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Geschichten aus der Elbaue


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Verstörter Paramilitär

Es war Anfang der Neunziger, so kurz nach der Wende, als ich eines Tages beim Konsum eines der für mich neuen Qualitätsmedien richtig erschrak. Ich weiß nicht mehr genau, ob es der Spiegel war oder ein Fernsehformat. Aber es war aus Hamburg. Und von da bekam ich es klipp und klar gesagt: Ich war jahrelang Mitglied einer paramilitärischen Einheit gewesen. Bis dahin kannte ich den Begriff nur in Verbindung mit den blutrünstigen Contras in Nicaragua, der IRA in Nordirland oder den Bombenbauern der ETA in Nordspanien. Jetzt erfuhr ich: In der Liga habe ich auch mal gespielt. Wie es sich für so eine Organisation gehört, wurde auch meine mit drei Buchstaben abgekürzt. Sie lauteten: GST.

220px-gesellschaft_fur_sport_und_technik_symbol-svgDas stand für „Gesellschaft für Sport und Technik“. Dass sich hinter einer vordergründig so harmlosen Bezeichnung eine der gefährlichsten militärischen Untergrundorganisationen verbarg, wie ich es nun erfuhr, wurde mir rückwirkend klar, als ich mich an den Tag meines Eintretens in die Truppe erinnerte. „Biste schon in der GST“, fragte mich der Heimleiter meines Lehrlingswohnheimes, das für drei Jahre meiner Berufsausbildung samt Abitur mein Zuhause werden sollte. Noch ehe ich etwas Sinnvolles sagen kannte, erfuhr ich: „Wenn nicht, bistes ab jetzt“. Fertig ab. In der kommenden halben Stunde bekam ich die entsprechende Uniform, bestehend aus Koppel mit DDR-Emblem, einem Käppi, einer ausgeblichenen Hose und einer  schlabbrigen Jacke in einem undefinierbaren Farbton zwischen grau und grün. In Ermangelung von Knobelbechern wurden blank geputzte Arbeitsschuhe getragen. Entsprechend dieser Einstimmung bestanden die ersten 14 Tage unserer „Lehrausbildung“ aus einer Abfolge von Exerzierübungen rund ums Heim. Das alles zum großen Ergötzen der zwei höheren Jahrgänge des Internats, die grinsend und johlend aus den Fenstern hingen und die Verrenkungen der neuen „Spritzer“ –  so hießen die Elftklässler –  kommentierten. Selbstverständlich verfügte das Internat auch über eine kleine Sturmbahn mit lebensecht verlegtem „Flandernzaun“, unter dem wir das gefechtsmäßige Robben übten. Erfahrungen, die die spätere Lektüre des Klassikers „Im Westen nichts Neues“ viel sinnlicher werden ließen. Das Bild rundete sich ab, als wir erfuhren, dass unsere „Erzieher“ durchweg ehemalige Offiziere der NVA waren, die uns später in bierseliger Laune verkündeten, dass noch „weiter früher“ in unserem Komplex eine Einheit Nachtjäger der Luftwaffe stationiert war. Unser kleiner Ort lag nämlich genau auf der geraden Linie von Holland nach Berlin. Viele meiner Klassenkameraden waren schon länger Mitglied der GST. Sie hatten hier ihren Motorradführerschein gemacht, was eines der größten Motive zum Eintritt in die grau-grüne Truppe war. Auch den LKW-Schein konnte man erwerben. Einer war begeisterter Segelflieger. Auch das gab es. Selbst eine kleine Marine fuhr unter dem Emblem mit Anker und Propeller. Die Schiffchen waren nach der Auflösung der DDR bei Sportbootführern heiß begehrt.  Neben dem Robben, dem Exerzieren und dem gemeinsamen Schauen des Filmes „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ beschränkte sich unsere paramilitärische Tätigkeit allerdings darauf, zweimal im Jahr ins so genannte „Wehrlager“ zu fahren. An eins erinnere ich mich noch. Prerow – direkt am Ostseestrand. Die Zugfahrt überbrückten wir mit dem Genuss geistiger Getränke aus Nordhausen, Wilthen oder Zahna. Nur so viel noch dazu: Pfeffi meinte damals keinen Pfefferminzbonbon und Berliner Luft gab es auch aus Flaschen.  Das alles führte dazu, dass Einige das Ziel schon ziemlich aus den Augen verloren hatten, als sich unser „Truppentransport“ der Küste näherte. Dort entpuppte sich selbst unser Staatsbürgerkundelehrer auch nur als Mensch, obwohl er jetzt mit doch schlecht verhohlener Genugtuung Uniform trug und stolz den Reserveoffizier herauskehrte. Aber er verlegte den Politunterricht kurzerhand an den Strand und ließ uns dort von der Leine mit der Maßgabe, es nicht zu übertreiben. Wir schwärmten aus und gönnten uns erstmal zwei Bier aus dem Strandkonsum.

knarre

Tagesschau vom 14. Januar 2017. Bild aus einem Bericht über die Ankunft amerikanischer Truppen im polnischen Sagan. Quelle: Screenshot ARD

Warum schreibe ich das alles? Nun, weil ich mich diese Woche wieder beim Konsum eines Medienproduktes aus Hamburg erschrocken habe. So wie obiger Sachverhalt eine völlig falsche Assoziation auslöst, tat es ein Beitrag der Tagesschau, nur diesmal eben andersrum. In dem Beitrag wurde mit freundlich-begeistertem Tenor gezeigt, wie amerikanische Soldaten in Polen begrüßt werden. Dabei zu sehen war eine Sequenz, in der Kinder das Sturmgewehr einer Soldatin spielerisch für ein Foto mal in Anschlag bringen durften. Szenen, die im waffentechnisch überregulierten Deutschland wirken, als würde im OP plötzlich einer rauchen. Sportschützen, Jäger und Waffensammler kennen den alten Spruch: Einmal im Jahr schießt jeder Besenstiel. Entsprechend gehört eine Waffe, auch ungeladen, nicht in Kinderhände und es wird damit schon gar nicht in der Gegend herumgezielt. Das ist das eine. Das andere aber die Erinnerung an oben beschriebene DDR-Jugendzeit. Es stimmt schon, die GST diente der vormilitärischen Ausbildung der Jugend und knüpfte damit an Traditionen des Reichsarbeitsdienstes und der Hitlerjugend an. Auf das Kommando „Tiefflieger von links!“ hechteten wir nach links in den Straßengraben. Wir schmierten uns die Gesichter mit Zeitungsasche schwarz, um uns zu tarnen, und nach dem Ruf „Gaaaaas!“ zogen die ersten beiden Züge ihre Gasmasken auf, während der Rest sich im Akkord Mullbinden um das Gesicht wickelte, weil es nicht für alle Gasmasken gab. Die Szenen, die sich danach in märkischer Heide und mecklenburgischem Kiefernwald abspielten, kann sich jeder ausmalen. Wer dabei war, dem brauche ich nichts zu erzählen. Was allerdings über allem Stand: Mit Waffen wurde nicht herumgespielt. Einige altersschwache Luftgewehre waren das Äußerste, was wir an Schießeisen in die Hände bekamen, wenn wir nachts zur Wache des Lagers eingeteilt wurden. Ab und an, gab es mal einen Wettbewerb, bei dem mit einem Kleinkaliber-Karabiner auf Klappscheiben wie beim Biathlon geschossen wurde. Penibel wurde über jede Patrone Buch geführt und mehrfach scharf belehrt, wie die Knarre zu halten ist und was man auf keinen Fall darf. Es sei schon genug „passiert“ hieß es. Selbst unsere Erzieher wurden in ihrer sonst unverhohlenen vorgetragenen Militärseligkeit ganz ernst, wenn es um richtige „Mumpeln“ ging. Wir wurden dort nicht „scharf“ gemacht. Außerdem wollte niemand ernsthaft auf die Westverwandtschaft schießen. Wie das heute wäre…? Aber lassen wir das.

Aber das war mit Abstand das Wichtigste: Jedes zweite Wort lautete Frieden. Und das war ernst gemeint. Und die Russen waren unsere „Freunde“. In aller Ambivalenz, die das Wort mit sich brachte. Die Alten mögen insgeheim nicht so ganz von ihrer Jugend losgekommen sein. Egal wie zackig sie für Frieden und Sozialismus auftraten. Dafür glänzten die Augen zu sehr, wenn sie von der Lehre bei Junkers in Dessau oder der Souvenirsuche in abgeschossenen amerikanischen Bombern in den umliegenden Wäldern erzählten. Aber in einem waren sie sich einig und völlig sicher: Gegen den Russen – nie wieder. Die hatten uns nichts getan und wir den Krieg folgerichtig zu recht verloren. Und das gaben sie an uns weiter. Was nicht das Schlechteste war.

Und jetzt? Es sind polnische Kinder, die da in der Tagesschau gezeigt wurden. Die Polen haben ein anderes Verhältnis zu ihrem östlichen Nachbarn. Alles erklärbar und historisch belegt. Aber gegen wen richten sich die gezeigten Gewehre? In letzter Konsequenz gegen Russen. Und ein deutsches Medium bringt derartige Bilder ohne Einordnung, ohne den Hauch einer Kritik, nicht einmal einem Ausdruck des Befremdens. Und das bei „unserer Geschichte“ wie es immer heißt. Nach allem, was wir „Gorbi, Gorbi“ versprochen haben. Dass all das nicht passiert, verstört einen inzwischen doch schon etwas älteren, pazifistischen Paramilitär mit Motorrad- und Sportbootführerschein fast noch mehr als diese Bilder.