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Geschichten aus der Elbaue


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Verstörter Paramilitär

Es war Anfang der Neunziger, so kurz nach der Wende, als ich eines Tages beim Konsum eines der für mich neuen Qualitätsmedien richtig erschrak. Ich weiß nicht mehr genau, ob es der Spiegel war oder ein Fernsehformat. Aber es war aus Hamburg. Und von da bekam ich es klipp und klar gesagt: Ich war jahrelang Mitglied einer paramilitärischen Einheit gewesen. Bis dahin kannte ich den Begriff nur in Verbindung mit den blutrünstigen Contras in Nicaragua, der IRA in Nordirland oder den Bombenbauern der ETA in Nordspanien. Jetzt erfuhr ich: In der Liga habe ich auch mal gespielt. Wie es sich für so eine Organisation gehört, wurde auch meine mit drei Buchstaben abgekürzt. Sie lauteten: GST.

220px-gesellschaft_fur_sport_und_technik_symbol-svgDas stand für „Gesellschaft für Sport und Technik“. Dass sich hinter einer vordergründig so harmlosen Bezeichnung eine der gefährlichsten militärischen Untergrundorganisationen verbarg, wie ich es nun erfuhr, wurde mir rückwirkend klar, als ich mich an den Tag meines Eintretens in die Truppe erinnerte. „Biste schon in der GST“, fragte mich der Heimleiter meines Lehrlingswohnheimes, das für drei Jahre meiner Berufsausbildung samt Abitur mein Zuhause werden sollte. Noch ehe ich etwas Sinnvolles sagen kannte, erfuhr ich: „Wenn nicht, bistes ab jetzt“. Fertig ab. In der kommenden halben Stunde bekam ich die entsprechende Uniform, bestehend aus Koppel mit DDR-Emblem, einem Käppi, einer ausgeblichenen Hose und einer  schlabbrigen Jacke in einem undefinierbaren Farbton zwischen grau und grün. In Ermangelung von Knobelbechern wurden blank geputzte Arbeitsschuhe getragen. Entsprechend dieser Einstimmung bestanden die ersten 14 Tage unserer „Lehrausbildung“ aus einer Abfolge von Exerzierübungen rund ums Heim. Das alles zum großen Ergötzen der zwei höheren Jahrgänge des Internats, die grinsend und johlend aus den Fenstern hingen und die Verrenkungen der neuen „Spritzer“ –  so hießen die Elftklässler –  kommentierten. Selbstverständlich verfügte das Internat auch über eine kleine Sturmbahn mit lebensecht verlegtem „Flandernzaun“, unter dem wir das gefechtsmäßige Robben übten. Erfahrungen, die die spätere Lektüre des Klassikers „Im Westen nichts Neues“ viel sinnlicher werden ließen. Das Bild rundete sich ab, als wir erfuhren, dass unsere „Erzieher“ durchweg ehemalige Offiziere der NVA waren, die uns später in bierseliger Laune verkündeten, dass noch „weiter früher“ in unserem Komplex eine Einheit Nachtjäger der Luftwaffe stationiert war. Unser kleiner Ort lag nämlich genau auf der geraden Linie von Holland nach Berlin. Viele meiner Klassenkameraden waren schon länger Mitglied der GST. Sie hatten hier ihren Motorradführerschein gemacht, was eines der größten Motive zum Eintritt in die grau-grüne Truppe war. Auch den LKW-Schein konnte man erwerben. Einer war begeisterter Segelflieger. Auch das gab es. Selbst eine kleine Marine fuhr unter dem Emblem mit Anker und Propeller. Die Schiffchen waren nach der Auflösung der DDR bei Sportbootführern heiß begehrt.  Neben dem Robben, dem Exerzieren und dem gemeinsamen Schauen des Filmes „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ beschränkte sich unsere paramilitärische Tätigkeit allerdings darauf, zweimal im Jahr ins so genannte „Wehrlager“ zu fahren. An eins erinnere ich mich noch. Prerow – direkt am Ostseestrand. Die Zugfahrt überbrückten wir mit dem Genuss geistiger Getränke aus Nordhausen, Wilthen oder Zahna. Nur so viel noch dazu: Pfeffi meinte damals keinen Pfefferminzbonbon und Berliner Luft gab es auch aus Flaschen.  Das alles führte dazu, dass Einige das Ziel schon ziemlich aus den Augen verloren hatten, als sich unser „Truppentransport“ der Küste näherte. Dort entpuppte sich selbst unser Staatsbürgerkundelehrer auch nur als Mensch, obwohl er jetzt mit doch schlecht verhohlener Genugtuung Uniform trug und stolz den Reserveoffizier herauskehrte. Aber er verlegte den Politunterricht kurzerhand an den Strand und ließ uns dort von der Leine mit der Maßgabe, es nicht zu übertreiben. Wir schwärmten aus und gönnten uns erstmal zwei Bier aus dem Strandkonsum.

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Tagesschau vom 14. Januar 2017. Bild aus einem Bericht über die Ankunft amerikanischer Truppen im polnischen Sagan. Quelle: Screenshot ARD

Warum schreibe ich das alles? Nun, weil ich mich diese Woche wieder beim Konsum eines Medienproduktes aus Hamburg erschrocken habe. So wie obiger Sachverhalt eine völlig falsche Assoziation auslöst, tat es ein Beitrag der Tagesschau, nur diesmal eben andersrum. In dem Beitrag wurde mit freundlich-begeistertem Tenor gezeigt, wie amerikanische Soldaten in Polen begrüßt werden. Dabei zu sehen war eine Sequenz, in der Kinder das Sturmgewehr einer Soldatin spielerisch für ein Foto mal in Anschlag bringen durften. Szenen, die im waffentechnisch überregulierten Deutschland wirken, als würde im OP plötzlich einer rauchen. Sportschützen, Jäger und Waffensammler kennen den alten Spruch: Einmal im Jahr schießt jeder Besenstiel. Entsprechend gehört eine Waffe, auch ungeladen, nicht in Kinderhände und es wird damit schon gar nicht in der Gegend herumgezielt. Das ist das eine. Das andere aber die Erinnerung an oben beschriebene DDR-Jugendzeit. Es stimmt schon, die GST diente der vormilitärischen Ausbildung der Jugend und knüpfte damit an Traditionen des Reichsarbeitsdienstes und der Hitlerjugend an. Auf das Kommando „Tiefflieger von links!“ hechteten wir nach links in den Straßengraben. Wir schmierten uns die Gesichter mit Zeitungsasche schwarz, um uns zu tarnen, und nach dem Ruf „Gaaaaas!“ zogen die ersten beiden Züge ihre Gasmasken auf, während der Rest sich im Akkord Mullbinden um das Gesicht wickelte, weil es nicht für alle Gasmasken gab. Die Szenen, die sich danach in märkischer Heide und mecklenburgischem Kiefernwald abspielten, kann sich jeder ausmalen. Wer dabei war, dem brauche ich nichts zu erzählen. Was allerdings über allem Stand: Mit Waffen wurde nicht herumgespielt. Einige altersschwache Luftgewehre waren das Äußerste, was wir an Schießeisen in die Hände bekamen, wenn wir nachts zur Wache des Lagers eingeteilt wurden. Ab und an, gab es mal einen Wettbewerb, bei dem mit einem Kleinkaliber-Karabiner auf Klappscheiben wie beim Biathlon geschossen wurde. Penibel wurde über jede Patrone Buch geführt und mehrfach scharf belehrt, wie die Knarre zu halten ist und was man auf keinen Fall darf. Es sei schon genug „passiert“ hieß es. Selbst unsere Erzieher wurden in ihrer sonst unverhohlenen vorgetragenen Militärseligkeit ganz ernst, wenn es um richtige „Mumpeln“ ging. Wir wurden dort nicht „scharf“ gemacht. Außerdem wollte niemand ernsthaft auf die Westverwandtschaft schießen. Wie das heute wäre…? Aber lassen wir das.

Aber das war mit Abstand das Wichtigste: Jedes zweite Wort lautete Frieden. Und das war ernst gemeint. Und die Russen waren unsere „Freunde“. In aller Ambivalenz, die das Wort mit sich brachte. Die Alten mögen insgeheim nicht so ganz von ihrer Jugend losgekommen sein. Egal wie zackig sie für Frieden und Sozialismus auftraten. Dafür glänzten die Augen zu sehr, wenn sie von der Lehre bei Junkers in Dessau oder der Souvenirsuche in abgeschossenen amerikanischen Bombern in den umliegenden Wäldern erzählten. Aber in einem waren sie sich einig und völlig sicher: Gegen den Russen – nie wieder. Die hatten uns nichts getan und wir den Krieg folgerichtig zu recht verloren. Und das gaben sie an uns weiter. Was nicht das Schlechteste war.

Und jetzt? Es sind polnische Kinder, die da in der Tagesschau gezeigt wurden. Die Polen haben ein anderes Verhältnis zu ihrem östlichen Nachbarn. Alles erklärbar und historisch belegt. Aber gegen wen richten sich die gezeigten Gewehre? In letzter Konsequenz gegen Russen. Und ein deutsches Medium bringt derartige Bilder ohne Einordnung, ohne den Hauch einer Kritik, nicht einmal einem Ausdruck des Befremdens. Und das bei „unserer Geschichte“ wie es immer heißt. Nach allem, was wir „Gorbi, Gorbi“ versprochen haben. Dass all das nicht passiert, verstört einen inzwischen doch schon etwas älteren, pazifistischen Paramilitär mit Motorrad- und Sportbootführerschein fast noch mehr als diese Bilder.


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Daniela und ihr Waschbär

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Der inkriminierte Post der sächsischen Landtagsabgeordneten Daniela Kuge (CDU) Quelle: Screenshot Facebook

So schnell kann´s gehen. Man schaut in den Spiegel und es schlägt einem ein Shitstorm entgegen, gegen den die letzte Elbeflut eine übergelaufene Badewanne war. Das passiert, wenn man das Spiegelbild mit einem Pelz um den Hals auf Facebook postet und dazu schreibt: „Waschbär erlegt und trägt sich klasse! Euch einen warmen Freitag!“. Diese offenbar so leicht nebenhin geworfenen Zeilen stammen von der sächsischen Landtagsabgeordneten Daniela Kuge. Die hübsche Blonde von der CDU hat sich damit vermutlich ohne es auch nur ansatzweise zu ahnen selbst an den Pranger gestellt. Und wie. Was sich aus dieser harmlosen Koketterie mit der eigenen Eitelkeit entwickelte, übertraf an „shit“  den zeitgleich über Sachsen tobenden Schneesturm um Längen und führte dazu, dass die Abgeordnete am Wochenende ihren Facebookaccount für eine Woche ganz vom Netz nahm, damit sich die Gemüter wieder beruhigen.
„Der Teufel trägt Waschbär, nicht mehr Prada“, lautete einer der noch harmlosen Kommentare, der als Überschrift über der gesamten sich entspinnenden „Diskussion“ stehen könnte. Weiter ging es mit erwartbaren negativen Konotationen das Aussehen, die Haarfarbe und das Alter des Opfers betreffend, womit nicht der Waschbär gemeint ist.  In regelrechte Hassphantasien steigerten sich Poster, die androhten, man müsse der Abgeordneten selbst das Fell über die Ohren ziehen. Das Ganze driftete natürlich auch gleich ins Politische. Offenbar in Unkenntnis der Tatsache, dass Kuge nicht der AfD angehört, schrieb einer, dass aus diesem Landstrich Leute kämen, die einem erzählten, sie wären das Volk. Gerade habe er gelesen, wieviel mehr Krankenkassenbeitrag er künftig für die von „Birne“ ins Land geholten 18 Millionen Sozialfälle zahlen dürfe. Ein hoch interessanter Fakt. Zeigt er doch, dass der offenkundig westdeutsche Schreiber sich immer noch an den vor nunmehr 27 Jahren neu Dazugekommenen rund  17 Millionen DDR-Bürgern gedanklich abarbeitet, aber keinerlei Verbindung zwischen dieser Erhöhung der Krankenkassenbeiträge und den im letzten Jahr neu Dazugekommenen ein bis zwei Millionen woher auch immer zieht.

Besonders entzündet sich jedoch die „Kritik“, um es mal möglichst neutral zu formulieren, an dem Umstand, dass die Politikerin sich mit diesem Pelz auch noch zeigt. Wobei die Äußerung „selbst erlegt“ noch interpretative Unschärfen aufweist. Meint sie damit in flapsiger Sprache nur „selbst gekauft“ oder tatsächlich „selbst geschossen“. Als Jägerin ist die gelernte Apothekerin bisher nicht in Erscheinung getreten. Und wildern wird sie als Abgeordnete der Regierungspartei in Sachsen doch nicht.

Ganz außer Acht gerät bei all dem Furor aber wieder einmal die Sache an sich. Fakt ist: Es werden weltweit Tiere unter den barbarischsten Verhältnissen gehalten und getötet, nur um an ihren Pelz zu kommen. Schlagzeilen macht dabei auch immer mal wieder das Schicksal von Hunden und Katzen etwa in der Ukraine oder China, deren Felle für den modischen Besatz von Kapuzen unserer billig bei den Großketten angebotenen Anoraks und Winterjacken herhalten müssen. Es darf gewettet werden, dass es auch unter den Shitstormern, die sich jetzt über Daniela Kuges umgebundenen Bären ereifern, welche gibt, die (sicher aus Unkenntnis) solche Winterkleidung tragen.

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„Rucky Waschbär“, aufgenommen mit der Selbstauslösekamera eines Jägers in Brandenburg. Die Tiere sind nachtaktiv und haben in Deutschland keine natürlichen Feinde. Foto: privat

Fakt ist aber auch, dass der Waschbär in unseren Wäldern und Weinbergen inzwischen als schlimmer Finger gilt. Ein befreundeter Jäger schrieb auf eine entsprechende Rechercheanfrage die Antwort: Sie sind sehr anpassungsfähig. Sie plündern sämtliche Vogelnester und gefährden den Niederwildbestand. Sie übertragen Tollwut und andere Krankheiten. Kurz gesagt: Sie bringen Unruhe in die Wälder. Natürliche Gegner haben sie keine, weshalb sie sich ungebremst vermehren. Ausgesetzt wurden die vorher hier nicht heimischen Tiere in den 30iger Jahren ganz gezielt, so die FAZ in einem Artikel  dazu. Es könne zugleich sein, dass Tiere auch im Zuge der Kriegseinwirkungen aus einer Farm bei Berlin entkamen. Genanalysen hätten ergeben, dass es in Deutschland verschiedene Abstammungslinien gibt. Wieviele Tiere es heute insgesamt sind, könne niemand sagen, so die FAZ. Lediglich die Jagdstrecken, also die Zahl der geschossenen Tiere pro Jahr, lassen Rückschlüsse auf die Population zu. Im Jahr 2013 wurden erstmals über 100 000 Waschbären geschossen.

Insofern stünde Daniela Kuge mit ihrem „Abschuss“ zumindest nicht allein da und  erst am Anfang ihrer Karriere als Waschbärenjägerin. Aber danach sieht es eher nicht aus.Noch sitzt sie volle Deckung nehmend im abgeschalteten Facebookunterstand und wartet auf das Nachlassen des Trommelfeuers. Aber in einer anderen Gruppe ihres Wahlkreises schrieb bereits eine Kommentatorin: Glaub bloß nicht, dass Du damit davon kommst.

Sage noch einer, Deutschland hätte keine funktionierende Zivilgesellschaft. Und die hat die drängenden Probleme der Zeit erkannt. Was war sonst noch so los dieser Tage? Eigentlich nichts weiter. Ein paar hundert Panzer werden mit tatkräftiger deutscher Unterstützung an der russischen Grenze in Bereitstellungsräumen zusammengezogen. Aber das ist nicht weiter schlimm. Die schießen nicht auf Waschbären.


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Zum Ausklang

Früher war mehr Lametta. Ganz klar. Dafür ist heute wieder mehr Beton. Nachdem der Baustoff nach der Wende im Osten etwas in Verruf geraten war, erlebt er jetzt ein Comeback.

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Betonpoller um den Dresdner Striezelmarkt nach dem Berliner Attentat. Foto: beaverpress

Kein deutscher Weihnachtsmarkt mehr ohne stilvolle Betonsperren drumherum. Die Aktie von Heidelberger Zement soll nach der Trump-Wahl angezogen haben. Von wegen Mauerbau zu Mexico und so. Vielleicht erfährt das Unternehmen jetzt unerwartete Impulse aus dem Inland. Die Binnenkonjunktur war seit Jahren das Sorgenkind der Ökonomen. Das wird sich ändern. Wie auch sonst einiges sich schon geändert hat. Zum Beispiel in Dunkeldeutschlands heimlicher Hauptstadt Dresden. Standen sonst immer mal Kurrendesänger in der Gegend, die unverständliche Lieder sangen, sind es jetzt Syrer, die zunächst noch stockend auf Deutsch Slogans skandieren, danach umso leidenschaftlicher ebenso Unverständliches in fremder Sprache. Tags darauf demonstrieren Afghanen für ein unbeschränktes Bleiberecht. Verständlich, wo sie schon völlig ungehindert einwandern konnten. Dann will man auch bleiben. Alles andere wäre unfair und muss auch lautstark so benannt werden. Verdutzt kramt mancher gestrige Deutsche sein Grundgesetz aus dem Nachttischkasten und schlägt bedächtig nach unter Artikel 8: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln“.
Alle Deutschen. Nun ja. Ein Land mal so ganz ohne Grenzen konnte man sich 1949 noch nicht vorstellen. Deshalb hat man wohl Syrer und Afghanen nur vergessen. Überhaupt. Solch´ scharfe Graduierungen werden hier schon lange nicht mehr vorgenommen. „Deutsch“  ist doch auch nur so ein überholtes Gedankenkonstrukt wie die unsägliche Unterscheidung in Männlein und Weiblein. Die Bevölkerung wird in diesem modernen und der Zukunft zugewandten Staat nur noch in die, „die schon länger hier leben“ und die, „die neu dazugekommen sind“ unterteilt. Wobei der Bogen dabei nicht bis zu den Salzburger Exilanten gezogen wird, die einst Ostpreußen besiedelten. Gemeint sind eher die Passagiere des letzten Zuges aus Passau. Wer zwei Jahre hier ist, kann sich schon zu erster Gruppe zählen und muss sich nicht länger mit nervenden Details des Einbürgerungsrechts den Tag verderben.

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Protestierende Syrer auf dem Wiener Platz in Dresden nach der Einstellung der Kamphandlungen im syrischen Aleppo. Foto: beaverpress

Und sonst so? Im Rundfunk verkündet der Sprecher am Tag vor dem Jahreswechsel die „abstrakt höchste Gefährdungsstufe“ für das Land. Konkret wurde er nicht. Es muss also was mit Polen-Böllern oder gepanschtem Sekt zu tun haben. Oder doch nicht? Hat da gerade jemand LKW gerufen? Was waren das für langweilige Zeiten als man sich zu Silvester nur spießige Gedanken um Karpfen oder Kater zu machen hatte. Vielleicht noch der Heidi von hinten an die Schultern… Vorbei, die albernen Spielchen. Jetzt ist Tatort-Time. Reality, nur leider kein TV. In Sachsen-Anhalt stehe die gesamte Polizei und die Bereitschaftspolizei Gewehr bei Fuß für den Silvesterabend, erfährt der geneigte Hörer und wundert sich. Aber was soll die Polente auch Zuhause rumhängen, wenn das Weihnachtsgeld sowieso gestrichen wurde. Man käme nur in Versuchung, Geld auszugeben. Und Motivation kann auch befohlen werden. Allerdings irritiert der Aufwand den gläubigen Staatsbürger doch ein wenig. Bis gestern waren die Zeitungen noch voll mit erklärenden Stücken zur Kriminalitätsentwicklung. Bewiesen ist, dass zum Beispiel Ausländer nichts mit einer Kriminalitätssteigerung zu tun haben. Wirklich nicht. Großes Pionierehrenwort.  Zumindest sind sie nicht krimineller als Du und ich und Karl-Heinz. Nur die AfD muss wieder stänkern und postet schlimme Sachen von wegen, dass in sächsischen Knästen ein Viertel Ausländer einsitzen, wo doch ihr prozentualer Anteil an der Bevölkerung im unteren einstelligen Bereich angesiedelt ist. Überhaupt die AfD. Frauke Petry hat geheiratet. Und ist wieder schwanger. Zum fünften Mal. Was wieder mal zeigt, dass diesen Rechtspopulisten doch jedes Mittel recht ist, ihre Anhängerschaft zu vergrößern. Lutz Bachmann grüßt fröhlich und mit vollem Glas via Boulevardpresse seine verbliebene Anhängerschaft in Dresden per Videobotschaft von den Kanaren. Gut gelaunt hat er auf den letzten Metern ein Urteil des Amtsgerichtes Dresden akzeptiert, das ihn als schlimmen Volksverhetzer brandmarkt. Die Justiz hat ja sonst nichts zu tun.

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Pegida geht ins dritte Jahr und ist längst eine Dresdner Spezialität. Foto: beaverpress

Pegida geht inzwischen ins dritte Jahr. Das Dresdner Revolutionsbiedermeier ist längst eine  Spezialität der Stadt wie Stollen oder Worcester-Soße geworden. Man muss es nicht mögen, aber ohne würde was fehlen. Montags wird ein bißchen geschimpft und geschaut, welche Partei in dieser Woche die Pegidathesen von vor zwei Jahren abgeschrieben hat. Dann geht’s für die Rentner zurück in Gärtchen, Kneipe oder Wohnstube und „der Lutz“ macht wieder runter auf die Insel. Sachsen wäre nicht Sachsen, wenn bei allem Streit die Behaglichkeit auf der Strecke bliebe. Schon August Bebel wusste die sächsische Gemütlichkeit zu schätzen als er seine Festungs-Strafen unter anderem wegen Majestätsbeleidigung und Zensurdelikten auf dem Königstein absaß. Von Stanislaw Tillich hört man gar nichts mehr seit dem Auftritt der bösen Pegidisten am 3. Oktober auf dem Neumarkt. Vielleicht freut er sich nur im Stillen über die vielen „Phantomflüchtlinge“. Das, so lernen wir im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sind Migranten, die zwar dem Freistaat zugewiesen werden, aber gar nicht daran denken, hier zu siedeln. Und wer will sie hindern, wenn schon an der Grenze die große Freiheit beginnt? Für die Zugewiesenen gibt es aber pauschal und pro Kopf Geld vom Bund, das in den sächsischen Haushalt fließt. Bürgermeister aus dem Ruhrgebiet beklagten das unsolidarische Verhalten Sachsens, das einfach das Geld einstecke für Migranten, die gar nicht in Sachsen sind und dazu schweige, während die Ruhrmetropolen wie Essen überlaufen.

Dresdens OB hat gut zu tun. Ein neuer Verein für Weltoffenheit und Toleranz wurde wieder mal gegründet und dann müssen auch schon die Poller vom Weihnachtsmarkt zum Theaterplatz, denn dort steht die Silvesterfeier an. Kinder wie die Zeit vergeht. Ach so. Dresdens neuer Finanzbürgermeister, Peter Lames (SPD), kann es erstmal ruhig angehen lassen. Wegen fehlender Qualifikation kann der Favorit des rot-rot-grünen Stadtrates sein Amt als Finanzbürgermeister nicht vollständig ausüben, sondern muss erstmal Abschlüsse nachholen und Erfahrung sammeln. Das hat die Landesdirektion als Aufsichtsbehörde mitgeteilt. Ist aber alles kein Problem, wenn die Haltung stimmt und man eine fähige Stellvertreterin hat. Na und. Finanzen sind ja nun kein Schlüsselressort. Was anderes wäre das beim Posten der Gleichstellungsbeauftragt */in.

Was wird uns 2017 beschäftigen? Soviel sei verraten: Daniela Katzenberger wird es nicht sein. Obwohl es schön wäre. Den Ausblick aufs neue Jahr überlassen wir an dieser Stelle Frank Kupfer, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU im sächsischen Landtag. Und sage keiner, die CDU hätte den LKW nicht gehört. In einem Zeitungsinterview sagte Kupfer: „Wir haben ein Problem mit der weiter steigenden Zahl an Asylbewerbern, weil wir kein Ende sehen. Es ist ja nicht so, dass am 31. Dezember Schluss ist, das geht nahtlos weiter. Auch nächstes Jahr kommen Hunderttausende oder sogar mehr als eine Million.“


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Pegida reif für die Filmförderung

Wenn du denkst, es geht nicht mehr – kommt irgendwo ein amtliches Schreiben her. So wie in Dresden Anfang November aus dem Rathaus an die Adresse der Pegidaverantwortlichen. Darin stand, dass es den Beiden, welche Lutz und Siggi heißen, ab sofort verboten ist, den montäglichen Rentnertreff zu leiten. Das Ganze bis 2021, was allein schon zeigt, dass man im Rathaus gegen den allgemeinen Trend in der Politik nicht in Legislaturperioden denkt, sondern kürzer. Wer bis dahin nur argwöhnisch vermutete, dass das Rathaus in irgendeiner klandestinen Art und Weise mit den Machern der montäglichen Motz- und Laufstunde unter einer Decke steckt, fand hier seine letzte Bestätigung. Die Gründung irgendwelcher neuerlichen Bündnisse für Toleranz, Trallala und noch irgendwas ist dabei reine Tarnung. Denn dieses Schreiben wirkte wie der sprichwörtliche Luftstoß aus dem Blasebalg in die verglimmende Pegida. Alle Welt fragte sich natürlich, warum der Wind plötzlich wehte. Und das Rathaus schob die Begründung einige Tage später nach. Es war das despektierliche Verhalten einiger Festbesucher zum Tag der Deutschen Einheit. Politiker, die in die Frauenkirche zum Festgottesdienst wollten, mussten sich Sätze wie „Haut ab“ oder Etikettierungen wie „Volksverräter“ anhören. Ihre Majestät musste sogar einen Bus nehmen, um vom Gotteshaus in die Semperoper zur nächsten Feierstunde zu kommen, weil man befürchtete, dass das ursprünglich geplante „Bad in der Menge“ (der jubelnden Werktätigen) eher zu einem Spießrutenlauf werden könnte. Überhaupt hatte man wenig sensibel die Semperoper als Ort der Hauptfeier auserkoren. Wurde die doch selbst von einem Umstürzler ersten Ranges erbaut. Eine Gedenktafel an der Ecke Wilsdruffer Straße verkündet, dass der junge Gottfried Semper den Dresdner Barrikaden von 1848 erstmal den richtigen Schliff verpasste, indem er seine Kenntnisse als Baumeister einfließen ließ. Gelernt ist eben gelernt. Ein gewisser Richard Wagner war damals auch ganz vorne mit dabei. Dessen Musik immerhin mag die ungekrönte Monarchin des Landes. Zumindest haben ihr die Grünen den jährlichen Besuch in Bayreuth noch nicht verboten. Wahrscheinlich nur, solange sie ihre Marschverpflegung nicht bei Edeka kauft. Die Dresdner hatten sich aus Sicht des Berliner Hofes samt angeschlossenen Berichtern am 3. Oktober wieder mal mächtig danebenbenommen. Und Bachmann, der schlimme Finger,  hatte dazu mehr oder weniger verklausuliert aufgerufen, indem er eine „Raucherpause“ auf dem Neumarkt via Facebook zur besten Sendezeit anregte. Die Bilder sind bekannt. Die Empörung war wohlfeil und erwartbar. Obwohl Henryk M. Broderdsc_0207

Pegida als Vorabendserie? Die Geschichte der Dresdner Protestbewegung gäbe ein schillerndes Drehbuch ab. Um Längen unterhaltsamer als derzeitige Programmangebote. Foto: beaverpress

im N-24-Interview trotz suggestivstem Nachfragen des Moderators alles Nötige zu den Dresdner Vorgängen an diesem Tag gesagt hatte, fertigte man im Rathaus besagte Verbotsverfügung. Dabei muss man sich gerade dort im Klaren gewesen sein, wie es ankommt.  Wahrscheinlich war Druck von Oben im Spiel.

Man konnte nur mit dem Kopf schütteln. Als ob es darauf ankommt, wer da am Montag die Versammlungsauflagen vorliest. Die, die dort nach zwei Jahren noch stehen, können sie ohnehin herunterbeten wie ihr neues Vaterunser.

Und das ist genau der Punkt. Pegida gehört nicht verboten, sondern ist längst ein Fall für die Filmförderung des Freistaates Sachsen, wenn nicht der Bundesrepublik Deutschland. Denn mal ehrlich: Reichte einer ein Drehbuch mit dieser Geschichte als Plot ein, er bekäme es mit hundertprozentiger Sicherheit um die Ohren wegen völliger Absurdität. Wie heißt es immer? Das Leben schreibt die tollsten Geschichten?  Aber das hier gibt´s in keinem Russenkino. Treten wir mal einen Schritt beiseite und schauen mal ohne Zorn und Eifer auf das Set. Da haben wir eine Volksbewegung, die aus dem Nichts kam und aussieht wie ein Mischung aus Bundschuh und Bundesliga. Fahne, Hymne – alles da. Was ganz harmlos mit einem quäkenden Megafon neben der „Käseglocke“ auf dem Postplatz begann, ist längst eine Art Revolutionspersiflage geworden. Dresdner Lokalkolorit. Thematisch angesiedelt zwischen der legendären Fernsehserie „Kir Royal“ mit Franz Xaver Kroetz und der Olsenbande (Wir werden doch Millionäre, Egon?).

Erste Anklänge einer solchen Entwicklung gab es bereits im Januar 2015 als eine Pegida-Demonstration nach einem angeblichen Droh-Tweet des IS verboten wurde. Aus Sicherheitsgründen wie es damals hieß. Lutz Bachmann stieg in diesen Tagen vom „Panzerknacker“ und vorbestraften Unterhaltsschuldner zur Very-Very important Person des Freistaates Sachsen auf. Zu einer Pressekonferenz wurde er im BMW-Jeep des Landeskriminalamtes herumkutschiert. Personenschutz inklusive. Nur die Kanzlerin hatte am Tag der Einheit mehr Scharfschützen auf den Dresdner Dächern. Damals wohnte Bachmann noch ganz bürgerlich in Kesselsdorf vor den Toren Dresdens. Das war vor knapp zwei Jahren. Den neuesten Pressebulletins zufolge ist er jetzt „Privatier“ und lässt sich von  „internationalen Geldgebern“ ein sorgenfreies Leben unter der kanarischen Sonne Teneriffas bezahlen. Arbeiten würde er nicht, empörte sich das Boulevard. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der „Führer“ einer inzwischen nur noch örtlichen Protestbewegung schwebt wie ein Jet-Set-Manager einmal die Woche ein zum „Meeting“. Von wegen „Sohn seiner Klasse“, Arbeiterfäuste und Straßenpflaster. Dafür Sonnenbrille,  Rolly und easy jet. Immerhin noch Linie, nicht Lear.

Also, Leute beim MDR. Wenn das alles kein Stoff für eine schmissige Vorabendserie ist, was dann? Vielleicht mit Til Schweiger in der Rolle des Lutz Bachmann? Veronica Ferres könnte Kathrin Oertel spielen. Günther Jauch spielt Günther Jauch. Dazu grüne Tonnen voller Geld im Toplitzsee, schöne Frauen, finstere Innenminister – es gäbe schon Stoff für einige Folgen. Ausstrahlungstermin montags, 18.30 Uhr. Danach Riverboat mit wechselnden Besetzungen, die alles nochmal analysieren. Steimle und Patzelt als Moderatoren. So bekäme man die Straßen der Landeshauptstadt wieder leer.

Alternativ  bliebe als ultima ratio nur eine Flugverbotszone über Dresden oder gleich ganz Sachsen. Aber wer soll´s machen? Hillary Clinton, die für solche Sachen immer zu haben war, ist es ja nun nicht geworden. Und die Meinung des Neuen im Weißen Haus über unsere Kanzlerin dürfte sich von Bachmanns nur um Nuancen unterscheiden. Unsere eigene Luftwaffe? Eben. Außerdem wollen wir keine Gewalt.

Bleibt nur der Heimatsender. Und wie sagte Uwe Steimle neulich so schön? Wer für die Heimat ist und den Frieden, der ist unantastbar. Vieles könnte so einfach sein.


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Petry geht auf Nummer sicher

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Quelle: Tag24.de

Parallel zur großen Vorsitzenden der CDU hat auch ihr inzwischen eingestandener einziger Gegner in der deutschen Parteienlandschaft, die AfD, eine Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl 2017 in Stellung gebracht. Wie viele es am Ende werden, ist noch offen. Frauke Petry wurde mit etwas über 90 Prozent der Stimmen des AfD- Kreisverbandes als Direktkandidatin des Bundestagswahlkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (SOE) gewählt. Nun kann man schmunzeln, wenn man erfährt, dass der ganze Kreisverband nur um die 100 Mitglieder hat, und 34 von 37 Stimmen für jenes fulminante 90-plus-Ergebnis sorgten. Aber so ist Demokratie. Manchmal ist weniger mehr. Mit dieser Entscheidung ist aber in zweiter Ebene auch eine andere verbunden. Und die ist eine Weichenstellung rein taktischer Natur. Man will auf Nummer sicher gehen. In der Diskussion standen ursprünglich nämlich mal zwei Wahlkreise. Der SOE und Meißen. In SOE steht Petry in Klaus Brähmig von der CDU ein farbloser und medial bisher völlig unsichtbarer Kandidat gegenüber. Der konnte zwar seinen Stimmenanteil von 2009 bis 2013 von 45 auf beachtliche 51 Prozent steigern, aber das alles war „vor dem Krieg“ mit Masseneinwanderung und Terror von Nizza, Würzburg und Chemnitz und ist in diesen bewegten Zeiten nicht mehr viel wert.

Viel interessanter wäre es dagegen im Landkreis Meißen geworden. Hier hätte es täglich  Vorhutgefechte mit der CDU gegeben. Denn das ist der Bundestagswahlkreis von keinem Geringeren als Innenminister Thomas de Maiziere. Bis zur Selbstverleugnung ergebener Adlatus von Angela Merkel und als Bundesminister unmittelbar mit dem Schicksalsthema Einwanderung befasst und (mit)-verantwortlich. De Maiziere verbindet mit „seinem“ Wahlkreis genauso viel wie Frauke Petry mit der Sächsischen Schweiz und dem Osterzgebirge. Er logiert in seiner Dienstwohnung in Berlin und seine Familie wohnt, nach allem, was bekannt ist, in Dresden. Frauke Petry ist erst kürzlich nach Leipzig gezogen und hatte bis dahin ihren Lebensmittelpunkt im Leipziger Umland. Bei der Auswahl der entsprechenden Wahlkreise gehen die Parteistrategen immer den Weg des geringsten Widerstandes und schauen, dass ihre Spitzenleute möglichst auch ein sicheres Direktmandat bekommen und nicht nur über „die Liste“ ins Parlament rutschen. Meißen wäre mit einer Kandidatur Petry prädestiniert für den Titel eines sächsischen „Krönungslandkreises“ mit überregionaler Bedeutung. Fast eine Art „Vorwahlkreis“ nach amerikanischem Muster. Denn auch Sachsens Vizeministerpräsident und Vorsitzender der Sachsen-SPD, Martin Dulig,  kämpft seit Jahren ohne Erfolg, aber dafür regelmäßig, um diesen Kreis. Verdient hätte er mal ein Ehrenmandat, denn er ist immerhin der Einzige, der auch tatsächlich mit Kind und Kegel hier wohnt. Der Kreis Meißen ist zudem mit seinen dresdennahen Gebieten um Radebeul und Moritzburg eine Art ausgelagertes Villenviertel der Landeshauptstadt, wo viele Spitzenpolitiker, Wirtschaftslenker, Künstler und Medienleute ihren Wohnsitz haben. Der Kreis ist eines der letzten bombensicheren Reservate der CDU. Hier galt bisher noch der Spruch von dem Besenstil und dem CDU-Plakat.

Doch der Kreis Meißen ist seit zwei Jahren noch etwas Anderes und das ist das Unberechenbare – hier ist Pegida-Heartland. Lutz Bachmann und Kathrin Oertel stammen beide aus Coswig, so ziemlich in der Mitte gelegen. Es gibt hier viele Überschneidungen von ehemaligen CDU-Mitgliedern, Neumitgliedern der AfD und der Protestbewegung in Dresden. Selbst die Kandidatur von Bachmann-Intimus Siegfried Däbritz, der nach wie vor in Meißen wohnt, steht noch im Raum. Obwohl der sogenannten „Pegida-Partei“ von Beobachtern keine nennenswerten Anteile vorausgesagt werden, befürchtet man, dass Däbritz hier wichtige Stimmen „zieht“. Dem Allen geht die AfD mit der Kandidatur in einem windschattigen Wahlkreis aus dem Weg. Strategisch richtig sicherlich aus Sicht der AfD, aber eine vertane Chance den Besseren im direkten Vergleich zur Wahl zu stellen. Vor allem in Sachen unmittelbarer und direkter Demokratie, von der in Zeiten, in denen Bundespräsidenten „gewählt“ werden, indem drei Leute sich einig sind.


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Fundamentalisten reizt man nicht

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Abc.news-Titel  über die religiöse Minderheit der Amish bei der Präsidentenwahl in den USA. Quelle: Screenshot abcnews.com

Keine Angst. Nicht schon wieder Islam. Es gibt auch harmlosere Formen religiösen Festhaltens an einmal aufgestellten Regeln. Besonders eine verdient es,  im Lichte der US-Präsidentenwahl noch einmal genauer betrachtet zu werden. Die Rede ist von den Amish. Ein Völkchen, das heute noch so lebt wie zu Zeiten Friedrichs des Großen oder Maria Theresias, also im späten 18. Jahrhundert. Sie stammen alle von Auswanderern ab, die in der Schweiz und im süddeutschen Raum drangsaliert wurden, weil sie der Lehre Luthers folgen wollten und die katholische Kirche ablehnten. Eine nicht unerhebliche Anzahl wanderte in die USA aus, wo sie ihre religiösen Gebräuche und Sitten ungestört ausleben konnten. Die derzeit größte Population dieser Menschen lebt in der Region Lancaster County im US-Bundesstaat Pennsylvania. Ihre Sprache ist Pennsylvanian Dutch. In der Schule lernen sie Englisch wie unsere Kinder, nur dass sie es dann eben perfekt beherrschen, weil ihre Umgebung englisch ist. Viele ihrer Vorfahren kamen auf Einladung des legendären William Penn, der dem Staat letztlich seinen irgendwie nach Transylvanien klingenden Namen gab. Jener William Penn reiste in Europa umher und wollte in Amerika einen Quäkerstaat gründen. Die volle Religionsfreiheit war sein zugkräftigstes Argument. Und es zog. Rund 25 Prozent aller heute hier Lebenden haben deutsche Vorfahren. Wobei die Amish, oder Amischen wie sie sich selbst nennen, die „Extremsten“ sind. Sie nehmen den Spruch „Du darfst so bleiben wie du bist“ wörtlich bis auf den heutigen Tag. Deshalb ist es ein bisschen so, als tauche man in eine gigantische Zeitkapsel ein, wenn man durch die Amish-Siedlungsgebiete in Lancaster County fährt. Deren Orte tragen Namen  wie Bird-in-hand, Strasburg oder King of Prussia.  Vorrangig  betreiben die Amish Landwirtschaft. Und das nach alter Väter Sitte. Man glaubt in „Wege übers Land“ verschlagen worden zu sein. Gerade im Herbst sieht man Männer mit ihren Vierspänner auf den Feldern pflügen. Die Landschaft erinnert noch dazu an Gegenden in der Mecklenburger Schweiz.

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Zum Gottesdienst am Sonntag treffen sich die Amish reihum bei ihren Glaubensbrüdern in der guten Stube, zuweilen auch in den Scheune. Quelle: Beaverpress

Die Amish haben alle viele Kinder, die mithelfen. Sie lehnen alles Moderne ab, weshalb es in ihren Häusern weder Strom noch fließend Wasser gibt. Das komme aber nicht daher, dass sie wie oft fälschlich behauptet wird, Elektrizität als eine Erfindung des Teufels betrachten, sondern sie wollen  „disconnected“ leben. Unabhängig um jeden Preis. Der Strom für die Nähmaschine kommt oft aus einer Autobatterie. Aber man findet keinerlei Leitungen, die in ein Amish-Haus führen.  Will heißen, sie machen ihr Ding völlig losgelöst von der Welt, die sich um sie herum entwickelt. Ein solches Leben wirkt auf den ersten Blick befremdlich und teilweise abstoßend. Aber in Zeiten wie den heutigen bisse sich beispielsweise die NSA an ihnen die Zähne aus. Cyberangriffe gehen ins Leere, wenn der Gegner weder Strom noch Computer hat. Und von einem flächendeckenden Stromausfall, von dem immer lauter geunkt wird, würden diese Menschen nicht mal etwas merken. Sie machen viel mit Propangas, Pressluft oder Armmuskeln. Dennoch. Die moderne Welt brandet auch an die Häuser dieser biederen Menschen. So findet man oft kleine „Vogelhäuschen“ an ihren Einfahrten, in denen ein Handy deponiert ist und zweimal am Tag abgehört wird. Auch beschäftigen Firmeninhaber oft einen „Englischen“ wie sie ihre amerikanischen Mitbürger nennen, auf den das Firmenauto zugelassen ist und der es fährt. Nach biblischer Sitte arbeiten sie entweder als Farmer, Zimmerleute und in anderen  Kleingewerken. Ihr Fleiß ist sprichwörtlich und ihre Farmprodukte finden gerade in der USA immer stärkeren Absatz, weil die „Bio-Welle“, dort bekannt unter dem Label „organic“, gerade erst im Anrollen ist. Wenn eine Amish-Cooperative als Erzeuger auf dem Etikett der Paprikakiste angegeben ist, wissen die Amerikaner inzwischen, dass eine Verbraucherzentrale in diesen Produkten niemals Rückstände von Pestiziden oder ähnlichen in der industriellen Landwirtschaft gängigen Mitteln finden würde.

Dafür steht aber auch die Amish-Familie mit buchstäblich Kind und Kegel an jedem Tag, den der Herr werden lässt vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit auf den Feldern, im Gewächshaus oder Stall. Am Sonntag folgen sie ganz wie vor über 200 Jahren der Tradition aus den Jahren der Verfolgung und versammeln sich reihum immer im Haus eines Glaubensbruders. Dort findet der Gottesdienst statt, der mehrere Stunden dauert. Danach wird gemeinsam gegessen. Dafür gibt es einen Wagen mit genügend Geschirr und Besteck, der ebenfalls immer mitwandert. Einen Bischof wählen immer etwa 20 Familien einer Gegend. Es muss immer ein Mann sein, die Frau hat sich  unterzuordnen. Die Amish haben interessanterweise nicht nur in dieser Frage viel mit Muslimen gemein. Wie diese vermeiden sie es, „sich ein Abbild“ zu machen. Die Frage, wie Gott aussieht, die in Form der Kirchenmalerei die berühmtesten Kunstwerke in Europa hervorgebracht hat, beantworten sie radikal, indem sie sagen, das alles sei viel zu groß, als dass ein Mensch sich anmaßen könnte, darüber zu befinden oder ihn gar darzustellen. Das Gleiche gilt für Bilder von sich selbst. Man findet in einem Amish-Haus kein einziges Foto. Nicht mal der Kinder. Vermerkt werden lediglich die Lebensdaten der Familienangehörigen. Sie leben eine streng biblische Auslegung des Grundsatzes wonach alle Menschen gleich seien. Schon der Blick in einen Spiegel könnte eine eitle Selbstüberhöhung der eigenen Person sein, die nicht gottgefällig ist.

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Typische Amish-Farm in Lancaster County, PA.  Quelle: beaverpress

Die Gegensätze besonders zu den Muslimen und auch den gewöhnlich getauften Christen in Europa sind gravierend. Amish wird man erst nach Entscheidung im Erwachsenenalter. Selbstverständlich wirken hier Vorprägungen und der sanfte Druck des Familienverbandes mit. Aber formal und praktisch gesteht man den heranwachsenden Nachkommen eine „wilde Zeit“ der Selbstfindung und Prüfung zu. Hier begegnet uns ein Wort, bei dem Deutsche schmunzeln müssen, Amerikaner es nur mit Ausgelassenheit, Party und Alkoholgenuss in Verbindung bringen – Rumspringe. Man lässt die Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes „rumspringen“. Sie können wechselnde Partner haben, dürfen Alkohol trinken, Auto fahren – sich austoben, die Hörner abstoßen und schauen, ob das Leben der „Englischen“ etwas für sie wäre. Wer die Gemeinschaft verlassen möchte, kann das tun. Er wird nicht verstoßen. Einzige Bedingung: Er muss das elterliche Haus verlassen. Auch ältere Amish kann das treffen, beispielsweise wenn sie sich scheiden lassen. Das kommt selbst in diesen sanftmütigen Kreisen vor. Wer sich jedoch für die Taufe und das einfache Leben entscheidet, der lässt alles Moderne hinter sich. Die Frauen tragen am Tag ihre Hochzeit eine weiße Haube und weiße Schürze, die nach der Hochzeitsnacht im Bettkasten verstaut wird. Diese Kleidung trägt die Frau erst wieder am Tage ihres Todes. Die Männer erkennt man an ihren Strohhüten und den dunklen Anzügen. Nach der Hochzeit lassen sie sich den Backenbart wachsen, während sie nur den Oberlippenbart abrasieren. Das verleiht ihnen ein lustiges  Aussehen, das ein wenig an das Volk der Käuer in dem Roman der „Zauberer von OZ“ von Lyman Frank Baum erinnert.

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Junges Amish-Paar auf der Fahrt zum Gottesdienst. Erkennbar am schwarzen Hut des Mannes. Zur Arbeit tragen die Amish Strohhüte. Quelle: Beaverpress

Die Amish leben auf ihrem eigenen „Planeten“, was von der Verfassung der Vereinigten Staaten als eines der heiligsten Rechte, noch vor dem auf Waffenbesitz, festgeschrieben ist. Freedom auf religious opinions, war eine der stärksten Triebfedern, die den Gründungsmythos der Vereinigten Staaten ausmachen. Man darf sich hier komplett heraushalten und wird nicht zu irgendwelchen Akklamationen gedrängt. Und das bis zum Exzess. Die Amish leisten weder Wehrdienst (auch nicht in der Zeit als es eine Wehrpflicht in den USA gab), noch zahlen sie in eine Sozialversicherung ein. Wählen dürften sie nach den Grundsätzen ihrer Religion, aber schon ihre eigenbrötlerische Lebensweise innerhalb „ihrer“ Kreise, lässt sie das politische Leben meiden. Wenn sie doch gehen, dann tendieren sie zu den Republikanern. George W. Bush war einer der Letzten, der mit den religiösen Bezügen seiner Reden und seiner volkstümlichen Art bei den Amish punkten konnte. Aber nicht so signifikant wie jetzt bei dieser Wahl Donald Trump.

Und damit tauchen wir aus der Geschichte wieder im Hier und Jetzt auf und stehen vor einer kleinen Sensation innerhalb der Sensation, die in all dem Hillary-Getöse deutscher Qualitätsmedien,  nicht mit einer Silbe thematisiert wurde. Die aber mit einiger Sicherheit letztlich den Ausschlag für die Wahl des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gab. Denn diese Wahl hat dafür gesorgt, dass diese Menschen, die noch darauf stolz sind, wenn man sie stockkonservativ nennt, in Scharen wählen gingen. Genauer waren es die Demokraten, die dieses Völkchen mit ihrer Politik über Jahre bis an den Rand der Weißglut erzürnt und in die Arme Trumps getrieben haben.

„In den letzten acht Jahren hat die Demokratische Partei systematisch die biblischen Tugenden verleugnet“, sagte Elijah Fisher, der Sprecher der American Amish Brotherhood (AAB) in Columbus, Ohio zu abcnews.com.  Immer mehr Christen seien wegen ihres Glaubens verfolgt worden, man habe gesehen wie der Staat das Institut der Ehe nivellierte, indem er schwulen Männern die Heirat erlaubte wie „normalen Leuten“. Das Fass zum Überlaufen brachte allerdings der Umstand, dass man mit Hillary Clinton ausgerechnet eine Frau zur Präsidentin machen wollte. Das war zu viel. Die Frau hat sich im Wertesystem der Amish einzuordnen und dabei berufen sie sich gleichfalls auf die Bibel.

Genauer auf den sogenannten Paulusbrief an Thimoteus, in dem steht, dass eine Frau nicht lehren soll oder über einen Mann bestimmen darf,  sie habe still zu sein. Im Übrigen ein interessanter Gegensatz dieser Freitäuferbewegung zur protestantischen Kirche. In der alten Heimat der Amish kann eine Margot Käßmann nicht nur salbungsvolle Reden halten, sondern auch feuchtfröhliche Autofahrten unternehmen. Rumspringe im Amt gewissermaßen. Alles „Evil“ in den Augen dieser Religionspuristen. Ausgerechnet bei den Katholiken, vor denen die Amish einst das Weite suchten,  wird das sogenannte Priesterverbot für Frauen dagegen bis heute zwar diskutiert, aber praktiziert. Doch Fisher weiter: Es gelte, die biblischen Gebote wieder in der Politik zu beherzigen, und Trump habe gezeigt, dass er gewillt sei, die Nation wieder auf den Weg des Herrn (the Lords way) zu bringen. Unglücklicherweise (für die Demokraten) leben die Amish in ihrer Mehrzahl in den so genannten Swingstates Pennsylvania, Virginia, Ohio, Indiana und Iowa, abseits des Bible Belts, wo Trump ohnehin gesetzt war. Und offenbar hatte niemand von all den Spindoctors und Demoskopen diese gutmütigen Leutchen (wie so vieles, was das einfache Volk betrifft) auf dem Schirm. Es muss ein entsetztes Aufwachen gegeben haben in den Zentralen der Demokratischen Partei als diese religiöse Gruppe ihre Horsebuggies anschirrte und zu Tausenden zur Wahl fuhr. Vergleichbar mit der Armee der Schatten in der Trilogie „Herr der Ringe“ oder auch mit  dem Bild eines Wagens, der schon über der Klippe hängt, sich aber gerade noch hält. Und in diesem Moment setzt sich ein Schmetterling auf die Kühlerhaube. Wobei es im Falle der Amish kein Schmetterling war, der da den Ausschlag gab. Rund 300 000 Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft leben in Nordamerika.

 

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Quelle:www.270.com

Auch der Economist steht fassungslos vor dieser  Tat der Amish. Alles, wofür Trump steht wie Scheidung, Bankrott, Bau von Kasinos sei  diametral zur Lebensweise der Amish und führe bei ihnen zum Ausschluss aus der Gemeinschaft, schrieb das Blatt in seiner Onlineausgabe.  Steven Nolt, Leiter des „Young-Centre for Anabaptist und Pietist Studies“ im College Elizabethtown, in der Nähe von Lancaster, erklärt, weshalb die Amish trotzdem Trump zum Sieg verhalfen.  Im Prinzip seien alle Kandidaten so etwas wie Aliens für die Amish und ihre Werte, sagt er. Sie identifizierten sich mit Trump nicht auf einer persönlichen Ebene, sondern mit den Republikanern allgemein und vor allem dem von Trump versprochenen Grundsatz: weniger Staat, beschränkte Regierung. Als Trump am 1. Oktober in Lancaster eine Wahlkampfrede hielt, saßen im VIP-Bereich einige Dutzend Amish mit ihren Strohhüten und dunklen Anzügen. Trump ging auf sie ein, indem er versprach, ihre Farmen mit niedrigeren Steuern und dem Abbau von Regularien zu schützen.  Es war nicht auszumachen, ob er speziell diese Zuhörer beeindruckt hatte. Doch der Sprung, der bei der Wählerregistrierung für die Republikaner sichtbar wurde, sei zu einem großen Teil auf die Amish zurückzuführen, sagte Ben Walters vom „Amish political action committee“. Für die Demokraten gibt es nach dieser Wahl eine bittere Lehre. Beim Schielen auf religiöse Minderheiten und ihre Befindlichkeiten, sollte man nicht nur die neuen im Blick haben, sondern alle. Und vielleicht gerade die alten. Denn gerade die Duldsamen könnten irgendwann sagen: Jetzt reicht´s.


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Sperrt Steimle ein

fullsizerender2Das vergangene Fernseh-Wochenende verdient doch an dieser Stelle noch eine kleine Nachbetrachtung. Besonders in Zeiten,  in denen das Ringen um beste Einsichten aus dem nicht nur bautechnisch komplett entkernten Reichstagsgebäude in Runden wie Illner, Plasberg oder Anne Will verlagert wurde.schleier-anne-will
Was Anne Will da am Sonntag an politischem und modischem Mummenschanz getrieben hat, war selbst der sonst so fügsamen „Welt“ von Springer zu viel.
Über diese Sendung werden die Gremien zu beraten haben, verkündete das Blatt und verlangte unterschwellig schärfste Nachzensur. Wobei en passant eingestanden wurde, dass die inzwischen immer häufiger thematisierten Rundfunkräte doch mehr sind als politisches Beiwerk des vielgepriesenen Staatsrundfunks mit seinem „Bildungsauftrag“. In zufällig interessanter Konjunktion zur Will-Sendung lief am Freitagabend Riverboat, eine Talksendung aus Leipzig, mit der sich „die Gremien“ garantiert auch noch beschäftigen werden, wenn sie es nicht schon tun. Das Format hat seinen Namen noch aus Zeiten als die Sendung  auf einem Elbdampfer am Dresdner Terrassenufer aufgezeichnet wurde. Eine harmlos, nette Plauderrunde ohne dezidiert politischen Anspruch. Es menschelt hier sehr viel. Regelmäßig werden ehemalige oder noch aktive Ostschauspieler, Künstler oder Politiker  eingeladen. Es soll wohl ein unverwechselbares ostdeutsches Lebensgefühl transportiert werden. Zu Gast war dort am Freitag der Dresdner Kabarettist Uwe Steimle. Der war schon häufiger dort und gab stets den ostdeutschen Kauz, der mit T-Shirts auftritt, auf denen typisch sächsische Umgangswörter wie „furschbar“ oder „fertsch“ zu lesen sind. Man hatte ihn dort hingesetzt, weil er über seine Sendung Steimles Welt befragt werden sollte. In dieser MDR-Sendung, die sonntags im Quotenwindschatten der großen öffentlich rechtlichen Flaggschiffe wie Tatort läuft, fährt er in einem antiken Wartburg durchs Land und hält Ausschau nach den Leuten, die es in dieser Medienwelt eher nicht ins Fernsehen schaffen oder die sich  gar nicht danach drängen. Es sind Menschen, die weder ihre Frauen tauschen, noch sexuell innovativ präferiert sind, die zumeist einer regelmäßigen Arbeit  oder einem skurrilen Hobby nachgehen. Bei seinen Touren, die durch angenehm langsame Kameraführung und ausgedehnte Dialoge gekennzeichnet sind, schaut Steimle beim Leiterbauer vorbei, besucht eine Kräutertante in der Lausitz oder klettert mit einem ehemaligen NVA-Jagdflieger, der jetzt Dächer deckt herum. Man lächelt über den Sonderling, weil er für T-Shirt noch das ostdeutsche Wort „Nicki“ benutzt und ein lustiges Luther-Buch mit dem Titel „Warum der Esel Martin heißt“ geschrieben hat. Ganz erheiternd in normalen Zeiten. Doch in solchen leben wir nicht mehr. Und so brach Steimle in dieser Sendung aus seiner ihm zugedachten Rolle als harmloser Komiker schnell aus. Womit man offenbar nicht gerechnet hatte, war, dass Steimle Luther abseits von Klamauk und seichten Kalauern ziemlich wörtlich nimmt. Das ging schon damit los, dass er von der Sprache als dem Schlüssel zur Seele sprach. Was noch harmlos war. Als er aber vorbrachte, dass der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck als einer der Letzten auf den Wendezug aufgesprungen sei und heute so tue als sei er der Lokführer gewesen, müssen die Alarmglocken in der Regie geläutet und die Ohrstecker der Moderatoren geglüht haben.

Gerade der peinlich wirkende Einwurf des Moderators, Gauck sei ein sehr guter Bundespräsident, der „das Land vorangebracht habe“ hatte etwas von dem aus der Schule bekannten Mechanismus Herr-Lehrer-bei-dem-was-der-Uwe-gemacht-hat-habe- ich-nicht-mitgemacht. Man sieht förmlich einen nobel, aber sachlich eingerichteten Besprechungsraum in der Leipziger Kantstraße, dem Sitz des Mitteldeutschen Rundfunks, in dem sich ein erlauchtes Gremium von Fernsehoberen und Parteienvertretern einzelne Sentenzen der Sendung herausgreift und Fragen aufkommen, warum hier Sätze wie „Die Parteien bescheißen das Volk“ und „Die Leute auf der Straße seien keine Randgruppe, sondern die Spitze des Eisbergs“ unwidersprochen über den Sender gehen konnten. Wer Lust hat, kann sich die entsprechenden Passagen (hier) ansehen.

Abgesehen von den Aussagen Steimles fallen aber zwei weitere Aspekte dieses Geschehens auf. Da ist zum einen das inzwischen fast völlige Fehlen einer scharfen politischen Debatte, was Steimles Sätze in der Medienlandschaft so einzigartig macht.

Was schon lange fehlt, sind Formate,  bei denen mal so richtig die Fetzen fliegen. Schaut man sich auf youtube alte Sendungen an, sieht man beispielsweise noch Klaus Kinski rumtoben, der Moderatoren und Gäste gleich mal reihenweise als zurückgebliebene Idioten betitelt (hier). Ganz abgesehen davon, dass sich Moderator (in diesem Falle Reinhard Münchenhagen) und Gäste (hier Manfred Krug)  gegenseitig Feuer geben und genüsslich eine paffen. Undenkbar heute.  Man sieht, wie sich eine empörte Karin Struck unter dem erschrocken-lustvollen Aufstöhnen des Publikums den Rock hochreißt, um die dort versteckten Verkabelungen ihres Mikrofons herauszureißen, weil sie Runde verlassen will. Nebenbei: Ihre Gesprächspartnerin war die junge Angela Merkel. Ganz zu schweigen von der legendären Serie „Ein Herz und eine Seele“, in der der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, der dieses Format produzierte, sich als die „Grinsrübe vom roten Rundfunk in Köln“ bezeichnen lassen musste. Auch „Leihgabe vom Kalmückenfernsehen“ musste er einstecken. Hat man Vergleichbares heute mal ansatzweise gehört? Nur von Steimle wieder stammte mal die Sentenz: „Da lacht die Domowina“. Eine Anspielung auf die sorbische Herkunft des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) und die Interessenvertretung der slawischen Minderheit in Deutschland, die Domowina.  Gebracht hat er das bei den Mitternachtsspitzen im Kölner Bahnhof wo es niemand verstanden hat. Dort gilt Dresden schon als die halbe Strecke nach Moskau. Und auch hier war es Steimle, der an anderer Stelle die Einstellung vieler Ostdeutscher auf den Punkt bringt, wenn er sagt: Sind wir denn verrückt geworden über Krieg mit Russland zu debattieren?

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Schauspieler Ralph Herforth in der ungeplanten aber authentischen Rolle des Wessis, der den Ossi nicht versteht. Quelle: Screenshot MDR

Der zweite Aspekt lässt sich auf den Nenner bringen: Der Ralph aus dem Westen gegen den Uwe aus dem Osten. Da saß dieser Ralph Herforth, der eigentlich laut Wikipedia ein geborener Schwachmeier ist, lässig zurückgelehnt, mit betont intellektueller Miene da und schaute mit genau diesem Blick, den viele Ostdeutsche von ihren neuen Vorgesetzten aus dem Westen so gut kannten und bis heute kennen auf diesen merkwürdigen Ostdeutschen da. Und Steimle verkörpert diesen in Wort und Körpersprache auch ohne sein betont sächsisches Reden und das „Nicki“ mit dem Dresdner Fernsehturm drauf. Es ist dieses Unsichtbare, nicht in Worte zu bannende Etwas, was Ost- und Westdeutsche sich noch heute gegenseitig auf den ersten Blick geografisch einordnen lässt. Mit Ausnahmen nach beiden Seiten. Dass Leute heutzutage ihren Arbeitsplatz riskieren, wenn sie was Falsches sagen, wie Steimle sagte,  kommentierte der „Wessi“ Herforth herablassend nach Art des guten Onkels aus dem Westen. Es komme immer mal wieder vor, dass jemand seine Arbeit verliert. Gönnerhaft sagte Herforth, dass Ossis ja selbst bis runter nach München neue Arbeit gefunden haben. Und dort arbeiten dürfen, schwang unausgesprochen mit. Entweder hat er den Sinn von Steimles Satz nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Es geht nicht darum, dass „Leute mal ihre Arbeit verlieren“. Das kennt gerade der Osten nur zu gut. Sondern, dass sie ihre Arbeit wieder aus politischen Gründen verlieren oder damit gedroht wird. Die Szene hätte nach 25 Jahren nicht symbolhafter sein können. Dort der aufgeregte Ostdeutsche mit seinem komischen Dialekt, den noch merkwürdigeren Ansichten über die deutsche Sprache, Langsamkeit und Heimatliebe und hier der lässig, abgeklärte Westler, der Globetrotter, der sich selbst auf Madagaskar noch mit Gesten und Blicken super verständigen kann. In Schöneberg, in Berlin, da, wo er herkomme, sei das alles ganz anders. Und in der Prignitz, wo der Schauspieler einen Zweitwohnsitz hat, sowieso. Wir ersparen uns an der Stelle, was in Berlin noch so alles anders ist. Nachzulesen sind die neuesten Geschehnisse aus der Parallelwelt Berlin en Detail in der Tagespresse und en Gros bei den Real-Katastrophenautoren Sarrazin und Buschkowsky. Dieses offenkundige Nichtverstehen zwischen Ost und West wirkte umso verstörender, da es nicht im Jahre 1991 spielt, sondern ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung. Die Mauer ist bald länger weg als sie gestanden hat. Doch die Kluft wird eher tiefer. Oder: Der Osten ist inzwischen etwas Eigenes geworden. Die Ossis haben den Westen und inzwischen auch manches Stück der Welt gesehen in den letzten 25 Jahren. Und dennoch gibt es immer mehr, die 89 mit der Kerze in der Hand auf den Straßen Dresdens und Leipzigs unterwegs waren, die heute leise seufzen, wenn sie dienstags spätabends auf dem MDR alte Folgen der Serie „Polizeiruf 110“ schauen, wo Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Grawe mit Hingabe den Verbleib von Bauholz oder Zementsäcken aus dem VEB ermitteln. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass damals die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten doch irgendwie „noch in Ordnung“ war. Dieser Staat war in Sachen Grenzsicherung sicher das andere Extrem. Aber das, was sich heute abspielt, dass dieses Land wie ein aufgelassenes Grundstück jedem gehören soll, der gerade daherkommt, leuchtet vor allem den Ostdeutschen nicht ein. Und man erinnert sich daran, wie man seine Wut über die Zustände damals herausschrie.  „Die Sachsen sind doch die Einzigen, die das Maul aufmachen“, rief Steimle mit lutherischem Pathos in die Runde. Am Facebookstammtisch wurde schon geunkt: Das war sicher seine letzte Sendung im Fernsehen.

Wäre vielleicht besser so. Es schont die Nerven. Wenn man bei diesen Entwicklungen im Land und der Welt eins nicht gebrauchen kann, ist das Aufregung am Freitagabend im Fernsehen. Lasst uns über was Schönes reden. Und sperrt den Steimle ein. Am besten auf der Wartburg. Da ist seit 500 Jahren ein Zimmer frei.