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Geschichten aus der Elbaue


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Dresden und die Terrorbusse

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Einer der Busse, die jetzt in Dresden zu einem umstrittenen Kunstwerk aufgetürmt wurden. Foto: Beaverpress

In der sächsischen Staatskanzlei muss man sich doch die Haare raufen. Gerade war einmal so etwas wie gespannte Ruhe in Deutschlands heimlicher Skandalhauptstadt eingekehrt, die Pegida am Verglimmen – die AfD mit den Nachwirkungen der „H-Bombe“ vom 17. Januar beschäftigt, da wird doch die nächste Sau durchs sächsische Valley getrieben. In Gestalt von drei hochkant stehenden Bussen soll auf dem Neumarkt, vor Lutherdenkmal im Reformationsjahr und Frauenkirche, an die Schrecken des Krieges in Syrien gemahnt werden. Viele Dresdner verstehen das allerdings nur als eins: eine Provokation. Bewusst gesetzt vor den mit den Jahren immer heftiger deutungstechnisch umkämpften Tag des „Angriffs“ wie die drei Bomberwellen der Alliierten hier nur genannt werden, die die unverteidigte Stadt in den Tagen um den 13. Und 14. Februar 1945 trafen. Bereits einen Tag vor der öffentlichen Einweihung, als die Busse mittels eines Kranes aufgerichtet und auf extra gefertigten Stahlstützen montiert wurden, zog es viele zum Ort des Geschehens. Mal gucken, wie der Sachse sagt. Dabei kam es schon zu den ersten Irritationen. Viele nahmen durch die Veröffentlichungen an, dass es sich um „echte“ Busse aus dem Kriegsgebiet in Syrien handele. Mit Einschusslöchern und Brandflecken. Immerhin haben die Dresdner Erfahrungen mit so etwas. Die Trümmer der Frauenkirche wurden jahrzehntelang an Ort und Stelle gelassen wie sie im Februar 1945 gefallen waren, um an die Schrecken des Krieges und die Zerstörungskräfte zu mahnen, über die der Mensch verfügt. Jetzt allerdings standen hier drei zwar farblich etwas verblasste aber sonst relativ intakte Busse mit Aufschriften wie „Sparkasse Bayreuth“ , „Ihr Partner in Stadt und Land“ und „Bei uns erwartet Sie dieses Lächeln über 700 Mal“, daneben ein lachendes Frauengesicht. Sofort entspannen sich dazu typisch ostdeutsche Fachsimpeleien unter mehrheitlich älteren Passanten über die Beschaffenheit des jetzt sichtbaren Unterbodens und der Reifen mit dem Tenor: Die Busse wären in der DDR noch dreißig Jahre gefahren.

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Wenn es heißt, dass Kunst alles darf und auch provozieren soll, dann kann man die Installation wohl schon jetzt als Jahressieger in dieser Kategorie führen. Denn bereits zur Einweihung wurde klar, dass Teile der Zivilgesellschaft das „Kunstwerk“ nicht unwidersprochen hinnehmen wollen. Die Protagonisten kamen bei dem Pfeifkonzert und den Rufchören trotz Lautsprecheranlage kaum zu Wort. Zuvor hatten sich Sachsens SPD-Chef Martin Dulig und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange den Menschen gestellt. Immerhin. Auch wenn vordergründig nicht viel dabei herauskam. Doch selbst am Tag danach wollte die in Dresden nicht sonderlich beliebte Wissenschaftsministerin einem suggestiv fragenden Redakteur von MDR aktuell nicht den Gefallen tun und nach einem irgendwie verschärften „Sicherheitskonzept“ bei solchen Anlässen das Wort reden. Auch nicht als der Redakteur fragte: „Sie haben sich doch sicher auch an die Pöbelleien des 3. Oktobers erinnert gefühlt?“

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Immerhin: Wissenschaftsminsterin Eva-Maria Stange und Wirtschaftsminister Martin Dulig, beide SPD, stellten sich der aufgebrachten Menge. Foto: beaverpress

Stange blieb unerwartet sachlich und nahm die Dresdner sogar in Schutz. Die Menschen seien eben sehr aufgeregt in diesen Zeiten und die Erinnerung an den 13. Februar etwas Besonderes in dieser Stadt. Jetzt nach einem wie auch immer gearteten Sicherheitskonzept zu streben, sei nicht die richtige Antwort. Immerhin sei genügend Polizei auf dem Platz gewesen. Doch das Problem ist gerade in Dresden und im Pegida-Umfeld ein anderes. Die Sicherheitskräfte haben es hier mit dem „Sebnitz-Effekt“ zu tun. Dort gab es im Sommer zum Deutschen Wandertag ähnliche Szenen als Bundespräsident Gauck ein Bad in der Menge nehmen wollte, das zum Spießrutenlauf in Richtung Dienstlimousine mit Rückendeckung durch behelmte Bundespolizisten wurde. Erkennt man beim Fußball oder anderen politischen Frontenstellungen die Kombattanten oft schon an ihren Dresscodes oder grob am Alter und typischen Gesten, fällt das gerade im konservativen Umfeld als Unterscheidungsmerkmal aus. Man weiß nicht, ob der graumelierte Herr mit Hut, Lodenmantel und sorgsam gestutztem Schnauzer im nächsten Moment sittsam klatscht und der Obrigkeit zustimmt oder plötzlich doch „Hau ab“ ruft und die Trillerpfeife zückt. Wie soll die Polizei hier die Spreu vom Weizen trennen? Bei einigen war das leicht. Sie gaben sich durch selbstgebastelte Schilder mit Aufschriften wie „Hilberts Schrottplatz“ und Ähnlichem zu erkennen. Viele andere aber nicht. Der umstrittene Einweihungstermin war gerade überstanden und die Leitmedien der Republik hatten trotz des nur regionalen Geschehens wieder verlässliche Tumultbilder aus Dresden für die überregionalen Sendungen heute und Tagesthemen, da wurde noch in der Nacht zu Tag zwei der Installation die nächste Eskalationsstufe eingeläutet. Denn sofort hatten sie Neugierige an die Rechner gesetzt und das Kunstwerk und seinen Hintergrund unter die Lupe genommen. Womit sich der nächste Skandal andeutet. Denn im Original war auf den Bussen in Aleppo die Flagge einer Terrormiliz gehisst, die vom Bundeskriminalamt als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Dass Dresdens OB Dirk Hilbert als vielbeschäftigtes Stadtoberhaupt keine Bildkontrolle mittels Google vornimmt, ist verständlich. Als politisch Verantwortlicher muss er aber ausbaden, was in seiner Stadt so alles unter dem Deckmäntelchen des Wahren und Guten und mit ihm als Laudator veranstaltet wird. Schon in der Vorwoche hatte er die Gemüter seiner Dresdner wieder mit dem Stochern in der alten Wunde von Dresden als „schuldiger Stadt“ zum Kochen gebracht. Es ist nicht nur die nie abreißende Diskussion um die Opferzahl, die stets aufs Neue für Emotionen rund um den 13. Februar sorgt, sondern auch der leichtfertige Umgang mit den Gefühlen der Menschen. Reine Zeitzeugen, die es noch gibt, waren damals im Kindesalter. Aber in vielen Familien in der Stadt und im Umland sind die Erzählungen der Eltern und Großeltern, die den Feuersturm mit eigenen Augen sahen oder sogar überlebt haben, Teil tradierter Familiengeschichte wie sie zu Hochzeiten, Geburtstagen oder Jugendweihen weitergeben wird. Hilbert mag ein guter Wirtschaftsbürgermeister sein, aber in diesen Zeiten wünschte man sich einen gedankentiefen und historisch belesenen Reflektierer vom Schlage eines Richard von Weizsäcker und nicht einen Getriebenen seines rot-grünen Stadtrates, dessen einzige Markenzeichen seine Fülle und die harte Betonung weicher Konsonanten ist. Und so wird er es ertragen müssen, dass die Menschen auch zu anderen Anlässen „pöpeln“ wie er es in die Kameras des MDR sprach. Und das geht schon weiter, wenn auch nur im Internet.
Nach ersten Posts, die noch in der Nacht auf Facebook ihre Bahnen zogen, griff am Folgetag auch die örtliche Presse das Thema mit der Terroristenfahne auf. Ex-Pegida Frontfrau Tatjana Festerling formulierte drei Fragen an OB Hilbert mit Beantwortungsfrist binnen 24 Stunden. Lutz Bachmann meldete sich per Videoclip von den Kanaren und kündigte eine Privatklage seines Vaters als in seinen Gefühlen verletzter Betroffener der Bombennacht von 45 gegen das Terror-Denkmal an.
Ob das Dresdner Staatsschauspiel seinen Spielplan fürs erste Halbjahr komplett aussetzt, ist noch nicht bekannt. Die AfD jedenfalls setzt ihren Parteitag zur Listenwahl jetzt doch als Delegiertenparteitag und nicht wie von der Parteispitze favorisiert als Mitgliederparteitag fort, um unliebsame Listenkandidaten rauszukegeln. Und auch Akif Pirincci wird in Kürze wieder ein Gastspiel in der Landeshauptstadt geben. Das Amtsgericht Dresden hatte seine Rede zum Pegidageburtstag 2015 transkribiert, unter die Lupe genommen und dem Autor daraufhin „Volksverhetzung“ attestiert. Aber gegen Zahlung von 11 700 Euro könne man darüber hinwegsehen und das Volk seiner Verhetzung überlassen. Und genau an diesen Stellen stellt sich immer wieder die Frage, wieviele solcher „Fälle“ von Bachmann bis Pirincci die Verantwortlichen eigentlich noch brauchen, um zu begreifen, dass man politische Kämpfe, die man mit juristischen Mitteln weiterführen will, nur verlieren kann. Dulig und Stange, beide SPD, haben immerhin mit ihrem Erscheinen an einem zu Recht vermuteten Brennpunkt zu erkennen gegeben, dass sie die Botschaft verstanden haben. Sie stellten sich, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Aber ein Anfang ist gemacht. Aber wann hört die CDU im Freistaat das Hupen der Busse vom Neumarkt? Autor Akif Pirincci hat bereits in einem freudig-triumphierenden Post auf Facebook angekündigt, dass er selbstverständlich in Widerspruch gehen und das dann stattfindende Verfahren als große Bühne zu nutzen gedenke. Was einen Tag später auch eine Meldung des MDR bestätigte. So schafft man Volksfeststimmung. Wir haben zum Glück auch keine anderen Probleme.


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Die AfD reibt sich an der H-Frage

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Großes Medieninteresse herrschte schon am ersten Tag beim Landesparteitag der sächsischen AfD in Groitzsch. Foto: beaverpress

Um eine K-Frage wie bei CDU und SPD geht es bei der AfD noch lange nicht. Das machte Parteichefin Frauke Petry den Delegierten des Landesparteitages der sächsischen AfD am Sonnabend in Groitzsch gleich am Anfang klar. Man rechne mit einem zweistelligen Ergebnis zur Bundestagswahl im Herbst, sei aber eine Partei der Realisten, die nicht auf illusionäre 51 Prozent hoffe. Doch an spannenden Themen ist gerade in den sächsischen Gefilden der neuen rechtskonservativen Partei kein Mangel, was auch der Auftrieb an Medien zeigte. Denn statt der K-Frage beschäftigt die AfD zum wiederholten und sehr heftigen Mal die „H-Frage“. Und die lautet seit dem 17. Januar: „Wie hältst Du´s mit dem Höcke?“ Denn der 17. Januar war der Tag als der Frontmann der Thüringer AfD ausgerechnet im Revier von Parteichefin Frauke Petry seine inzwischen Wellen schlagende „Dresdner Rede“ vor dem Publikum eines übervollen Ballhaussaales hielt. Höckes Aussagen sind inzwischen hinlänglich kolportiert und auf Youtube nachsehbar. Frauke Petry reagierte unmittelbar am Folgetag und jagte einen Post in den Facebook-Orbit mit dem Slogan: Höcke ist eine Belastung für die Partei. Ein Schuss mit der Schrotflinte in einen Hühnerstall versinnbildlicht wohl nur unvollkommen, was daraufhin im virtuellen AfD-Universum losbrach. Das zeitgleich angeschobene Parteiausschlussverfahren ging zugunsten Höckes aus und markierte die Grabenlinien. Ein Post machte die Runde, auf dem das Auditorium des vollen Ballhauses abgebildet war, in dem Höcke sprach. Dazu der Satz: Das ist dein Landesverband. Gemeint war Frauke Petry. Obwohl der Termin für den Listenparteitag nun lange vorher feststand, war klar, dass das Thema Höcke hier mit Macht auf die Tagesordnung drängen wird. Sachsen-AfD-Generalsekretär Uwe Wurlitzer selbst machte den Vorschlag, einen Punkt „Höcke-Diskussion“ in die Tagesordnung einzufügen. Eine Aussprache über die künftige Ausrichtung der Partei mit Blick auf die drängenden Probleme des Landes sei notwendig, so Wurlitzer. Außerdem könne es nicht sein, dass Mitglieder sich auf zum Teil übelste Art gegenseitig beschimpften. Und das alles wegen Höcke, schwang ungesagt mit.  Doch in dieser Frage zeigte sich eine Kluft zwischen Landesvorstand und Delegierten. Denn mit großer Mehrheit wurde die von der Spitze angeregte Diskussion von den Versammelten abgelehnt. Was wieder einmal die speziellen sächsischen Verhältnisse aufzeigt. Denn die Trennlinie zwischen AfD und den inzwischen verschiedenen Strömungen von Pegida lässt sich nicht sauber ziehen. So fanden sich im Saal in Groitzsch eine Vielzahl von Gesichtern, die bei Höcke am 17. Januar dabei waren und die bei der Restpegida um Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz ausharren. Auch die Mitglieder zahlreicher lokaler Vereinigungen finden sich im großen Sammelbecken der Sachsen-AfD.

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Ex-Pegida, aber auch Ex-AfD-Mitglied Tatjana Festerling (2.v.l.) beobachtete den Parteitag von einem hinteren Tisch. Foto: beaverpress

Besondere Beachtung fand jedoch, dass Ex-Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling in Groitzsch ganz hinten Platz genommen hatte und interessiert dem Lauf der Dinge folgte. Immer wieder steuerten einzelne Delegierte ihren Tisch an, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Das blieb natürlich auch von Kritikern nicht unbemerkt, weshalb einer zum Saalmikrofon ging, und sagte, es säße hier eine „Frau Festerling“ unter den Gästen und man möge sie doch ausschließen. Er musste sich vom Versammlungsleiter belehren lassen, dass die hier zur Anwendung kommende Bundessatzung der AfD keinen Punkt „Ausschluss von Frau Festerling“ vorsähe. Mit dem Auftauchen Tatjana Festerlings deutet sich eine „Heimkehr der verlorenen Tochter“ an. Sie gehörte zum Gründungsteam um Bernd Lucke. Auf sie geht das Parteimotto „Mut zur Wahrheit“ zurück, das Frauke Petry in ihren Eingangssätzen oft gebrauchte. Tatjana Festerling ist auf jeden Fall keine von den „Luckisten“, die Höcke in seiner Dresdner Rede verdammte und ihnen unterstellte, dass sie nur die lukrativen Posten in Berlin mit ihren „Freifressen“ und „Freisaufen“ der Lobbyisten im Sinn hätten. Sie schmiss zum Bremer Parteitag im Frühjahr 2015 den Bettel hin als sich abzeichnete, dass „Oberluckist“ Lucke sich durchsetzt. Zu früh, wie manche Mitstreiter  bedauerten. Sie suchte ihren Platz bei Pegida und auf der Straße. Bis zum „Schisma“ wie einige die Trennung bei Pegida im Frühjahr 2016 scherzhaft nennen. Bis heute laufen an manchen Montagen immer noch bis zu 4000 Menschen bei der Restpegida von Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz mit. Was aber darüber hinwegtäuscht, dass die Pegida-Oberbürgermeisterkandidatin Tatjana Festerling gegen alle Prognosen, aus dem Stand und ohne den Bonus der „Dresden-Geburt“ rund zehn Prozent bei den Wahlen im Juni 2015 bekam. Zum Vergleich: Der jetzt im zweiten Anlauf als Direktkandidat für den Bundestag antretende AfD-Mann Stefan Vogel schaffte gerade rund fünf Prozent zur Dresdner Bürgermeisterwahl.  Jetzt also heißt es bei der AfD scheinbar: Tatjana is back. Diese „Planetenbahnen“ und Kollisionen offenbaren die  Findungsprozesse in dieser jungen Partei, die Alexander Gauland in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ so treffend einen „gärigen Haufen“ nannte. Hier ist noch lange nichts gesetzt oder erstarrt. Hier ist vieles noch im Werden, wofür symbolisch Frauke Petrys Babybauch steht. Was abseits der Parteitagsformalien für wesentlich angeregtere Erörterungen sorgte. Tenor: Schafft sie die Doppelbelastung mit Kind und Bundestagswahlkampf? Von Festerling bekommt Petry schon mal verbalen Flankenschutz in Sachen Höcke. Obwohl selbst gern pointiert austeilend, attestierte Festerling dem Thüringer lupenreinen „NPD-Sprech“. Ein Vorwurf, der in Bezug auf Höcke nicht zum ersten Mal zu hören ist. Ob sein goebbelsähnliches Tremolo, in das er manchmal verfällt, Zufall oder gewollt ist, darüber kann spekuliert werden. Eine Rolle bei Festerlings Ablehnung dürfte aber auch spielen, dass Höcke wiederum „dicke“ mit „Lutz“ und „Siggi“ ist. Lutz Bachmann hatte zuletzt für eine Schlammschlacht und Boulevard-Titelseiten um eine altes Handy und angebliche schlüpfrige Filmchen darauf gesorgt.  Biedere AfD-ler zwischen Treuen im Vogtland und Sohland/Spree haben es schwer in diesen Tagen, den Überblick zu behalten und „dran“ zu bleiben. Um sich auf die „Sache“ zu besinnen, regte einer nach dem zähen Start der Veranstaltung ausgerechnet noch an, erstmal die Nationalhymne zu singen, damit allen mal wieder bewusst werde, worum es eigentlich geht. Der Vorschlag wurde als Antrag zur Geschäftsordnung behandelt und mit großer Mehrheit abgelehnt. Vielleicht ein erstes Indiz, dass die AfD ganz langsam auf dem Weg zu einer normalen Partei ist.


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Sarrazin schafft sich ab

eisterPolizeiautos vor der Tür und streng schauende Security-Männer sind inzwischen so etwas wie ein Gütesiegel, dass im Inneren eines so bewachten Gebäudes

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Thilo Sarrazin kurz vorm Betreten der Bühne im Dresdner Quality Hotel Plaza. Im Gegensatz zu früheren Auftritten in der Stadt blieben viele Plätze leer. Foto: beaverpress

eine spannende Veranstaltung stattfindet. So wie am Mittwoch in Dresden als im Quality Hotel Plaza der Skandalautor der letzten Jahre schlechthin erwartet wurde – Thilo Sarrazin. Er ist derzeit auf Tour mit seinem neuesten Buch „Wunschdenken“. Untertitel: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert. Im Grunde sind alle seine Bücher die unausgesprochene Fortsetzung seines Millionensellers „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010. Von dem machte im letzten Jahr das Bonmot die Runde, es sei als Warnung gedacht gewesen und nicht als Handlungsanweisung. Doch genau so schien es vielen, die im Herbst des Jahres fassungslos auf die Bildschirme starrten und zeitversetzt erleben mussten wie in ihrer Nachbarschaft Turnhalle auf Turnhalle sich mit fremden Menschen füllte, die in den Medien pauschal als „Flüchtlinge“ bezeichnet wurden. Erwartungsgemäß nimmt das Thema Einwanderung in Sarrazins Buch breiten Raum ein. Doch das Interesse der Leser an Analyse scheint durch die überholende Wirklichkeit geschwunden zu sein. Füllte Sarrazin Anfang 2011 noch locker eine Messehalle in Dresden, blieb diesmal gut ein Drittel der Sitze in dem stilvoll renovierten einstigen Ballsaal des Hotels leer. Und man kann es kurz machen. Was Kompanien von Schreibern und unzähligen politischen Gegner des Autors in den letzten fünf Jahren nicht hinbekamen, erledigt der Meister gerade selbst: Sarrazin schafft sich ab. In Dresden optisch gut sichtbar. Begrüßte der der Saal den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Bundesbanker fast geschlossen mit stehenden Ovationen, war es am Ende der Veranstaltung nur noch eine Handvoll, die dem Autor auf diese Weise huldigte. Gerade die Fragerunde zeigte: Man hatte sich von ihm Hilfe, Zuspruch und Wegweisung erwartet. Gerade er, der Ruhige, der Grübler, der Statistikverliebte ist so etwas wie der Messias der Zweifler in diesem Land.  Wer, wenn nicht er, müsste jetzt wissen, was zu tun ist. Doch gerade hier wurde überdeutlich, ein Sarrazin betreibt Schreibarbeit nur um seiner selbst willen. Das Lob und der frenetische Beifall des Pöbels ist ihm wahrscheinlich mehr als peinlich. Und dann erst die Fragen, die diese Menschen in karierten Hemden und Cordhosen stellen. Quälende vier Mal antwortete er auf die Frage eines Dresdners, was er denn zu dem Treffen der Bilderberger hier in der Stadt sage: Ich verstehe sie nicht. Der Fragende wiederholte zunehmend aufgeregt seine Frage immer wieder. Endlich Sarrazins Antwort: Warum sollen sich einflussreiche Leute nicht treffen?  Dann stellte er sich doch nicht länger dümmer als er ist und holte aus: Wenn der Fragesteller damit insinuieren wolle, dass die Gesellschaft von irgendwelchen Kräften im Hintergrund regiert werde, so halte er das für eine haltlose Verschwörungstheorie. Will heißen, bleibt mir bloß fort mit euren selbstgebastelten Theorien aus dem Internet und obskuren Büchern. Auf dieses Niveau lässt sich ein Sarrazin nicht ziehen. Was aber die Frage offen lässt, worüber einflussreiche Leute so abseits der Öffentlichkeit sprechen, wenn es nicht um den Austausch von Angelergebnissen oder das Zeigen von Kinderbildern geht? Ähnliches Muster beim Thema TTIP. Was er denn dazu sage, dass hier offensichtlich nicht mal der Versuch unternommen werde, Deutsche Interessen zu wahren und was er insgesamt davon halte. Auch hier erst wieder der Verweis auf die phonetische Unverständlichkeit der Frage, obwohl die Fragerin klar zu verstehen war und allein das Reizwort TTIP ausreichen dürfte, um grob zu erfassen, worum es geht. Er habe sich darauf nicht vorbereitet, könne deshalb nichts dazu sagen, so die lapidare Antwort. Nicht vorbereitet? Der Zahlenmensch Sarrazin, der Ex-Bundesbanker, der Weltökonom kann nichts aus dem Stehgreif zu TTIP sagen? Hat sich darüber keine Gedanken gemacht? Die Stimmung kühlte fühlbar ab im Saal. Und sie wurde auch nicht besser als einer fragte, wie er sich denn die Rückführung abgelehnter Migranten vorstelle. Immerhin das nimmt breiten Raum in seinem Buch ein. Was die Zuhörer dann zu hören bekamen, könnte allenfalls mal ein Drehbuch für einen zweitklassigen Abenteuerfilm mit Hardy Krüger taugen, wenn der sich das noch zutraut, denn als ernstgemeinte Handreichung für die Politik. Er könne sich vorstellen, dass einige Transall-Maschinen unter Begleitung von Abfangjägern eine Landepiste irgendwo in Afrika ansteuern und die Migranten dort „freigesetzt werden“.  Das ist Thilo Sarrazin 2016. Ernsthaft. Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling versuchte es dann doch noch einmal, den Doyen der Regierungskritik zu einer handfesteren Aussage zu drängen. Was nach den Feststellungen von Gunnar Heinnsohn (Youth Bulge), von Professor Rindermann (Untersuchungen zum IQ von Migranten) und seinen eigenen Erkenntnissen noch geschehen müsse, um die Regierung zum Einlenken zu bewegen und welcher Kraft er das zutraue? Eine Frage, die in Abwandlungen mehrmals kam. Hier wurde deutlich: Sarrazin bekennt keine Farbe. Kraftlos und nichtssagend seine Antwort: Die Veränderung müsse aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Abseits des Podiums riet er Festerling, ihr „Mundwerk zu zügeln“, worauf sie erwiderte, er sei ja wohl der  Meister der kalkulierten Provokation mit seinen „Kopftuchmädchen“. Sarrazin selbst brachte als angedeutete Antwort eine Geschichte, die ihm widerfuhr, als er Anfang der 80iger Jahre mit dem Zug von Polen nach Köln durch die DDR fuhr. Die Polen im Abteil hätten plötzlich wie ein Mann zusammengehalten als einem Landsmann vom polnischen Zoll ein 100-DM-Schein weggenommen werden sollte. Soweit eine Metapher auf den fehlenden Zusammenhalt der Deutschen heute in entscheidenden Fragen wie der Migrationskrise. Dann seien DDR-Zöllner gekommen und die wären aufgetreten wie einst die SS und hätten die Polen ihre Macht spüren lassen. Das sei der Geist der Gesellschaft gewesen. Was Sarrazin als mit einem westdeutschen Pass gebenedeiter damals aber entging war der Umstand, dass diese DDR-Grenzer mit ihren blanken Schaftstiefeln und ihrem SS-haften Auftreten auch gegen den größten Teil der Einwohner dieses Landes standen. Einziges greifbares Fazit seines gut einstündigen Vortrags ist der resignative Ausblick.  „Geist und Geld werden sich davon machen“, so Sarrazin. Schon jetzt achteten immer mehr gebildete Eltern darauf, dass ihre Kinder in Schulen ohne Migranten und nicht abgesenkten Standards lernen können. Über kurz oder lang werde sich diese Schicht im Stillen davonmachen. Nur einmal blitzte der alte Kampfgeist und Humor noch auf. Als die Rede auf Angela Merkels sagenhaften Auftritt bei Anne Will zur Sprache kam. Der schonende Umgang der Medien sei ganz klar der Parteibuchpolitik vor allem im Fernsehen bei der Besetzung wichtiger Posten geschuldet. Mit ihm als Frager wäre Angela Merkel schweißgebadet aus dem Studio gegangen, so Sarrazin selbstbewusst. Seinem Publikum in Dresden wird eher lauwarm zumute gewesen sein.


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Pegida besteht den Härtetest

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Trotz Dauerregen, Sturm und Donner – der harte Kern von Pegida lässt sich nicht vom Demonstrieren abhalten. Foto: leo

Was sich da fast auf die Minute pünktlich zum Beginn der Pegida-Demo am Montag in Dresden zusammenbraute, war heftiger als alle Gegendemonstrationen zusammen. Blitz, Donner und strömender Regen setzten Dresden und weite Teile des Umlandes schlagartig unter Wasser. Doch dem Zustrom zu den montäglichen Spaziergängen tat das keinen wesentlichen Abbruch. Man stand unter Regenmänteln, Schirmen oder wurde eben nass bis auf die Haut. Für die Organisatoren und auch die Anhänger war dieser Montag gewissermaßen der Härtetest. Dieser harte Kern, der sich auf dem Schlossplatz einfand, lässt sich durch nichts abhalten bei seiner Meinungsbekundung. Geschätzt werden es um die 5000 gewesen sein, die da standen. Was zu der Entscheidung führte, das Ganze an diesem Montag auf dem Schlossplatz zwischen Brühlscher Terrasse und Hofkirche abzuhalten, ist nicht bekannt. Aus PR-technischer Sicht war es eine gute Entscheidung. Denn der Platz ist kleiner als der Altmarkt und damit leichter zu füllen. Auch optisch. Und die barocken Fassaden des alten Dresden bieten einen wunderbaren Hintergrund für die unzähligen Fahnen, die bei Pegida geschwenkt werden. Auch die neue Marschroute über die Augustusbrücke, vorbei am Finanzminsterium und der Staatskanzlei und zurück über Carolabrücke und dann die Uferstraße wieder zum Schlossplatz hinauf sorgt für Aufmerksamkeit und schöne Bilder. Bei den Reden stach wieder die von Pegida-Sprecherin Tatjana Festerling hervor.

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Einer hatte passenderweise seine Angel als Fahnenstange umfunktioniert. Foto: leo

Die Hamburgerin, die im Juni als Pegida-Kandidatin zur Dresdner Oberbürgermeisterwahl antritt, legte vor allem wieder den Finger in die Wunde beim Thema „ungebremste Zuwanderung“. Dabei ging sie besonders auf die Probleme mit jungen Migranten ein, die aus dem nordafrikanischen Raum illegal einwandern. Obwohl gerade erst wieder das vergangene Wochenende ausgerechnet auch im Pewgida-Epizentrum Dresden eine makabre argumentative „Steilvorlagen“ geliefert hatte, ging sie in Anbetracht des neuerlichen Todesfalls in einem Asylbewerberheim nur verhältnismäßig kurz auf diesen Skandal ein. Stattdessen las sie genüßlich eine Passage aus einem Katalog des Reiseveranstalters Öger-Tours vor, in dem mit schmeichelhaften Worten eine Marokko-Rundreise beworben wird. „Das ist ein Urlaubsland. Dort herrscht kein Krieg. Das sind Wirtschaftsflüchtlinge“, rief sie den Demonstranten zu.
Pegida wird aber auch lokal und ganz praktisch. Und zwar in Bezug auf die OB-Wahl im Juni. Die Stadt Dresden suche noch Wahlhelfer. Deshalb wurden die Anhänger aufgefordert, sich als solche zu melden. Das böte den Vorteil, dass Gewährsleute bei der Auszählung dabei seien. Und eine Aufwandsentschädigung gibt es obendrein. Auch werde man jetzt jedes Mal Flyer zu aktuellen Themen vorbereiten, die von den Anhängern dann in ihrem privaten Umfeld verteilt werden können.

 


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Tatjana bei der „kleinen“ Pegida in Freital

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In Freital trifft sich der Pegida-Ableger immer freitags. In letzter Zeit waren die Teilnehmerzahlen gesunken. Foto: leo

Neben Dresden hat sich inzwischen eine Vielzahl von Pegida-Ablegern gebildet. Ein größerer befindet sich in unmittelbarer Nähe der sächsischen Landeshauptstadt, in Freital. Hier wird immer freitags demonstriert. Und diesmal mit prominenter Pegida-Unterstützung aus der Landeshauptstadt. Denn Lutz Bachmann und die Pegida-OB-Kandidatin für Dresden, Tatjana Festerling, waren extra in die ehemalige sozialdemokratische Musterstadt Freital gekommen. Und die will nicht zur Ruhe kommen. Hier sollen hauptsächlich junge, männliche Asylbewerber im Hotel Leonardo untergebracht werden. Dagegen regt sich seit Februar Widerstand. Der war in den letzten Wochen schon im Abflauen begriffen, erhielt aber vergangene Woche wieder neue Nahrung. Schon länger gibt es mit dem in Schmiedeberg befindlichen Asylbewerberheim und seinen Bewohnern Schwierigkeiten. Berichtet wurde von unflätigem Verhalten im Bus und zuletzt der Belästigung eines elfjährigen Mädchens durch Asylbewerber. Vergangenen Sonntag nun brannte die Einrichtung in Schmiedeberg. An zeitgleich zwei Stellen. Während in den Medien mehr oder weniger suggeriert wurde, dass es sich dabei auch um einen Angriff von außen gehandelt haben könnte, wusste ein Redner in Freital mehr. Die gesamte Nachrichtenlage werde gedeckelt, behauptete er. Er wisse von Feuerwehrleuten, dass diese beim Löschen in Schmiedeberg gehindert wurden, während die Bewohner feixend und mit gepackten Koffern daneben standen. Es ist kein Geheimnis, dass die jungen Nordafrikaner lieber in den großen Städten untergebracht werden wollen als in abgelegenen Städtchen des Osterzgebirges wie in diesem Fall. Polizei und Feuerwehr seien gehalten, die wahren Vorkommnisse um den Brand in Schmiedeberg zu verschleiern, um die Lage nicht noch mehr zu verschärfen. Doch das ist sie schon längst. Nachdem bekannt wurde, dass die Schmiedeberger in Freital untergebracht werden, versammelten sich vergangenen Donnerstag etwa 100 Anwohner zu einer Spontandemo, die dann ad hoc bei der herbeigeeilten Polizei angemeldet wurde. Auch deshalb waren es am Freitag zur regulären Demo wieder mehr Teilnehmer, obwohl man sich noch mehr gewünscht hätte, wie ein Redner bekannte. Tatjana Festerling ging dann in ihrer Rede auf die jüngsten Entwicklungen in Sachen Flüchtlingströme und Schleuserunwesen im Mittelmeerraum ein. Dabei nahm sie auch wieder die jüngsten Äußerungen von Politikern aufs Korn. So hätte Angela Merkel angeregt, dass man Schiffe einsetzen könne, um die Flüchtlinge schon in den lybischen Gewässern aufzunehmen. „Na klar, wir richten eine Aida-Fährverbindung zwischen Libyen und Lampedusa ein“, rief Festerling den Massen zu, die begeistern klatschten. „Damit sich die Flüchtlinge schon mal an den Luxus gewöhnen, der sie in Deutschland erwartet“, so die Hamburgerin weiter. Was in Dresden bei den „großen“ Pegidaveranstaltungen nicht ganz so auffällt wird bei „Auftrittsorten“ wie Freital überdeutlich.

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Tatjana Festerling bei ihrer Rede vor den Freitalern. Foto: leo

Festerling sticht mit ihren prononcierten und tiefgründigen Reden heraus. Und es darf bezweifelt werden, ob ihr die Masse immer so geistig folgen kann, wenn sie beispielsweise in ihrer Rede auf das Buch Getrud Höhlers über Angela Merkel verweist, in dem die Professorin eine „Erosion der Demokratie“ in Deutschland beklagt, die sie Merkel anlastet. Es könnte sich lohnen, Wetten anzunehmen, wer auf dem Platz in Freital den Namen Gertrud Höhler kennt, geschweige denn das Buch mit dem Titel „Die Patin“ gelesen hat. Was in Freital vor der Rednertribüne steht ist zum überwiegenden Teil nicht die Sorte Bürger, die viele Bücher im Schrank hat. Eher noch Zeitschriften über Handys, Schminktips oder den Spielplan von Dynamo. Aber soll man auf ein anderes Volk warten?, wie der Verleger Götz Kubitschek neulich auf einer Pegida-Diskussionsrunde in Dresden fragte. Eins, das besser angezogen und weniger peinlich ist? Tatjana Festerling scheint solche Gedanken, wenn überhaupt, dann nur im Stillen zuzulassen. Hier schüttelt sie Hände, lässt Umarmungen wildfremder Leute zu und stellt sich bereitwillig mit hin für ein Foto der Clique mit Kind und Tatjana.
Jetzt schaut alles wieder nach Dresden, wo man nach dem Wilders-Besuch eine Woche Demopause eingeschoben hat. Freital will weitermachen. Auf jeden Fall, wie ein Redner verkündete. Man wolle in Zukunft auch nicht mehr die abseitige Runde durch die Stadt laufen, sondern in Richtung Flüchtlingsherberge. Auch die spontane Aktion der letzten Woche könnte durchaus eine Premiere gewesen sein, die man verfeinern wolle, wurde angedeutet.