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Geschichten aus der Elbaue


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Dresden HBF – 13. Februar 1945

Nachrichten auf MDR aktuell: Dresden. Für die Demonstrationen und Veranstaltungen rund um den 13. Februar wurden zehn Hundertschaften Polizei in der Stadt bereitgestellt. Am 13. Februar selbst sind keine Veranstaltungen geplant.

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Erst vor wenigen Wochen wurden noch Überreste von Bombenopfern gefunden. Quelle: Bild Dresden.

Der 13. Februar ist von Bedeutung und Ausmaß so etwas wie der Jahreshöhepunkt mit negativem Vorzeichen in Dresden. Inzwischen fällt es schwer, die zahlreichen Demonstrationen von links bis rechts auseinanderzuhalten. Deshalb soll an dieser Stelle hier nur ein winziger Ausschnitt des Themenkomplexes betrachtet werden. Er korrespondiert mit der nie endenden Frage, wieviele Menschen denn nun tatsächlich um den 13. Februar im Feuersturm umgekommen sind. Gebrannt hat das Zentrum mehrere Tage und Nächte.  Offiziell liegt der letzte Stand bei rund 25 000 Opfern. Eine eigens eingesetzte Historikerkommission kam zu diesem Schluss. Im Internet kursieren nach wie vor Zahlenangaben von bis zu 500 000. Noch zu DDR-Zeiten war zuletzt von 35 000 Toten, vorher offiziell von rund 250 000 die Rede. Wer wird es je wissen? Was immer wieder zum Nachdenken anregt, sind Meldungen in der örtlichen Presse wie diese vom November, wonach bei Baggerarbeiten im Dresdner Zentrum neben zahlreichen Artefakten einer ehemals dort ansässigen Fleischerei auch menschliche Überreste gefunden wurden.

Für einen Freund, alter Dresdner, jetzt in Rente, der zu DDR-Zeiten in der Leitung eines Wohnungsbaukombinates arbeitete, ist das nichts Ungewöhnliches. Was er erinnert, ist nicht repräsentativ und schon gar nicht wissenschaftlich. Aber es ist ein Mosaikstein, wie ihn viele Dresdner mit sich herumtragen. Bis in die Siebziger Jahre hinein sei man beim Graben im Dresdner Zentrum immer wieder auf die Reste jener Brandwoche nach dem 13. Februar 1945 gestoßen, erzählt er. Über manche Anekdoten kann man sogar lachen. Wie die von dem Baggerfahrer, der beim Ausheben der Baugrube für das Rundkino an der Prager Straße plötzlich aus seiner Kabine sprang, sich prüfend umsah, ob er auch nicht beobachtet werde und dann flink an einem  Hydraulikschlauch des Baggers manipulierte, bis das Öl herauslief. Kaputt. An diesem Tag ging es nicht mehr weiter. Nach Feierabend schlich er dann wieder zur Baustelle, um zu bergen, was er mit Adleraugen in Sekundenbruchteilen erspäht und schnell unter der Baggerschaufel hatte verschwinden lassen: Einen riesigen Bleiklumpen. Buntmetall. Damals heiß begehrt und beim Schrotthandel eine Menge Geld wert. An der Stelle, wo das Kino hinsollte, hatte früher eine kleine Elektrofirma ihren Sitz, die Batterien herstellte. Das Gebiet lag beim Angriff ziemlich im Zentrum des Bombenteppichs. Es blieb kein Stein auf dem anderen. Die Hitze des Feuersturms ließ die Batteriegehäuse verbrennen und das Blei zu einem gigantischen Klumpen zusammenschmelzen. Eine Anekdote zum Schmunzeln. Gern erzählt auf so mancher Familienfeier. Anderes ist dagegen eher nicht für gesellige Runden geeignet. Besonders im Bereich der heutigen Königsstraße fanden die Tiefbauer oft Keller an Keller, in denen noch die Toten waren. Viele verschüttet, manche aber auch noch sitzend aufgereiht in intakten Gewölben. Offenbar sanft eingeschlafen, weil durch die Hitze die Kohlenvorräte in den Kellern zu glimmen begannen und dabei das tödliche Kohlenmonoxid ausströmte. Wüste Kerle unter den LKW-Fahrern hatten gefundene Schädel auf die Seitenbegrenzer ihrer LKW  vom Typ S 4000 gesteckt und waren so zu ihrem Ergötzen und zum Erschrecken vieler Passanten durch die Stadt gefahren. Dafür gab es mächtig Ärger im Betrieb. Dennoch. Der gefühllose Umgang mit menschlichen Überresten, wenn auch nicht so offensichtlich und makaber, war eher die Regel als die Ausnahme.   Gefundene Knochenreste wurden damals oft und wenig pietätvoll mit zur Schutthalde gefahren. Es musste schnell gehen. Wohnraum wurde gebraucht. Man wollte nach vorn sehen, erinnert sich der Freund. Das alles sei aber ein Indiz, dass die offizielle Opferzahl nicht stimmen könne. Womöglich liegen heute noch Verschüttete im Dresdner Untergrund.

luftschutzDamals gelangte im Zuge einer solchen Baustelle auch ein unscheinbarerer Hefter in seinen Besitz, den er seither hütet wie einen Familienschatz. „Luftschutz-Kriegstagebuch Bf Dresden Hbf“ steht auf dem Einband.  Geführt hat es offenbar ein Bahnbeamter, der mit deutscher Gründlichkeit selbst das größte Chaos noch auf saubere Blätter bannte. Zumindest versuchte. Man überließ bei solcherart Dokumenten nichts dem Zufall oder der künstlerischen Freiheit der Beauftragten. In einer Art Manual ist festgehalten, nach welchem Schema die Meldungen zu verfassen sind. Penibel ist aufgeführt, was an rollendem Material verlorenging. Beginnend mit Personenwagen und ihrer Unterteilung in D-Zug-Wagen absteigend über Schlafwagen, Speisewagen bis zu den Gepäckwagen. Dazu Bemerkungen wie „Volltreffer, 6 Tote“.

Lassen wir an dieser Stelle  hochkant stehende Busse, Aufmärsche und Installationen hinter uns und abschließend ungekürzt und wertungsfrei  zwei Zeitzeugen der Ereignisse aus diesem Dokument zu Wort kommen:

Der Bfsch (Bahnhofsschaffner, Anm. d. A.) Paul Wittig sagt aus:

„Ich befand mich während des 2. Angriffes außerdienstlich in unserem Aufenthaltsraum. Nach Beendigung dieses Angriffes bin ich wegen des Feuers in den Nebenräumen durch den Nordturm in die LSR (Luftschutzräume). Die Treppe des Nordturmes und der LSR 1 waren sehr stark mit Reisenden besetzt. Viele riefen, wo denn die Notausgänge wären, denn es würde in den LSR brennen. Ich versuchte daher im Heizungsgang nach der Heizung und von dort nach dem Wiener Platz zu gelangen, aber durch den Brand der Baracke war es unmöglich diese Ausgänge zu benutzen. Durch den Sturm kamen brennende Bretter und Balken bis zur Bahnhofswand geflogen. Von hier hin ich zum Nordturm zurück und habe die Leute aufgefordert durch die Flammen ins Freie zu gehen. Selbst die Wehrmacht weigerte sich Ein Offizier der Luftwaffe erklärte mich für wahnsinnig, weil ich durch den Ausgang wollte. Mit einem einem  ganz Iahmen Mann bin ich durch den  Nordturm doch ins Freie hinaus nach dem Bismarckplatz.  Kurze Zeit später hat ein SS-Offizier den Ausgang gesperrt. Zeugin ist Brigitte Reichelt, Dresden-Alt, Malter Str. 28.“

Der OBfsch (Oberbahnhofschaffner) Ernst Schrei sagt aus:

„Ich hatte in der Nacht  vom 13. zum 14. Februar 1945 in den Luftschutzräumen Ordnerdienst zu leisten. Beim Umschalten der Beleuchtung von 100 auf 50 % begab ich mich in die Luftschutzräume, um nach der Beleuchtung zu sehen und die Notausgänge zu öffnen. Beim ersten Angriff war außer einigen Staubwolken nichts zu sehen. Nach dem Angriff verließen viele Leute die LSR und ich begab mich in die Bahnhofshallen, um dort bei den Fahrkartenausgaben Aufräumungsarbeiten zu leisten. Während einer Essenspause hörte ich, daß wieder Bomben fielen und ging auf dem schnellsten Wege bei der Dienstbriefstelle, Durchgang IV, durch den Notausgang in die LSR zurück. Mit Hilfe anderer Reisenden brannte ich die nach dem 1. Angriff gelöschten Notlampen wieder an. Alle LSR waren wieder mit Reisenden stark besetzt. Als ich mit dem Anbrennen der Notlampen fertig war, stellte ich mich in den Quergang, in der Nähe der Treppe gegenüber Bstg 7, auf. Plötzlich wurden wie alle durcheinander geworfen. Meine Mütze und Brille waren verschwunden. Der Luftdruck kam von dem Notausgang im Durchgang IV, von wo anschließend eine unheimliche Hitze hereinkam. Alle bückten sich bald bis zum Boden, da die Luft unten kühler war, denn in gerader Haltung war es nicht zum Aushalten. Später kam durch den Eingang ggü Bstg 7 strake Rauchwolken herein (sic). Alle kamen vor Hitze fast um und ich selbst konnte fast nichts mehr sehen. Ich ging nun nach dem Notausgang des Raumes 5, hier waren die Treppen verstopft und niemand wollte hinaus, weil über dem Ausgang die Räume des Handgepäcks I, der Gepäckträger, der EWV (Eisenbahnwirtschaftsverwaltung) u. a. ausbrannten. Nicht einmal Wehrmachtsangehörige wollten mir nach, viel weniger Frauen. Der Ausstieg gelang mir auch. Nachdem ich mich einige Minuten erholt hatte, versuchte ich durch denselben Ausgang wieder hinein zu kommen, der Ausgang war aber mit Türen von den Notaborten und Decken versperrt. Da ich durch keinen Eingang das Bahnhofsgebäude wieder betreten und mit meinen entzündeten Augen kaum etwas sehen konnte, stellte ich mich an die Straßenbahnhaltestelle, wo ich anderen Personen behilflich war.“


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Höcke und das Diskursporzellan

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Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke bei seiner Dresdner Rede im Ballhaus Watzke. Foto: beaverpress

„Hannibal ante portas“ war der Schreckensruf im alten Rom als der karthagische Heerführer mit seinen Elefanten vor den Toren Roms gesichtet wurde. „Höcke intra muros“ hieß es mit fast ähnlichem Tenor am Dienstag in Dresden. Eingeladen hatte den selbst in den eigenen Reihen polarisierenden Thüringer AfD-Chef die Junge Alternative Dresden. Die „Arena“ hatte man bis kurz vorher noch versucht geheim zu halten. Es war einer der schönsten und größten Säle Dresdens – das Ballhaus Watzke. Die Eintrittskarten wurden vorab per email vergeben. Viele, die dabei leer ausgingen, versuchten trotzdem noch reinzukommen. Einige ohne Erfolg. Aus feuerpolizeilichen Gründen musste die Zahl begrenzt werden. Gefüllt hätte man sicher auch ein größeres Etablisment. Wie zu erwarten, war hier der harte Kern der Pegida aufgelaufen. Am Einlass wurde quälend langsam jeder einzeln kontrolliert. Man wollte Zustände wie in Magdeburg vermeiden, hieß es. Dort hatten in der Vorwoche Studenten der Otto-von-Guericke-Universität eine AfD-Veranstaltung so gestört, dass sie abgebrochen werden musste. Dabei hätte man sich bei rund 85 Prozent der Besucher auf die Sichtprüfung verlassen können. Die Fraktion 50 plus mit grauem oder gar keinem Haar mehr war deutlich in der Überzahl. Entsprechend stimmungsvoll ging es im Saal weiter. Eine Bänkel-Truppe mit Klampfe und Akkordeon spielte alte Volksweisen, etwa Anton Günthers heimliche Erzgebirgshymne „Deitsch un frei woll mir sei“.
Im Saal selbst war ein Großteil der mitteldeutschen Aufmüpfigenszene versammelt. Pegidafrontmann Siegfried Däbritz koordinierte die Security-Mitarbeiter. Ex-Pegidavorstandsmitglied Rene Jahn und Lebensgefährtin warteten als Gäste brav in der Kälte, bis sie die Personenkontrolle passieren konnten. Von der AfD-Landtagsfraktion war Jörg Urban da, gleichfalls sein Parteikollege, der Leipziger Anwalt Roland Ulbrich von der Patriotischen Plattform. In einer der vorderen Reihen wurde der bekannte CDU-Aussteiger Dr. Maximilian Krah gesichtet. Verleger Götz Kubitschek war mit einem Stand seines Verlages Antaios vertreten, genauso wie Felix Menzel von der Blauen Narzisse. Der Livestream von der Veranstaltung wurde vom Compact-Magazin ins Netz gestellt.

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Volkstümliche Einstimmung auf den Hauptredner mit Bänkelgesang. Foto: beaverpress

Ähnlich der Choreographie großer Konzerthighlights sprachen als „Vorband“ die beiden Dresdner AfD-Bundestagskandidaten Stefan Vogel, Jens Maier und ein junger AfD-Stadtrat aus Aachen.
Dann endlich betrat der Stargast, Björn Höcke, die Bühne. Die ersten, bisher hier nur aus dem Fernsehen bekannten „Höcke, Höcke“-Rufe brandeten auf. Einige stehen bereits auf, noch ehe ihr Idol ein Wort gesagt hat. Je länger man Höcke zuhört, umso mehr entstand das Bild von einem, der alle nur greifbaren und sorgsam gehüteten Diskurs-Porzellanvasen dieser Republik auf einem Brett nebeneinander drapiert, um dann eine nach der anderen runterzuschießen. Völlig ungeachtet des Bodensiegels mit dem Schriftzug „Tabu“. Und das nicht mit dem Luftgewehr, sondern mit der Flak. Anders kann man Höckes Auftritt in Dresden nicht beschreiben, denn er muss gerade als Geschichtslehrer wissen, was er da tut und mit wem er sich anlegt.
Das Holocaustdenkmal in Berlin als ein Mahnmal der Schande mitten im Herzen der eigenen Hauptstadt, sei Ausdruck eines negativen Gründungsmythos so der Thüringer AfD-Chef. Bis heute sei der deutsche Gemütszustand der eines total besiegten Volkes. Die Jugend solle viel mehr mit den positiven Aspekten unserer Geschichte in Berührung gebracht werden, den Philosophen, Erfindern und Musikern. Aber stattdessen werde unsere Geschichte mies und lächerlich gemacht, findet er. In Deutschland sei eine „dämliche Bewältigungspolitik“ an der Tagesordnung, die lähme und schlimmer sei als noch zu Zeiten Franz Josefs Strauß, der das schon beklagt habe. Und Höcke ging auch speziell auf den Ort seiner Rede ein. Verbunden mit einem Lob für die Pegida-Organisatoren. Die seien die ersten gewesen, die das Tor aufgestoßen hätten. Unter dem dröhnenden Applaus und „Widerstand, Widerstand“- Rufen sagte Höcke, dass Dresden die eigentliche Hauptstadt Deutschlands sei. Und er wandte sich dem zu, was bereits jetzt schon und alle Jahre wieder kurz nach Jahresbeginn in der sächsischen Hauptstadt aufflackert – die wahrscheinlich nie endende Diskussion um „den Angriff“ wie die Bombardierung Dresdens durch alliierte Bomberverbände in der Nacht des 13. Februar 1945 von den alten Dresdnern nur genannt wird. „Der Angriff war ein Kriegsverbrechen“, sagte Höcke. Er stehe in einer Reihe mit dem Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Er erfolgte in einer Zeit als der Krieg längst entschieden war. Oft auf Orte wie Dresden ohne militärische und wirtschaftliche Bedeutung, dafür wie hier voll mit geflüchteten Frauen und Kindern. Die Alliierten hätten damit auch eine kulturelle Komponente verfolgte. „Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten“, so Höcke. Die Umerziehung nach dem Krieg hätte dann den Rest bewirkt. „Deutsche Opfer gab es nicht mehr, nur noch Täter“, so Höcke. Die wiederaufgebaute Frauenkirche sei deshalb nur eine Fassade, der Geisteszustand des Volkes immer noch der eines Besiegten. In die Reihe seiner Abrechnung mit bundesdeutschen Heiligtümern stellte er auch die Reden der Bundespräsidenten Roman Herzog und Richard von Weizsäcker. Herzog habe mit seiner berühmten Ruck-Rede die Deutschen nur für den Neoliberalismus optimieren wollen. Die Deutschen sollten nur noch mehr arbeiten und leisten. Mit dem Effekt, dass Gesetze geschaffen wurden, die alle beim Verlust ihres Arbeitsplatzes gleich machen, egal, ob sie nun zwei oder zwanzig Jahre eingezahlt hätten. Die stilistisch ausgefeilte Rede Richard Weizsäckers sei trotz ihrer Brillanz eine „Rede gegen das deutsche Volk“ gewesen. Fast schien es so, als nutze Höcke das Dresdner Auditorium als eine Art kleinen Parteitag, auf dem er Leitlinien der Programmatik festlege. Wie einst in der Sowjetunion die Anhänger des Stalinwidersachers Leo Trotzki „Trotzkisten“ genannt wurden, sprach er nun von „Luckisten“ , die immer noch in der Partei zuhauf säßen und bloß auf ihr eigenes Fortkommen sännen. Diese möchten so schnell wie möglich zum Establishment mit seinen „Freifressen“ und „Freisaufen“ der Lobbyisten gehören. „Ich will das nicht“, rief Höcke in den Saal. Die AfD sei die letzte „evolutionäre Bewegung“, um in Deutschland das Ruder herumzureißen. Es gäbe keine Alternative im Etablierten. Die Partei habe einen langen und entbehrungsreichen Weg vor sich und dürfe sich auf keinen Fall im Parlamentarismus „verlieren“. Nötig sei eine inhaltliche Fundmentalopposition. Jede Partei neige zu einer Oligarchisierung und Erstarrung. Davor sei auch die AfD nicht gefeit. Aber das dürfe erst passieren, wenn sie ihre „historische Mission“ erfüllt habe. Bis dahin gelte es besonders, mit den Bürgerbewegungen auf der Straße in Kontakt zu bleiben und die Bewegung virulent zu halten. „Wir werden das so lange durchhalten, bis wir 51 Prozent haben oder als Seniorpartner einer Altpartei, die vorher durch ein reinigendes Fegefeuer gegangen ist“, so Höcke. Wir müssen nichts weniger als Geschichte schreiben, gab der ehemalige Geschichtslehrer seinen Zuhörern mit auf den Weg.

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Der Saal im Dresdner Ballhaus Watzke war übervoll. Man hätte mühelos eine größere Halle gefüllt. Foto: beaverpress

Vielleicht hat zumindest er das bereits getan, wie erste Reaktionen in Politik und Medien auf seine „Dresdner Rede“ schon zeigen. Insgesamt wurde deutlich, dass Höcke durchaus das Zeug zum „Volkstribun“ hat. Entgegen den wenigen und mit Tendenz ausgewählten Sequenzen, die von Höcke im Fernsehen gezeigt werden, kommt er als Redner nicht als der verschrobene Eiferer rüber, wie er oft gezeichnet wird. Höcke spricht frei, was seiner Profession als Gymnasiallehrer geschuldet sein dürfte. Und er weiß gekonnt, mit Tonalität und Inhalt Stimmung zu erzeugen. Er wusste, dass Dresden das Heimspiel schlechthin wird. Doch muss ihn die Wucht der Sprechchöre, die seine Rede unterbrachen vielleicht auch etwas überrascht haben. Er hätte es in der Hand gehabt, den Saal „zum Kochen“ zu bringen, wie man so sagt. Nicht umsonst flüsterte ein Graukopf in der letzten Reihe seinem Nachbarn nach einem solchen Beifallssturm zu: „Das ist ja wie im Bierkeller“. Höcke dämpfte die überschäumende Stimmung, indem er ruhige Passagen einflocht, dabei langsam und leise sprach. Zeit für die Spendensammler, die Büchsen herumgehen zu lassen. Besonders ältere Menschen zückten durchweg Zehn- oder Zwanzig-Euroscheine, sodass die Letzten in der Reihe Mühe hatten, ihre Spenden noch reinzustopfen.
Sein Auftritt ausgerechnet hier dürfte allerdings auch AfD-intern nachwirken. Denn Dresden ist eigentlich das Heimatrevier der „Großen Vorsitzenden“, Frauke Petry.  Sie war die Erste, die hier für die AfD in ein Landesparlament einzog. Sie war es auch, die Bernd Lucke maßgeblich aus der Partei trieb und den Vorsitz für sich reklamierte. Gegen Höcke strengte sie in der Zeit ein Parteiausschlussverfahren an, dass das Schiedsgericht der AfD kippte. Jetzt gräbt ihr der Widersacher in ihrer eigenen Hochburg das patriotische Wasser ab. Man darf spekulieren, wen Höcke im Blick hatte mit seiner Mahnung vor den Lockungen des Establishments. Viele nahmen Frauke Petry beispielsweise übel, dass sie 2015 zum Ball der „Lügenpresse“ ging. Das Problem hatte sie ein Jahr später nicht mehr, weil sie nicht mehr eingeladen wurde. Petry und die sächsische AfD hat aber auch aus Höckes Sicht noch ein Manko. Obwohl die Pegida-Bewegung sich im Herbst 2014 praktisch vor den Fenstern der neuen AfD-Abgeordnetenbüros entwickelte, verschlief man zunächst diese Entwicklung und blieb dann zögerlich auf Distanz. Im Nachhinein aus Sicht weiter Teile der sächsischen AfD eine richtige Strategie angesichts der Entwicklungen bei Pegida. Doch Höcke kennt diese Berührungsängste nicht. Er lief 2014 kurzerhand mit und lädt noch heute regelmäßig Siegfried Däbritz vom Führungsgespann der Pegida zu seinen Veranstaltungen ein, die er, oft auch gemeinsam mit Andre Poggenburg aus Sachsen-Anhalt durchführt. Vielleicht auch, weil er in Erfurt zu weit weg ist, als dass Pegida bei ihm dauerhaftes Engagement einfordern könnte wie ein Rufer es tat mit den Worten: „Wir wollen Dich am Montag sehen“. Und vielleicht auch aus innerparteilichem Machtkalkül mit der Ansage an Frauke Petry: „Sieh´ her, im Zweifel hören deine Sachsen auf mich.“ Höcke betonte auch in Dresden, dass er in Thüringen bleiben werde, weil er sich mit seiner Familie da „pudelwohl“ fühle. Schon zuvor hatte er öffentlich erklärt, nicht für den Bundestag kandidieren zu wollen. Doch man spürt deutlich: Dieses Zögern ist rein taktischer Natur. Da sammelt einer erst genügend Fußtruppen bis er das Überschreiten des Rubicons und den Marsch auf Rom wagt. Dresden war nur das Winterlager.


Ein Kommentar

Pegida reif für die Filmförderung

Wenn du denkst, es geht nicht mehr – kommt irgendwo ein amtliches Schreiben her. So wie in Dresden Anfang November aus dem Rathaus an die Adresse der Pegidaverantwortlichen. Darin stand, dass es den Beiden, welche Lutz und Siggi heißen, ab sofort verboten ist, den montäglichen Rentnertreff zu leiten. Das Ganze bis 2021, was allein schon zeigt, dass man im Rathaus gegen den allgemeinen Trend in der Politik nicht in Legislaturperioden denkt, sondern kürzer. Wer bis dahin nur argwöhnisch vermutete, dass das Rathaus in irgendeiner klandestinen Art und Weise mit den Machern der montäglichen Motz- und Laufstunde unter einer Decke steckt, fand hier seine letzte Bestätigung. Die Gründung irgendwelcher neuerlichen Bündnisse für Toleranz, Trallala und noch irgendwas ist dabei reine Tarnung. Denn dieses Schreiben wirkte wie der sprichwörtliche Luftstoß aus dem Blasebalg in die verglimmende Pegida. Alle Welt fragte sich natürlich, warum der Wind plötzlich wehte. Und das Rathaus schob die Begründung einige Tage später nach. Es war das despektierliche Verhalten einiger Festbesucher zum Tag der Deutschen Einheit. Politiker, die in die Frauenkirche zum Festgottesdienst wollten, mussten sich Sätze wie „Haut ab“ oder Etikettierungen wie „Volksverräter“ anhören. Ihre Majestät musste sogar einen Bus nehmen, um vom Gotteshaus in die Semperoper zur nächsten Feierstunde zu kommen, weil man befürchtete, dass das ursprünglich geplante „Bad in der Menge“ (der jubelnden Werktätigen) eher zu einem Spießrutenlauf werden könnte. Überhaupt hatte man wenig sensibel die Semperoper als Ort der Hauptfeier auserkoren. Wurde die doch selbst von einem Umstürzler ersten Ranges erbaut. Eine Gedenktafel an der Ecke Wilsdruffer Straße verkündet, dass der junge Gottfried Semper den Dresdner Barrikaden von 1848 erstmal den richtigen Schliff verpasste, indem er seine Kenntnisse als Baumeister einfließen ließ. Gelernt ist eben gelernt. Ein gewisser Richard Wagner war damals auch ganz vorne mit dabei. Dessen Musik immerhin mag die ungekrönte Monarchin des Landes. Zumindest haben ihr die Grünen den jährlichen Besuch in Bayreuth noch nicht verboten. Wahrscheinlich nur, solange sie ihre Marschverpflegung nicht bei Edeka kauft. Die Dresdner hatten sich aus Sicht des Berliner Hofes samt angeschlossenen Berichtern am 3. Oktober wieder mal mächtig danebenbenommen. Und Bachmann, der schlimme Finger,  hatte dazu mehr oder weniger verklausuliert aufgerufen, indem er eine „Raucherpause“ auf dem Neumarkt via Facebook zur besten Sendezeit anregte. Die Bilder sind bekannt. Die Empörung war wohlfeil und erwartbar. Obwohl Henryk M. Broderdsc_0207

Pegida als Vorabendserie? Die Geschichte der Dresdner Protestbewegung gäbe ein schillerndes Drehbuch ab. Um Längen unterhaltsamer als derzeitige Programmangebote. Foto: beaverpress

im N-24-Interview trotz suggestivstem Nachfragen des Moderators alles Nötige zu den Dresdner Vorgängen an diesem Tag gesagt hatte, fertigte man im Rathaus besagte Verbotsverfügung. Dabei muss man sich gerade dort im Klaren gewesen sein, wie es ankommt.  Wahrscheinlich war Druck von Oben im Spiel.

Man konnte nur mit dem Kopf schütteln. Als ob es darauf ankommt, wer da am Montag die Versammlungsauflagen vorliest. Die, die dort nach zwei Jahren noch stehen, können sie ohnehin herunterbeten wie ihr neues Vaterunser.

Und das ist genau der Punkt. Pegida gehört nicht verboten, sondern ist längst ein Fall für die Filmförderung des Freistaates Sachsen, wenn nicht der Bundesrepublik Deutschland. Denn mal ehrlich: Reichte einer ein Drehbuch mit dieser Geschichte als Plot ein, er bekäme es mit hundertprozentiger Sicherheit um die Ohren wegen völliger Absurdität. Wie heißt es immer? Das Leben schreibt die tollsten Geschichten?  Aber das hier gibt´s in keinem Russenkino. Treten wir mal einen Schritt beiseite und schauen mal ohne Zorn und Eifer auf das Set. Da haben wir eine Volksbewegung, die aus dem Nichts kam und aussieht wie ein Mischung aus Bundschuh und Bundesliga. Fahne, Hymne – alles da. Was ganz harmlos mit einem quäkenden Megafon neben der „Käseglocke“ auf dem Postplatz begann, ist längst eine Art Revolutionspersiflage geworden. Dresdner Lokalkolorit. Thematisch angesiedelt zwischen der legendären Fernsehserie „Kir Royal“ mit Franz Xaver Kroetz und der Olsenbande (Wir werden doch Millionäre, Egon?).

Erste Anklänge einer solchen Entwicklung gab es bereits im Januar 2015 als eine Pegida-Demonstration nach einem angeblichen Droh-Tweet des IS verboten wurde. Aus Sicherheitsgründen wie es damals hieß. Lutz Bachmann stieg in diesen Tagen vom „Panzerknacker“ und vorbestraften Unterhaltsschuldner zur Very-Very important Person des Freistaates Sachsen auf. Zu einer Pressekonferenz wurde er im BMW-Jeep des Landeskriminalamtes herumkutschiert. Personenschutz inklusive. Nur die Kanzlerin hatte am Tag der Einheit mehr Scharfschützen auf den Dresdner Dächern. Damals wohnte Bachmann noch ganz bürgerlich in Kesselsdorf vor den Toren Dresdens. Das war vor knapp zwei Jahren. Den neuesten Pressebulletins zufolge ist er jetzt „Privatier“ und lässt sich von  „internationalen Geldgebern“ ein sorgenfreies Leben unter der kanarischen Sonne Teneriffas bezahlen. Arbeiten würde er nicht, empörte sich das Boulevard. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der „Führer“ einer inzwischen nur noch örtlichen Protestbewegung schwebt wie ein Jet-Set-Manager einmal die Woche ein zum „Meeting“. Von wegen „Sohn seiner Klasse“, Arbeiterfäuste und Straßenpflaster. Dafür Sonnenbrille,  Rolly und easy jet. Immerhin noch Linie, nicht Lear.

Also, Leute beim MDR. Wenn das alles kein Stoff für eine schmissige Vorabendserie ist, was dann? Vielleicht mit Til Schweiger in der Rolle des Lutz Bachmann? Veronica Ferres könnte Kathrin Oertel spielen. Günther Jauch spielt Günther Jauch. Dazu grüne Tonnen voller Geld im Toplitzsee, schöne Frauen, finstere Innenminister – es gäbe schon Stoff für einige Folgen. Ausstrahlungstermin montags, 18.30 Uhr. Danach Riverboat mit wechselnden Besetzungen, die alles nochmal analysieren. Steimle und Patzelt als Moderatoren. So bekäme man die Straßen der Landeshauptstadt wieder leer.

Alternativ  bliebe als ultima ratio nur eine Flugverbotszone über Dresden oder gleich ganz Sachsen. Aber wer soll´s machen? Hillary Clinton, die für solche Sachen immer zu haben war, ist es ja nun nicht geworden. Und die Meinung des Neuen im Weißen Haus über unsere Kanzlerin dürfte sich von Bachmanns nur um Nuancen unterscheiden. Unsere eigene Luftwaffe? Eben. Außerdem wollen wir keine Gewalt.

Bleibt nur der Heimatsender. Und wie sagte Uwe Steimle neulich so schön? Wer für die Heimat ist und den Frieden, der ist unantastbar. Vieles könnte so einfach sein.


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Sarrazin schafft sich ab

eisterPolizeiautos vor der Tür und streng schauende Security-Männer sind inzwischen so etwas wie ein Gütesiegel, dass im Inneren eines so bewachten Gebäudes

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Thilo Sarrazin kurz vorm Betreten der Bühne im Dresdner Quality Hotel Plaza. Im Gegensatz zu früheren Auftritten in der Stadt blieben viele Plätze leer. Foto: beaverpress

eine spannende Veranstaltung stattfindet. So wie am Mittwoch in Dresden als im Quality Hotel Plaza der Skandalautor der letzten Jahre schlechthin erwartet wurde – Thilo Sarrazin. Er ist derzeit auf Tour mit seinem neuesten Buch „Wunschdenken“. Untertitel: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert. Im Grunde sind alle seine Bücher die unausgesprochene Fortsetzung seines Millionensellers „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010. Von dem machte im letzten Jahr das Bonmot die Runde, es sei als Warnung gedacht gewesen und nicht als Handlungsanweisung. Doch genau so schien es vielen, die im Herbst des Jahres fassungslos auf die Bildschirme starrten und zeitversetzt erleben mussten wie in ihrer Nachbarschaft Turnhalle auf Turnhalle sich mit fremden Menschen füllte, die in den Medien pauschal als „Flüchtlinge“ bezeichnet wurden. Erwartungsgemäß nimmt das Thema Einwanderung in Sarrazins Buch breiten Raum ein. Doch das Interesse der Leser an Analyse scheint durch die überholende Wirklichkeit geschwunden zu sein. Füllte Sarrazin Anfang 2011 noch locker eine Messehalle in Dresden, blieb diesmal gut ein Drittel der Sitze in dem stilvoll renovierten einstigen Ballsaal des Hotels leer. Und man kann es kurz machen. Was Kompanien von Schreibern und unzähligen politischen Gegner des Autors in den letzten fünf Jahren nicht hinbekamen, erledigt der Meister gerade selbst: Sarrazin schafft sich ab. In Dresden optisch gut sichtbar. Begrüßte der der Saal den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Bundesbanker fast geschlossen mit stehenden Ovationen, war es am Ende der Veranstaltung nur noch eine Handvoll, die dem Autor auf diese Weise huldigte. Gerade die Fragerunde zeigte: Man hatte sich von ihm Hilfe, Zuspruch und Wegweisung erwartet. Gerade er, der Ruhige, der Grübler, der Statistikverliebte ist so etwas wie der Messias der Zweifler in diesem Land.  Wer, wenn nicht er, müsste jetzt wissen, was zu tun ist. Doch gerade hier wurde überdeutlich, ein Sarrazin betreibt Schreibarbeit nur um seiner selbst willen. Das Lob und der frenetische Beifall des Pöbels ist ihm wahrscheinlich mehr als peinlich. Und dann erst die Fragen, die diese Menschen in karierten Hemden und Cordhosen stellen. Quälende vier Mal antwortete er auf die Frage eines Dresdners, was er denn zu dem Treffen der Bilderberger hier in der Stadt sage: Ich verstehe sie nicht. Der Fragende wiederholte zunehmend aufgeregt seine Frage immer wieder. Endlich Sarrazins Antwort: Warum sollen sich einflussreiche Leute nicht treffen?  Dann stellte er sich doch nicht länger dümmer als er ist und holte aus: Wenn der Fragesteller damit insinuieren wolle, dass die Gesellschaft von irgendwelchen Kräften im Hintergrund regiert werde, so halte er das für eine haltlose Verschwörungstheorie. Will heißen, bleibt mir bloß fort mit euren selbstgebastelten Theorien aus dem Internet und obskuren Büchern. Auf dieses Niveau lässt sich ein Sarrazin nicht ziehen. Was aber die Frage offen lässt, worüber einflussreiche Leute so abseits der Öffentlichkeit sprechen, wenn es nicht um den Austausch von Angelergebnissen oder das Zeigen von Kinderbildern geht? Ähnliches Muster beim Thema TTIP. Was er denn dazu sage, dass hier offensichtlich nicht mal der Versuch unternommen werde, Deutsche Interessen zu wahren und was er insgesamt davon halte. Auch hier erst wieder der Verweis auf die phonetische Unverständlichkeit der Frage, obwohl die Fragerin klar zu verstehen war und allein das Reizwort TTIP ausreichen dürfte, um grob zu erfassen, worum es geht. Er habe sich darauf nicht vorbereitet, könne deshalb nichts dazu sagen, so die lapidare Antwort. Nicht vorbereitet? Der Zahlenmensch Sarrazin, der Ex-Bundesbanker, der Weltökonom kann nichts aus dem Stehgreif zu TTIP sagen? Hat sich darüber keine Gedanken gemacht? Die Stimmung kühlte fühlbar ab im Saal. Und sie wurde auch nicht besser als einer fragte, wie er sich denn die Rückführung abgelehnter Migranten vorstelle. Immerhin das nimmt breiten Raum in seinem Buch ein. Was die Zuhörer dann zu hören bekamen, könnte allenfalls mal ein Drehbuch für einen zweitklassigen Abenteuerfilm mit Hardy Krüger taugen, wenn der sich das noch zutraut, denn als ernstgemeinte Handreichung für die Politik. Er könne sich vorstellen, dass einige Transall-Maschinen unter Begleitung von Abfangjägern eine Landepiste irgendwo in Afrika ansteuern und die Migranten dort „freigesetzt werden“.  Das ist Thilo Sarrazin 2016. Ernsthaft. Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling versuchte es dann doch noch einmal, den Doyen der Regierungskritik zu einer handfesteren Aussage zu drängen. Was nach den Feststellungen von Gunnar Heinnsohn (Youth Bulge), von Professor Rindermann (Untersuchungen zum IQ von Migranten) und seinen eigenen Erkenntnissen noch geschehen müsse, um die Regierung zum Einlenken zu bewegen und welcher Kraft er das zutraue? Eine Frage, die in Abwandlungen mehrmals kam. Hier wurde deutlich: Sarrazin bekennt keine Farbe. Kraftlos und nichtssagend seine Antwort: Die Veränderung müsse aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Abseits des Podiums riet er Festerling, ihr „Mundwerk zu zügeln“, worauf sie erwiderte, er sei ja wohl der  Meister der kalkulierten Provokation mit seinen „Kopftuchmädchen“. Sarrazin selbst brachte als angedeutete Antwort eine Geschichte, die ihm widerfuhr, als er Anfang der 80iger Jahre mit dem Zug von Polen nach Köln durch die DDR fuhr. Die Polen im Abteil hätten plötzlich wie ein Mann zusammengehalten als einem Landsmann vom polnischen Zoll ein 100-DM-Schein weggenommen werden sollte. Soweit eine Metapher auf den fehlenden Zusammenhalt der Deutschen heute in entscheidenden Fragen wie der Migrationskrise. Dann seien DDR-Zöllner gekommen und die wären aufgetreten wie einst die SS und hätten die Polen ihre Macht spüren lassen. Das sei der Geist der Gesellschaft gewesen. Was Sarrazin als mit einem westdeutschen Pass gebenedeiter damals aber entging war der Umstand, dass diese DDR-Grenzer mit ihren blanken Schaftstiefeln und ihrem SS-haften Auftreten auch gegen den größten Teil der Einwohner dieses Landes standen. Einziges greifbares Fazit seines gut einstündigen Vortrags ist der resignative Ausblick.  „Geist und Geld werden sich davon machen“, so Sarrazin. Schon jetzt achteten immer mehr gebildete Eltern darauf, dass ihre Kinder in Schulen ohne Migranten und nicht abgesenkten Standards lernen können. Über kurz oder lang werde sich diese Schicht im Stillen davonmachen. Nur einmal blitzte der alte Kampfgeist und Humor noch auf. Als die Rede auf Angela Merkels sagenhaften Auftritt bei Anne Will zur Sprache kam. Der schonende Umgang der Medien sei ganz klar der Parteibuchpolitik vor allem im Fernsehen bei der Besetzung wichtiger Posten geschuldet. Mit ihm als Frager wäre Angela Merkel schweißgebadet aus dem Studio gegangen, so Sarrazin selbstbewusst. Seinem Publikum in Dresden wird eher lauwarm zumute gewesen sein.


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Die B-Männer vor Gericht

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Figur vor dem Dresdner Gerichtsgebäude. Foto: beaverpress

Es ist ein Kreuz mit der politischen Justiz. Fast schon programmgemäß geht dabei in Deutschland  alles nach hinten los, was auf den ersten Blick so gut aussah. Wer hätte denn ahnen können als die Landespolitik in Sachsen im Herbst vorigen Jahres eine Anklage wegen Volksverhetzung gegen Pegida-Gründer Lutz Bachmann von der Leine ließ, dass sich zum Zeitpunkt des Verfahrens eine Konjunktion zweier Fälle einstellt, die so in der deutschen Justizgeschichte sicher einmalig ist. Während in Dresden Lutz Bachmann heute zum ersten Verhandlungstag erschien, liegt bei der Staatsanwaltschaft Mainz der Fall Böhmermann auf dem Tisch. Der eine hat in einer mehr oder weniger geschlossenen Facebookgruppe unspezifisch was Unschönes über Migranten, genannt Flüchtlinge, geschrieben. Der andere hat sich zur besten Sendezeit über den zweiten staatlichen Sender dieses bunten Landes  ganz explizit über die äußere Form der Hoden des türkischen Staatsoberhauptes und dessen vermutete sexuelle Präferenzen ausgelassen. Tiere und Kinder spielten dabei eine Rolle. Bachmann werden insbesondere die Worte „Viehzeug“, „Gelumpe“ und „Dreckspack“ vorgeworfen. Zumindest stilistisch spielt er damit aber in einer Liga mit Grünenchef Özdemir (Mischpoke), SPD-Chef Gabriel „Pack“ und Justizminister Maas „Schande“. Einziger Unterschied. Die Letztgenannten sitzen in Deutschland hinter einem Schreibtisch und nicht davor. Und nur darauf kommt es an, wusste schon Tucholsky. Lassen wir an dieser Stelle für einen kurzen Moment einen anderen Klassiker der deutschen Belletristik zu Wort kommen – Hans Fallada. Der beschrieb in seinen Lebenserinnerungen sehr detailreich und liebevoll die Arbeit seines Vaters, der zunächst als Richter am Berliner Kammergericht arbeitete und später ans höchste deutsche Gericht, das Reichsgericht in Leipzig, berufen wurde. Dorthin pflegte ihn seine leicht taube Schwiegermutter manchmal zu begleiten. Sie setzte sich oft als einzige Zuhörerin in den Verhandlungsaal und strickte, während die juristischen Koriphäen komplizierte Fälle in unnachahmlicher Ruhe und halblautem Austausch von Argumenten abhandelten. „In diesen leidenschaftslosen Händen sah sie das Recht gut aufgehoben“, schrieb Fallada in seinem Roman „Damals bei uns Zuhause“. Diese „leidenschaftslosen Hände“ von Juristen sollen nun im Deutschland des Jahres 2016 kitten, was die Politik schon seit Jahren nicht mehr  zusammenbringt. Man kann sich förmlich vorstellen, wie diese Hände in die Höhe gingen als die gewiss nicht leidenschaftslose Dresdner Staatsanwaltschaft mit der Bachmann-Geschichte  erschien. Laut Medienberichten sollte der Fall ursprünglich von einem Schöffengericht, also einem studierten Richter mit zwei Laienschöffen, verhandelt werden. Diese Zusammensetzung ist ein Relikt der bürgerlichen Revolution von 1848, deren Dresdner Protagonisten Namen wie Richard Wagner oder Gottfried Semper tragen. Das Schöffengericht  war so aufgeregt, dass es den Fall wegen der „besonderen Bedeutung“ ans Landgericht, also das oberste Provinzialgericht des Freistaates Sachsen, weitergab. Bleibt uns bloß mit dem Bettel bloß vom Leibe, müssen sie dort gerufen haben und reichten das Ding gleich runter in den Keller, zum Amtsgericht. Dort gehörte die Posse nach Ansicht der obersten Juristen hin. Sie ahnten wohl schon, dass außer Klamauk nicht viel dabei herauskommen werde.

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Lutz Bachmann und seine Frau Vicky erschienen vor Gericht mit selbstgebastelten Brillen, an denen ein Augenstreifen befestigt war. Quelle: Screenshot ZDF.

Und mit Klamauk ging es erwartungsgemäß am Dienstag gleich los. Knapp über 100 Pegida-Anhänger standen vor dem Gerichtsgebäude und forderten „Freiheit für Lutz“, obwohl der noch gar nicht sitzt. Lutz Bachmann, seine Frau Vicky und einige Anhänger hatten sich Brillen mit schwarzen Augenstreifen gebastelt, wie sie von der Presse immer über die Gesichter von Verbrechern gelegt werden. Selbst ein Justizbediensteter konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken als der Pegidaführer mit Entourage so den Gerichtssaal betrat.
Und dann nahm alles seinen Lauf. Mit seinen Ausdrücken („Viehzeug, Gelumpe,…“)  soll Bachmann auf Facebook das Volk verhetzt haben. Der Paragraph 130 schreibt vor, dass das „öffentlich“ erfolgen muss. Nun schrieb Bachmann diese Zeilen aber zu einer Zeit als er noch gar keine Person der Zeitgeschichte und Multiplikator der Pegida-Bewegung war. Die Öffentlichkeit will man durch die Eintragung in dem sozialen Netzwerk Facebook als gegeben ansehen. Die landläufige Vorstellung, dass da einer auf dem Roten Platz oder vorm Berliner Schloss zu Volksmassen spricht oder, je nach Klassenstandpunkt, hetzt, hat wohl in Zeiten von Smartphone und Tablet ausgedient. Das Ganze ist sehr diskussionswürdig, zumal Bachmann inzwischen sogar bestreitet, diese Worte selbst geschrieben zu haben. Viel Spaß bei der Beweisaufnahme dieses staatspolitisch brisanten Falles, möchte man rufen. Es wird sogar gemunkelt, die Bachmann-Verteidigung wolle Facebook-Obere aus Hamburg vor Gericht antanzen lassen. Für Unterhaltung ist also gesorgt. Dabei kann sich Bachmann zurücklehnen und in Ruhe seinen nächsten Gag vorbereiten. Denn als ob die leidgeprüfte sächsische Staatsregierung nicht schon genug im Rampenlicht steht und dort eine sehr unbeholfene Figur macht, kann das Publikum, wenn es in Dresden langweilig wird, in Echtzeit immer mal rüberschalten nach Mainz und schauen wie man im Türkenklötenfall singt und lacht. Bachmann steht wegen des 130igers vorm Richter, Böhmermann bald wegen des 103ers. Beides Vorschriften, um die uns die restliche Welt angesichts dieser Telenovelas sicher beneidet. Böhmermann hat immerhin Schwein, wenn man das in einem Land, zu dem der Islam gehört, noch so sagen darf. Er hat nicht das Volk verhetzt. Aber er hat sich bei der „Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes“ ausgerechnet den türkischen Präsidenten ausgesucht, was auch nicht ohne ist in diesen Zeiten. Vom Kaliber also in etwa gleichwertig.  Nur, dass Böhmermann vom größten Teil des Medien- und Kunstbetriebes im schlimmsten Fall die Bemmen für den Knast geschmiert bekommt, während man Bachmann hängen sehen will. Es wird in beiden Fällen nicht zum Äußersten kommen. In der sächsischen Staatskanzlei wird man froh sein, wenn die drei Verhandlungstage in Dresden ohne großen Zirkus über die Bühne gehen. Denn immer kann man nicht die GSG 9 zur Ablenkung ausrücken lassen, um einem 18-Jährigen die Polenböller wegzunehmen. Vielleicht ist gerade die Überschneidung der Fälle und ihre zeitgleiche mediale Behandlung endlich der Anlass, politische Probleme mit Politik zu lösen und nicht über den Verschiebebahnhof der Justiz. Aber erst stehen noch zwei Vorstellungen, pardon, Verhandlungstage an.

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Pegida-Anhänger demonstrierten vor dem Gericht. Foto: beaverpress


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Dialog mit Bremse und Stoppuhr

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Beim nächsten Mal wird es wohl noch mehr leere Plätze geben beim Kreuzkirchengespräch, sollte kein besserer Modus für die Beteiligung der Bürger gefunden werden. Foto: beaverpress

Die Veranstaltungsreihe „Wie geht es weiter in Dresden“, bekannt auch als Kreuzkirchendialog, ist inzwischen auch da angekommen, wo bereits zahlreiche ähnliche Formate des Bürgerdialogs in Sachsen gelandet sind. Man spürt das Bemühen, den Unmut der Straße möglichst zu kanalisieren und dann temperiert einzuschläfern. Besonders deutlich wurde das am Donnerstag zur nunmehr vierten Veranstaltung dieser Art. Das Thema lautete „Muslime in unserer Stadt“. Eingeladen waren Referenten, die über den Islam referierten. Und das nicht zu knapp. Weit über die Hälfte der auf zwei Stunden veranschlagten Zusammenkunft war ausgefüllt mit Vorträgen über den Islam im Allgemeinen und Besonderen. Danach folgte die so genannte „Murmelphase“, in der man den Anwesenden wie im Kindergarten Zeit gibt, das angestaute Redebedürfnis abzubauen. Nach Orgeleinspielung verkündete dann ein Mitarbeiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in pastoral-schulmeisterlichen Ton und aufreizend langsam die Regularien für die anschließenden Wortmeldungen aus dem Publikum. Zehn Minuten brauchte er allein für diesen Akt. Als er umständlich endete war es bereits 20.15 Uhr. Bis zum angekündigten Ende 20.45 Uhr blieb also exakt eine halbe Stunde für den „Bürgerdialog“. Die Redezeit der einzelnen Sprecher wurde darüber hinaus von bisher drei Minuten auf 1.30 reduziert. In schönster DDR-Manier erklärte der junge Landeszentralenmitarbeiter den „lieben Damen und Herren“, dass das nur dazu diene, mehr Menschen zu Wort kommen zu lassen und diese Idee nicht von ihm stamme, sondern auf schriftliche Anregungen aus den Reihen der Bürger selbst zurückgehe. Nicht alle wollten sich diese Bevormundung gefallen lassen. Er erhebe schärfsten Protest gegen die Art und Weise der Durchführung dieser Veranstaltung, sagte ein Dresdner. Es könne nicht sein, dass hier erst mehrere lange Vorträge zum Islam gehalten werden, ohne dass Vertreter einer Gegenposition in gleicher Länge und Ausführlichkeit zu Wort kämen. Er machte darauf aufmerksam, dass just zur gleichen Zeit der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad in Dresden spreche. „Der würde ihnen was anderes über den Islam erzählen“, so der Dresdner aufgebracht. Aber das sei bewusst so gewollt, dass der hier nicht eingeladen werde. Er fragte konkret, wie ständig von der Integration der vielen jungen Männer geredet werden könne, wenn diese sich laut dem Koran nicht mal mit Menschen anderen Glaubens anfreunden dürften. Dazu zitierte er eine entsprechende Koranstelle. Ein Diskutant führte knapp aus: „Das Christentum 2016 ist barmherzig. Kann das der Islam 2016 auch für sich in Anspruch nehmen?“

Der Tenor der Islam-Vertreter war in der Tat so wie man ihn aus den sonstigen offiziellen Verlautbarungen kennt. „Zentral durchgestellt“, würde der gelernte DDR-Bürger sagen und schmunzeln. Der Islam sei eine friedliche Religion, werde missbraucht und falsch ausgelegt,  so ein Vertreter.  Die jüngsten Terroranschläge seien dieser Religion „völlig wesensfremd“.  Damit spielte er unfreiwillig Spöttern wie dem Journalisten Hendrik M. Broder in die Hände, die stets davon sprechen, dass der Islam dieser Logik zufolge die am meisten missverstandene Religion sei. Die Muslime in Dresden seien integriert und sähen keinen Grund, warum sie sich ständig rechtfertigen müssten, hieß es weiter. Auch würden Sunniten und Schiiten hier gemeinsam ohne Streit in einer Moschee beten, war auf den Einwand eines Dresdners zu hören, der angemerkt hatte, dass sich die Muslime ja auch untereinander bekämpfen würden. Interessant war das implizite Eingeständnis, dass mit der muslimisch dominierten Massenmigration mehrheitlich junger Männer doch Gefahren für Leib und Gut der einheimischen Bevölkerung einhergingen. Auch die hier seit langem lebenden Muslime fühlten sich bedroht, bei ihren Wegen durch die Stadt, sagte einer der offiziellen Vertreter. Eine Dresdnerin hatte die wolkigen Wohlfühlblasen der eloquenten Religions- und Welterklärer mit den Worten zum Platzen gebracht, sie sei gerade vom Rundkino über die Prager Straße zur Kreuzkirche gelaufen. Dort lägen zerschlagene Bierflaschen und sie sei auf ihrem Weg „angemacht“ worden. Ein Vertreter der integrierten Muslime, ein junger Mann mit akzentfreiem Deutsch, sagte, dass auch er diese Blicke wahrnehme, mit denen ihm Einheimische begegneten. Sie sähen in ihm einen Vertreter dieser jungen, männlichen Straftäter, wie sie beispielsweise den Wiener Platz zu Dutzenden belagerten. Ein haarspalterischer Diskurs über das Kopftuch entbrannte bei den Ausführungen eines der offiziellen Vertreter des Islams, die zwischendurch immer mal auf Bürgerfragen antworteten. Es ging um den Fall einer muslimischen Schülerin, der das Tragen des Kopftuches in der Schule verwehrt worden sei. In atemberaubender Argumentationsumkehr sagte der Islamvertreter, so werde im Prinzip in Deutschland dasselbe gemacht wie im Iran. Dort würden die Frauen gezwungen Kopftuch zu tragen, hier verwehre man ihnen die Ausübung ihrer Religion. Das blieb nicht ohne Widerspruch. Integration beginne nun mal mit dem Abnehmen des Kopftuches, meinte ein Dresdner. Ein junger Mann, vom Habitus mit bunter Jacke und Piratenkopftuch optisch eher im linksalternativen Spektrum angesiedelt, rief aufgebracht: „Hier darfst Du auch nicht mit einer Naziflagge rumlaufen“. Der Beitrag des „Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche“ reihte sich nahtlos ein in die Hitparade der Relativierung. Er bemühte das Beispiel des Dreißigjährigen Krieges für  kriegerische politische Auseinandersetzungen, die religiös motiviert waren. Ein Glück, dass es damals noch keine Schnellfeuergewehre, Atomwaffen und den Flugverkehr gab, möchte man da sagen. Nicht auszudenken, was das Christentum dann angestellt hätte. Passend zum Niveau der Beiträge fiel auf, dass auch der kirchliche Rahmen selbst nicht mehr vor einer Profanisierung schützt. Mitten im Kirchenschiff setzte ein Zuhörer immer mal gut sichtbar seine Thermoskanne an die Lippen und nahm einen Schluck von was auch immer aus der Pulle. Auch ein anderer junger Mann hatte eine 1,5-Liter-Plastik-Wasserflasche griffbereit auf der Kirchenbank.  Auf dieses Benehmen in einem Sakralbau angesprochen, zuckte eine  Mitarbeiterin der Kirche nur ratlos mit den Schultern und lächelte entschuldigend. Was solle man machen? Man wolle in der aufgeheizten Stimmung nicht noch über sowas streiten. Immerhin sei das hier keine liturgische Veranstaltung, weshalb man über dieses Betragen hinwegsehe. Interessant wäre in diesem Zusammenhang die Antwort auf die Frage wie das in einer Moschee gehandhabt würde?

Fazit des Ganzen: Im Osten nichts Neues. Es stellt sich die Frage, wie lange man sich noch in diesen mehr oder weniger gut geführten Spiegelfechtwettbewerben duellieren will. Eine Dresdnerin forderte gleich darum gleich zweimal das Auftreten von Entscheidungsträgern, nicht nur des Dresdner Oberbürgermeisters. „Der Herr Tillich soll sich gefälligst hier her scheren und seinem Volk Rede und Antwort stehen“. Aber danach sieht es nicht aus. Und so dürften sich die Reihen beim nächsten Kreuzkirchengespräch weiter lichten. Es sind noch zwei Veranstaltungen in Planung. Aber eigentlich ist alles gesagt. Inzwischen auch von jedem. Von manchen sogar zweimal.


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Demonstrationsbiedermeier

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Pegida zelebriert den Jahresabschluss mit Liedersingen am Elbufer. Foto: beaverpress

Den Gegnern von Pegida nahezubringen, dass weniger mehr wäre, erscheint ein genauso aussichtsloses Unterfangen zu sein, wie Angela Merkel von ihrem „Wir-schaffen-das-Trip“ zu bekommen. Gut zu beobachten war das wieder beim „Jahresabschluss“ des Bündnisses am Montag in Dresden. Nachdem man den Organisatoren erst den angestammten Theaterplatz streitig gemacht hatte, sorgte ein „Einzelanmelder“ dafür, dass auch der Schlesische Platz vor dem Neustädter Bahnhof den Gegendemonstranten vorbehalten blieb. Wie so oft, wenn sich so etwas hochschaukelt, kommt Trotz ins Spiel und macht die Sache größer als sie es sonst wäre. Beide Lager hatten medial mobilisiert und so harrte besonders die Politik und ihr bedauernswerter Arm, die Polizei, der Dinge, die sich da in Dresden entwickeln würden. „Nach Leipzig“ wie es jetzt immer ohne erklärende Worte heißt, rechnet man mit dem Schlimmsten. Aber Dresden ist eben anders. Manches entbehrte nicht einer gewissen launigen Dialektik. Etwa, wenn Anhänger und Gegner mit denselben Zügen in die Elbestadt fahren. Dabei offenbarte sich wie schon so oft, der ganze Widersinn dieser Auseinandersetzung. Es sind eben keine „Rechten“ oder „Nazis“, die man noch in den Neunzigern an ihrer Kleidung, den Tätowierungen oder dem kahlrasierten Schädel erkennen konnte, die da einsteigen. So standen oder saßen sie jetzt beispielsweise neben schwarz gekleideten Jugendlichen, von denen einige auch im Zug eine Sonnenbrille trugen. Alle zeigten brav ihre Fahrkarten vor, als die Schaffnerin kam. Kein böses Wort fiel. Lenin hatte nicht ganz unrecht mit seiner Einschätzung des deutschen Revolutionsgebarens. Die Separierung der Lager erfolgte dann im Bahnhof Neustadt. Nicht an der Bahnsteigkante, sondern im Quertunnel darunter. Ein etwas älterer Bundespolizist ließ dort den Pulk der Fahrgäste auf sich zukommen und dirigierte offenbar nach einem eigenen Gesichts- und Kleidungsinterpretationsprogramm die Reisenden nach links (Pegida-Ausgang) oder nach rechts (Antifa-Demo). Das ging natürlich nicht ohne Diskussionen. Woher er denn wisse, dass er zu Pegida wolle?, fragte ein Mittvierziger den Beamten. Der lächelte nur hintersinnig, deutete in Richtung des entsprechenden Ausgangs, und sagte: „Geh dort lang, das ist besser.“
„Dort“ war das Königsufer, wohin man Pegida letztlich bugsiert hatte. Im Sommer finden hier die berühmten Filmnächte am Elbufer statt. Gegenüber die weltberühmte Silhouette der Stadt mit ihrem Wahrzeichen, der Frauenkirche. Der berühmte „Canaletto-Blick“. Dass man sich damit aus Sicht der Bekämpfer von Pegida ein gewaltiges Eigentor geschossen hatte, dürfte dem Letzten bei den ersten Fernsehbildern deutlich geworden sein. Eine bessere Kulisse als das hier hätte man den Pegidianern gar nicht bieten können. Dort standen sie in Massen den Hang hinauf und hatten den wuchtigen Baukörper des Kultusministeriums als akustischen Verstärker der Sprechchöre in Richtung Altstadt im Rücken. Viele kennen die Location auch, weil Schlagerbarde Roland Kaiser, ein erklärter Gegner von Pegida, sich hier von seinen Dresdner Fans feiern lässt. Der Bezug zu Roland Kaiser machte dann auch die Schätzung der Teilnehmerzahl leichter. „Wenn Kaiser ausverkauft ist, stehen hier 12000 Leute, aber heute sind mehr hier“, erzählte einer beim Erklimmen des Elbhanges. Zelebriert wurde die Veranstaltung dann wie der Jahresabschluss eines etwas zu groß geratenen Vereins. Die Nachricht, erste Autos würden brennen, sorgte für ein Aufstöhnen der Masse. Ein Ford-Fiesta stand etwas abseits des Geschehens in Flammen. Danach fanden sich Teile der unterschiedlichen Lager am nahen „Augustusmarkt“ wieder zusammen. Und da standen sie wieder einträchtig bei Apfel-Glühwein mit Zimt und Bratwurst zusammen an gemütlichen Fass-Tischen, die bärbeißigen Typen in Dachdeckerhosen, den Jacken von Engelbert & Strauß und die schwarz gekleideten Mädchen mit Piercings in Nase und Oberlippe. Ab und zu musterte man sich mal so nebenbei. War der bei Pegida? War die gerade noch bei der Antifademo am Bahnhof? Wer kann es wissen? Gegen 23 Uhr war längst wieder Ruhe eingekehrt. Die letzten Schwarzjacken und Graubärte enterten die Züge ins Umland. Jetzt ist erstmal Weihnachten. Vielleicht gelingt es den Akteuren abseits der Rednertribünen, den lagerverbindenden Gedanken von Glühwein und Weihnachtsstimmung an einem runden Tisch enden zu lassen. Dass auch das gehen könnte, hat der Montag gezeigt.