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Geschichten aus der Elbaue


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Dresden und die Terrorbusse

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Einer der Busse, die jetzt in Dresden zu einem umstrittenen Kunstwerk aufgetürmt wurden. Foto: Beaverpress

In der sächsischen Staatskanzlei muss man sich doch die Haare raufen. Gerade war einmal so etwas wie gespannte Ruhe in Deutschlands heimlicher Skandalhauptstadt eingekehrt, die Pegida am Verglimmen – die AfD mit den Nachwirkungen der „H-Bombe“ vom 17. Januar beschäftigt, da wird doch die nächste Sau durchs sächsische Valley getrieben. In Gestalt von drei hochkant stehenden Bussen soll auf dem Neumarkt, vor Lutherdenkmal im Reformationsjahr und Frauenkirche, an die Schrecken des Krieges in Syrien gemahnt werden. Viele Dresdner verstehen das allerdings nur als eins: eine Provokation. Bewusst gesetzt vor den mit den Jahren immer heftiger deutungstechnisch umkämpften Tag des „Angriffs“ wie die drei Bomberwellen der Alliierten hier nur genannt werden, die die unverteidigte Stadt in den Tagen um den 13. Und 14. Februar 1945 trafen. Bereits einen Tag vor der öffentlichen Einweihung, als die Busse mittels eines Kranes aufgerichtet und auf extra gefertigten Stahlstützen montiert wurden, zog es viele zum Ort des Geschehens. Mal gucken, wie der Sachse sagt. Dabei kam es schon zu den ersten Irritationen. Viele nahmen durch die Veröffentlichungen an, dass es sich um „echte“ Busse aus dem Kriegsgebiet in Syrien handele. Mit Einschusslöchern und Brandflecken. Immerhin haben die Dresdner Erfahrungen mit so etwas. Die Trümmer der Frauenkirche wurden jahrzehntelang an Ort und Stelle gelassen wie sie im Februar 1945 gefallen waren, um an die Schrecken des Krieges und die Zerstörungskräfte zu mahnen, über die der Mensch verfügt. Jetzt allerdings standen hier drei zwar farblich etwas verblasste aber sonst relativ intakte Busse mit Aufschriften wie „Sparkasse Bayreuth“ , „Ihr Partner in Stadt und Land“ und „Bei uns erwartet Sie dieses Lächeln über 700 Mal“, daneben ein lachendes Frauengesicht. Sofort entspannen sich dazu typisch ostdeutsche Fachsimpeleien unter mehrheitlich älteren Passanten über die Beschaffenheit des jetzt sichtbaren Unterbodens und der Reifen mit dem Tenor: Die Busse wären in der DDR noch dreißig Jahre gefahren.

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Wenn es heißt, dass Kunst alles darf und auch provozieren soll, dann kann man die Installation wohl schon jetzt als Jahressieger in dieser Kategorie führen. Denn bereits zur Einweihung wurde klar, dass Teile der Zivilgesellschaft das „Kunstwerk“ nicht unwidersprochen hinnehmen wollen. Die Protagonisten kamen bei dem Pfeifkonzert und den Rufchören trotz Lautsprecheranlage kaum zu Wort. Zuvor hatten sich Sachsens SPD-Chef Martin Dulig und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange den Menschen gestellt. Immerhin. Auch wenn vordergründig nicht viel dabei herauskam. Doch selbst am Tag danach wollte die in Dresden nicht sonderlich beliebte Wissenschaftsministerin einem suggestiv fragenden Redakteur von MDR aktuell nicht den Gefallen tun und nach einem irgendwie verschärften „Sicherheitskonzept“ bei solchen Anlässen das Wort reden. Auch nicht als der Redakteur fragte: „Sie haben sich doch sicher auch an die Pöbelleien des 3. Oktobers erinnert gefühlt?“

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Immerhin: Wissenschaftsminsterin Eva-Maria Stange und Wirtschaftsminister Martin Dulig, beide SPD, stellten sich der aufgebrachten Menge. Foto: beaverpress

Stange blieb unerwartet sachlich und nahm die Dresdner sogar in Schutz. Die Menschen seien eben sehr aufgeregt in diesen Zeiten und die Erinnerung an den 13. Februar etwas Besonderes in dieser Stadt. Jetzt nach einem wie auch immer gearteten Sicherheitskonzept zu streben, sei nicht die richtige Antwort. Immerhin sei genügend Polizei auf dem Platz gewesen. Doch das Problem ist gerade in Dresden und im Pegida-Umfeld ein anderes. Die Sicherheitskräfte haben es hier mit dem „Sebnitz-Effekt“ zu tun. Dort gab es im Sommer zum Deutschen Wandertag ähnliche Szenen als Bundespräsident Gauck ein Bad in der Menge nehmen wollte, das zum Spießrutenlauf in Richtung Dienstlimousine mit Rückendeckung durch behelmte Bundespolizisten wurde. Erkennt man beim Fußball oder anderen politischen Frontenstellungen die Kombattanten oft schon an ihren Dresscodes oder grob am Alter und typischen Gesten, fällt das gerade im konservativen Umfeld als Unterscheidungsmerkmal aus. Man weiß nicht, ob der graumelierte Herr mit Hut, Lodenmantel und sorgsam gestutztem Schnauzer im nächsten Moment sittsam klatscht und der Obrigkeit zustimmt oder plötzlich doch „Hau ab“ ruft und die Trillerpfeife zückt. Wie soll die Polizei hier die Spreu vom Weizen trennen? Bei einigen war das leicht. Sie gaben sich durch selbstgebastelte Schilder mit Aufschriften wie „Hilberts Schrottplatz“ und Ähnlichem zu erkennen. Viele andere aber nicht. Der umstrittene Einweihungstermin war gerade überstanden und die Leitmedien der Republik hatten trotz des nur regionalen Geschehens wieder verlässliche Tumultbilder aus Dresden für die überregionalen Sendungen heute und Tagesthemen, da wurde noch in der Nacht zu Tag zwei der Installation die nächste Eskalationsstufe eingeläutet. Denn sofort hatten sie Neugierige an die Rechner gesetzt und das Kunstwerk und seinen Hintergrund unter die Lupe genommen. Womit sich der nächste Skandal andeutet. Denn im Original war auf den Bussen in Aleppo die Flagge einer Terrormiliz gehisst, die vom Bundeskriminalamt als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Dass Dresdens OB Dirk Hilbert als vielbeschäftigtes Stadtoberhaupt keine Bildkontrolle mittels Google vornimmt, ist verständlich. Als politisch Verantwortlicher muss er aber ausbaden, was in seiner Stadt so alles unter dem Deckmäntelchen des Wahren und Guten und mit ihm als Laudator veranstaltet wird. Schon in der Vorwoche hatte er die Gemüter seiner Dresdner wieder mit dem Stochern in der alten Wunde von Dresden als „schuldiger Stadt“ zum Kochen gebracht. Es ist nicht nur die nie abreißende Diskussion um die Opferzahl, die stets aufs Neue für Emotionen rund um den 13. Februar sorgt, sondern auch der leichtfertige Umgang mit den Gefühlen der Menschen. Reine Zeitzeugen, die es noch gibt, waren damals im Kindesalter. Aber in vielen Familien in der Stadt und im Umland sind die Erzählungen der Eltern und Großeltern, die den Feuersturm mit eigenen Augen sahen oder sogar überlebt haben, Teil tradierter Familiengeschichte wie sie zu Hochzeiten, Geburtstagen oder Jugendweihen weitergeben wird. Hilbert mag ein guter Wirtschaftsbürgermeister sein, aber in diesen Zeiten wünschte man sich einen gedankentiefen und historisch belesenen Reflektierer vom Schlage eines Richard von Weizsäcker und nicht einen Getriebenen seines rot-grünen Stadtrates, dessen einzige Markenzeichen seine Fülle und die harte Betonung weicher Konsonanten ist. Und so wird er es ertragen müssen, dass die Menschen auch zu anderen Anlässen „pöpeln“ wie er es in die Kameras des MDR sprach. Und das geht schon weiter, wenn auch nur im Internet.
Nach ersten Posts, die noch in der Nacht auf Facebook ihre Bahnen zogen, griff am Folgetag auch die örtliche Presse das Thema mit der Terroristenfahne auf. Ex-Pegida Frontfrau Tatjana Festerling formulierte drei Fragen an OB Hilbert mit Beantwortungsfrist binnen 24 Stunden. Lutz Bachmann meldete sich per Videoclip von den Kanaren und kündigte eine Privatklage seines Vaters als in seinen Gefühlen verletzter Betroffener der Bombennacht von 45 gegen das Terror-Denkmal an.
Ob das Dresdner Staatsschauspiel seinen Spielplan fürs erste Halbjahr komplett aussetzt, ist noch nicht bekannt. Die AfD jedenfalls setzt ihren Parteitag zur Listenwahl jetzt doch als Delegiertenparteitag und nicht wie von der Parteispitze favorisiert als Mitgliederparteitag fort, um unliebsame Listenkandidaten rauszukegeln. Und auch Akif Pirincci wird in Kürze wieder ein Gastspiel in der Landeshauptstadt geben. Das Amtsgericht Dresden hatte seine Rede zum Pegidageburtstag 2015 transkribiert, unter die Lupe genommen und dem Autor daraufhin „Volksverhetzung“ attestiert. Aber gegen Zahlung von 11 700 Euro könne man darüber hinwegsehen und das Volk seiner Verhetzung überlassen. Und genau an diesen Stellen stellt sich immer wieder die Frage, wieviele solcher „Fälle“ von Bachmann bis Pirincci die Verantwortlichen eigentlich noch brauchen, um zu begreifen, dass man politische Kämpfe, die man mit juristischen Mitteln weiterführen will, nur verlieren kann. Dulig und Stange, beide SPD, haben immerhin mit ihrem Erscheinen an einem zu Recht vermuteten Brennpunkt zu erkennen gegeben, dass sie die Botschaft verstanden haben. Sie stellten sich, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Aber ein Anfang ist gemacht. Aber wann hört die CDU im Freistaat das Hupen der Busse vom Neumarkt? Autor Akif Pirincci hat bereits in einem freudig-triumphierenden Post auf Facebook angekündigt, dass er selbstverständlich in Widerspruch gehen und das dann stattfindende Verfahren als große Bühne zu nutzen gedenke. Was einen Tag später auch eine Meldung des MDR bestätigte. So schafft man Volksfeststimmung. Wir haben zum Glück auch keine anderen Probleme.


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Höcke und das Diskursporzellan

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Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke bei seiner Dresdner Rede im Ballhaus Watzke. Foto: beaverpress

„Hannibal ante portas“ war der Schreckensruf im alten Rom als der karthagische Heerführer mit seinen Elefanten vor den Toren Roms gesichtet wurde. „Höcke intra muros“ hieß es mit fast ähnlichem Tenor am Dienstag in Dresden. Eingeladen hatte den selbst in den eigenen Reihen polarisierenden Thüringer AfD-Chef die Junge Alternative Dresden. Die „Arena“ hatte man bis kurz vorher noch versucht geheim zu halten. Es war einer der schönsten und größten Säle Dresdens – das Ballhaus Watzke. Die Eintrittskarten wurden vorab per email vergeben. Viele, die dabei leer ausgingen, versuchten trotzdem noch reinzukommen. Einige ohne Erfolg. Aus feuerpolizeilichen Gründen musste die Zahl begrenzt werden. Gefüllt hätte man sicher auch ein größeres Etablisment. Wie zu erwarten, war hier der harte Kern der Pegida aufgelaufen. Am Einlass wurde quälend langsam jeder einzeln kontrolliert. Man wollte Zustände wie in Magdeburg vermeiden, hieß es. Dort hatten in der Vorwoche Studenten der Otto-von-Guericke-Universität eine AfD-Veranstaltung so gestört, dass sie abgebrochen werden musste. Dabei hätte man sich bei rund 85 Prozent der Besucher auf die Sichtprüfung verlassen können. Die Fraktion 50 plus mit grauem oder gar keinem Haar mehr war deutlich in der Überzahl. Entsprechend stimmungsvoll ging es im Saal weiter. Eine Bänkel-Truppe mit Klampfe und Akkordeon spielte alte Volksweisen, etwa Anton Günthers heimliche Erzgebirgshymne „Deitsch un frei woll mir sei“.
Im Saal selbst war ein Großteil der mitteldeutschen Aufmüpfigenszene versammelt. Pegidafrontmann Siegfried Däbritz koordinierte die Security-Mitarbeiter. Ex-Pegidavorstandsmitglied Rene Jahn und Lebensgefährtin warteten als Gäste brav in der Kälte, bis sie die Personenkontrolle passieren konnten. Von der AfD-Landtagsfraktion war Jörg Urban da, gleichfalls sein Parteikollege, der Leipziger Anwalt Roland Ulbrich von der Patriotischen Plattform. In einer der vorderen Reihen wurde der bekannte CDU-Aussteiger Dr. Maximilian Krah gesichtet. Verleger Götz Kubitschek war mit einem Stand seines Verlages Antaios vertreten, genauso wie Felix Menzel von der Blauen Narzisse. Der Livestream von der Veranstaltung wurde vom Compact-Magazin ins Netz gestellt.

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Volkstümliche Einstimmung auf den Hauptredner mit Bänkelgesang. Foto: beaverpress

Ähnlich der Choreographie großer Konzerthighlights sprachen als „Vorband“ die beiden Dresdner AfD-Bundestagskandidaten Stefan Vogel, Jens Maier und ein junger AfD-Stadtrat aus Aachen.
Dann endlich betrat der Stargast, Björn Höcke, die Bühne. Die ersten, bisher hier nur aus dem Fernsehen bekannten „Höcke, Höcke“-Rufe brandeten auf. Einige stehen bereits auf, noch ehe ihr Idol ein Wort gesagt hat. Je länger man Höcke zuhört, umso mehr entstand das Bild von einem, der alle nur greifbaren und sorgsam gehüteten Diskurs-Porzellanvasen dieser Republik auf einem Brett nebeneinander drapiert, um dann eine nach der anderen runterzuschießen. Völlig ungeachtet des Bodensiegels mit dem Schriftzug „Tabu“. Und das nicht mit dem Luftgewehr, sondern mit der Flak. Anders kann man Höckes Auftritt in Dresden nicht beschreiben, denn er muss gerade als Geschichtslehrer wissen, was er da tut und mit wem er sich anlegt.
Das Holocaustdenkmal in Berlin als ein Mahnmal der Schande mitten im Herzen der eigenen Hauptstadt, sei Ausdruck eines negativen Gründungsmythos so der Thüringer AfD-Chef. Bis heute sei der deutsche Gemütszustand der eines total besiegten Volkes. Die Jugend solle viel mehr mit den positiven Aspekten unserer Geschichte in Berührung gebracht werden, den Philosophen, Erfindern und Musikern. Aber stattdessen werde unsere Geschichte mies und lächerlich gemacht, findet er. In Deutschland sei eine „dämliche Bewältigungspolitik“ an der Tagesordnung, die lähme und schlimmer sei als noch zu Zeiten Franz Josefs Strauß, der das schon beklagt habe. Und Höcke ging auch speziell auf den Ort seiner Rede ein. Verbunden mit einem Lob für die Pegida-Organisatoren. Die seien die ersten gewesen, die das Tor aufgestoßen hätten. Unter dem dröhnenden Applaus und „Widerstand, Widerstand“- Rufen sagte Höcke, dass Dresden die eigentliche Hauptstadt Deutschlands sei. Und er wandte sich dem zu, was bereits jetzt schon und alle Jahre wieder kurz nach Jahresbeginn in der sächsischen Hauptstadt aufflackert – die wahrscheinlich nie endende Diskussion um „den Angriff“ wie die Bombardierung Dresdens durch alliierte Bomberverbände in der Nacht des 13. Februar 1945 von den alten Dresdnern nur genannt wird. „Der Angriff war ein Kriegsverbrechen“, sagte Höcke. Er stehe in einer Reihe mit dem Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Er erfolgte in einer Zeit als der Krieg längst entschieden war. Oft auf Orte wie Dresden ohne militärische und wirtschaftliche Bedeutung, dafür wie hier voll mit geflüchteten Frauen und Kindern. Die Alliierten hätten damit auch eine kulturelle Komponente verfolgte. „Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten“, so Höcke. Die Umerziehung nach dem Krieg hätte dann den Rest bewirkt. „Deutsche Opfer gab es nicht mehr, nur noch Täter“, so Höcke. Die wiederaufgebaute Frauenkirche sei deshalb nur eine Fassade, der Geisteszustand des Volkes immer noch der eines Besiegten. In die Reihe seiner Abrechnung mit bundesdeutschen Heiligtümern stellte er auch die Reden der Bundespräsidenten Roman Herzog und Richard von Weizsäcker. Herzog habe mit seiner berühmten Ruck-Rede die Deutschen nur für den Neoliberalismus optimieren wollen. Die Deutschen sollten nur noch mehr arbeiten und leisten. Mit dem Effekt, dass Gesetze geschaffen wurden, die alle beim Verlust ihres Arbeitsplatzes gleich machen, egal, ob sie nun zwei oder zwanzig Jahre eingezahlt hätten. Die stilistisch ausgefeilte Rede Richard Weizsäckers sei trotz ihrer Brillanz eine „Rede gegen das deutsche Volk“ gewesen. Fast schien es so, als nutze Höcke das Dresdner Auditorium als eine Art kleinen Parteitag, auf dem er Leitlinien der Programmatik festlege. Wie einst in der Sowjetunion die Anhänger des Stalinwidersachers Leo Trotzki „Trotzkisten“ genannt wurden, sprach er nun von „Luckisten“ , die immer noch in der Partei zuhauf säßen und bloß auf ihr eigenes Fortkommen sännen. Diese möchten so schnell wie möglich zum Establishment mit seinen „Freifressen“ und „Freisaufen“ der Lobbyisten gehören. „Ich will das nicht“, rief Höcke in den Saal. Die AfD sei die letzte „evolutionäre Bewegung“, um in Deutschland das Ruder herumzureißen. Es gäbe keine Alternative im Etablierten. Die Partei habe einen langen und entbehrungsreichen Weg vor sich und dürfe sich auf keinen Fall im Parlamentarismus „verlieren“. Nötig sei eine inhaltliche Fundmentalopposition. Jede Partei neige zu einer Oligarchisierung und Erstarrung. Davor sei auch die AfD nicht gefeit. Aber das dürfe erst passieren, wenn sie ihre „historische Mission“ erfüllt habe. Bis dahin gelte es besonders, mit den Bürgerbewegungen auf der Straße in Kontakt zu bleiben und die Bewegung virulent zu halten. „Wir werden das so lange durchhalten, bis wir 51 Prozent haben oder als Seniorpartner einer Altpartei, die vorher durch ein reinigendes Fegefeuer gegangen ist“, so Höcke. Wir müssen nichts weniger als Geschichte schreiben, gab der ehemalige Geschichtslehrer seinen Zuhörern mit auf den Weg.

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Der Saal im Dresdner Ballhaus Watzke war übervoll. Man hätte mühelos eine größere Halle gefüllt. Foto: beaverpress

Vielleicht hat zumindest er das bereits getan, wie erste Reaktionen in Politik und Medien auf seine „Dresdner Rede“ schon zeigen. Insgesamt wurde deutlich, dass Höcke durchaus das Zeug zum „Volkstribun“ hat. Entgegen den wenigen und mit Tendenz ausgewählten Sequenzen, die von Höcke im Fernsehen gezeigt werden, kommt er als Redner nicht als der verschrobene Eiferer rüber, wie er oft gezeichnet wird. Höcke spricht frei, was seiner Profession als Gymnasiallehrer geschuldet sein dürfte. Und er weiß gekonnt, mit Tonalität und Inhalt Stimmung zu erzeugen. Er wusste, dass Dresden das Heimspiel schlechthin wird. Doch muss ihn die Wucht der Sprechchöre, die seine Rede unterbrachen vielleicht auch etwas überrascht haben. Er hätte es in der Hand gehabt, den Saal „zum Kochen“ zu bringen, wie man so sagt. Nicht umsonst flüsterte ein Graukopf in der letzten Reihe seinem Nachbarn nach einem solchen Beifallssturm zu: „Das ist ja wie im Bierkeller“. Höcke dämpfte die überschäumende Stimmung, indem er ruhige Passagen einflocht, dabei langsam und leise sprach. Zeit für die Spendensammler, die Büchsen herumgehen zu lassen. Besonders ältere Menschen zückten durchweg Zehn- oder Zwanzig-Euroscheine, sodass die Letzten in der Reihe Mühe hatten, ihre Spenden noch reinzustopfen.
Sein Auftritt ausgerechnet hier dürfte allerdings auch AfD-intern nachwirken. Denn Dresden ist eigentlich das Heimatrevier der „Großen Vorsitzenden“, Frauke Petry.  Sie war die Erste, die hier für die AfD in ein Landesparlament einzog. Sie war es auch, die Bernd Lucke maßgeblich aus der Partei trieb und den Vorsitz für sich reklamierte. Gegen Höcke strengte sie in der Zeit ein Parteiausschlussverfahren an, dass das Schiedsgericht der AfD kippte. Jetzt gräbt ihr der Widersacher in ihrer eigenen Hochburg das patriotische Wasser ab. Man darf spekulieren, wen Höcke im Blick hatte mit seiner Mahnung vor den Lockungen des Establishments. Viele nahmen Frauke Petry beispielsweise übel, dass sie 2015 zum Ball der „Lügenpresse“ ging. Das Problem hatte sie ein Jahr später nicht mehr, weil sie nicht mehr eingeladen wurde. Petry und die sächsische AfD hat aber auch aus Höckes Sicht noch ein Manko. Obwohl die Pegida-Bewegung sich im Herbst 2014 praktisch vor den Fenstern der neuen AfD-Abgeordnetenbüros entwickelte, verschlief man zunächst diese Entwicklung und blieb dann zögerlich auf Distanz. Im Nachhinein aus Sicht weiter Teile der sächsischen AfD eine richtige Strategie angesichts der Entwicklungen bei Pegida. Doch Höcke kennt diese Berührungsängste nicht. Er lief 2014 kurzerhand mit und lädt noch heute regelmäßig Siegfried Däbritz vom Führungsgespann der Pegida zu seinen Veranstaltungen ein, die er, oft auch gemeinsam mit Andre Poggenburg aus Sachsen-Anhalt durchführt. Vielleicht auch, weil er in Erfurt zu weit weg ist, als dass Pegida bei ihm dauerhaftes Engagement einfordern könnte wie ein Rufer es tat mit den Worten: „Wir wollen Dich am Montag sehen“. Und vielleicht auch aus innerparteilichem Machtkalkül mit der Ansage an Frauke Petry: „Sieh´ her, im Zweifel hören deine Sachsen auf mich.“ Höcke betonte auch in Dresden, dass er in Thüringen bleiben werde, weil er sich mit seiner Familie da „pudelwohl“ fühle. Schon zuvor hatte er öffentlich erklärt, nicht für den Bundestag kandidieren zu wollen. Doch man spürt deutlich: Dieses Zögern ist rein taktischer Natur. Da sammelt einer erst genügend Fußtruppen bis er das Überschreiten des Rubicons und den Marsch auf Rom wagt. Dresden war nur das Winterlager.


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Pegida reif für die Filmförderung

Wenn du denkst, es geht nicht mehr – kommt irgendwo ein amtliches Schreiben her. So wie in Dresden Anfang November aus dem Rathaus an die Adresse der Pegidaverantwortlichen. Darin stand, dass es den Beiden, welche Lutz und Siggi heißen, ab sofort verboten ist, den montäglichen Rentnertreff zu leiten. Das Ganze bis 2021, was allein schon zeigt, dass man im Rathaus gegen den allgemeinen Trend in der Politik nicht in Legislaturperioden denkt, sondern kürzer. Wer bis dahin nur argwöhnisch vermutete, dass das Rathaus in irgendeiner klandestinen Art und Weise mit den Machern der montäglichen Motz- und Laufstunde unter einer Decke steckt, fand hier seine letzte Bestätigung. Die Gründung irgendwelcher neuerlichen Bündnisse für Toleranz, Trallala und noch irgendwas ist dabei reine Tarnung. Denn dieses Schreiben wirkte wie der sprichwörtliche Luftstoß aus dem Blasebalg in die verglimmende Pegida. Alle Welt fragte sich natürlich, warum der Wind plötzlich wehte. Und das Rathaus schob die Begründung einige Tage später nach. Es war das despektierliche Verhalten einiger Festbesucher zum Tag der Deutschen Einheit. Politiker, die in die Frauenkirche zum Festgottesdienst wollten, mussten sich Sätze wie „Haut ab“ oder Etikettierungen wie „Volksverräter“ anhören. Ihre Majestät musste sogar einen Bus nehmen, um vom Gotteshaus in die Semperoper zur nächsten Feierstunde zu kommen, weil man befürchtete, dass das ursprünglich geplante „Bad in der Menge“ (der jubelnden Werktätigen) eher zu einem Spießrutenlauf werden könnte. Überhaupt hatte man wenig sensibel die Semperoper als Ort der Hauptfeier auserkoren. Wurde die doch selbst von einem Umstürzler ersten Ranges erbaut. Eine Gedenktafel an der Ecke Wilsdruffer Straße verkündet, dass der junge Gottfried Semper den Dresdner Barrikaden von 1848 erstmal den richtigen Schliff verpasste, indem er seine Kenntnisse als Baumeister einfließen ließ. Gelernt ist eben gelernt. Ein gewisser Richard Wagner war damals auch ganz vorne mit dabei. Dessen Musik immerhin mag die ungekrönte Monarchin des Landes. Zumindest haben ihr die Grünen den jährlichen Besuch in Bayreuth noch nicht verboten. Wahrscheinlich nur, solange sie ihre Marschverpflegung nicht bei Edeka kauft. Die Dresdner hatten sich aus Sicht des Berliner Hofes samt angeschlossenen Berichtern am 3. Oktober wieder mal mächtig danebenbenommen. Und Bachmann, der schlimme Finger,  hatte dazu mehr oder weniger verklausuliert aufgerufen, indem er eine „Raucherpause“ auf dem Neumarkt via Facebook zur besten Sendezeit anregte. Die Bilder sind bekannt. Die Empörung war wohlfeil und erwartbar. Obwohl Henryk M. Broderdsc_0207

Pegida als Vorabendserie? Die Geschichte der Dresdner Protestbewegung gäbe ein schillerndes Drehbuch ab. Um Längen unterhaltsamer als derzeitige Programmangebote. Foto: beaverpress

im N-24-Interview trotz suggestivstem Nachfragen des Moderators alles Nötige zu den Dresdner Vorgängen an diesem Tag gesagt hatte, fertigte man im Rathaus besagte Verbotsverfügung. Dabei muss man sich gerade dort im Klaren gewesen sein, wie es ankommt.  Wahrscheinlich war Druck von Oben im Spiel.

Man konnte nur mit dem Kopf schütteln. Als ob es darauf ankommt, wer da am Montag die Versammlungsauflagen vorliest. Die, die dort nach zwei Jahren noch stehen, können sie ohnehin herunterbeten wie ihr neues Vaterunser.

Und das ist genau der Punkt. Pegida gehört nicht verboten, sondern ist längst ein Fall für die Filmförderung des Freistaates Sachsen, wenn nicht der Bundesrepublik Deutschland. Denn mal ehrlich: Reichte einer ein Drehbuch mit dieser Geschichte als Plot ein, er bekäme es mit hundertprozentiger Sicherheit um die Ohren wegen völliger Absurdität. Wie heißt es immer? Das Leben schreibt die tollsten Geschichten?  Aber das hier gibt´s in keinem Russenkino. Treten wir mal einen Schritt beiseite und schauen mal ohne Zorn und Eifer auf das Set. Da haben wir eine Volksbewegung, die aus dem Nichts kam und aussieht wie ein Mischung aus Bundschuh und Bundesliga. Fahne, Hymne – alles da. Was ganz harmlos mit einem quäkenden Megafon neben der „Käseglocke“ auf dem Postplatz begann, ist längst eine Art Revolutionspersiflage geworden. Dresdner Lokalkolorit. Thematisch angesiedelt zwischen der legendären Fernsehserie „Kir Royal“ mit Franz Xaver Kroetz und der Olsenbande (Wir werden doch Millionäre, Egon?).

Erste Anklänge einer solchen Entwicklung gab es bereits im Januar 2015 als eine Pegida-Demonstration nach einem angeblichen Droh-Tweet des IS verboten wurde. Aus Sicherheitsgründen wie es damals hieß. Lutz Bachmann stieg in diesen Tagen vom „Panzerknacker“ und vorbestraften Unterhaltsschuldner zur Very-Very important Person des Freistaates Sachsen auf. Zu einer Pressekonferenz wurde er im BMW-Jeep des Landeskriminalamtes herumkutschiert. Personenschutz inklusive. Nur die Kanzlerin hatte am Tag der Einheit mehr Scharfschützen auf den Dresdner Dächern. Damals wohnte Bachmann noch ganz bürgerlich in Kesselsdorf vor den Toren Dresdens. Das war vor knapp zwei Jahren. Den neuesten Pressebulletins zufolge ist er jetzt „Privatier“ und lässt sich von  „internationalen Geldgebern“ ein sorgenfreies Leben unter der kanarischen Sonne Teneriffas bezahlen. Arbeiten würde er nicht, empörte sich das Boulevard. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der „Führer“ einer inzwischen nur noch örtlichen Protestbewegung schwebt wie ein Jet-Set-Manager einmal die Woche ein zum „Meeting“. Von wegen „Sohn seiner Klasse“, Arbeiterfäuste und Straßenpflaster. Dafür Sonnenbrille,  Rolly und easy jet. Immerhin noch Linie, nicht Lear.

Also, Leute beim MDR. Wenn das alles kein Stoff für eine schmissige Vorabendserie ist, was dann? Vielleicht mit Til Schweiger in der Rolle des Lutz Bachmann? Veronica Ferres könnte Kathrin Oertel spielen. Günther Jauch spielt Günther Jauch. Dazu grüne Tonnen voller Geld im Toplitzsee, schöne Frauen, finstere Innenminister – es gäbe schon Stoff für einige Folgen. Ausstrahlungstermin montags, 18.30 Uhr. Danach Riverboat mit wechselnden Besetzungen, die alles nochmal analysieren. Steimle und Patzelt als Moderatoren. So bekäme man die Straßen der Landeshauptstadt wieder leer.

Alternativ  bliebe als ultima ratio nur eine Flugverbotszone über Dresden oder gleich ganz Sachsen. Aber wer soll´s machen? Hillary Clinton, die für solche Sachen immer zu haben war, ist es ja nun nicht geworden. Und die Meinung des Neuen im Weißen Haus über unsere Kanzlerin dürfte sich von Bachmanns nur um Nuancen unterscheiden. Unsere eigene Luftwaffe? Eben. Außerdem wollen wir keine Gewalt.

Bleibt nur der Heimatsender. Und wie sagte Uwe Steimle neulich so schön? Wer für die Heimat ist und den Frieden, der ist unantastbar. Vieles könnte so einfach sein.


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Die B-Männer vor Gericht

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Figur vor dem Dresdner Gerichtsgebäude. Foto: beaverpress

Es ist ein Kreuz mit der politischen Justiz. Fast schon programmgemäß geht dabei in Deutschland  alles nach hinten los, was auf den ersten Blick so gut aussah. Wer hätte denn ahnen können als die Landespolitik in Sachsen im Herbst vorigen Jahres eine Anklage wegen Volksverhetzung gegen Pegida-Gründer Lutz Bachmann von der Leine ließ, dass sich zum Zeitpunkt des Verfahrens eine Konjunktion zweier Fälle einstellt, die so in der deutschen Justizgeschichte sicher einmalig ist. Während in Dresden Lutz Bachmann heute zum ersten Verhandlungstag erschien, liegt bei der Staatsanwaltschaft Mainz der Fall Böhmermann auf dem Tisch. Der eine hat in einer mehr oder weniger geschlossenen Facebookgruppe unspezifisch was Unschönes über Migranten, genannt Flüchtlinge, geschrieben. Der andere hat sich zur besten Sendezeit über den zweiten staatlichen Sender dieses bunten Landes  ganz explizit über die äußere Form der Hoden des türkischen Staatsoberhauptes und dessen vermutete sexuelle Präferenzen ausgelassen. Tiere und Kinder spielten dabei eine Rolle. Bachmann werden insbesondere die Worte „Viehzeug“, „Gelumpe“ und „Dreckspack“ vorgeworfen. Zumindest stilistisch spielt er damit aber in einer Liga mit Grünenchef Özdemir (Mischpoke), SPD-Chef Gabriel „Pack“ und Justizminister Maas „Schande“. Einziger Unterschied. Die Letztgenannten sitzen in Deutschland hinter einem Schreibtisch und nicht davor. Und nur darauf kommt es an, wusste schon Tucholsky. Lassen wir an dieser Stelle für einen kurzen Moment einen anderen Klassiker der deutschen Belletristik zu Wort kommen – Hans Fallada. Der beschrieb in seinen Lebenserinnerungen sehr detailreich und liebevoll die Arbeit seines Vaters, der zunächst als Richter am Berliner Kammergericht arbeitete und später ans höchste deutsche Gericht, das Reichsgericht in Leipzig, berufen wurde. Dorthin pflegte ihn seine leicht taube Schwiegermutter manchmal zu begleiten. Sie setzte sich oft als einzige Zuhörerin in den Verhandlungsaal und strickte, während die juristischen Koriphäen komplizierte Fälle in unnachahmlicher Ruhe und halblautem Austausch von Argumenten abhandelten. „In diesen leidenschaftslosen Händen sah sie das Recht gut aufgehoben“, schrieb Fallada in seinem Roman „Damals bei uns Zuhause“. Diese „leidenschaftslosen Hände“ von Juristen sollen nun im Deutschland des Jahres 2016 kitten, was die Politik schon seit Jahren nicht mehr  zusammenbringt. Man kann sich förmlich vorstellen, wie diese Hände in die Höhe gingen als die gewiss nicht leidenschaftslose Dresdner Staatsanwaltschaft mit der Bachmann-Geschichte  erschien. Laut Medienberichten sollte der Fall ursprünglich von einem Schöffengericht, also einem studierten Richter mit zwei Laienschöffen, verhandelt werden. Diese Zusammensetzung ist ein Relikt der bürgerlichen Revolution von 1848, deren Dresdner Protagonisten Namen wie Richard Wagner oder Gottfried Semper tragen. Das Schöffengericht  war so aufgeregt, dass es den Fall wegen der „besonderen Bedeutung“ ans Landgericht, also das oberste Provinzialgericht des Freistaates Sachsen, weitergab. Bleibt uns bloß mit dem Bettel bloß vom Leibe, müssen sie dort gerufen haben und reichten das Ding gleich runter in den Keller, zum Amtsgericht. Dort gehörte die Posse nach Ansicht der obersten Juristen hin. Sie ahnten wohl schon, dass außer Klamauk nicht viel dabei herauskommen werde.

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Lutz Bachmann und seine Frau Vicky erschienen vor Gericht mit selbstgebastelten Brillen, an denen ein Augenstreifen befestigt war. Quelle: Screenshot ZDF.

Und mit Klamauk ging es erwartungsgemäß am Dienstag gleich los. Knapp über 100 Pegida-Anhänger standen vor dem Gerichtsgebäude und forderten „Freiheit für Lutz“, obwohl der noch gar nicht sitzt. Lutz Bachmann, seine Frau Vicky und einige Anhänger hatten sich Brillen mit schwarzen Augenstreifen gebastelt, wie sie von der Presse immer über die Gesichter von Verbrechern gelegt werden. Selbst ein Justizbediensteter konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken als der Pegidaführer mit Entourage so den Gerichtssaal betrat.
Und dann nahm alles seinen Lauf. Mit seinen Ausdrücken („Viehzeug, Gelumpe,…“)  soll Bachmann auf Facebook das Volk verhetzt haben. Der Paragraph 130 schreibt vor, dass das „öffentlich“ erfolgen muss. Nun schrieb Bachmann diese Zeilen aber zu einer Zeit als er noch gar keine Person der Zeitgeschichte und Multiplikator der Pegida-Bewegung war. Die Öffentlichkeit will man durch die Eintragung in dem sozialen Netzwerk Facebook als gegeben ansehen. Die landläufige Vorstellung, dass da einer auf dem Roten Platz oder vorm Berliner Schloss zu Volksmassen spricht oder, je nach Klassenstandpunkt, hetzt, hat wohl in Zeiten von Smartphone und Tablet ausgedient. Das Ganze ist sehr diskussionswürdig, zumal Bachmann inzwischen sogar bestreitet, diese Worte selbst geschrieben zu haben. Viel Spaß bei der Beweisaufnahme dieses staatspolitisch brisanten Falles, möchte man rufen. Es wird sogar gemunkelt, die Bachmann-Verteidigung wolle Facebook-Obere aus Hamburg vor Gericht antanzen lassen. Für Unterhaltung ist also gesorgt. Dabei kann sich Bachmann zurücklehnen und in Ruhe seinen nächsten Gag vorbereiten. Denn als ob die leidgeprüfte sächsische Staatsregierung nicht schon genug im Rampenlicht steht und dort eine sehr unbeholfene Figur macht, kann das Publikum, wenn es in Dresden langweilig wird, in Echtzeit immer mal rüberschalten nach Mainz und schauen wie man im Türkenklötenfall singt und lacht. Bachmann steht wegen des 130igers vorm Richter, Böhmermann bald wegen des 103ers. Beides Vorschriften, um die uns die restliche Welt angesichts dieser Telenovelas sicher beneidet. Böhmermann hat immerhin Schwein, wenn man das in einem Land, zu dem der Islam gehört, noch so sagen darf. Er hat nicht das Volk verhetzt. Aber er hat sich bei der „Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes“ ausgerechnet den türkischen Präsidenten ausgesucht, was auch nicht ohne ist in diesen Zeiten. Vom Kaliber also in etwa gleichwertig.  Nur, dass Böhmermann vom größten Teil des Medien- und Kunstbetriebes im schlimmsten Fall die Bemmen für den Knast geschmiert bekommt, während man Bachmann hängen sehen will. Es wird in beiden Fällen nicht zum Äußersten kommen. In der sächsischen Staatskanzlei wird man froh sein, wenn die drei Verhandlungstage in Dresden ohne großen Zirkus über die Bühne gehen. Denn immer kann man nicht die GSG 9 zur Ablenkung ausrücken lassen, um einem 18-Jährigen die Polenböller wegzunehmen. Vielleicht ist gerade die Überschneidung der Fälle und ihre zeitgleiche mediale Behandlung endlich der Anlass, politische Probleme mit Politik zu lösen und nicht über den Verschiebebahnhof der Justiz. Aber erst stehen noch zwei Vorstellungen, pardon, Verhandlungstage an.

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Pegida-Anhänger demonstrierten vor dem Gericht. Foto: beaverpress


Ein Kommentar

Demonstrationsbiedermeier

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Pegida zelebriert den Jahresabschluss mit Liedersingen am Elbufer. Foto: beaverpress

Den Gegnern von Pegida nahezubringen, dass weniger mehr wäre, erscheint ein genauso aussichtsloses Unterfangen zu sein, wie Angela Merkel von ihrem „Wir-schaffen-das-Trip“ zu bekommen. Gut zu beobachten war das wieder beim „Jahresabschluss“ des Bündnisses am Montag in Dresden. Nachdem man den Organisatoren erst den angestammten Theaterplatz streitig gemacht hatte, sorgte ein „Einzelanmelder“ dafür, dass auch der Schlesische Platz vor dem Neustädter Bahnhof den Gegendemonstranten vorbehalten blieb. Wie so oft, wenn sich so etwas hochschaukelt, kommt Trotz ins Spiel und macht die Sache größer als sie es sonst wäre. Beide Lager hatten medial mobilisiert und so harrte besonders die Politik und ihr bedauernswerter Arm, die Polizei, der Dinge, die sich da in Dresden entwickeln würden. „Nach Leipzig“ wie es jetzt immer ohne erklärende Worte heißt, rechnet man mit dem Schlimmsten. Aber Dresden ist eben anders. Manches entbehrte nicht einer gewissen launigen Dialektik. Etwa, wenn Anhänger und Gegner mit denselben Zügen in die Elbestadt fahren. Dabei offenbarte sich wie schon so oft, der ganze Widersinn dieser Auseinandersetzung. Es sind eben keine „Rechten“ oder „Nazis“, die man noch in den Neunzigern an ihrer Kleidung, den Tätowierungen oder dem kahlrasierten Schädel erkennen konnte, die da einsteigen. So standen oder saßen sie jetzt beispielsweise neben schwarz gekleideten Jugendlichen, von denen einige auch im Zug eine Sonnenbrille trugen. Alle zeigten brav ihre Fahrkarten vor, als die Schaffnerin kam. Kein böses Wort fiel. Lenin hatte nicht ganz unrecht mit seiner Einschätzung des deutschen Revolutionsgebarens. Die Separierung der Lager erfolgte dann im Bahnhof Neustadt. Nicht an der Bahnsteigkante, sondern im Quertunnel darunter. Ein etwas älterer Bundespolizist ließ dort den Pulk der Fahrgäste auf sich zukommen und dirigierte offenbar nach einem eigenen Gesichts- und Kleidungsinterpretationsprogramm die Reisenden nach links (Pegida-Ausgang) oder nach rechts (Antifa-Demo). Das ging natürlich nicht ohne Diskussionen. Woher er denn wisse, dass er zu Pegida wolle?, fragte ein Mittvierziger den Beamten. Der lächelte nur hintersinnig, deutete in Richtung des entsprechenden Ausgangs, und sagte: „Geh dort lang, das ist besser.“
„Dort“ war das Königsufer, wohin man Pegida letztlich bugsiert hatte. Im Sommer finden hier die berühmten Filmnächte am Elbufer statt. Gegenüber die weltberühmte Silhouette der Stadt mit ihrem Wahrzeichen, der Frauenkirche. Der berühmte „Canaletto-Blick“. Dass man sich damit aus Sicht der Bekämpfer von Pegida ein gewaltiges Eigentor geschossen hatte, dürfte dem Letzten bei den ersten Fernsehbildern deutlich geworden sein. Eine bessere Kulisse als das hier hätte man den Pegidianern gar nicht bieten können. Dort standen sie in Massen den Hang hinauf und hatten den wuchtigen Baukörper des Kultusministeriums als akustischen Verstärker der Sprechchöre in Richtung Altstadt im Rücken. Viele kennen die Location auch, weil Schlagerbarde Roland Kaiser, ein erklärter Gegner von Pegida, sich hier von seinen Dresdner Fans feiern lässt. Der Bezug zu Roland Kaiser machte dann auch die Schätzung der Teilnehmerzahl leichter. „Wenn Kaiser ausverkauft ist, stehen hier 12000 Leute, aber heute sind mehr hier“, erzählte einer beim Erklimmen des Elbhanges. Zelebriert wurde die Veranstaltung dann wie der Jahresabschluss eines etwas zu groß geratenen Vereins. Die Nachricht, erste Autos würden brennen, sorgte für ein Aufstöhnen der Masse. Ein Ford-Fiesta stand etwas abseits des Geschehens in Flammen. Danach fanden sich Teile der unterschiedlichen Lager am nahen „Augustusmarkt“ wieder zusammen. Und da standen sie wieder einträchtig bei Apfel-Glühwein mit Zimt und Bratwurst zusammen an gemütlichen Fass-Tischen, die bärbeißigen Typen in Dachdeckerhosen, den Jacken von Engelbert & Strauß und die schwarz gekleideten Mädchen mit Piercings in Nase und Oberlippe. Ab und zu musterte man sich mal so nebenbei. War der bei Pegida? War die gerade noch bei der Antifademo am Bahnhof? Wer kann es wissen? Gegen 23 Uhr war längst wieder Ruhe eingekehrt. Die letzten Schwarzjacken und Graubärte enterten die Züge ins Umland. Jetzt ist erstmal Weihnachten. Vielleicht gelingt es den Akteuren abseits der Rednertribünen, den lagerverbindenden Gedanken von Glühwein und Weihnachtsstimmung an einem runden Tisch enden zu lassen. Dass auch das gehen könnte, hat der Montag gezeigt.


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Dresdner Stellungskrieg

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Wie weiter in Dresden?, heißt das neue Gesprächsformat, zu dem Kirche und Landeszentrale für politische Bildung am Mittwoch zum ersten Mal in die Dresdner Kreuzkirche eingeladen hatten. Foto: beaverpress

Die Bevölkerung in Deutschland gleicht in diesen Tagen einem Geldschein, den man unter einen UV-Licht-Scanner legt. Der lässt die kleinen Bestandteile des Scheines unterschiedlich aufleuchten. Mit bloßem Auge sieht man die Unterschiede nicht. Das UV-Licht, das bei der deutschen Bevölkerung diesen Effekt hervorruft, ist die Asylfrage. Die einen reagieren so, die anderen so. Und der Effekt war wieder gut zu beobachten am Mittwochabend in der Dresdner Frauenkirche, wo Superintendent Christian Mendt und der Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, kurzfristig zu einem Bürgerforum unter dem Titel „Wie weiter in Dresden“ eingeladen hatten. Sah man so durch die gut gefüllten Reihen, ließen sich nur schwer irgendwelche Zugehörigkeiten ausmachen. Nur bei wenigen jugendlichen Teilnehmern ließ sich an Kleidung, Haartracht oder Sitzhaltung eine Grobeinschätzung vornehmen, ob sie eher der Nie-wieder-Deutschland-Fraktion oder Pegida zuzuordnen waren. Bei den älteren erlebte man dann die inzwischen in Dresden bekannten Überraschungen, dass sich vom Äußeren her stockbiedere Menschen, als leidenschaftliche Pegidianer zu erkennen gaben. Und man merkte auch: Dresden ist seit einem Jahr, seit dem Beginn der montäglichen Protestumzüge, keinen Schritt weiter. Es verlaufe ein tiefer Riss durch Freundeskreise, die Familien, das ganze Land,  hieß es von vielen. „Wir stecken fest“, beklagte Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) völlig zu recht. Aber gerade von ihm sind keine Impulse zu erwarten. Irgendwie wird man bei ihm immer an Egon Olsen erinnert, der seine Mitstreiter Benny und Kjeld als „Männer ohne Format und Phantasie“ beschimpfte. Hilbert wirkt blass und unbeholfen, wenn er etwa in seinem Statement Bedingungen formuliert, unter denen er sich einen Dialog vorstellen kann. Dabei gebraucht er Floskeln und Wortstanzen, die sich längst abgenutzt haben. Ein kraftvolles Ausschreiten ist von ihm nicht zu erwarten. Er betont gern weiche Konsonanten hart. Sagt etwa „werten“, statt „werden“. Das ist aber auch schon alles, was markant an ihm ist. Vielleicht denkt er manchmal in stillen Momenten, wäre er doch bloß kleiner Ressortbürgermeister geblieben. Jetzt hat ihn das Schicksal in die vorderste Reihe einer „Frontstadt“ gestellt. Alle wollen was von ihm. Und keinem Lager kann er es recht machen, während Tag für Tag die Busse mit den Migranten kommen. Der Konflikt verharrt im Grabenkampf, immer mal durchbrochen von der Mahnung, man möge doch an das „schöne Dresden“ und seinen Ruf in der Welt denken. Aber solange die einen, meist sehr jugendlichen Streiter, die noch sehr viel Zeit für Berufsabschlüsse und Lebenserfahrung vor sich haben, den anderen zurufen, sie seien „Neofaschisten“ und diese antworten, sie wiederum sollten sich lieber zu ihren „linksfaschistischen Freunden“ nach Leipzig scheren, kommt die Debatte keinen Schritt voran. Dabei könnte Dresden das Signal sein für einen Dialog wie 89, vielleicht einen neuen Runden Tisch, um unbelastet von Ideologismen wie „Wir schaffen das“ und „Volksverräter“ einen Neuanfang der gesellschaftlichen Debatte zu wagen. Die Dresdner Kreuzkirche war schon einmal ein Ort, wo sich Bürgerunmut Bahn brach und in einer Veränderung mündete. Daran erinnerten etliche Redner an diesem Abend. Dazu würde aber gehören, dass man sich zunächst einmal ehrlich macht. Den Ansatz dazu könnten beispielsweise die ersten beiden Redebeiträge von vorher ausgesuchten Bürgern liefern, die streng nach Alphabet auftraten und drei Minuten vortragen durften. Der Erste gab sich als ein vor einigen Jahren aus dem Westen Zugereister zu erkennen und sagte sinngemäß, er könne das Reden von der Integration nicht mehr hören. Gerade in Städten wie Bremen, Osnabrück oder Hamburg könne man doch besichtigen, dass seit der Einwanderung in den 60-iger Jahren Parallelgesellschaften entstanden seien. Mit Bewohnern, die nie vorgehabt hätten, sich zu integrieren. Die angestammte Bevölkerung im Westen habe längst resigniert. Der zweite Redner gab sich als Schriftsteller aus Radebeul zu erkennen, der auch in seiner zweiten Heimat, Großbritannien, zu Hause sei. Und dort sei es eine Lust, die Zeitungen zu lesen oder Sendungen der BBC zu verfolgen. Wegen der Vielfalt der Meinungen. Nicht nur zwischen den einzelnen Blättern, sondern auch wegen der unterschiedlichen Sichtweisen in einem Blatt. In Deutschland herrsche dagegen ein Einheitsbrei vor, der dem Leser oder dem Zuschauer vorgebe, wie er Dinge oder Entwicklungen zu verstehen und zu fühlen habe. Im Fernsehen würden Erzieher den Zuschauer von oben herab belehren und die Sicht der Regierung verkünden. In England dagegen würden Fakten weitestgehend wertfrei präsentiert, sodass der Konsument sich selbst ein Urteil bilden könne. Einige Teilnehmer sprachen diesen Punkt an und sagten, sie wären gespannt, was später über diese Veranstaltung berichtet würde. Trotzdem. Auch hier nur die altbekannten Frontstellungen.  Gut integrierte Ausländer warben um Verständnis für Fremde, wiesen auf den Zugewinn hin, während andere sagten, man dürfe nicht die gestiegene Kriminalität rund um die Flüchtlingscamps und die Vergewaltigungen ausblenden. Großer Konsens herrschte, dass es mit diesem Format in der Kirche endlich ein Forum gebe, auf dem sich beide Seiten treffen und austauschen könnten. Das wäre ein guter Schritt, den Konflikt von der Straße in konstruktive Formen zu lenken. Denn im Prinzip fragen sich beide Seiten wie lange man noch in Dresden im wahrsten Sinne des Wortes im Kreis laufen will. Vielleicht war es auch ganz gut, dass das linke Bündnis „Dresden für alle“ seine offizielle Teilnahme abgesagt hatte. Man wollte nicht mit Rene Jahn, einem ehemaligen Pegida-Gründungsmitglied, der gleichfalls eingeladen war, zusammen auftreten. Die Toleranz der Toleranten hat Grenzen. Im Internet hatten Spötter daraufhin gefrotzelt, es wäre wohl doch nicht „Dresden für alle“, sondern „Dresden für einige“. Auch vom Pegida-Kern war niemand da. Rene Jahn geht zwar wieder zu den Demos wie er sagte, aber organisatorisch hat er nichts mehr mit dem Bündnis zu tun. Beide Vereine bilden aber auch nur den organisatorischen Rahmen für den Protest und speisen sich aus dem Zulauf ihrer Sympathisanten. Letztlich sind es die Bürger selbst, die sich über die Animositäten und verhärteten Ansichten ihrer jeweiligen Vordenker hinweg verständigen müssen. Was bietet sich da besser an als der neutrale Boden der Kirche? Die jedenfalls scheint nun nach Lichtaus- und Sturmgeläutaktionen aus der Phalanx der „Gegendemonstranten“ ausgebrochen zu sein und besinnt sich wieder auf ihre Vermittlerrolle wie einst in Wendezeiten. Es entbehrt nicht einer gewissen humorvollen Dialektik, dass der Leiter der staatlichen Landeszentrale für politische Bildung ein ehemaliger Pfarrer und der Superintendent des Dresdner Kirchensprengels im Zweitjob Polizeiseelsorger ist. Aus dieser Mischung könnte mehr werden. Für nächsten Montag jedenfalls sind erst noch mal „Spielchen“ zu erwarten. Nachdem man Pegida den Theaterplatz, der auch schon mal als ehemaliger Adolf-Hitler-Platz durch die Presse geistert, wenn die Richtung stimmt, streitig gemacht hat, kündigte Lutz Bachmann Vergeltung in Form von Weihnachtsliedersingen auf dem Schlesischen Platz an. Der liegt im Szeneviertel der Dresdner Neustadt und das Vorhaben wird von der Gegenseite dankbar aufgegriffen. Es bleibt nun abzuwarten, ob dem „bunten Dresden“ der Theaterplatz wirklich so wichtig war, oder ob die Anhänger sich nicht doch eher an ihrem Lieblingsgegner auf heimischer Flur abarbeiten wollen. Die Polizei rechnet mit dem Schlimmsten, auch weil linke Kräfte angekündigt haben, dass man den Leipzigern den zweifelhaften Titel eines „Krawallmeisters 2015“ auf den letzten Metern des Jahres noch streitig machen möchten. Das ist eigentlich genau der Moment, an dem man auf den letzten Redner am Mittwoch hören sollte. Der ehemalige Coswiger Pfarrer und DDR-Widerständler Hanno Schmidt regte an, sich wenigstens erstmal auf einen Waffenstillstand zu verständigen. Immerhin, selbst im Kriegswinter 14/15 hat das geklappt. Ob es auch in Dresden 15/16 klappt, wird die kommende Woche zeigen.


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Pegida am Kreuzweg

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Schon am Tag nach der Wahl war die Anhängerschaft stark geschrumpft. Der Sommer und mangelnde neue Themen dürfte die Bewegung weiter abflauen lassen. Foto: leo

Über den Erfolg von Pegida bei den Oberbürgermeisterwahlen in Dresden sind sich alle Kommentatoren einig: Mit einem solchen Ergebnis hätte niemand gerechnet. Frontfrau Tatjana Festerling schaffte aus dem Stand 9,6 Prozent. Und das ohne großen und eingespielten Parteiapparat. Und sie lag mit ihrem Ergebnis nur fünf Prozentpunkte hinter der CDU, was das Ganze zur eigentlichen Sensation macht. Man muss sich das vorstellen. In einem Bundesland, das so etwas wie die Erbpacht der CDU im Osten ist. Hier, wo ein Biedenkopf nebst Gemahlin den Freistaat über Jahrzehnte souverän lenkte und nur kokett abwehrte, wenn man ihn  „König Kurt“ nannte. Die CDU-Strategen wissen natürlich, dass Pegida und AfD zu großen Teilen Abtrünnige aus ihrem Dunstkreis sind. Es sind nicht alles ehemalige Nichtwähler, die der Wahl-Dresdnerin ihre Stimme gaben. Jetzt setzt man auch dort auf Frontbegradigung und hofft, dass es wenigstens ein „Hilbig“ ins Rathaus schafft, um noch ein bißchen mitzureden. Auch das links-grüne Bündnis hat abseits der Fernsehkameras wenig Grund zum Feiern. Die 36 Prozent, die man jetzt durch Zusammenlegung der Truppen aus Piraten, Linken und Grünen zusammenkratzte, hätte die SPD in ihren besseren Tagen allein auf die Waage gebracht. Doch bei allem bleibt die Frage, wie geht es weiter? Für Hilbert sieht es gut aus. Im bürgerlichen Lager gilt die inzwischen auch laut ausgesprochene Parole: Stange verhindern. Für die etablierten Parteien ist das normaler Geschäftsbetrieb. Nüchterne Machtpolitik, ausgerichtet an den Gegebenheiten. Das Pulver wird für kommende Kämpfe trocken gelagert.

Für das junge Pegida-Bündnis aber wird es zur Schicksalsfrage. Viele Anhänger hatten in ihrem teilweise naiven Enthusiasmus tatsächlich geglaubt, ihre Kandidatin würde gewinnen. Mit dem gleichen Gefühlsüberschwang sind sie jetzt enttäuscht und sehen sich unversehens mit der Wahlarithmetik nach der Wahl konfrontiert. Und die leuchtet nicht allen ein. War man nicht angetreten, weil man den etablierten Politikbetrieb in seiner heutigen Ausprägung komplett ablehnt? Und jetzt soll man ausgerechnet mit einem Kandidaten der unbeliebten FDP mauscheln? Einem, der gesagt hat, Pegida sei ein Ärgernis? Aber die Logik sagt: Wer Stange verhindern will, muss Hilbert wählen. Die dicke Kröte schlucken, wie es Tatjana Festerling in ihrer Rede nach der Wahl nannte. Für Hilbert würde dies allerdings auch ein Danaer-Geschenk bedeuten. Muss er sich doch bei einem Sieg am 5. Juli nachsagen lassen, mit den Stimmen des schlimmen Pegida-Bündnisses an die Macht gekommen zu sein. Bleiben die Pegida-Anhänger aus Frust und Trotz zu Hause beim nächsten Wahlgang, ist paradoxerweise Pegida am Ende schuld, wenn zum rot-rot-grünen Stadtrat eine solche Oberbürgermeisterin kommt. Doch nicht nur diese Frage hat das Zeug, Pegida zum Erliegen zu bringen. Die nächste Frage wäre: Wie lange will man noch durch Dresden ziehen? Nachdem einige Medien vorschnell von einer Sommerpause fabuliert hatten, war es wohl eher eine Art kindlicher Trotz von Lutz Bachmann, der diesen die Parole ausgeben ließ: Wir laufen weiter. Doch ob das die Anhänger mitmachen, steht dahin. Denn es stellt sich die Frage nach dem Ziel. Der Wahltag am 7. Juni war zweifellos ein solches. Aber die Begeisterung ließ sich nur noch mit Mühe aufrechterhalten. Zu sehr lockt inzwischen der Garten, die Ferien stehen vor der Tür und der Mensch will auch mal was Neues hören. Es ist aber alles gesagt. Oder soll es Routine werden, dass Lutz Bachmann montags die „böse Presse“ der vergangenen Woche rekapituliert, danach wird ein bißchen gelaufen und dann geht’s wieder heim? Zur letzten Veranstaltung am Montag meinte ein Redner, man solle die Islamkritik vergessen und nur eine Forderung stellen – die nach direkter Demokratie. Wer das will, kann aber schon mit Oertels Kathrinchen Luftballons steigen lassen. Die Teilnehmerzahlen bei der blonden Pegida-Aussteigerin sind gut ermittelbar. Es reichen die Finger einer Hand. Dem Vernehmen nach macht man sich im Pegidaumfeld die gleichen Gedanken. Zu einer einheitlichen Meinung habe man sich noch nicht durchringen können, heißt es. Die eine Hälfte sei für das Fortführen der Demos jeden Montag und hofft dabei auf Urlauber aus dem übrigen Bundesgebiet und den harten Kern. Doch selbst der schmilzt, wie am Montag gut zu sehen war. Die andere Hälfte möchte Pegida mit gezielten Aktionen im Hintergrund am Laufen halten und dann im Herbst mit neuem Schwung wieder auf der Straße erscheinen. Wahrscheinlich dürfte diese Entscheidung noch im Juli fallen. Und wenn es eine Abstimmung mit den Füßen wird.