb auf eine entsprechende Rechercheanfrage die Antwort: Sie sind sehr anpassungsfähig. Sie plündern sämtliche Vogelnester und gefährden den Niederwildbestand. Sie übertragen Tollwut und andere Krankheiten. Kurz gesagt: Sie bringen Unruhe in die Wälder. Natürliche Gegner haben sie keine, weshalb sie sich ungebremst vermehren. Ausgesetzt wurden die vorher hier nicht heimischen Tiere in den 30iger Jahren ganz gezielt, so die FAZ in einem Artikel  dazu. Es könne zugleich sein, dass Tiere auch im Zuge der Kriegseinwirkungen aus einer Farm bei Berlin entkamen. Genanalysen hätten ergeben, dass es in Deutschland verschiedene Abstammungslinien gibt. Wieviele Tiere es heute insgesamt sind, könne niemand sagen, so die FAZ. Lediglich die Jagdstrecken, also die Zahl der geschossenen Tiere pro Jahr, lassen Rückschlüsse auf die Population zu. Im Jahr 2013 wurden erstmals über 100 000 Waschbären geschossen.

Insofern stünde Daniela Kuge mit ihrem „Abschuss“ zumindest nicht allein da und  erst am Anfang ihrer Karriere als Waschbärenjägerin. Aber danach sieht es eher nicht aus.Noch sitzt sie volle Deckung nehmend im abgeschalteten Facebookunterstand und wartet auf das Nachlassen des Trommelfeuers. Aber in einer anderen Gruppe ihres Wahlkreises schrieb bereits eine Kommentatorin: Glaub bloß nicht, dass Du damit davon kommst.

Sage noch einer, Deutschland hätte keine funktionierende Zivilgesellschaft. Und die hat die drängenden Probleme der Zeit erkannt. Was war sonst noch so los dieser Tage? Eigentlich nichts weiter. Ein paar hundert Panzer werden mit tatkräftiger deutscher Unterstützung an der russischen Grenze in Bereitstellungsräumen zusammengezogen. Aber das ist nicht weiter schlimm. Die schießen nicht auf Waschbären.


Ein Kommentar

Zum Ausklang

Früher war mehr Lametta. Ganz klar. Dafür ist heute wieder mehr Beton. Nachdem der Baustoff nach der Wende im Osten etwas in Verruf geraten war, erlebt er jetzt ein Comeback.

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Betonpoller um den Dresdner Striezelmarkt nach dem Berliner Attentat. Foto: beaverpress

Kein deutscher Weihnachtsmarkt mehr ohne stilvolle Betonsperren drumherum. Die Aktie von Heidelberger Zement soll nach der Trump-Wahl angezogen haben. Von wegen Mauerbau zu Mexico und so. Vielleicht erfährt das Unternehmen jetzt unerwartete Impulse aus dem Inland. Die Binnenkonjunktur war seit Jahren das Sorgenkind der Ökonomen. Das wird sich ändern. Wie auch sonst einiges sich schon geändert hat. Zum Beispiel in Dunkeldeutschlands heimlicher Hauptstadt Dresden. Standen sonst immer mal Kurrendesänger in der Gegend, die unverständliche Lieder sangen, sind es jetzt Syrer, die zunächst noch stockend auf Deutsch Slogans skandieren, danach umso leidenschaftlicher ebenso Unverständliches in fremder Sprache. Tags darauf demonstrieren Afghanen für ein unbeschränktes Bleiberecht. Verständlich, wo sie schon völlig ungehindert einwandern konnten. Dann will man auch bleiben. Alles andere wäre unfair und muss auch lautstark so benannt werden. Verdutzt kramt mancher gestrige Deutsche sein Grundgesetz aus dem Nachttischkasten und schlägt bedächtig nach unter Artikel 8: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln“.
Alle Deutschen. Nun ja. Ein Land mal so ganz ohne Grenzen konnte man sich 1949 noch nicht vorstellen. Deshalb hat man wohl Syrer und Afghanen nur vergessen. Überhaupt. Solch´ scharfe Graduierungen werden hier schon lange nicht mehr vorgenommen. „Deutsch“  ist doch auch nur so ein überholtes Gedankenkonstrukt wie die unsägliche Unterscheidung in Männlein und Weiblein. Die Bevölkerung wird in diesem modernen und der Zukunft zugewandten Staat nur noch in die, „die schon länger hier leben“ und die, „die neu dazugekommen sind“ unterteilt. Wobei der Bogen dabei nicht bis zu den Salzburger Exilanten gezogen wird, die einst Ostpreußen besiedelten. Gemeint sind eher die Passagiere des letzten Zuges aus Passau. Wer zwei Jahre hier ist, kann sich schon zu erster Gruppe zählen und muss sich nicht länger mit nervenden Details des Einbürgerungsrechts den Tag verderben.

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Protestierende Syrer auf dem Wiener Platz in Dresden nach der Einstellung der Kamphandlungen im syrischen Aleppo. Foto: beaverpress

Und sonst so? Im Rundfunk verkündet der Sprecher am Tag vor dem Jahreswechsel die „abstrakt höchste Gefährdungsstufe“ für das Land. Konkret wurde er nicht. Es muss also was mit Polen-Böllern oder gepanschtem Sekt zu tun haben. Oder doch nicht? Hat da gerade jemand LKW gerufen? Was waren das für langweilige Zeiten als man sich zu Silvester nur spießige Gedanken um Karpfen oder Kater zu machen hatte. Vielleicht noch der Heidi von hinten an die Schultern… Vorbei, die albernen Spielchen. Jetzt ist Tatort-Time. Reality, nur leider kein TV. In Sachsen-Anhalt stehe die gesamte Polizei und die Bereitschaftspolizei Gewehr bei Fuß für den Silvesterabend, erfährt der geneigte Hörer und wundert sich. Aber was soll die Polente auch Zuhause rumhängen, wenn das Weihnachtsgeld sowieso gestrichen wurde. Man käme nur in Versuchung, Geld auszugeben. Und Motivation kann auch befohlen werden. Allerdings irritiert der Aufwand den gläubigen Staatsbürger doch ein wenig. Bis gestern waren die Zeitungen noch voll mit erklärenden Stücken zur Kriminalitätsentwicklung. Bewiesen ist, dass zum Beispiel Ausländer nichts mit einer Kriminalitätssteigerung zu tun haben. Wirklich nicht. Großes Pionierehrenwort.  Zumindest sind sie nicht krimineller als Du und ich und Karl-Heinz. Nur die AfD muss wieder stänkern und postet schlimme Sachen von wegen, dass in sächsischen Knästen ein Viertel Ausländer einsitzen, wo doch ihr prozentualer Anteil an der Bevölkerung im unteren einstelligen Bereich angesiedelt ist. Überhaupt die AfD. Frauke Petry hat geheiratet. Und ist wieder schwanger. Zum fünften Mal. Was wieder mal zeigt, dass diesen Rechtspopulisten doch jedes Mittel recht ist, ihre Anhängerschaft zu vergrößern. Lutz Bachmann grüßt fröhlich und mit vollem Glas via Boulevardpresse seine verbliebene Anhängerschaft in Dresden per Videobotschaft von den Kanaren. Gut gelaunt hat er auf den letzten Metern ein Urteil des Amtsgerichtes Dresden akzeptiert, das ihn als schlimmen Volksverhetzer brandmarkt. Die Justiz hat ja sonst nichts zu tun.

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Pegida geht ins dritte Jahr und ist längst eine Dresdner Spezialität. Foto: beaverpress

Pegida geht inzwischen ins dritte Jahr. Das Dresdner Revolutionsbiedermeier ist längst eine  Spezialität der Stadt wie Stollen oder Worcester-Soße geworden. Man muss es nicht mögen, aber ohne würde was fehlen. Montags wird ein bißchen geschimpft und geschaut, welche Partei in dieser Woche die Pegidathesen von vor zwei Jahren abgeschrieben hat. Dann geht’s für die Rentner zurück in Gärtchen, Kneipe oder Wohnstube und „der Lutz“ macht wieder runter auf die Insel. Sachsen wäre nicht Sachsen, wenn bei allem Streit die Behaglichkeit auf der Strecke bliebe. Schon August Bebel wusste die sächsische Gemütlichkeit zu schätzen als er seine Festungs-Strafen unter anderem wegen Majestätsbeleidigung und Zensurdelikten auf dem Königstein absaß. Von Stanislaw Tillich hört man gar nichts mehr seit dem Auftritt der bösen Pegidisten am 3. Oktober auf dem Neumarkt. Vielleicht freut er sich nur im Stillen über die vielen „Phantomflüchtlinge“. Das, so lernen wir im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sind Migranten, die zwar dem Freistaat zugewiesen werden, aber gar nicht daran denken, hier zu siedeln. Und wer will sie hindern, wenn schon an der Grenze die große Freiheit beginnt? Für die Zugewiesenen gibt es aber pauschal und pro Kopf Geld vom Bund, das in den sächsischen Haushalt fließt. Bürgermeister aus dem Ruhrgebiet beklagten das unsolidarische Verhalten Sachsens, das einfach das Geld einstecke für Migranten, die gar nicht in Sachsen sind und dazu schweige, während die Ruhrmetropolen wie Essen überlaufen.

Dresdens OB hat gut zu tun. Ein neuer Verein für Weltoffenheit und Toleranz wurde wieder mal gegründet und dann müssen auch schon die Poller vom Weihnachtsmarkt zum Theaterplatz, denn dort steht die Silvesterfeier an. Kinder wie die Zeit vergeht. Ach so. Dresdens neuer Finanzbürgermeister, Peter Lames (SPD), kann es erstmal ruhig angehen lassen. Wegen fehlender Qualifikation kann der Favorit des rot-rot-grünen Stadtrates sein Amt als Finanzbürgermeister nicht vollständig ausüben, sondern muss erstmal Abschlüsse nachholen und Erfahrung sammeln. Das hat die Landesdirektion als Aufsichtsbehörde mitgeteilt. Ist aber alles kein Problem, wenn die Haltung stimmt und man eine fähige Stellvertreterin hat. Na und. Finanzen sind ja nun kein Schlüsselressort. Was anderes wäre das beim Posten der Gleichstellungsbeauftragt */in.

Was wird uns 2017 beschäftigen? Soviel sei verraten: Daniela Katzenberger wird es nicht sein. Obwohl es schön wäre. Den Ausblick aufs neue Jahr überlassen wir an dieser Stelle Frank Kupfer, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU im sächsischen Landtag. Und sage keiner, die CDU hätte den LKW nicht gehört. In einem Zeitungsinterview sagte Kupfer: „Wir haben ein Problem mit der weiter steigenden Zahl an Asylbewerbern, weil wir kein Ende sehen. Es ist ja nicht so, dass am 31. Dezember Schluss ist, das geht nahtlos weiter. Auch nächstes Jahr kommen Hunderttausende oder sogar mehr als eine Million.“


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Sperrt Steimle ein

fullsizerender2Das vergangene Fernseh-Wochenende verdient doch an dieser Stelle noch eine kleine Nachbetrachtung. Besonders in Zeiten,  in denen das Ringen um beste Einsichten aus dem nicht nur bautechnisch komplett entkernten Reichstagsgebäude in Runden wie Illner, Plasberg oder Anne Will verlagert wurde.schleier-anne-will
Was Anne Will da am Sonntag an politischem und modischem Mummenschanz getrieben hat, war selbst der sonst so fügsamen „Welt“ von Springer zu viel.
Über diese Sendung werden die Gremien zu beraten haben, verkündete das Blatt und verlangte unterschwellig schärfste Nachzensur. Wobei en passant eingestanden wurde, dass die inzwischen immer häufiger thematisierten Rundfunkräte doch mehr sind als politisches Beiwerk des vielgepriesenen Staatsrundfunks mit seinem „Bildungsauftrag“. In zufällig interessanter Konjunktion zur Will-Sendung lief am Freitagabend Riverboat, eine Talksendung aus Leipzig, mit der sich „die Gremien“ garantiert auch noch beschäftigen werden, wenn sie es nicht schon tun. Das Format hat seinen Namen noch aus Zeiten als die Sendung  auf einem Elbdampfer am Dresdner Terrassenufer aufgezeichnet wurde. Eine harmlos, nette Plauderrunde ohne dezidiert politischen Anspruch. Es menschelt hier sehr viel. Regelmäßig werden ehemalige oder noch aktive Ostschauspieler, Künstler oder Politiker  eingeladen. Es soll wohl ein unverwechselbares ostdeutsches Lebensgefühl transportiert werden. Zu Gast war dort am Freitag der Dresdner Kabarettist Uwe Steimle. Der war schon häufiger dort und gab stets den ostdeutschen Kauz, der mit T-Shirts auftritt, auf denen typisch sächsische Umgangswörter wie „furschbar“ oder „fertsch“ zu lesen sind. Man hatte ihn dort hingesetzt, weil er über seine Sendung Steimles Welt befragt werden sollte. In dieser MDR-Sendung, die sonntags im Quotenwindschatten der großen öffentlich rechtlichen Flaggschiffe wie Tatort läuft, fährt er in einem antiken Wartburg durchs Land und hält Ausschau nach den Leuten, die es in dieser Medienwelt eher nicht ins Fernsehen schaffen oder die sich  gar nicht danach drängen. Es sind Menschen, die weder ihre Frauen tauschen, noch sexuell innovativ präferiert sind, die zumeist einer regelmäßigen Arbeit  oder einem skurrilen Hobby nachgehen. Bei seinen Touren, die durch angenehm langsame Kameraführung und ausgedehnte Dialoge gekennzeichnet sind, schaut Steimle beim Leiterbauer vorbei, besucht eine Kräutertante in der Lausitz oder klettert mit einem ehemaligen NVA-Jagdflieger, der jetzt Dächer deckt herum. Man lächelt über den Sonderling, weil er für T-Shirt noch das ostdeutsche Wort „Nicki“ benutzt und ein lustiges Luther-Buch mit dem Titel „Warum der Esel Martin heißt“ geschrieben hat. Ganz erheiternd in normalen Zeiten. Doch in solchen leben wir nicht mehr. Und so brach Steimle in dieser Sendung aus seiner ihm zugedachten Rolle als harmloser Komiker schnell aus. Womit man offenbar nicht gerechnet hatte, war, dass Steimle Luther abseits von Klamauk und seichten Kalauern ziemlich wörtlich nimmt. Das ging schon damit los, dass er von der Sprache als dem Schlüssel zur Seele sprach. Was noch harmlos war. Als er aber vorbrachte, dass der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck als einer der Letzten auf den Wendezug aufgesprungen sei und heute so tue als sei er der Lokführer gewesen, müssen die Alarmglocken in der Regie geläutet und die Ohrstecker der Moderatoren geglüht haben.

Gerade der peinlich wirkende Einwurf des Moderators, Gauck sei ein sehr guter Bundespräsident, der „das Land vorangebracht habe“ hatte etwas von dem aus der Schule bekannten Mechanismus Herr-Lehrer-bei-dem-was-der-Uwe-gemacht-hat-habe- ich-nicht-mitgemacht. Man sieht förmlich einen nobel, aber sachlich eingerichteten Besprechungsraum in der Leipziger Kantstraße, dem Sitz des Mitteldeutschen Rundfunks, in dem sich ein erlauchtes Gremium von Fernsehoberen und Parteienvertretern einzelne Sentenzen der Sendung herausgreift und Fragen aufkommen, warum hier Sätze wie „Die Parteien bescheißen das Volk“ und „Die Leute auf der Straße seien keine Randgruppe, sondern die Spitze des Eisbergs“ unwidersprochen über den Sender gehen konnten. Wer Lust hat, kann sich die entsprechenden Passagen (hier) ansehen.

Abgesehen von den Aussagen Steimles fallen aber zwei weitere Aspekte dieses Geschehens auf. Da ist zum einen das inzwischen fast völlige Fehlen einer scharfen politischen Debatte, was Steimles Sätze in der Medienlandschaft so einzigartig macht.

Was schon lange fehlt, sind Formate,  bei denen mal so richtig die Fetzen fliegen. Schaut man sich auf youtube alte Sendungen an, sieht man beispielsweise noch Klaus Kinski rumtoben, der Moderatoren und Gäste gleich mal reihenweise als zurückgebliebene Idioten betitelt (hier). Ganz abgesehen davon, dass sich Moderator (in diesem Falle Reinhard Münchenhagen) und Gäste (hier Manfred Krug)  gegenseitig Feuer geben und genüsslich eine paffen. Undenkbar heute.  Man sieht, wie sich eine empörte Karin Struck unter dem erschrocken-lustvollen Aufstöhnen des Publikums den Rock hochreißt, um die dort versteckten Verkabelungen ihres Mikrofons herauszureißen, weil sie Runde verlassen will. Nebenbei: Ihre Gesprächspartnerin war die junge Angela Merkel. Ganz zu schweigen von der legendären Serie „Ein Herz und eine Seele“, in der der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, der dieses Format produzierte, sich als die „Grinsrübe vom roten Rundfunk in Köln“ bezeichnen lassen musste. Auch „Leihgabe vom Kalmückenfernsehen“ musste er einstecken. Hat man Vergleichbares heute mal ansatzweise gehört? Nur von Steimle wieder stammte mal die Sentenz: „Da lacht die Domowina“. Eine Anspielung auf die sorbische Herkunft des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) und die Interessenvertretung der slawischen Minderheit in Deutschland, die Domowina.  Gebracht hat er das bei den Mitternachtsspitzen im Kölner Bahnhof wo es niemand verstanden hat. Dort gilt Dresden schon als die halbe Strecke nach Moskau. Und auch hier war es Steimle, der an anderer Stelle die Einstellung vieler Ostdeutscher auf den Punkt bringt, wenn er sagt: Sind wir denn verrückt geworden über Krieg mit Russland zu debattieren?

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Schauspieler Ralph Herforth in der ungeplanten aber authentischen Rolle des Wessis, der den Ossi nicht versteht. Quelle: Screenshot MDR

Der zweite Aspekt lässt sich auf den Nenner bringen: Der Ralph aus dem Westen gegen den Uwe aus dem Osten. Da saß dieser Ralph Herforth, der eigentlich laut Wikipedia ein geborener Schwachmeier ist, lässig zurückgelehnt, mit betont intellektueller Miene da und schaute mit genau diesem Blick, den viele Ostdeutsche von ihren neuen Vorgesetzten aus dem Westen so gut kannten und bis heute kennen auf diesen merkwürdigen Ostdeutschen da. Und Steimle verkörpert diesen in Wort und Körpersprache auch ohne sein betont sächsisches Reden und das „Nicki“ mit dem Dresdner Fernsehturm drauf. Es ist dieses Unsichtbare, nicht in Worte zu bannende Etwas, was Ost- und Westdeutsche sich noch heute gegenseitig auf den ersten Blick geografisch einordnen lässt. Mit Ausnahmen nach beiden Seiten. Dass Leute heutzutage ihren Arbeitsplatz riskieren, wenn sie was Falsches sagen, wie Steimle sagte,  kommentierte der „Wessi“ Herforth herablassend nach Art des guten Onkels aus dem Westen. Es komme immer mal wieder vor, dass jemand seine Arbeit verliert. Gönnerhaft sagte Herforth, dass Ossis ja selbst bis runter nach München neue Arbeit gefunden haben. Und dort arbeiten dürfen, schwang unausgesprochen mit. Entweder hat er den Sinn von Steimles Satz nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Es geht nicht darum, dass „Leute mal ihre Arbeit verlieren“. Das kennt gerade der Osten nur zu gut. Sondern, dass sie ihre Arbeit wieder aus politischen Gründen verlieren oder damit gedroht wird. Die Szene hätte nach 25 Jahren nicht symbolhafter sein können. Dort der aufgeregte Ostdeutsche mit seinem komischen Dialekt, den noch merkwürdigeren Ansichten über die deutsche Sprache, Langsamkeit und Heimatliebe und hier der lässig, abgeklärte Westler, der Globetrotter, der sich selbst auf Madagaskar noch mit Gesten und Blicken super verständigen kann. In Schöneberg, in Berlin, da, wo er herkomme, sei das alles ganz anders. Und in der Prignitz, wo der Schauspieler einen Zweitwohnsitz hat, sowieso. Wir ersparen uns an der Stelle, was in Berlin noch so alles anders ist. Nachzulesen sind die neuesten Geschehnisse aus der Parallelwelt Berlin en Detail in der Tagespresse und en Gros bei den Real-Katastrophenautoren Sarrazin und Buschkowsky. Dieses offenkundige Nichtverstehen zwischen Ost und West wirkte umso verstörender, da es nicht im Jahre 1991 spielt, sondern ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung. Die Mauer ist bald länger weg als sie gestanden hat. Doch die Kluft wird eher tiefer. Oder: Der Osten ist inzwischen etwas Eigenes geworden. Die Ossis haben den Westen und inzwischen auch manches Stück der Welt gesehen in den letzten 25 Jahren. Und dennoch gibt es immer mehr, die 89 mit der Kerze in der Hand auf den Straßen Dresdens und Leipzigs unterwegs waren, die heute leise seufzen, wenn sie dienstags spätabends auf dem MDR alte Folgen der Serie „Polizeiruf 110“ schauen, wo Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Grawe mit Hingabe den Verbleib von Bauholz oder Zementsäcken aus dem VEB ermitteln. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass damals die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten doch irgendwie „noch in Ordnung“ war. Dieser Staat war in Sachen Grenzsicherung sicher das andere Extrem. Aber das, was sich heute abspielt, dass dieses Land wie ein aufgelassenes Grundstück jedem gehören soll, der gerade daherkommt, leuchtet vor allem den Ostdeutschen nicht ein. Und man erinnert sich daran, wie man seine Wut über die Zustände damals herausschrie.  „Die Sachsen sind doch die Einzigen, die das Maul aufmachen“, rief Steimle mit lutherischem Pathos in die Runde. Am Facebookstammtisch wurde schon geunkt: Das war sicher seine letzte Sendung im Fernsehen.

Wäre vielleicht besser so. Es schont die Nerven. Wenn man bei diesen Entwicklungen im Land und der Welt eins nicht gebrauchen kann, ist das Aufregung am Freitagabend im Fernsehen. Lasst uns über was Schönes reden. Und sperrt den Steimle ein. Am besten auf der Wartburg. Da ist seit 500 Jahren ein Zimmer frei.


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Neulehrer an die Front

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Es könnten sogar 101 Gründe werden. Quelle: Screenshot Radio PSR.de

Radio hören im Auto ist in diesen Zeiten immer ein bisschen gefährlich. Besonders, wenn man nach einem flotten Song nicht schnell genug umschalten kann. Kaum ertönen die Stimmen der Moderatoren, droht sehr oft geistiges Ungemach, was die Laune nachhaltig dämpfen kann. Bedingt durch eine die Aufmerksamkeit bindende und die Geschicklichkeit erfordernde Verkehrssituation kam es, dass ich heute einem Wortbeitrag auf Radio PSR unter der Rubrik „100 Gründe – Warum Sachsen so großartig ist“ nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Und so hörte ich eine  Moderatorin  mit enthusiasmierendem Timbre folgendes sagen:  „Weil Sachsen die wenigsten Schulden in Deutschland hat. Ende letzten Jahres waren wir mit 2,3 Milliarden Euro verschuldet, was viel klingt, aber im bundesdeutschen Vergleich der geringste Schuldenstand ist. Und dazu kam es, weil Sachsen die Verbindlichkeiten des öffentlichen Gesamthaushaltes um 850 Millionen abgebaut hat.“ Pro-Kopf-Karbidproduktion fällt DDR-geschulten Spöttern da sofort ein. Aber lassen wir die Zahl mal stehen. Sie wird schon irgendwo, irgendwie stimmen. Was hier taktvoll unerwähnt bleibt, ist das Fiasko um die Sachsen LB. Das liegt zwar schon einige Jährchen zurück, sorgt aber aufgrund der Nachhaltigkeit, mit der da missgewirtschaftet wurde bis heute für Nachschusszahlungen des Freistaates im dreistelligen Millionenbereich. Aber was macht das in einem Land, wo die Milliarden locker sitzen?

Wo Sachsen noch so ziemlich einzigartig ist, verriet MDR aktuell am Nachmittag. Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) wurde rezitiert. Wir erinnern uns. Sie übernahm den Job 2012 nachdem der bisherige Minister auf typische Dresdner Art (Dreck alleene machen usw.) hingeschmissen hatte, weil er den Sparkurs der damals noch CDU-FDP geführten Sachsenregierung nicht mittragen wollte. Die „Bruni“ nun ließ heute vom staatlichen Sachsenfunk verlautbaren, dass vor 2019 nicht mit einer „Normalisierung an unseren Schulen gerechnet werden kann“. 45 Prozent der Lehrkräfte seien Seiteneinsteiger. Das heißt also im Klartext, gut die Hälfte (und wahrscheinlich sind es sogar noch mehr) all derer, die im besten Freistaat aller Zeiten vor den Kindern stehen, sind Hilfslehrer. Ist die Neulehrerquote von 1945 erreicht oder überboten? Bei Wikipedia lesen wir dazu: 1949 waren bereits 67,8 Prozent aller Lehrerstellen in der sowjetischen Besatzungszone, zu der Sachsen gehörte, mit Neulehrern besetzt. Das ist sicher noch zu schaffen bis 2019. 47,7 Prozent dieser Neulehrer gehörten der SED an. Das wäre auch kein Problem. Hauptsache,  nicht AfD. Nun  ist es aber auch nicht so wie weiland beim Alten Fritzen, der seine ausgedienten Feldwebel und Korporäle im Alter zu Dorfschullehrern machte. Es sind unter diesen Seiteneinsteigern viele hochmotivierte und top ausgebildete Fachleute dabei. Ich selbst kenne zwei persönlich. Aber wozu haben wir dann noch ein Schulgesetz, eine Schulpflicht und Lehramtsstudiengänge an den zwei renommierten Hochschulen Dresden und Leipzig? Gleichzeitig dröhnt auf allen Kanälen, dass Deutschlehrer für die Flüchtlinge gebraucht werden. Nummer ziehen und hinten anstellen, kann man angesichts dieser Zustände nur sagen. Wenn das so weiter geht, schaut jeder in der Familie, wer gerade Zeit oder nichts so richtig zu tun hat, und unterrichtet den Nachwuchs selber. Was soll Opa im Garten rumprimeln, wenn die Enkel Algebra brauchen? Oder die Eltern machen es gleich selbst. So wie Medizin nach Noten. Mit Hilfestellung über den Rundfunk. Dann könnte man bei den Wortbeiträgen wieder zuhören und alle würden was lernen. Sachsen wäre dann neben Australien und Canada das erste Land in Europa mit Fernunterricht. Und schon hätten wir 101 Gründe, warum Sachsen so großartig ist.


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Elite besucht das Volk

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Es sollte ein „G“ werden, aber die Umstehenden verstanden, was als Problem empfunden wird. Foto: beaverpress

Wenn die (selbsternannte) Elite beschließt, sich zu einer Veranstaltung wie dem Deutschen Wandertag herabzubegeben, muss sie damit rechnen, dort auf die Problem-Bevölkerung zu treffen. Und so kam es wie es kommen musste als Bundespräsident Joachim Gauck am Sonntag vom Raumschiff Berlin aus eine Expedition ins sächsische Sebnitz unternahm. Wir erinnern uns, das ist dieses Städtchen, das es im Jahr 2000 auf den Titel der Bildzeitung schaffte mit der Schlagzeile „Neonazis ertränken Kind“. Danach wurde der Ort, der bis dato nur durch seine Kunstblumen bekannt war, die selbst die Queen schätzt,  „medial eingeäschert“ wie es der frühere DDR-Bürgerrechtler und heutige Dresdner CDU- Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz ausdrückte. Ausgangspunkt war der tragische Tod eines kleinen Jungen im Schwimmbad, der einen Herzfehler hatte wie sich später herausstellte. Dennoch hatte Sebnitz seinen Ruf auf Jahre „weg“. Hier nun also wollte Gauck Hände schütteln und das gemütliche Schunkel-Flair eines typischen Deutschen Wandertages zu böhmischer Blasmusik genießen. Es wurde eher ein akustischer Spießrutenlauf.  Sein Auftritt im städtischen Gymnasium konnte noch unter den Laborbedingungen einer gelenkten Demokratie stattfinden. Doch beim Gang über den Markt ließ sich das potemkinsche Drehbuch nicht mehr aufrechterhalten. Immerhin wurde er am Ende vor dem Besteigen der sicheren Panzerlimousine nur mit Bonbons beworfen, statt wie weiland Helmut Kohl in Halle mit Eiern. Polizisten der Bereitschaftspolizei in voller Ritterrüstung und aufgesetzten Helmen mussten in der Hitze neben den Personenschützern die letzte, innere Verteidigungslinie um den elitären Gast bilden als der über den Markt lief.  Vor ihnen zogen als Puffer Linien „normaler“ Polizei in Sommeruniform auf. Deren sichernde Rundumblicke spiegelten eine Mischung aus Irritation und aufkommender Panik wider. Denn die Lage war unübersichtlich. Die wirklich „harten“ Rechtsradikalen , von denen das Osterzgebirge allen Beteuerungen der Politik zum Trotz immer mehr als genug hatte, erkannte man noch an ihrer Reichsfahne mit dem eisernen Kreuz oder ihren T-Shirts mit der Aufschrift „Division Deutschland“. Doch der Marktplatz war auch voller kostümierter Rentner, von denen die meisten mit Stöcken bewaffnet waren, die stolze Wandererbrust voller Abzeichen ihrer gelaufenen Touren. Und hier wurde es schwierig. Es war ein bißchen wie in einem Alienfilm.  Jederzeit konnte einer dieser biederen Rentner zum Wutbürger mutieren und den Volksvertretern  „Volksverräter“ zurufen. Man konnte nicht sagen, wer sich hier gleich wie politisch zu erkennen gibt. Gaucks Vorbeimarsch war wie eine Schwarzlichtlampe, die oberflächlich verborgene Merkmale von Geldscheinen zum Leuchten bringt.

Ein weißhaariger Mann mit Filzhut und Knotenstock in der Hand begann beim Defilee der Honoratioren unvermittelt zu schimpfen: „Was will der denn hier? Das ist unser Wandertag. Der soll abhauen“. Junge, zierliche Frauen im adretten Sommerkleid begannen plötzlich „Hau ab“ zu rufen. Das ganze akustische Szenario wurde untermalt vor einem Grundton aus Dutzenden gellenden Trillerpfeifen, dass sich einige Umstehende die Ohren zuhielten. Schließlich traf einen der wackeren Rentner, der vermutlich noch nicht mal etwas Despektierliches gemacht hatte, eine Ladung Pfefferspray. Der neue „Fall Sebnitz“ zeigte nach den Auftritten von Justizminister Heiko Maas am 1.Mai in Zwickau, und auch Gaucks Besuch in Bautzen, dass Safaris zum Volk, zumindest in Sachsen,  keine Wohlfühltermine mehr sind. Gaucks Dauerlächeln kann den verheerenden Eindruck nicht überspielen, den der dreifache Sicherheitskordon aus Personenschützern, Bereitschafts- und Schutzpolizei erzeugt, der inzwischen nötig ist, wenn sich Volksvertreter dem Souverän auf Armlänge nähern. Vielleicht sollte man sich in Berlin auch ganz langsam Gedanken über ein neues Volk machen.