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Geschichten aus der Elbaue


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Pegida reif für die Filmförderung

Wenn du denkst, es geht nicht mehr – kommt irgendwo ein amtliches Schreiben her. So wie in Dresden Anfang November aus dem Rathaus an die Adresse der Pegidaverantwortlichen. Darin stand, dass es den Beiden, welche Lutz und Siggi heißen, ab sofort verboten ist, den montäglichen Rentnertreff zu leiten. Das Ganze bis 2021, was allein schon zeigt, dass man im Rathaus gegen den allgemeinen Trend in der Politik nicht in Legislaturperioden denkt, sondern kürzer. Wer bis dahin nur argwöhnisch vermutete, dass das Rathaus in irgendeiner klandestinen Art und Weise mit den Machern der montäglichen Motz- und Laufstunde unter einer Decke steckt, fand hier seine letzte Bestätigung. Die Gründung irgendwelcher neuerlichen Bündnisse für Toleranz, Trallala und noch irgendwas ist dabei reine Tarnung. Denn dieses Schreiben wirkte wie der sprichwörtliche Luftstoß aus dem Blasebalg in die verglimmende Pegida. Alle Welt fragte sich natürlich, warum der Wind plötzlich wehte. Und das Rathaus schob die Begründung einige Tage später nach. Es war das despektierliche Verhalten einiger Festbesucher zum Tag der Deutschen Einheit. Politiker, die in die Frauenkirche zum Festgottesdienst wollten, mussten sich Sätze wie „Haut ab“ oder Etikettierungen wie „Volksverräter“ anhören. Ihre Majestät musste sogar einen Bus nehmen, um vom Gotteshaus in die Semperoper zur nächsten Feierstunde zu kommen, weil man befürchtete, dass das ursprünglich geplante „Bad in der Menge“ (der jubelnden Werktätigen) eher zu einem Spießrutenlauf werden könnte. Überhaupt hatte man wenig sensibel die Semperoper als Ort der Hauptfeier auserkoren. Wurde die doch selbst von einem Umstürzler ersten Ranges erbaut. Eine Gedenktafel an der Ecke Wilsdruffer Straße verkündet, dass der junge Gottfried Semper den Dresdner Barrikaden von 1848 erstmal den richtigen Schliff verpasste, indem er seine Kenntnisse als Baumeister einfließen ließ. Gelernt ist eben gelernt. Ein gewisser Richard Wagner war damals auch ganz vorne mit dabei. Dessen Musik immerhin mag die ungekrönte Monarchin des Landes. Zumindest haben ihr die Grünen den jährlichen Besuch in Bayreuth noch nicht verboten. Wahrscheinlich nur, solange sie ihre Marschverpflegung nicht bei Edeka kauft. Die Dresdner hatten sich aus Sicht des Berliner Hofes samt angeschlossenen Berichtern am 3. Oktober wieder mal mächtig danebenbenommen. Und Bachmann, der schlimme Finger,  hatte dazu mehr oder weniger verklausuliert aufgerufen, indem er eine „Raucherpause“ auf dem Neumarkt via Facebook zur besten Sendezeit anregte. Die Bilder sind bekannt. Die Empörung war wohlfeil und erwartbar. Obwohl Henryk M. Broderdsc_0207

Pegida als Vorabendserie? Die Geschichte der Dresdner Protestbewegung gäbe ein schillerndes Drehbuch ab. Um Längen unterhaltsamer als derzeitige Programmangebote. Foto: beaverpress

im N-24-Interview trotz suggestivstem Nachfragen des Moderators alles Nötige zu den Dresdner Vorgängen an diesem Tag gesagt hatte, fertigte man im Rathaus besagte Verbotsverfügung. Dabei muss man sich gerade dort im Klaren gewesen sein, wie es ankommt.  Wahrscheinlich war Druck von Oben im Spiel.

Man konnte nur mit dem Kopf schütteln. Als ob es darauf ankommt, wer da am Montag die Versammlungsauflagen vorliest. Die, die dort nach zwei Jahren noch stehen, können sie ohnehin herunterbeten wie ihr neues Vaterunser.

Und das ist genau der Punkt. Pegida gehört nicht verboten, sondern ist längst ein Fall für die Filmförderung des Freistaates Sachsen, wenn nicht der Bundesrepublik Deutschland. Denn mal ehrlich: Reichte einer ein Drehbuch mit dieser Geschichte als Plot ein, er bekäme es mit hundertprozentiger Sicherheit um die Ohren wegen völliger Absurdität. Wie heißt es immer? Das Leben schreibt die tollsten Geschichten?  Aber das hier gibt´s in keinem Russenkino. Treten wir mal einen Schritt beiseite und schauen mal ohne Zorn und Eifer auf das Set. Da haben wir eine Volksbewegung, die aus dem Nichts kam und aussieht wie ein Mischung aus Bundschuh und Bundesliga. Fahne, Hymne – alles da. Was ganz harmlos mit einem quäkenden Megafon neben der „Käseglocke“ auf dem Postplatz begann, ist längst eine Art Revolutionspersiflage geworden. Dresdner Lokalkolorit. Thematisch angesiedelt zwischen der legendären Fernsehserie „Kir Royal“ mit Franz Xaver Kroetz und der Olsenbande (Wir werden doch Millionäre, Egon?).

Erste Anklänge einer solchen Entwicklung gab es bereits im Januar 2015 als eine Pegida-Demonstration nach einem angeblichen Droh-Tweet des IS verboten wurde. Aus Sicherheitsgründen wie es damals hieß. Lutz Bachmann stieg in diesen Tagen vom „Panzerknacker“ und vorbestraften Unterhaltsschuldner zur Very-Very important Person des Freistaates Sachsen auf. Zu einer Pressekonferenz wurde er im BMW-Jeep des Landeskriminalamtes herumkutschiert. Personenschutz inklusive. Nur die Kanzlerin hatte am Tag der Einheit mehr Scharfschützen auf den Dresdner Dächern. Damals wohnte Bachmann noch ganz bürgerlich in Kesselsdorf vor den Toren Dresdens. Das war vor knapp zwei Jahren. Den neuesten Pressebulletins zufolge ist er jetzt „Privatier“ und lässt sich von  „internationalen Geldgebern“ ein sorgenfreies Leben unter der kanarischen Sonne Teneriffas bezahlen. Arbeiten würde er nicht, empörte sich das Boulevard. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der „Führer“ einer inzwischen nur noch örtlichen Protestbewegung schwebt wie ein Jet-Set-Manager einmal die Woche ein zum „Meeting“. Von wegen „Sohn seiner Klasse“, Arbeiterfäuste und Straßenpflaster. Dafür Sonnenbrille,  Rolly und easy jet. Immerhin noch Linie, nicht Lear.

Also, Leute beim MDR. Wenn das alles kein Stoff für eine schmissige Vorabendserie ist, was dann? Vielleicht mit Til Schweiger in der Rolle des Lutz Bachmann? Veronica Ferres könnte Kathrin Oertel spielen. Günther Jauch spielt Günther Jauch. Dazu grüne Tonnen voller Geld im Toplitzsee, schöne Frauen, finstere Innenminister – es gäbe schon Stoff für einige Folgen. Ausstrahlungstermin montags, 18.30 Uhr. Danach Riverboat mit wechselnden Besetzungen, die alles nochmal analysieren. Steimle und Patzelt als Moderatoren. So bekäme man die Straßen der Landeshauptstadt wieder leer.

Alternativ  bliebe als ultima ratio nur eine Flugverbotszone über Dresden oder gleich ganz Sachsen. Aber wer soll´s machen? Hillary Clinton, die für solche Sachen immer zu haben war, ist es ja nun nicht geworden. Und die Meinung des Neuen im Weißen Haus über unsere Kanzlerin dürfte sich von Bachmanns nur um Nuancen unterscheiden. Unsere eigene Luftwaffe? Eben. Außerdem wollen wir keine Gewalt.

Bleibt nur der Heimatsender. Und wie sagte Uwe Steimle neulich so schön? Wer für die Heimat ist und den Frieden, der ist unantastbar. Vieles könnte so einfach sein.


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Die B-Männer vor Gericht

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Figur vor dem Dresdner Gerichtsgebäude. Foto: beaverpress

Es ist ein Kreuz mit der politischen Justiz. Fast schon programmgemäß geht dabei in Deutschland  alles nach hinten los, was auf den ersten Blick so gut aussah. Wer hätte denn ahnen können als die Landespolitik in Sachsen im Herbst vorigen Jahres eine Anklage wegen Volksverhetzung gegen Pegida-Gründer Lutz Bachmann von der Leine ließ, dass sich zum Zeitpunkt des Verfahrens eine Konjunktion zweier Fälle einstellt, die so in der deutschen Justizgeschichte sicher einmalig ist. Während in Dresden Lutz Bachmann heute zum ersten Verhandlungstag erschien, liegt bei der Staatsanwaltschaft Mainz der Fall Böhmermann auf dem Tisch. Der eine hat in einer mehr oder weniger geschlossenen Facebookgruppe unspezifisch was Unschönes über Migranten, genannt Flüchtlinge, geschrieben. Der andere hat sich zur besten Sendezeit über den zweiten staatlichen Sender dieses bunten Landes  ganz explizit über die äußere Form der Hoden des türkischen Staatsoberhauptes und dessen vermutete sexuelle Präferenzen ausgelassen. Tiere und Kinder spielten dabei eine Rolle. Bachmann werden insbesondere die Worte „Viehzeug“, „Gelumpe“ und „Dreckspack“ vorgeworfen. Zumindest stilistisch spielt er damit aber in einer Liga mit Grünenchef Özdemir (Mischpoke), SPD-Chef Gabriel „Pack“ und Justizminister Maas „Schande“. Einziger Unterschied. Die Letztgenannten sitzen in Deutschland hinter einem Schreibtisch und nicht davor. Und nur darauf kommt es an, wusste schon Tucholsky. Lassen wir an dieser Stelle für einen kurzen Moment einen anderen Klassiker der deutschen Belletristik zu Wort kommen – Hans Fallada. Der beschrieb in seinen Lebenserinnerungen sehr detailreich und liebevoll die Arbeit seines Vaters, der zunächst als Richter am Berliner Kammergericht arbeitete und später ans höchste deutsche Gericht, das Reichsgericht in Leipzig, berufen wurde. Dorthin pflegte ihn seine leicht taube Schwiegermutter manchmal zu begleiten. Sie setzte sich oft als einzige Zuhörerin in den Verhandlungsaal und strickte, während die juristischen Koriphäen komplizierte Fälle in unnachahmlicher Ruhe und halblautem Austausch von Argumenten abhandelten. „In diesen leidenschaftslosen Händen sah sie das Recht gut aufgehoben“, schrieb Fallada in seinem Roman „Damals bei uns Zuhause“. Diese „leidenschaftslosen Hände“ von Juristen sollen nun im Deutschland des Jahres 2016 kitten, was die Politik schon seit Jahren nicht mehr  zusammenbringt. Man kann sich förmlich vorstellen, wie diese Hände in die Höhe gingen als die gewiss nicht leidenschaftslose Dresdner Staatsanwaltschaft mit der Bachmann-Geschichte  erschien. Laut Medienberichten sollte der Fall ursprünglich von einem Schöffengericht, also einem studierten Richter mit zwei Laienschöffen, verhandelt werden. Diese Zusammensetzung ist ein Relikt der bürgerlichen Revolution von 1848, deren Dresdner Protagonisten Namen wie Richard Wagner oder Gottfried Semper tragen. Das Schöffengericht  war so aufgeregt, dass es den Fall wegen der „besonderen Bedeutung“ ans Landgericht, also das oberste Provinzialgericht des Freistaates Sachsen, weitergab. Bleibt uns bloß mit dem Bettel bloß vom Leibe, müssen sie dort gerufen haben und reichten das Ding gleich runter in den Keller, zum Amtsgericht. Dort gehörte die Posse nach Ansicht der obersten Juristen hin. Sie ahnten wohl schon, dass außer Klamauk nicht viel dabei herauskommen werde.

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Lutz Bachmann und seine Frau Vicky erschienen vor Gericht mit selbstgebastelten Brillen, an denen ein Augenstreifen befestigt war. Quelle: Screenshot ZDF.

Und mit Klamauk ging es erwartungsgemäß am Dienstag gleich los. Knapp über 100 Pegida-Anhänger standen vor dem Gerichtsgebäude und forderten „Freiheit für Lutz“, obwohl der noch gar nicht sitzt. Lutz Bachmann, seine Frau Vicky und einige Anhänger hatten sich Brillen mit schwarzen Augenstreifen gebastelt, wie sie von der Presse immer über die Gesichter von Verbrechern gelegt werden. Selbst ein Justizbediensteter konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken als der Pegidaführer mit Entourage so den Gerichtssaal betrat.
Und dann nahm alles seinen Lauf. Mit seinen Ausdrücken („Viehzeug, Gelumpe,…“)  soll Bachmann auf Facebook das Volk verhetzt haben. Der Paragraph 130 schreibt vor, dass das „öffentlich“ erfolgen muss. Nun schrieb Bachmann diese Zeilen aber zu einer Zeit als er noch gar keine Person der Zeitgeschichte und Multiplikator der Pegida-Bewegung war. Die Öffentlichkeit will man durch die Eintragung in dem sozialen Netzwerk Facebook als gegeben ansehen. Die landläufige Vorstellung, dass da einer auf dem Roten Platz oder vorm Berliner Schloss zu Volksmassen spricht oder, je nach Klassenstandpunkt, hetzt, hat wohl in Zeiten von Smartphone und Tablet ausgedient. Das Ganze ist sehr diskussionswürdig, zumal Bachmann inzwischen sogar bestreitet, diese Worte selbst geschrieben zu haben. Viel Spaß bei der Beweisaufnahme dieses staatspolitisch brisanten Falles, möchte man rufen. Es wird sogar gemunkelt, die Bachmann-Verteidigung wolle Facebook-Obere aus Hamburg vor Gericht antanzen lassen. Für Unterhaltung ist also gesorgt. Dabei kann sich Bachmann zurücklehnen und in Ruhe seinen nächsten Gag vorbereiten. Denn als ob die leidgeprüfte sächsische Staatsregierung nicht schon genug im Rampenlicht steht und dort eine sehr unbeholfene Figur macht, kann das Publikum, wenn es in Dresden langweilig wird, in Echtzeit immer mal rüberschalten nach Mainz und schauen wie man im Türkenklötenfall singt und lacht. Bachmann steht wegen des 130igers vorm Richter, Böhmermann bald wegen des 103ers. Beides Vorschriften, um die uns die restliche Welt angesichts dieser Telenovelas sicher beneidet. Böhmermann hat immerhin Schwein, wenn man das in einem Land, zu dem der Islam gehört, noch so sagen darf. Er hat nicht das Volk verhetzt. Aber er hat sich bei der „Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes“ ausgerechnet den türkischen Präsidenten ausgesucht, was auch nicht ohne ist in diesen Zeiten. Vom Kaliber also in etwa gleichwertig.  Nur, dass Böhmermann vom größten Teil des Medien- und Kunstbetriebes im schlimmsten Fall die Bemmen für den Knast geschmiert bekommt, während man Bachmann hängen sehen will. Es wird in beiden Fällen nicht zum Äußersten kommen. In der sächsischen Staatskanzlei wird man froh sein, wenn die drei Verhandlungstage in Dresden ohne großen Zirkus über die Bühne gehen. Denn immer kann man nicht die GSG 9 zur Ablenkung ausrücken lassen, um einem 18-Jährigen die Polenböller wegzunehmen. Vielleicht ist gerade die Überschneidung der Fälle und ihre zeitgleiche mediale Behandlung endlich der Anlass, politische Probleme mit Politik zu lösen und nicht über den Verschiebebahnhof der Justiz. Aber erst stehen noch zwei Vorstellungen, pardon, Verhandlungstage an.

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Pegida-Anhänger demonstrierten vor dem Gericht. Foto: beaverpress


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Pegida trifft den Innenminister

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Eine Begegnung der besonderen Art. Pegida-Gründer Lutz Bachmann und Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling auf einer Veranstaltung mit Bundesinnenminister Thomas de Maiziere. Foto: leo

Noch vor einem halben Jahr wäre das mit Sicherheit die Spitzenmeldung in allen Medien gewesen. „Die Spitze des islamfeindlichen Bündnisses trifft den Innenminister“ oder ähnlich hätten die Schlagzeilen gelautet. Am Freitag im Freitaler Kulturhaus war es eher eine Randnotiz, dass auch Pegidagründer Lutz Bachmann und Frontfrau Tatjana Festerling im Publikum einer Podiumsveranstaltung saßen, die der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig initiiert hatte. Im Gegensatz zu den Zuständen, die beim Diskussionsgegenstand, der Zuwanderung, derzeit herrschen, hatte man es bei Vorbereitung der Veranstaltung gern geordnet. So mussten sich alle Interessenten vorher per E-Mail und mit Namen beim Bundestagsabgeordneten anmelden. Immerhin fielen die Pegida-Leute dabei nicht durchs Raster. Und de Maiziere wäre nicht in der Position, in der er ist, wenn er es nicht verstünde, mit Widerstand rhetorisch geschickt umzugehen. So lauteten viele Halbsätze von ihm „ich will ihrer Frage nicht ausweichen“ oder „ich verstehe den Kern ihrer Aussage“. In diesem Kern der Sache, der Zuwanderung, aber kam von ihm wenig Neues. So wollte Tatjana Festerling beispielsweise von ihm wissen, wie er einen illegalen Grenzübertritt definiere. „Wenn jemand ohne Visa oder generell ohne jegliche Papiere die deutsche Grenze passiert“, antwortete Deutschlands oberster Polizeiminister. Und fügte an, dass sich an diesen Rechtsbruch aber kein Verfahren wegen illegalen Grenzübertritts anschließe, sondern das Asylverfahren zu laufen beginne, wenn der Betreffende das Zauberwort an der Grenze vorbringt. Und genauso läuft es seit gut zwei Jahren. Tatjana Festerling warf dem Minister „Zahlenspielerei“ vor, was seine Prognosen der zu erwartenden Asylbewerber in diesem Jahr angehe. Und knüpfte die Frage daran, wann seiner Meinung nach die Grenze der Belastbarkeit dieses Landes erreicht sei? Für politisch Verfolgte gebe es nach oben keine Grenze, so der Minister. Das sei die Lehre aus der deutschen Vergangenheit. Für Wirtschaftsflüchtlinge allerdings gebe es Grenzen. Womit man bei dem Thema Kosovo war. Hier sei man übereingekommen, dass es ab dem Sommer zu leichteren Rückführungen kommen soll. Neu ist insofern auch die Ankündigung des Innenministers, dass die illegalen Zuwanderer aus dem Kosovo nur noch in den grenznahen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg aufgenommen und dort in den Erstaufnahmeeinrichtungen gesammelt werden, damit man sie leichter zurückschicken kann. Auf keinen Fall sollen sie weiter auf dezentrale Wohnungen verteilt werden, weil man dadurch nur falsche Hoffnungen bei den Betroffenen wecke. Für die, die es geschafft haben, sich über Jahre mit Duldungen duchzuhangeln, will man ohnehin eine legale Möglichkeit schaffen, im Land zu bleiben. „Die kriegen wir sowieso nicht mehr abgeschoben“, so de Maiziere. Aber er räumte selbst ein, dass das „Kosovo-Problem“ allenfalls rund 100 000 Menschen betreffe. Bei den gegenwärtigen Schätzungen kämen aber bis zu 500 000 Menschen pro Jahr und keiner könne sagen, ob das einmal weniger werden. Grenzkontrollen und eine stärkere Abschottung wie sie lautstark aus dem Saal gefordert wurde, werde es nicht geben. Und dann lieferte der Minister einige grundlegende Prämissen, die im Publikum bestenfalls für Verwunderung sorgten. Gerade Deutschland profitiere mit seinen offenen Grenzen vom ungehinderten Handel. BMW könnte zumachen, wenn der Konzern nur Deutschland als Absatzmarkt hätte, so die Ansicht des CDU-Politikers. Was die logische aber unausgesprochene Frage aufwirft, ob Deutschland erst seit dem Wegfall sämtlicher Grenzkontrollen mit dem Rest der Welt Handel treibt? Es war nicht die einzige, sagen wir interessante, These des Ministers zu seinem Arbeitsbereich. So ist er beispielsweise auch der Meinung, dass die Wanderungsströme aus Afrika „unserer kolonialen Vergangenheit“ geschuldet seien. Nun ist das Freitaler Kulturhaus sicherlich nicht der Ort, die deutsche Geschichte werkgetreu nachzuzeichnen. Aber selbst de Maiziere, der Jura und nicht Geschichte studiert hat, dürfte geläufig sein, dass Deutschland seine im Vergleich zu anderen europäischen Mächten des vorigen Jahrhunderts eher mickrigen Kolonien nach dem Vertrag von Versailles samt und sonders an die Länder einbüßte, die gerade jetzt mit mehr Restriktionen auf den ungezügelten Zustrom aus dieser Weltgegend reagieren oder sie einfach nur durchlassen. Und das war vor 100 Jahren. Ganz abgesehen davon, dass die afrikanischen Migranten gerade nicht aus ehemals deutschen Kolonialgebieten wie Togo, Kamerun oder Namibia stammen. Pikanter Nebenaspekt: Ausgerechnet ein Kameruner sprach neulich bei Pegida und forderte das Ende der deutschen Selbstanklagen. Einige Teilnehmer verließen die Veranstaltung vorzeitig. Der Freitaler AfD-Oberbürgermeisterkandidat Steffen Frost mit den Worten: „Das kannste dir nicht mehr mit anhören, das Gesülze“.

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Draußen standen Mitglieder der Freitaler Initiative „Freital wehrt sich“ und Mitglieder der AfD-Landtagsfraktion mit ihrem Kommentar zu der Thematik. Foto: leo

Den Satz hätten sicher viel unterschrieben, als der Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig sich dann noch bemüßigt fühlte, dem aufgebrachten Publikum mitzuteilen, als welches Glück er es empfinde, „dass wir Angela Merkel haben“. Man fühlte sich peinlich an vergangene Zeiten erinnert als zu keiner politischen Versammlung das Bekenntnis zur führenden Rolle der Partei und der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges  von Wirtschafts- und Sozialpolitik fehlen durfte. Brähmig bietet dazu auch noch rein optisch das perfekte Pendant zu Reuters Romanfigur Onkel Bräsig. Was die Frage Uwe Steimles vor kurzem in den „Mitternachtsspitzen“ auch für Freital aufwirft: Wer macht hier eigentlich Kabarett?
Immerhin war es die erste politische Veranstaltung hier, die den passenden Background hatte. Denn durch die angekippten Fenster drangen immer mal die Sprechchöre der Bürgerinitiative „Freital wehrt sich“, die mit ihren Anhängern nach der üblichen Kundgebung auf dem Platz des Friedens vor das Kulturhaus gezogen waren und dort die bekannten Slogans „Nein zum Heim“, „Wir sind das Volk“, Lügenpresse“ und anderes skandierten. Ein aufreizend belehrender Moderator der Landeszentrale für politische Bildung, dessen Aussprache eine westdeutsche Herkunft vermuten lässt, erzählte den Leuten nicht vom Pferd aber vom Rednerpult, dass man vom Staat nicht zu viel erwarten und verlangen dürfe. Den Demonstranten draußen, die diesmal auch mit materieller Unterstützung der AfD-Landtagsfraktion aufwarten konnten, war das egal. Sie forderten ganz allgemein mittels Protestplane: „Genug geredet. Asyl-Chaos beenden.“ Doch einzig und allein in diesem Punkt waren sich Veranstalter und Publikum einig: Es wird nicht die letzte Veranstaltung dieser Art gewesen sein.


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Wilders und andere Wildheiten

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Extra noch auf Großleinwand wurde die Rede des Pegida-Gastes Geert Wilders übertragen. Foto: leo

Am Montag war nun wieder Peggy da. Und die hatte sich den Geert aus den Niederlanden eingeladen. Das Ganze auf einem Gelände, das schon verdächtig an das Zeppelinfeld einer anderen deutschen Großstadt weiter südlich erinnert. Leni Riefenstahl war nicht da. Dafür aber wieder Russia today und diesmal auch zahlreiche andere TV-Sender. Alles wegen einem: Geert Wilders. Den hatte Sachsens lustigste Ministerin, Petra Köpping, im staatsnahen Rundfunk wie folgt klassifiziert: „Ein Rechtspopulist, der für seinen Rechtspopulismus bekannt ist.“ Damit wussten es die Hörer dieser „Nachrichtensendung“ ganz genau. Wobei er aber wahlweise auch als „Islamhasser“ bezeichnet wird. Wahrscheinlich, damit man nicht durcheinanderkommt an den politischen Etikettiermaschinen dieser Republik. Denn das Label „rechtspopulistisch“ ist sonst für die schlimmen Finger von der AfD reserviert.
An diesem Tag durfte nichts dem Zufall überlassen werden. Und so wurde Pegida-Gründer Lutz Bachmann bereits am Sonntagnachmittag am Veranstaltungsort, der Dresdner Flutrinne, gesichtet, wie er mit Ehefrau und Vierbeiner den Platz des temporären „Pegida-Parteitages“ in Augenschein nahm. Wie alle deutschen Führerfiguren hat  auch er einen Hund, dessen Vorname mit „B“ beginnt. Es handelt sich um einen etwa unterschenkelhohen Terrier, der auf den Namen „Bärbel“ hört. Allerdings ein furchtloses Tier, das ohne zu zögern vorbeilaufenden Rottweilern irgendwelche Wahrheiten vor den Latz bellt, die nur Hunde verstehen.
Die Wahrheiten, die Bachmann und Wilders in petto haben, sorgten schon vorab für einen Fingerzeig des Landesvaters Stanislaw via Presse. Sollte gehetzt werden, würde man einschreiten, drohte er. Wobei offen blieb, wer den Hetze-Schnelltest macht und wie dann reagiert würde. Man hätte die „Spülung“ ziehen können. Aber eine Flutwelle ins alte Elbebett von den Staustufen im Böhmischen braucht ihre Zeit bis sie in Dresden ankommt. Die Welle blieb jedenfalls aus. Allerdings auch die Welle der Besucher. Die avisierten 30 000 waren es sicher nicht. Aber viele wird auch der zeitige Beginn 17 Uhr abgehalten haben. Wer nicht in Dresden oder dem unmittelbaren Umfeld wohnt und arbeiten geht, der hat es schwer, einen solchen Termin an einem Montag zu schaffen. Nachdem man mehrmals um Geduld bat, war er dann endlich da: Geert Wilders. Lutz Bachmann hatte sich extra in Schale geworfen und begrüßte seinen Gast in Anzug mit Krawatte und mit tiefer Verbeugung. Und da stand er auf der Bühne – der Mann mit den semmelblonden Haaren. Der seit über zehn Jahren unter Personenschutz steht und mehrmals wöchentlich seinen Wohnort wechseln muss. Der Vorsitzende der Partij voor de Vrijheid in den Niederlanden, die zur letzten Europawahl 12,2 Prozent und damit Platz vier im niederländischen Parteienspektrum verbuchte. Mit herben Abschlägen zur vorletzten Wahl 2009.

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Viele der rund 10 000 Besucher dürften wohl auch aus Neugier auf den Gast gekommen sein. Foto: leo

Ob man das, was Wilders über den Islam sagt, Hetze nennen kann angesichts der Bilder, die uns tagtäglich aus dem Herrschaftsbereich dieser Religion erreichen, hängt sicher vom Standpunkt des Betrachters ab. Oder dessen Brille. In Dresden sagte Wilders Sätze wie: Nicht jeder Moslem ist ein Terrorist, aber die meisten Terroristen sind Moslems. Eine Aussage, die jeder ohne große Mühe im Internet nachrecherchieren kann. Gleich zu Beginn ging er auf die Drohung des sächsischen Regierungschefs bezüglich seines Auftrittes ein. „Es ist eine Schande, dass wir sie nicht auf unserer Seite finden“, so Wilders. Er sagte Sätze wie: Einwanderer müssen unsere Rechte annehmen und nicht andersherum. Vor 26 Jahren hätten die Menschen in der ehemaligen DDR der Welt eine Lektion erteilt. Vielleicht sind es aber auch Sätze wie dieser, die in der Staatskanzlei Angst auslösen: Die Menschen hätten damals gezeigt, dass die Wahrheit stärker ist als die Lüge. Immerhin wird in der ganzen Zuwanderungsdebatte alles andere als mit offenen Karten gespielt. Auch Wilders Satz „Ohne Freiheit sei das Leben nichts lebenswert“, erinnert an den alten Wahlslogan aus der Nachwendezeit „Ohne Freiheit ist alles nichts“. Selbst die Gegenseite kann sich den verbalen Umarmungen des Holländers schlecht entziehen. Denn an ihre Adresse gewandt sagte er: Man hasse nicht den politischen Gegner, sondern sei froh, dass man in Europa gegeneinander demonstrieren könne. Ohne Hass und ohne Gewalt. Ob das die Gegenseite mit ihrem Verständnis von Meinungsfreiheit auch so sieht, konnte nicht getestet werden, da die Polizei alle Versuche von Gegendemonstranten, das Pegida-Gelände zu erreichen konsequent unterband. Nachdem man in der Genehmigungsbehörde endlich Vernunft walten ließ und die Gegendemonstranten an räumlich auseinanderliegende Punkte dirigierte, ließ eine Initiative die Maske fallen und verkündete, man wolle auf jeden Fall den Wilders Auftritt „versauen“. Es blieb aber dann bei einer kurzzeitigen Sperrung der Kreuzung an der Dresdner Mühle, die von der Polizei geräumt wurde. Aber auch in diesem Punkt zeigte sich wieder, dass der ganze Pegida-Komplex mit all seinen Pro und Contras auch in weiten Teilen ein Generationenkonflikt ist. Während Lutz Bachmann die Teilnehmer vor der Heimfahrt warnte, unter den Reifen ihrer Autos nachzuschauen, weil dort Scherben oder Nägel ausgestreut sein könnten, lächelten einige Ältere wissend. Denn im Zuge dieses von der Obrigkeit offensichtlich nicht gewollten Protestes kommen alte DDR-Solidarisierungseffekte wieder an die Oberfläche. So hatte beispielsweise ein Pegida-Anhänger auf Facebook sichere und bewachte Parkplätze auf einem Firmengelände in der Nähe des Veranstaltungsortes angeboten. Dort genügte dann beim Einfahren das Zauberwort „Facebook“, um ein wissendes Grinsen bei den Eingeweihten hervorzurufen. Will heißen: Die Kinder spielen draußen ihre bösen Streiche, während die Alten das lächelnd ausmanövrieren. Sie greifen auf alte Muster zurück. Denn sie haben noch die wirkliche Repression erlebt. In der Zeit als Sachsens heutiger Ministerpräsident dem Unrechtsstaat DDR als zweiter Sekretär beim Rat des Kreises Kamenz trotzte. Die Frage ist nur, ob eine Regierung auf Dauer danebenstehen kann, während sich im Volk wieder eigene Mechanismen von Recht und Ordnung etablieren?


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Pegida nähert sich dem toten Punkt

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Montags ist die Peggy da. Und das bald ein halbes Jahr. Aber was bringt der montägliche Auflauf? Foto: leo

Wenn die Bundesregierung jetzt schnell reagiert, könnte sie ein dickes Pegida-Problem ganz elegant lösen. Man müsste dazu nur das Schengen-Abkommen außer Kraft setzen und Spanien zum Schurkenstaat erklären, mit dem man keinerlei Austausch von Waren und Personen mehr zulässt. Das würde zwar viele Urlauber treffen aber ganz besonders ein Pärchen, das es sich gerade auf Fuerteventura so richtig gut gehen lässt. „Der Lutz mit seiner Vicky“ ist nämlich gerade da unten, erfuhren die Pegidateilnehmer am Montag. Kurz zuvor ging ein Handy unter den Getreuen am kleinen, weißen Rednerwägelchen herum, aus dem die Stimme des Meisters drang. Später schickte Pegida-Gründer Lutz Bachmann via Facebookvideo sonnige Kampfesgrüße aus dem Hotelzimmer, wo er gerade den Demonstrationszug via RT ruptly im Fernsehen sah. Aber das ist inzwischen auch der einzige Sender, der überhaupt noch hinschaut, was sich montags auf dem Dresdner Altmarkt tut. Sonst sieht man keine Übertragungswagen mehr. Keine Kamerastative in der ersten Reihe oder ernst schauende Hörfunkjournalisten, die sich um einen O-Ton bemühen. Die Presse hat Pegida schon lange die letzte Ehre erwiesen. Wobei es wohl diesmal eher mehr an dem aprilhaften Wetter lag, dass am Montag ein Abflauen der Teilnehmerzahl zu spüren war. Es waren immer noch einige Tausend da. Dennoch spürt man auch inhaltlich: Pegida ist irgendwie an einem toten Punkt angekommen. Daran konnte auch die gewohnt bissige Rede der neuen Miss Pegida, Tatjana Festerling, nichts ändern.
Zwar strebt man jetzt noch einmal Höhepunkten wie dem Auftritt des Wiener Satirikers Dr. Proebstl und dem, des absoluten Stars aller Islamkritiker weltweit, Geert Wilders, entgegen. Aber auch Tatjana Festerling fragte völlig folgerichtig: Wie lange soll das noch so weitergehen? Sollen wir hier laufen bis zum Sankt Nimmerleinstag? Genau das ist die große Frage. Irgendwann haben die Leute auch einfach keine Lust mehr, worauf sicherlich auch spekuliert wird. Doch was folgt dann? Zumal die angesprochenen Probleme fortbestehen. Die Hamburgerin sieht das Volk in Resignation versinken, wenn der Impuls von Pegida nicht aufgegriffen würde. Was nötig wäre, hat Politikwissenschaftler Werner Patzelt schon im Dezember angesprochen: Die Veredelung des Volkswillens im Parlament. Doch wer könnte dafür in Frage kommen?

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Gewohnt bissig, aber auch nachdenklich, erlebten die Dresdner Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling am Montag. Foto: leo

An erster Stelle stünde hier natürlich die AfD. Thematisch ist sie Fleisch vom Fleische der Pegida. Immerhin lesen sich viele Forderungen von Pegida wie Anleihen aus dem Programm der neuen Partei, die angetreten ist, um nicht mehr und nicht weniger als eine „Alternative für Deutschland“ zu sein. Wobei es derzeit so aussieht, als wolle man nur eine bessere CDU werden, wenn man sich das hanseatische Spitzenpersonal anhört. Schon allein der Fakt, dass es diese Partei nicht vermocht hat, eine so talentierte Rednerin wie Tatjana Festerling zu integrieren und als Zugpferd aufzubauen, spricht Bände. Die Sachsen-AfD, von der nicht wenige bei Pegida aktiv mitmachen, zeigt sich mehr als indifferent. Mal will man, mal wieder nicht. Gauland und Höcke aus den Nachbarbundesländern bekannten sich relativ früh und eindeutig zu der neuen Volksbewegung. In Sachsen taktiert man. Scheut zu große Nähe, schielt auf Parteitage und Parteilinie. Und hat damit geschafft, dass man bei den Pegidareden wie am Montag schon fast härter kritisiert wird als die „Altparteien“, deren Kartell man doch eigentlich aufmischen wollte. Der Frust ist verständlich. Denn gerade von der AfD hätten sich viele mehr versprochen. Doch was bleibt dann noch? Pegida als eigene Partei? Das würde wahrscheinlich nur bei einer weiteren von rund 30 der bestehenden Zwei-Prozentparteien enden. Bei den Oberbürgermeisterwahlen in Dresden will man mitmischen. Mal schauen, was der Testballon für Werte bringt. Eine ernsthafte Chance hat ein Pegida-Kandidat in Dresden sowieso nicht. Linke, Grüne und die SPD fallen als die Protagonisten der Einwanderung wie sie jetzt stattfindet aus. Die CDU sekundiert dabei. Es war bezeichnend, dass Kanzlerin Merkel ausgerechnet von den Grünen und den Linken das lauteste Lob bekam, als sie in ihrer Neujahrsansprache den Bürgern abriet, bei Pegida mitzulaufen. Innenminister Thomas de Maiziere, der die ganze Asylproblematik lösen könnte und müsste, fiel bisher nur dadurch auf, dass er die inzwischen rund 600000 rechtskräftig abgelehnten Asylbewerber, die es mittlerweile in Deutschland gibt, unbürokratisch einbürgern will. Was im Umkehrschluss bedeutet: Deutschland hat eine geregelte Einwanderung. Nur dass in diesem Fall das Geld, Schleuser und der Wagemut von Ausländern darüber entscheiden, wer künftig hier lebt. Sind sie erstmal da, wird nur noch über die Formalitäten und ein bißchen über Integration geredet. Auskommen und Wohnung sind gesichert. Nur bedeutungslose Fahrensmänner wie der alte „Neunundachtziger“ Arnold Vaatz aus Dresden zeigen Verständnis für die Menschen auf der Straße. Wobei man es Vaatz abnehmen kann, dass es ihm nicht um sein Bundestagsreisebüro namens Wahlkreis Dresden geht. Er hat sein Heu rein, wie der Bauer sagt. Dafür war er zu lange als Minister und Abgeordneter unterwegs. Er dürfte schon jetzt Pensionsbezüge haben, die Normalverdiener mit Erwerbsarbeit in einem Leben nicht schaffen. Die Sachsen-CDU als herrschende Kraft in der „Heimat der Bewegung“ bemüht sich erkennbar, die Kritik von der Straße einzufangen. Dazu gibt es immer mehr Bürgerforen, Gesprächsrunden und Einwohnerversammlungen, die aber letztlich nur dazu dienen, Ventile zu schaffen, wo die Bürger Dampf ablassen können. In der Sache ändert sich nichts. In schönster Kommandomanier wird von oben nach unten durchregiert, dass den alten Knaben Krenz in Rostock und Modrow in Berlin vor Neid das „Neue Deutschland“ in den Händen vibriert. Auf so etwas wie den Königsteiner Schlüssel hätten sie erstmal kommen müssen. Man hätte den wegen der ideologischen Aversion gegen den Adel nur anders genannt. Vielleicht „Zweiter Bitterfelder Weg“. Oder nach Michael Scholochows Sowjetklassiker „Neuland unterm Pflug“. Was aber auch heute passen würde. Denn es ist zwar kein neues Land, das hier bearbeitet wird. Aber es wird auf jeden Fall bald ein anderes sein.


Ein Kommentar

Zwei Satiriker und ein Fleischer

Der "Wurstseimograph" zeigt noch kein Abflauen bei Pegida in Dresden. Foto:leo

Der „Wurstseimograph“ zeigt noch kein Abflauen bei Pegida in Dresden. Foto:leo

„Bei Pegida nichts Neues“, lautet die Überschrift des Frontberichtes von dieser Woche. Obwohl der Wurstseismograph von Curry 24 am Montag wieder heftig ausschlug und sich schnell eine imposante Schlange vor der Braterei bildete, ist es wohl eher ein Atemholen vor der großen Frühjahrsoffensive. Pegida köchelt so vor sich hin. Es läuft ein Kern von rund 10 000 Anhängern. Protestanten und Einsatzkräfte verbrüdern sich inzwischen zunehmend schon vor der montäglichen Politstunde auf dem Altmarkt. Man steht gemeinsam nach einer Wurst an, begrüßt sich, scherzt ein bißchen herum. Die Blauen bekommen sogar schon Einladungen auf ein Bierchen danach, wenn sich die umliegenden Wirtschaften mit Pegidagängern füllen. Diese müssen sie pflichtschuldig ablehnen. Aber man sieht ihnen an, dass sie lieber durstig danebenstehen, während andere schon „Eins zischen“, als anderswo im Vollschutz ungefragt Flaschen mit Benzin offeriert zu bekommen. Die Polizeiführung selbst hat erkennbar die Lust verloren an den Pegidaritualen. Denn sie macht einfach nicht mehr mit beim wöchentlichen Lotto-Toto der Teilnehmerzahlen. Nachdem sich letzte Woche noch irgendwelche Wissenschaftler ungefragt in das seit Herbst 2014 laufende Spiel eingemischt haben, will die Polizei gar keine Zahlen mehr sagen. Schade. Und das jetzt, wo es vielleicht keine Erbsenzählerei mehr wird. Zumindest nicht am 13. April. Für den Termin hat Pegida-Vorsteher Lutz Bachmann den niederländischen Politiker Geert Wilders für einen Auftritt in Dresden eingeladen. Die Veranstalter selbst rechnen bei diesem Event mit bis zu 30000 Besuchern. Der Name des prominenten Islamkritikers aus den Niederlanden dürfte auch viele Neugierige anziehen, die sich den Rummel um diesen Besuch einfach mal anschauen wollen. Immerhin steht Wilders unter strengem Personenschutz und wechselt wegen der Bedrohung durch radikale Islamisten mehrmals wöchentlich seinen Wohnsitz. Doch bis dahin ist es noch eine Weile hin. Überbrückt wird diese durch die Einlagen zweier Satiriker. Der eine ist Dr. Alfons Proebstl, der am 30. März auftreten soll. Bisher unterhält er seine Fans vor allem über das Internet. Dabei sitzt er in einem Sessel, an dessen Armlehne ein Trommelrevolver im Halfter baumelt. Mit der „Puffen“ wie der Wiener sagt, spielt er immer mal herum, wenn er seine „Ladies und Germanys“ begrüßt. Im Hintergrund sieht man zwei grüne Benzinkanister aus Blech stehen. In seiner wöchentlichen Sendung nimmt der Dr. mit dem Wiener Schmäh aktuelle Problemlagen und Debatten aufs Korn. Meistens abseits des langweiligen politisch korrekten Mainstreams. Man kann oft lachen über seine Scherze. Wenn auch bitter.

Der Politik traut man nach wie vor nicht über den Weg. Foto: leo

Der Politik traut man nach wie vor nicht über den Weg. Foto: leo

Ein anderer Satiriker, der dafür sorgt, dass Pegida nicht sanft entschläft, ist Sachsens neuer Wirtschaftsminister Martin Dulig. „Si tacuisses“, hätte man ihm diese Woche zurufen wollen, obwohl er noch lange kein Philosoph geworden wäre, wenn er den Rat, besser zu schweigen, beherzigt hätte. Aber mit seiner Idee, die Unternehmer sollten doch mehr Agitprop („Haltung zeigen“) gegen Pegida in ihren Betrieben machen, hat er wieder einen großen Schwapp Wasser auf die Bachmannsche Mühle geleitet. In der Staatskanzlei muss man doch inzwischen in die Tischkante beißen bei so viel Laientalent. Erst nahm Dulig Reißaus als es hieß, zu einer von ihm angesetzten Gesprächsrunde in Meißen könnten auch Vertreter des harten Kerns von Pegida stoßen. Jetzt erklingt hinter den sicheren Mauern des Wirtschaftsministeriums die alte FDJ-Weise „Sag mir, wo Du stehst?“. Hans Modrow muss Tränen der Rührung in der ehemaligen „Hauptstadt der DDR“ weinen, wo er als Rentner den ganzen Tag Westfernsehen schauen kann. Singen sollen die inoffizielle Hymne der SED aber vor allem die Betriebsleiter der (noch nicht wieder sozialistischen) sächsischen Betriebe. Die Parteien und Massenorganisationen machen das schon länger. Die Kirche auch, allerdings mit Orgelbegleitung. Mit der lustigen Aktion aus dem Agitpropbaukasten für kleine Bezirkssekretäre hat er sich aber nicht nur zum Gespött der montäglichen Pegidisten und ihres Vorbeters Lutz Bachmann gemacht, sondern auch medial mächtig viel Gegenwind eingehandelt. Ein Unternehmer schrieb als Kommentar auf Duligs Aktion, dass er seinen Mitarbeitern am Montag extra ab Mittag frei gebe, damit sie pünktlich zu Pegida könnten. So, liebe Kinder,  sieht ein Schuss aus, der nach hinten losgeht. In Firmen, wo es tatsächlich unterschiedliche Lager gibt oder in staatsnahen Betrieben wie Stadtbauhöfen oder Wasserwerken, hat sich sowieso schon eine Art Codesprache entwickelt, mit der Pegidaanhänger untereinander kommunizieren. Wie auf Facebook zu lesen war, ist dort viel von einem „Fleischer Bachmann“ die Rede, wenn Terminabsprachen für Montagabend getroffen werden. Zum „Fleescher“ wird man ja wohl noch gehen dürfen. Schon allein wegen der Mädels, die dort bedienen. Denn in dieser Woche wurde die ehemalige Miss Pegida, Kathrin Oertel, am Rande der Veranstaltung gesichtet. Mit dabei soll auch das ehemalige Gründungsmitglied Rene Jahn gewesen sein. „Nachtigall, ick hör dir trappsen“, wird mancher gedacht haben. Ist es ohne Pegida doch zu langweilig? Will die kühle Blonde wieder mitspielen? Das könnte spannend werden. Denn der weibliche Teil im Führungsduo ist inzwischen von der Hamburgerin Tatjana Festerling besetzt. Und mit der haben die Organisatoren noch viel vor. Es waren allerdings die Akteure des Chemnitzer Ablegers, die am Montag das Wasser nicht halten konnten und Tatjana Festerling als die Pegida-Kandidatin für den Dresdner Oberbürgermeisterwahlkampf ausriefen. Damit wollte man eigentlich erst nächste Woche in Dresden herauskommen. Die Hamburgerin dürfte in Dresden keine Chance haben. Aber eins ist garantiert: So spannend war der Dresdner Oberbürgermeisterwahlkampf noch nie. Und die Bewerber müssen sich etwas einfallen lassen, um den Leuten was zu bieten. Mit einem Aufguß des Oktoberclubs braucht da niemand zu kommen. Vielleicht kriegt die Staatsregierung es hin, dass ABBA sich für die CDU, und wenn nicht für die, dann wenigstens für Dresden, wiedervereinigt. Es heißt, Frontfrau Agneta Fältskog hätte dieses Ansinnen schon vor Jahren selbst für eine Milliarde Dollar auf die Hand abgelehnt. Aber eine Staatsregierung im Land, wo der Zaster locker sitzt wie die letzte Kindergelderhöhung um phantastische vier (in Zahlen 4) Euro gezeigt hat, wird sich doch da nicht lumpen lassen.


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Lutz – der neue Luther?

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Lutz Bachmann mit dem Thesenpapier der Pegida vor der Dresdner Kreuzkirche. Quelle: Screenshot/ Pegida.de

Was sich gestern wieder in Sachsens Landeshauptstadt zutrug, stellt das tolerante Dresden auf eine schwere Probe. Niemand anders als Deutschlands derzeit größtes Enfant terrible und Pegida-Kreateur Lutz Bachmann machte sich an der Pforte der Dresdner Kreuzkirche zu schaffen. Er präsentierte das seinen Anhängern in einem Video. Darin ist er zu sehen, wie er zehn Thesen an die Kirchentür klebt. Lutz Bachmann – der neue Luther aus Sachsen? Nun, es ist nicht die Wittenberger Schloßkirche, aber immerhin die Dresdner Kreuzkirche, wo erst neulich noch ein Friedensgebet stattfand, während Pegida draußen lief. Es waren auch keine 95 Thesen, wie vor knapp 500 Jahren in Wittenberg. Die Menschen heute haben weniger Zeit zum Lesen und es gilt, Probleme zu fokussieren, wie es in Managementseminaren oft heißt.
Das zehn Punkte umfassende Thesenpapier ist eine eingedampfte Variante der bisherigen 19 Thesen von Pegida. Entstanden bei einem Treffen mit anderen Pegidaablegern in Deutschland, so Bachmann in dem Video. Die Zielsetzung ist bekannt. Es geht um geregelte Einwanderung, direkte Demokratie, mehr Mittel und Stellen für die Polizei und immer auch noch um die Islamisierung. Dieses Thema habe sich erledigt, wurde dem Fernsehvolk in den letzten Wochen mit wissenschaftlicher Unterstützung nahegebracht. Nicht zuletzt die Spaltung gerade des Dresdner Pegida-Teams hatte deutlich gemacht, dass die Organisatoren wohl selbst nicht mehr an diese Gefahr glauben, vor der sie gewarnt hatten.
Doch es ist das Wochenende, an dem in Kopenhagen ein Islamist an einer Diskussion über Satire und Meinungsfreiheit teilnahm, indem er mit einem Schnellfeuergewehr ins Auditorium schoss. Es ist der Tag, an dem ein Wachmann vor einer Synagoge in Kopenhagen erschossen wird. Und es ist der Tag, an dem der zumindest in Norddeutschland überregional bedeutsame Braunschweiger Karnevalszug in letzter Minute abgesagt wurde. Und nicht, weil es nur eine vage Bombendrohung gegeben habe, wie es schon mal vorkomme, so ein Polizeisprecher, sondern, weil wohl ein ernstzunehmender Informant über ein geplantes Attentat vor laufenden Liveübertragungskameras warnte.
Eingedenk dieser Geschehnisse nur eines Wochenendes betrachten wir noch einmal die letzte Einschätzung der Zukunftsaussichten von Pegida. Hier riesele noch etwas Asche herunter, aber der große Ausbruch sei vorbei, hatte Politikwissenschaftler Werner Patzelt vorhergesagt. Ein schönes Bild. Aber es stimmt nicht zuversichtlicher. Denn Historiker wissen: Pompeij wurde nicht durch Lava vernichtet, sondern unter einer meterdicken Schicht heißer Asche begraben.